Erzähltes Leben

Der Astronom im Universum der Geschmäcker

Ein Haus und zwei Küchen, mehr braucht Harold McGee nicht für seine aben­teu­er­li­chen For­schungs­rei­sen in die Tie­fen der Koch­kunst. Seine Bücher wur­den in viele Spra­chen über­setzt und die­nen nicht nur dem bri­ti­schen Avantgarde-Koch Hes­ton Blu­men­thal als Inspi­ra­tion. Effi­lee traf den Kali­for­nier an sei­ner emp­find­sams­ten Stelle: dem Herd

Inter­view: Ursula Hein­zel­mann FotoS: JEFF SINGER

HaroldMcGee 20120106 030 Der Astronom im Universum  der Geschmäcker

Mister McGee, was ant­wor­ten Sie, wenn Sie nach Ihrem Beruf gefragt wer­den?
Ich bin Autor und ich schreibe über die natur­wis­sen­schaft­li­che Seite des Kochens.
Essen und Wis­sen­schaft – der Ansatz kommt nicht unbe­dingt bei allen gut an.
Ich würde auch nicht sagen dass Essen an sich eine Wis­sen­schaft ist, aber Kochen ist ein che­mi­scher Pro­zess, und je mehr man die wis­sen­schaft­li­chen Zusam­men­hänge dahin­ter ver­steht, desto bes­ser kann man die­sen Pro­zess kon­trol­lie­ren und krea­tiv sein. Das Ziel der Wis­sen­schaft ist, zu ver­ste­hen, wäh­rend das beim Kochen nicht der Fall ist. Die Wis­sen­schaft trägt nur dazu bei. Man braucht aber gar keine natur­wis­sen­schaft­li­chen Kennt­nisse, um gut zu kochen.
Wie sieht Ihre eigene Küche aus?
Ich habe zwei, ich lebe in einem Zwei­fa­mi­li­en­haus. Unten ist mein Büro, mit einer Küche, in der es einen Sous-Vide-Garer, ein Ein­hän­ge­ther­mo­stat, einen Siphon, einen Hau­fen Skal­pelle und jede Menge unge­wöhn­li­che Zuta­ten gibt. Von der Größe her ist es aber eine ganz gewöhn­li­che Haus­halts­kü­che. Oben, wo ich lebe, habe ich eine nor­male Küche, mit einer Waage …

Tren­ner

Zu wel­cher tech­ni­schen Anschaf­fung wür­den Sie in einer Haus­halts­kü­che ­unbe­dingt raten?
Ein Ther­mo­me­ter, oder sogar zwei. Ein­mal ein Infrarot-Thermometer, das Ober­flä­chen­tem­pe­ra­tu­ren misst, ohne dass man sie berüh­ren muss.
Kön­nen Sie uns ein Bei­spiel geben, wann Sie es beim Kochen ein­set­zen?
Brat­pfan­nen! Es ist sicher nicht die ein­zige Methode, aber es ist soviel prä­zi­ser, als die Hitze zu erfüh­len oder ein paar Was­ser­trop­fen auf die Pfanne zu sprit­zen. Es ist schließ­lich bes­ser, Öl erst in die erhitzte Pfanne zu geben, aber wie erkennt man, wie heiß eine leere Pfanne ist? Mit dem Ther­mo­me­ter weiß man, woran man ist, und kann die Pfanne gege­be­nen­falls noch­mal etwas bei­sei­te­zie­hen, damit das Öl nicht gleich in Rauch auf­geht. Es ist außer­dem sehr nütz­lich, um die Wär­me­land­schaft der eige­nen Küche bes­ser ken­nen­zu­ler­nen. Wenn man eine Pfanne auf den Herd stellt, kann man so erfor­schen, wie extrem die Temperatur­unterschiede darin sind. Bei man­chen Mate­ria­lien, beson­dern Guss­ei­sen, gibt es einen hei­ßen Ring direkt über der Gas­flamme, wäh­rend der Rest bei­nahe nur Raum­tem­pe­ra­tur hat.
Und das andere Ther­mo­me­ter?
Berüh­rungs­lose Ther­mo­me­ter mes­sen nur die Ober­flä­chen­tem­pe­ra­tur, nicht die im Inne­ren, etwa von Fleisch. Wenn man kein Profi ist und nicht alle mög­li­chen Arten von Fleisch schon x-mal ­gebra­ten hat und des­halb weiß, wie sie sich in wel­chem Zustand anfüh­len, dann ist es schon wirk­lich hilf­reich, die Tem­pe­ra­tur im Inne­ren mes­sen zu kön­nen. Es gibt inzwi­schen Digi­talther­mo­me­ter mit extrem dün­nen Nadeln, sodass nur win­zige Löcher ent­ste­hen. Ich finde sie extrem hilf­reich.
Ist es denn sinn­voll, wie immer wie­der gesagt wird, für ein saf­ti­ges Steak das Fleisch vor­her auf Raum­tem­pe­ra­tur zu brin­gen?
Wenn man sich mit der Wis­sen­schaft beim Kochen beschäf­tigt, ent­steht manch­mal der Ein­druck, es gebe da unfehl­bare Ant­wor­ten und die eine per­fekte Art, etwas zu machen. Mei­ner Ansicht nach füh­ren immer meh­rere Wege zum Ziel und es kommt auf die eige­nen Vor­lie­ben und die Rah­men­be­din­gun­gen an. Wenn das Fleisch kalt ist, dann bleibt es län­ger auf dem Grill und hat mehr Zeit, eine schöne Kruste zu bil­den, aber der graue, überg­arte Rand direkt dar­un­ter wird auch immer stär­ker. Man kann dem ent­ge­gen­wir­ken, indem man das Fleisch vor­her warm und den Grill wirk­lich super­heiß wer­den lässt.

