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Vandana Shiva: Saat des Zweifels

Vandana Shiva: Michael Spec­ters Por­trät der Akti­vis­tin auf dem umstrit­te­nen Kreuz­zug gegen gen­mo­di­fi­zierte Nutzpflanzen

Vandana Shiva

Vandana Shiva

Text: Michael Spec­ter, The New Yorker

Anfang die­ses Früh­jahrs lei­tete die indi­sche Umwelt­ak­ti­vis­tin Vandana Shiva eine unge­wöhn­li­che Pil­ger­reise durch Süd­eu­ropa. Sie begann in Grie­chen­land mit dem inter­na­tio­na­len Pan-Hellenischen Fes­ti­val zum Aus­tausch loka­ler Saat­gut­va­ri­an­ten, wo die Seg­nun­gen der tra­di­tio­nel­len Land­wirt­schaft gefei­ert wur­den. Shiva und ihr Anhang über­quer­ten anschlie­ßend die Adria und reis­ten mit dem Bus den ita­lie­ni­schen Stie­fel hin­auf nach Flo­renz, wo sie beim Seed, Food and Earth Demo­cracy Fes­ti­val sprach. Nach einem kur­zen Pla­nungs­mee­ting in Genua zog die Kara­wane wei­ter nach Süd­frank­reich bis nach Le Mas d’Azil, recht­zei­tig, um die Inter­na­tio­na­len Tage des Saat­guts zu fei­ern.
Shi­vas lei­den­schaft­li­cher Ein­satz gegen Glo­ba­li­sie­rung und die Ver­wen­dung gene­tisch modi­fi­zier­ter Nutz­pflan­zen haben sie über­all zur Hel­din unter Anti-GMO-­Aktivisten gemacht. Der Zweck ihrer Reise durch Europa war, so hatte sie mir einige Wochen vor­her erklärt, Auf­merk­sam­keit zu schaf­fen für »die Stim­men derer, die wol­len, dass ihre Land­wirt­schaft frei bleibt von Gift und gen­mo­di­fi­zier­ten Orga­nis­men.« An jeder Sta­tion ver­mit­telte sie eine Bot­schaft, die sie in mitt­ler­weile drei Jahr­zehn­ten fein­ge­schlif­fen hat: Indem sie Saat­gut ver­än­dern, paten­tie­ren und in teure Pakete geis­ti­gen Eigen­tums ver­wan­deln, ver­su­chen mul­ti­na­tio­nale Unter­neh­men wie Mons­anto mit beträcht­li­cher Unter­stüt­zung durch die Welt­bank, die Welt­han­dels­or­ga­ni­sa­tion, die Regie­rung der Ver­ei­nig­ten Staa­ten und selbst gemein­nüt­zi­ger Orga­ni­sa­tio­nen wie der Bill und Melinda Gates Stif­tung, eine Nah­rungs­mit­tel­dik­ta­tur in der Welt zu errich­ten. Ihren Kampf gegen Bio­tech­no­lo­gie in der Land­wirt­schaft beschreibt sie als einen welt­wei­ten Krieg, in dem einige wenige gigan­ti­sche Saat­gut­un­ter­neh­men den Mil­li­ar­den von Bau­ern gegen­über­ste­hen, deren Über­le­ben von dem abhängt, was sie selbst anbauen. Shiva betont, dass nicht weni­ger als die Zukunft der Mensch­heit vom Aus­gang abhängt.

Sie rui­nie­ren die­sen Pla­ne­ten, sagte sie mir, Sie zer­stö­ren diese schöne Welt