Tren­ner

Wie ist es mit Ruhen­las­sen nach dem Bra­ten – hat das Sinn vom wis­sen­schaft­li­chen Stand­punkt aus?
Ja, Hitze bringt die Eiweiß­stoffe zum Gerin­nen und dabei zie­hen sie sich zusam­men und drü­cken das Was­ser hin­aus – wie ein Schwamm, den man aus­wringt. Wenn man das Fleisch dann sofort anschnei­det, dann ist der Saft noch dabei, her­aus­ge­drückt zu wer­den und lan­det auf dem Tel­ler. Wenn da ein Stück Brot liegt, um ihn auf­zu­fan­gen, kann das super schme­cken, aber das rest­li­che Fleisch wird ziem­lich tro­cken sein. Wenn man das Fleisch jedoch nach dem Bra­ten ruhen lässt, dann ent­span­nen sich die Fasern zu einem gewis­sen Grad und der Saft ver­teilt sich teil­weise wie­der darin. Außer­dem wird der Fleisch­saft dick­flüs­si­ger, je mehr er abkühlt, das ist auch von Vorteil.

HaroldMcGee 20120106 037 278x340 Der Astronom im Universum  der Geschmäcker

»Ein wirk­lich neues Gericht ist eine eigene Schöp­fung.« McGee in sei­ner Küche

Ich habe als Kind gelernt, dass man
ein wirk­lich fri­sches Ei daran erkennt, dass es sich schlecht schä­len lässt. Stimmt das?
Ja, das ist rich­tig. Und weil es in den USA heut­zu­tage gesetz­lich vor­ge­schrie­ben ist, Eier im Kühl­schrank zu lagern, ver­än­dern sie sich viel lang­sa­mer und las­sen sich über Wochen hin­weg schlecht schä­len. Wenn man sie einige Tage bei Raum­tem­pe­ra­tur ste­hen lässt, ist das viel ein­fa­cher.
Was pas­siert?
Das wis­sen wir nicht. Des­halb inter­es­siert es mich. Wir ken­nen nur eine Kor­re­la­tion: In den paar Tagen, die es braucht, dass das Ei sich bes­ser schä­len lässt, steigt der pH-Wert des Eiwei­ßes. Aber das ist alles. Wir haben keine Ahnung, was die Ver­än­de­rung im pH-Wert bedeu­tet, ob es fürs Eier­schä­len über­haupt von Bedeu­tung ist, viel­leicht geschieht gleich­zei­tig etwas ganz ande­res, das damit nichts zu tun hat.
Wir flie­gen auf den Mond und haben keine Ahnung von Eiern?
Oder wie Nicho­las Kurti gesagt hat, wir mes­sen die Tem­pe­ra­tur in der Atmo­sphäre des Pla­ne­ten Venus, wis­sen aber nicht, was in unse­ren Souf­flés abläuft.
Hat einer Ihrer zahl­rei­chen Arti­kel schon mal für eine rich­tige Kon­tro­verse gesorgt?
Die Kolumne, die ich übers Nudel­kochen in wenig kal­tem Was­ser geschrie­ben habe, hat für mehr Leser­post gesorgt als alles ande­res, was ich je geschrie­ben habe. Man­che sag­ten, das machen wir schon immer so, die Nudeln in kal­tem Was­ser auf­set­zen. Andere berich­te­ten von Gegen­den in Ita­lien, wo Nudeln wie Risotto gekocht wer­den, indem das Was­ser nach und nach zuge­ge­ben wird. Und viele schrie­ben, las­sen Sie uns doch ein­fach in Ruhe. Nudeln kocht man ein­fach in viel hei­ßem Was­ser, und alle ita­lie­ni­schen Koch­bü­cher sagen, dass sie sonst kle­ben, was bil­den Sie sich also ein, etwas ande­res zu behaup­ten?
Diese harte Tren­nung, die beim Kochen zwi­schen Moder­nis­ten und Tra­di­tio­na­lis­ten gemacht wird, ist merk­wür­dig, als sei Tra­di­tion etwas Unbe­rühr­ba­res, statt sich stän­dig zu ent­wi­ckeln.
Mir gefällt Hes­ton Blu­ment­hals Kom­men­tar dazu, der sagt, bei Autos spricht nie­mand über tra­di­tio­nelle und moderne Modelle, die ent­wi­ckeln sich ein­fach jedes Jahr wei­ter. Kochen ent­wi­ckelt sich aber natür­lich heute viel schnel­ler als frü­her. Gruyère-Käse ist nicht vom Him­mel gefal­len, das war ein lan­ger, kom­ple­xer Anpas­sungs­pro­zess der Nahrungsmittel­produktion an einen bestimm­ten Ort. Für uns ist das heute quasi unsicht­bar, wir haben die­ses wun­der­volle Pro­dukt und betrach­ten alles, was dazu geführt hat, als Tra­di­tion, etwas Mono­li­thi­sches, weil wir uns nicht vor­stel­len kön­nen, dass die Men­schen damals etwas Ähnli­ches durch­ge­macht haben wie wir heute.