»Es gibt zwei Trends«, erzählte sie der Menge, die sich zur Saat­gut­messe auf der Piazza della San­tis­sima Annun­ziata in Flo­renz ver­sam­melt hatte, »Zum einen: einen Trend zu Viel­falt, Demo­kra­tie, Fröh­lich­keit, Kul­tur, zu Men­schen, die ihr Leben fei­ern.« Sie machte eine Pause und der Platz war still. »Und der andere: Mono­kul­tur, Leb­lo­sig­keit. Alle depri­miert, alle auf Pro­zac. Mehr und mehr junge Men­schen ohne Arbeit. Diese Welt des Todes wol­len wir nicht!« Das Publi­kum, eine Mischung aus Leu­ten, die zur Ver­an­stal­tung gekom­men waren und Tou­ris­ten auf dem Weg zum Duomo, war gebannt. Shiva, in einem bur­gun­der­ro­ten Sari und einem rost­brau­nen Hals­tuch sah hin­rei­ßend aus. »Es gäbe kei­nen Hun­ger in der Welt, wenn das Saat­gut in der Hand der Bau­ern und Gärt­ner wäre und das Land in der Hand der Bau­ern«, sagte sie. »Das wol­len sie uns weg­neh­men.«
Shiva und ihre wach­sende Schar von Unter­stüt­zern ste­hen auf dem Stand­punkt, dass das herr­schende Modell indus­tri­el­ler Land­wirt­schaft, abhän­gig von che­mi­schen Dün­gern, Pes­ti­zi­den, fos­si­len Treib­stof­fen und einem schein­bar end­lo­sen Vor­rat an bil­li­gem Was­ser, die natür­li­chen Res­sour­cen in nicht zu akzep­tie­ren­der Weise bean­sprucht. Sie setzt sich, wie es die meis­ten gebil­de­ten Land­wirte tun, für mehr Viel­falt bei den Nutz­pflan­zen ein, für scho­nen­de­ren Umgang mit dem Boden und mehr Unter­stüt­zung für die Men­schen, die das Land Tag für Tag bear­bei­ten. Beson­ders wenig hat sie für die Bau­ern übrig, die Mono­kul­tu­ren anpflan­zen, rie­sige Fel­der mit einer ein­zi­gen Nutz­pflanze. »Sie rui­nie­ren die­sen Pla­ne­ten«, sagte sie mir, »sie zer­stö­ren diese schöne Welt.«
Die glo­bale Ver­sor­gung mit Nah­rungs­mit­teln ist in der Tat in Gefahr. Die wach­sende Bevöl­ke­rung zu ernäh­ren ohne die Erde wei­ter zu zer­stö­ren, ist eine der größ­ten Her­aus­for­de­run­gen unse­rer Zeit, viel­leicht aller Zei­ten. Am Ende die­ses Jahr­hun­derts könnte die Erde von gut zehn Mil­li­ar­den Men­schen bewohnt sein, das ist unge­fähr so als käme zwei­mal Indien dazu. Um so viele Men­schen zu ernäh­ren, müs­sen die Bau­ern in den nächs­ten fünf­und­sieb­zig Jah­ren mehr Nah­rung pro­du­zie­ren als in der gesam­ten Geschichte der Mensch­heit zuvor. In den letz­ten zehn­tau­send Jah­ren bedeu­tete mehr Men­schen zu ernäh­ren ein­fach, mehr Land zu bear­bei­ten. Diese Option besteht nicht mehr, nahezu jeder ver­füg­bare Fle­cken Erde ist schon kul­ti­viert und sieb­zig Pro­zent des Süß­was­ser­ver­brauchs ent­fällt auf die Bewäs­se­rung der Land­wirt­schaft.
Die gestie­ge­nen Anfor­de­run­gen an die Ernäh­rung der schnell wach­sen­den Mit­tel­schicht in den Ent­wick­lungs­län­dern – mehr Eiweiß aus Schweine– und Rind­fleisch, Hüh­nern und Eiern – wer­den den Druck noch erhö­hen, ebenso wie der Kli­ma­wan­del, beson­ders in Län­dern wie Indien und ande­ren, in denen die Bau­ern auf Mon­sun­re­gen­fälle ange­wie­sen sind. Viele Wis­sen­schaft­ler sind über­zeugt, dass wir nicht erwar­ten kön­nen, diese Nach­frage ohne Hilfe fort­schritt­li­cher Mit­tel der Pflan­zen­ge­ne­tik zu befrie­di­gen. Shiva ist ande­rer Mei­nung, ihr ist jeder Samen, der aus einem Labor kommt, ein Gräuel.
Ihr Kampf war nicht leicht. Wenige Tech­no­lo­gien, nicht das Auto, nicht das Tele­fon, nicht ein­mal der Com­pu­ter haben sich so schnell und so umfas­send durch­ge­setzt wie die Pro­dukte der land­wirt­schaft­li­chen Bio­tech­no­lo­gie. Zwi­schen 1996, als die ers­ten gen­tech­nisch ver­än­der­ten Saa­ten aus­ge­bracht wur­den, und dem letz­ten Jahr hat sich die Flä­che, auf der sie ste­hen ver­hun­dert­facht – von 1,7 Mil­lio­nen Hektar auf ein­hun­dert­sieb­zig Mil­lio­nen. Fast die Hälfte der welt­weit geern­te­ten Soja­boh­nen und ein Drit­tel des Mais sind Pro­dukte der Bio­tech­no­lo­gie. Baum­wolle, die gen­tech­nisch ver­än­dert wurde, um die ver­hee­rende Baum­woll­kap­sel­raupe abzu­weh­ren, beherrscht den Markt in Indien und fast über­all, wo sie sonst ein­ge­führt wurde.
Diese Zah­len beein­dru­cken Shiva nicht. Mit ein­und­sech­zig Jah­ren ist sie stän­dig unter­wegs, in die­sem Jahr ist sie nicht nur durch Europa gereist, son­dern auch durch das süd­li­che Asien, Afrika, Kanada und zwei­mal in die Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Im ver­gan­ge­nen Vier­tel­jahr­hun­dert hat sie fast jedes Jahr ein Buch ver­öf­fent­licht, dar­un­ter The Vio­lence of the Green Revo­lu­tion, Mono­cul­tures of the Mind, Sto­len Har­vest und Water Wars. In jedem davon ver­tritt sie die These, dass die moderne Land­wirt­schaft wenig erreicht hat, außer die Erde aus­zu­plün­dern.
Shiva genießt nir­gends so viel Aner­ken­nung wie im Wes­ten, wo sie, wie Bill Moy­ers kürz­lich fest­stellte, »ein Rock­star im welt­wei­ten Kampf gegen gene­tisch ver­än­der­tes Saat­gut« wurde. Man nennt sie Gan­dhi des Getrei­des und ver­gleicht sie mit Mut­ter Teresa. Würde sie alle Preise, Wür­den und Aus­zeich­nun­gen per­sön­lich anneh­men, die ihr ange­tra­gen wur­den, hätte sie kaum Zeit für ande­res. 1993 erhielt sie den Right Live­lihood Award, bes­ser bekannt als Alter­na­ti­ver Nobel­preis, für ihren Ein­satz für Öko­lo­gie und Frau­en­rechte. Time, der Guar­dian, For­bes und Asia Week füh­ren sie auf Lis­ten der wich­tigs­ten Akti­vis­ten der Welt. Shiva, die einen Dok­tor­ti­tel in Phi­lo­so­phie der Uni­ver­si­tät von Wes­tern Onta­rio trägt, wurde mit Ehren­dok­tor­wür­den von Uni­ver­si­tä­ten in Paris, Oslo, Toronto und ande­ren aus­ge­zeich­net. 2010 wurde ihr der Syd­ney Peace Price ver­lie­hen für ihren Ein­satz für soziale Gerech­tig­keit und ihren uner­müd­li­chen Ein­satz für die Armen. Anfang die­ses Jah­res ehrte das Beloit Col­lege in Wis­con­sin Shiva mit der Beru­fung auf den Weiss­berg Chair in Inter­na­tio­nal Stu­dies und nannte sie in die­sem Zusam­men­hang »eine Ein-Frau-Bewegung für Frie­den, Nach­hal­tig­keit und soziale Gerech­tig­keit«.
»Der Gedanke, man könne geis­ti­ges Eigen­tum an Saat­gut besit­zen, ist für mich ein erbärm­li­cher und böser Ver­such, eine Saat­gut­dik­ta­tur zu errich­ten«, sagte Shiva vor ihren Zuhö­rern in Flo­renz. »Wir set­zen uns dafür ein, dass diese Dik­ta­tur nie gedeiht.« Wäh­rend sie sprach, stand ich unter den Frei­wil­li­gen, die Samen für alte Gemü­se­sor­ten ver­kauf­ten und Infor­ma­tio­nen über öko­lo­gi­sche Land­wirt­schaft ver­teil­ten. Die meis­ten waren ita­lie­ni­sche Stu­den­ten, die für den Tag aus Bolo­gna oder Rom gekom­men waren und die wenigs­ten konn­ten ihre Augen von ihr las­sen. Ich fragte eine zwan­zig Jahre alte Stu­den­tin namens Vik­to­ria, ob sie Shi­vas Arbeit kannte. »Seit Jah­ren«, sagte sie. Dann fügte sie hinzu, in Aner­ken­nung von Shi­vas unbe­streit­ba­rem Cha­risma: »Ich war gerade in einem Raum mit ihr. Ich folge ihr seit Jah­ren, aber du bist auf ihre kör­per­li­che Prä­senz nicht vor­be­rei­tet.« Sie zögerte und warf einen Blick auf die Bühne, auf der Shiva sprach. »Ist sie nicht ein­fach magisch?«