Tren­ner

Was hal­ten Sie von Leu­ten, die sich für die Bewah­rung der Tra­di­tion enga­gie­ren, wie Slow Food, Michael Pol­lan, Alice Waters?
Es ist gut, dass es sie und die von ihnen ver­tre­te­nen Stand­punkte gibt. Ich bin einer­seits im Bei­rat der Slow Food Foun­da­tion, und ande­rer­seits schätze ich sehr, was zum Bei­spiel mein Kol­lege Nathan Myhrvold macht. Essen ist so viel­sei­tig, und kein Blick­win­kel schließt den ande­ren aus. Kochen, essen und genie­ßen kann man auf unter­schied­lichste Arten und Wei­sen. Jeder von uns trifft seine ganz per­sön­li­chen Ent­schei­dun­gen, wel­che Restau­rants er besucht, wie und was er zu Hause kocht, wor­über wir schrei­ben und den­ken. All­ge­mei­ner gesagt, einer der Gründe, dass wir heute tra­di­tio­nelle Lebens­mit­tel wie den Gruyère haben, liegt darin, dass die Men­schen damals in getrenn­ten Grup­pen leb­ten, die eigen­stän­dige Pro­dukte her­vor­brach­ten.
Sie rea­gier­ten auf die jewei­li­gen Bedin­gun­gen …
… und ihnen stand nur das zur Ver­fü­gung, was es vor Ort gerade gab. Heute lie­gen die Dinge ganz anders. Wäh­rend sich in der Ver­gan­gen­heit Lebens­mit­tel, Gerichte und Gepflo­gen­hei­ten iso­liert ent­wi­ckel­ten, haben Pro­fi­kö­che heute die Wahl zwi­schen allen mög­li­chen Arten von Ingre­di­en­zen und Tech­nik. Man ist nicht mehr gezwun­gen, eng­lisch zu kochen, nur weil man in Eng­land ist. Jetzt geht es eher darum, wel­che Wahl man ange­sichts die­ses Ange­bots als Indi­vi­duum trifft.
Ist der Trend zum Regio­na­len nicht die Gegen­re­ak­tion dar­auf? Den Loca­vo­res, jener Bewe­gung, die nur Sachen isst, die mög­lichst nah an ihrem Wohn­ort pro­du­ziert wur­den, geht es nicht nur um Nach­hal­tig­keit, son­dern um Iden­ti­tät.
Das wird immer auf­fäl­li­ger, und René Red­zepi treibt das bis zum Äußers­ten. Es ist die Ent­schei­dung, sich auf einen bestimm­ten Raum zu beschrän­ken, wäh­rend frü­her der Raum uns bestimmt hat. Ich finde das ziem­lich auf­re­gend, weil es bedeu­tet, dass man heute frei bestim­men und in Kennt­nis des Vor­han­de­nen auf seine Umge­bung rea­gie­ren kann, etwas dar­aus ent­wi­ckeln. Nicht Gruyère, nicht Par­me­san, son­dern einen Aus­druck des eige­nen Raums.
Was ärgert Sie am meis­ten an her­kömm­li­chen Koch­re­zep­ten?