Sech­zig Mil­lio­nen Men­schen sind in Indien in den letz­ten vier Jahr­hun­der­ten verhungert

Mindes­tens sech­zig Mil­lio­nen Men­schen sind in Indien in den letz­ten vier Jahr­hun­der­ten ver­hun­gert. Allein 1943, im letz­ten Jahr der Regent­schaft des bri­ti­schen Raj, star­ben mehr als zwei Mil­lio­nen Men­schen wäh­rend der ben­ga­li­schen Hun­gers­not. »Als wir frei von der Kolonial­herrschaft waren, war das Land leer­ge­saugt«, erzählte mir Suman Sahai kürz­lich. ­Sahai, ein Gen­for­scher und pro­mi­nen­ter Umwelt­ak­ti­vist ist der Grün­der der Gene Cam­paign mit Sitz in Delhi, die sich für die Rechte der Bau­ern ein­setzt. »Die Bri­ten haben das land­wirt­schaft­li­che Sys­tem zer­stört und nicht inves­tiert. Sie brauch­ten Lebens­mit­tel für ihre Armee und um sie ins Aus­land zu ver­kau­fen. Sonst hat sie nichts inter­es­siert.« Mit der Unab­hän­gig­keit kam 1947 Eupho­rie aber auch Ver­zweif­lung. Ton­nen­weise wurde jedes Jahr Getreide aus den USA impor­tiert, ohne das Hun­gers­nöte unaus­weich­lich gewe­sen wären.
Damit Unab­hän­gig­keit mehr als nur ein Wort wäre, musste Indien sich auch selbst ver­sor­gen kön­nen. Die Grüne Revo­lu­tion – eine Reihe von land­wirt­schaft­li­chen Inno­va­tio­nen, die zu ver­bes­ser­ten Wei­zen­sor­ten führ­ten, machte das mög­lich. 1966 impor­tierte Indien elf Mil­lio­nen Ton­nen Getreide. Heute pro­du­ziert es mehr als zwei­hun­dert Mil­lio­nen Ton­nen, viel davon für den Export. Von 1950 bis zum Ende des 20. Jahr­hun­derts stieg die Getrei­de­pro­duk­tion auf der Welt von sie­ben­hun­dert Mil­lio­nen Ton­nen auf 1,9 Mil­li­ar­den, alles auf nahezu der­sel­ben Anbau­flä­che.
»Ohne den Stick­stoff­dün­ger, mit dem die Ern­ten wuch­sen, von denen unsere nächs­ten Vor­fah­ren sich ernährt haben, wären viele von uns heute ver­mut­lich nicht da«, erzählte mir Raoul Adam­chack. »Es wäre ein ande­rer Pla­net, klei­ner, ärmer und viel bäu­er­li­cher.« Adam­chack betreibt eine öko­lo­gi­sche Farm in Nord­ka­li­for­nien und war Prä­si­dent des Ver­ban­des Cali­for­nia Cer­ti­fied Orga­nic Far­mers. Seine Frau, Pamela Ronald, ist Pro­fes­so­rin für Pflan­zen­ge­ne­tik an der Uni­ver­sity of Cali­for­nia in Davis, und das Buch der bei­den, Tomorrow’s Table, war eines der ers­ten, das zeigte, wie fort­ge­schrit­tene Tech­no­lo­gien mit tra­di­tio­nel­lem Anbau zusam­men­wir­ken kön­nen, um bei der Ernäh­rung der Welt­be­völ­ke­rung zu hel­fen.
Es gibt noch eine andere Sicht der Grü­nen Revo­lu­tion. Shiva glaubt, dass sie die tra­di­tio­nelle Lebens­weise der Inder zer­stört hat. »Bis in die Sech­zi­ger­jahre ver­folgte Indien erfolg­reich eine land­wirt­schaft­li­che Ent­wick­lungs­po­li­tik, die auf der Stär­kung der öko­lo­gi­schen Grund­la­gen der Land­wirt­schaft und der Aut­ar­kie der Bau­ern basierte«, schreibt sie in The Vio­lence of the Green Revo­lu­tion. Sie erzählte mir, dass durch die Ver­schie­bung des Fokus beim Anbau von der Viel­falt zu Ertrag die Grüne Revo­lu­tion tat­säch­lich für das Ster­ben der indi­schen Bau­ern ver­ant­wort­lich war. Nur wenige stim­men aller­dings die­ser Ana­lyse zu, und mehr als nur eine Stu­die sind zu dem Schluss gekom­men, dass Mil­lio­nen ver­hun­gert wären, wenn Indien bei den tra­di­tio­nel­len Anbau­me­tho­den geblie­ben wäre.
Die Grüne Revo­lu­tion beruhte in hohem Maß auf dem Ein­satz von Dün­ger und Pes­ti­zi­den, aber in den Sech­zi­ger­jah­ren küm­merte man sich wenig um die Aus­wir­kun­gen auf die Umwelt. Abwäs­ser ver­seuch­ten viele Flüsse und Seen, und eini­ges von Indi­ens bes­tem Anbau­land wurde zer­stört. »Am Anfang war die Grüne Revo­lu­tion wun­der­voll«, erzählte mir Sahai. »Aber da wir nicht so viel Was­ser haben, war das Ganze nicht trag­fä­hig, und man hätte damit viel frü­her auf­hö­ren müs­sen, als man es getan hat.«
Um zehn Mil­li­ar­den Men­schen zu ernäh­ren, von denen die meis­ten in den Ent­wick­lungs­län­dern leben wer­den, wer­den wir brau­chen, was der indi­sche Land­wirt­schafts­pio­nier M.S. Swa­mi­na­than eine Immer­grüne Revo­lu­tion genannt hat, eine, die die fort­ge­schrit­tenste Wis­sen­schaft mit einer kla­ren Aus­rich­tung auf die Erhal­tung der Umwelt kom­bi­niert. Bis vor Kur­zem schie­nen das unter­schied­li­che Ziele zu sein. Seit Tau­sen­den von Jah­ren haben Men­schen gene­tisch kom­pa­ti­ble Pflan­zen mit­ein­an­der gekreuzt und dann unter den Nach­kom­men die­je­ni­gen aus­ge­sucht, die ver­meint­lich wün­schens­werte Eigen­schaf­ten hat­ten (kräf­tige Wur­zeln zum Bei­spiel, die weni­ger krank­heits­an­fäl­lig sind). Bau­ern lern­ten, wie man bes­sere Pflan­zen und Sor­ten bekam, aber es war bis zur Mitte des 19. Jahr­hun­derts ein Pro­zess von Ver­such und Irr­tum. Dann kam Gre­gor Men­del und zeigte, dass viele der Eigen­schaf­ten einer Erb­sen­pflanze von einer Gene­ra­tion zur nächs­ten nach vor­her­seh­ba­ren Regeln wei­ter­ge­ge­ben wur­den. Nahezu alle Pflan­zen, die wir anbauen – Mais, Wei­zen, Reis, Rosen, Weih­nachts­bäume – sind durch Zucht gene­tisch ver­än­dert wor­den, damit sie län­ger hal­ten, bes­ser aus­se­hen, süßer schme­cken oder in dür­rer Erde bes­ser gedeihen.