Das Fleisch anbra­ten, damit sich die Poren ver­schlie­ßen und der Saft nicht aus­tritt. Einen Schmor­bra­ten bei nied­ri­ger Tem­pe­ra­tur zube­rei­ten, und dann sind 160 °C ange­ge­ben, wobei er garan­tiert tro­cken wird. Sol­che Dinge …
Sie haben ursprüng­lich Astro­no­mie stu­diert, und haben dann zu eng­li­scher Lite­ra­tur gewech­selt. Wäre Ihnen heute mehr daran gele­gen, einen neuen Stern zu ent­de­cken oder lie­ber ein neues ­Gericht?
Ein neues Gericht, wir haben schon ziem­lich viele Sterne da oben. Die­ser Teil unse­rer Erfah­rung, unser Ver­ste­hen des Kos­mos, ist abso­lut erstaun­lich, aber das trifft auch aufs Essen zu. Ich bin sehr glück­lich, von der Astro­no­mie zum Essen gefun­den zu haben. Bei einem Stern hat man nur genauer hin­ge­schaut, wäh­rend­des­sen ein wirk­lich neues Gericht eine echte Erfin­dung ist, und somit eine eigene Schöp­fung.
Lesens­wert:
Harold McGee, ›On Food and Coo­king‹, erschie­nen 2004, sowie ›Keys to Good Coo­king‹, 2010. (Beide bis­her lei­der noch nicht in deut­scher Sprache)


Mein Schwarm und ich

Imker sind jetzt auch cool. Stadtimker zumindest. Wer ­seine Bienenstöcke auf Mietshäusern, Balkonen oder ­öffentlichen Gebäuden platziert, liegt voll im Trend. Und verkaufen lässt sich der Inner-City-Honig allemal. Deutschland summt. Aber warum eigentlich?

Das Fischwasser des Herrn Vinh

Ohne Nuoc Mam gäbe es keine vietnamesische Küche. Die Herstellung der Fischsauce ist nichts für Feiglinge

Effilee Heft 21, jetzt vorbestellen

Jetzt vorbestellen und am 04.05. sich auf den Briefträger freuen.

Wie wird man eigentlich Koch (Teil 1)?

Maike Steenblock ist der Frage nachgegangen, wie man eigentlich Koch wird.

Treffen sich zwei Weine

Dieses Mal: Billig und teuer

Clos de la Roilette Cuvée Tardive 2007

Domaine Coudert - Clos de la Roilette Cuvée Tardive 2007 - Fleurie, Beaujolais, Frankreich

Was haben Sie gestern gegessen

Kea Aden ist 89 und lebt in einem Seniorenheim bei Hamburg. Ihr Mittagessen kommt aus der Küche des Heims, morgens und abends versorgt sie sich selbst

Emmentaler

Ursula Heinzelmann hat Schweizer Emmentaler gekostet und sich mit seinem schlechten Ruf auseinander gesetzt

Anzeige

  • Jetzt im Handel

  • Kleinanzeigen

  • Schneller Teller

  • Neueste Kommentare


  • RSS Feeds