Eine Gen­ka­none zu benut­zen, scheint wie ein Ver­stoß gegen die Grund­re­geln des Lebens

Gen­tech­nik hebt die­sen Pro­zess auf die nächste Stufe. Indem sie Gene von einer Spe­zies auf eine andere über­tra­gen, kön­nen Züch­ter heut­zu­tage die Eigen­schaf­ten noch genauer aus­wäh­len. Bt Cot­ton zum Bei­spiel ent­hält Gene des Bak­te­ri­ums Bacil­lus thu­rin­gi­en­sis, das sich natür­lich im Boden fin­det. Das Bak­te­rium pro­du­ziert ein Toxin, das den Baum­woll­kap­sel­boh­rer angreift, einen Schäd­ling, der jedes Jahr Mil­lio­nen von Hektar befällt. Fünf­und­zwan­zig Pro­zent der Schäd­lings­be­kämp­fungs­mit­tel auf der Welt wur­den in der Regel für Baum­wolle ein­ge­setzt, und viele davon sind krebs­er­re­gend. Indem sie einen Teil der DNS des Bak­te­ri­ums in einen Baum­woll­sa­men ein­füg­ten, haben Wis­sen­schaft­ler es mög­lich gemacht, dass die Samen­kap­sel ihr eige­nes Insek­ten­gift pro­du­ziert. Kurz nach­dem der Schäd­ling die Pflanze anbeißt, stirbt er.
Die Mole­ku­lar­bio­lo­gie hat die Medi­zin, die Land­wirt­schaft und fast alle ande­ren wis­sen­schaft­li­chen Fach­be­rei­che ver­än­dert. Sie hat auch eine erbit­terte Debatte über die Kon­se­quen­zen die­ses Wis­sens aus­ge­löst. Gene­tisch modi­fi­zierte Pro­dukte wur­den häu­fig ange­prie­sen als der beste Weg, die Aus­wir­kun­gen des Kli­ma­wan­dels zu begren­zen, höhere Ern­ten zu ermög­li­chen, mehr Nähr­stoffe in der Nah­rung bereit­zu­stel­len und die Ärms­ten der Welt zu ernäh­ren. Die meis­ten trans­ge­nen Pflan­zen, die heute auf dem Markt sind, wur­den aller­dings auf die Bedürf­nisse der indus­tri­el­len Land­wirt­schaft und ihrer Kun­den im Wes­ten zuge­schnit­ten.
Shiva und andere Geg­ner der land­wirt­schaft­li­chen Bio­tech­no­lo­gie argu­men­tie­ren, dass die höhe­ren Kos­ten paten­tier­ten Saat­guts, das von Rie­sen­un­ter­neh­men her­ge­stellt wird, arme Bau­ern daran hin­dert, es auf ihren Fel­dern aus­zu­brin­gen. Und sie haben Sorge, dass Pol­len von gen­tech­nisch ver­än­der­ten Pflan­zen in die Wild­nis treibt und die Öko­lo­gie der Pflan­zen unwi­der­ruf­lich ver­än­dert. Viele erhe­ben jedoch noch einen viel grund­sätz­li­che­ren Ein­wand: Vari­an­ten zu kreu­zen und auf einem Feld anzu­bauen ist eine Sache, aber eine Gen­ka­none zu benut­zen um ein Bak­te­rium in Samen zu schie­ßen, scheint wie ein Ver­stoß gegen die Grund­re­geln des Lebens.

Tren­ner

Vandana Shiva wurde in Dehr­adun gebo­ren, am Fuß des Hima­laya. Als Brah­ma­nin wuchs sie im Wohl­stand auf. Ihr Vater war Forst­be­am­ter für die indi­sche Regie­rung, ihre Mut­ter arbei­tete als Schul­inspektorin in Lahore und kehrte, als die Stadt bei der Tei­lung pakis­ta­nisch wurde, nach Indien zurück. Shiva trat einer Ver­ei­ni­gung von Frauen bei, die ent­schlos­sen waren, fremde Holz­un­ter­neh­men daran zu hin­dern, Wäl­der im nord­in­di­schen Hoch­land zu fäl­len. Ihre Tak­tik war ein­fach und am Ende erfolg­reich: Sie bil­de­ten einen Kreis und umarm­ten die Bäume. Shiva war im Wort­sinn eine der ers­ten Tree Hug­ger.
Als wir uns das erste Mal unter­hiel­ten, in New York, erklärte sie, warum sie Umwelt­ak­ti­vis­tin wurde. »Ich war mit der Quan­ten­theo­rie beschäf­tigt, für meine Dok­tor­ar­beit, daher hatte ich keine Ahnung, was bei der Grü­nen Revo­lu­tion vor sich ging«, sagte sie. Shiva hatte Phy­sik stu­diert. Wir saßen in einem klei­nen Café nahe der Ver­ein­ten Natio­nen, wo sie an einem Land­wirt­schafts­fo­rum teil­neh­men sollte. Sie war gerade aus dem Flug­zeug aus Neu-Delhi gestie­gen, aber ihre Ener­gie wuchs, als sie ihre Geschichte erzählte. »In den spä­ten Acht­zi­gern ging ich auf eine Kon­fe­renz über Bio­tech­no­lo­gie, über die Zukunft der Ernäh­rung«, sagte sie. »Damals gab es keine gene­tisch modi­fi­zier­ten Orga­nis­men. Diese Leute spra­chen davon, Gen­tech­nik ein­zu­set­zen, damit sie Patente bekom­men könn­ten.«
»Sie sag­ten die erstaun­lichs­ten Dinge«, fuhr sie fort, »sie sag­ten, Europa und die USA wären als Markt zu klein. Wir müs­sen einen glo­ba­len Markt haben, und das ist es, warum wir Gesetze über geis­ti­ges Eigen­tum brau­chen.« Das Tref­fen brachte sie auf eine neue Spur. »Ich erkannte, dass sie das Leben paten­tie­ren woll­ten, und das Leben ist keine Erfin­dung«, sagte sie. »Sie wol­len gen­mo­di­fi­zierte Orga­nis­men ohne Tests frei­set­zen und sie wol­len diese Ord­nung der gesam­ten Welt auf­er­le­gen.« Sie kehrte nach Indien zurück und grün­dete Nav­danya, was auf Hindi neun Samen bedeu­tet. Laut Sat­zung wurde die Orga­ni­sa­tion gegrün­det, um »die Viel­falt und Inte­gri­tät leben­di­ger Res­sour­cen zu schüt­zen, vor allem ein­hei­mi­scher Samen und um öko­lo­gi­schen Land­bau und fai­ren Han­del zu för­dern.« Unter Shi­vas Füh­rung ent­wi­ckelte sich Nav­danya schnell zu einer für ganz Indien bedeut­sa­men Bewe­gung.
Anders als die meis­ten Agrar­öko­lo­gen hält Shiva an der Vor­stel­lung fest, dass die Welt­be­völ­ke­rung mit Bio-Anbau ernährt wer­den kann. Fast aus­schließ­lich auf­grund der Anstren­gun­gen von Shiva und ande­ren Akti­vis­ten hat Indien nicht eine ein­zige gene­tisch modi­fi­zierte Nah­rungs­pflanze für den mensch­li­chen Ver­zehr frei­ge­ge­ben. In Afrika erlau­ben ledig­lich vier Natio­nen – Süd­afrika, Bur­kina Faso, Ägyp­ten und Sudan – den kom­mer­zi­el­len Ein­satz von Pro­duk­ten, die gen­mo­di­fi­zierte Orga­nis­men ent­hal­ten. Europa bleibt das Epi­zen­trum des Wider­stands gegen gen­mo­di­fi­zierte Orga­nis­men, aber kürz­lich haben Umfra­gen erge­ben, dass die breite Mehr­heit der Ame­ri­ka­ner, die sich immer mehr für den Zusam­men­hang zwi­schen Ernäh­rung, Land­wirt­schaft und Gesund­heit inter­es­sie­ren, dafür ist, Pro­dukte, die mit gene­tisch ver­än­der­ten Zuta­ten her­ge­stellt wer­den, zu kenn­zeich­nen. Die meis­ten sagen, sie wür­den die Kenn­zei­chen nut­zen, um zu ver­mei­den, sol­che Nah­rungs­mit­tel zu essen. Shiva für ihren Teil besteht dar­auf, dass der ein­zig akzep­ta­ble Weg wäre, zu den Grund­sät­zen und Prak­ti­ken einer ver­gan­ge­nen Zeit zurück­zu­keh­ren. »Kunst­dün­ger hätte nie in der Land­wirt­schaft erlaubt wer­den dür­fen«, sagte sie 2011 in einer Rede. »Ich glaube, das ist eine Mas­sen­ver­nich­tungs­waffe. Ihr Ein­satz ist wie Krieg, denn sie kommt aus dem Krieg.«

Mit ihren Tweets schafft Shiva es, die Bewe­gung zu kon­trol­lie­ren und Abtrün­nige zu ächten

Wie Gan­dhi, den sie ver­ehrt, stellt Shiva viele Ziele der heu­ti­gen Zivi­li­sa­tion in Frage. Prince Charles, der eine Büste von Shiva in High­grove, sei­nem Fami­li­en­sitz, auf­ge­stellt hat, stat­tete ihr letz­tes Jahr einen Besuch auf der Nav­danya Farm ab, in Dehr­adun, etwa zwei­hun­dert­vier­zig Kilo­me­ter nörd­lich von Neu-Delhi. Charles, viel­leicht der bekann­teste Kri­ti­ker des moder­nen Lebens, pran­gert die trans­ge­nen Nutz­pflan­zen seit Jah­ren an. »Diese Art von gene­ti­scher Ver­än­de­rung bringt die Mensch­heit in Berei­che, die Gott und nur Gott zuste­hen«, schrieb er in den Neun­zi­ger­jah­ren, als Mons­anto ver­suchte, sein gene­tisch ver­än­der­tes Saat­gut in Europa zu ver­kau­fen. Auch Shiva bringt Reli­gion ins Spiel, wenn sie land­wirt­schaft­li­che Bio­tech­no­lo­gie angreift: Das Kür­zel GMO stehe für »God, Move Over«, sagte sie in einer Rede Anfang die­ses Jah­res: »Mach Platz Gott, wir sind jetzt die Schöp­fer!« Nav­danya ver­öf­fent­licht nicht, wel­che Spen­den es erhält, aber aus einem aktu­el­len Bericht der indi­schen Regie­rung geht her­vor, dass aus­län­di­sche Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen in den letz­ten zehn Jah­ren erheb­li­che Bei­träge geleis­tet haben, um die Kam­pa­gne gegen den Ein­satz von gen­mo­di­fi­zier­ten Orga­nis­men in Indien zu unter­stüt­zen. Im Juni sprach die Regie­rung ein Ver­bot sol­cher Spen­den aus. Shiva, deren Name in dem Bericht erscheint, nannte das »einen Angriff auf die Zivil­ge­sell­schaft« und vor­ein­ge­nom­men zuguns­ten aus­län­di­scher Unter­neh­men.
Shiva ist in den sozia­len Medien zu Hause und ihre Tweets, hef­tig und dra­ma­tisch, ver­brei­ten sich unter ihren Zehn­tau­sen­den Fol­lo­wern schnell um die Erde. Mit ihnen schafft sie es, die Bewe­gung zu kon­trol­lie­ren und Abtrün­nige zu äch­ten. Der bri­ti­sche Umwelt­schüt­zer Mark Lynas, zum Bei­spiel, setzte sich über zehn Jahre lang stand­haft gegen den Ein­satz von Bio­tech­no­lo­gie in der Land­wirt­schaft ein. Letz­tes Jahr jedoch, nach­dem er sich sorg­fäl­tig mit den wis­sen­schaft­li­chen Daten, auf denen seine Annah­men basier­ten, aus­ein­an­der­ge­setzt hatte, nahm er den ent­ge­gen­ge­setz­ten Stand­punkt ein. In einer Anspra­che vor der jähr­li­chen Oxford Far­ming Con­fe­rence bezeich­nete er seine frü­here Ansicht, dass gene­tisch ver­än­derte Nutz­pflan­zen die Abhän­gig­keit von Che­mi­ka­lien erhöh­ten sowie die Umwelt und die mensch­li­che Gesund­heit bedroh­ten als »urbane, grüne Mythen«. »Frei­mü­tig und offi­zi­ell ent­schul­dige ich mich dafür, dass ich meh­rere Jahre damit zuge­bracht habe, gen­mo­di­fi­zierte Nutz­pflan­zen her­aus­zu­rei­ßen«, sagte er. »Es tut mir auch leid, dass ich … daran mit­ge­wirkt habe, eine wich­tige tech­no­lo­gi­sche Option zu ver­teu­feln, die zum Nut­zen der Umwelt ein­ge­setzt wer­den kann.« Heute betrach­tet Lynas die Annahme, dass die Welt aus­schließ­lich mit Bio­pro­duk­ten ernährt wer­den könnte als »grob ver­ein­fa­chen­den Unfug«.
Mit die­ser Rede und der öffent­li­chen Auf­merk­sam­keit, die sich dar­aus ergab, wurde Lynas der Bene­dict Arnold der ­Anti-GMO-Bewegung. »Wenn du willst, dass dein Name über­all im Web zu sehen ist, gibt es nichts bes­se­res, als einst feste Über­zeu­gun­gen zu wider­ru­fen«, schrieb Jason Mark, der Her­aus­ge­ber des Earth Island Jour­nal.
Kei­ner war viel­leicht mehr erzürnt über Lynas’ Bekeh­rung als Shiva, die ihren Ärger auf Twit­ter zum Aus­druck brachte: »#Mark­Ly­nas say­ing far­mers shd be free to grow #GMOs which can con­ta­mi­nate #orga­nic farms is like say­ing #rapists shd have free­dom to rape.« (Wenn Mark Lynas sagt, die Bau­ern soll­ten das Recht haben, GMOs anzu­pflan­zen, die bio­lo­gi­sche Höfe kon­ta­mi­nie­ren könn­ten, ist das, als würde er sagen, Ver­ge­wal­ti­ger soll­ten die Frei­heit haben, zu ver­ge­wal­ti­gen.) Die Nach­richt sorgte für sofor­tige Empö­rung. »Schäm dich, wenn du GMOs mit Ver­ge­wal­ti­gung ver­gleichst«, ant­wor­tete Karl Haro von Mogel, der Bio­logy For­ti­fied betreibt, eine Web­seite, die sich mit Pflan­zen­ge­ne­tik beschäf­tigt, eben­falls in einem Tweet. »Das ist ein jäm­mer­li­ches Argu­ment, das Frauen, Män­ner und Kin­der her­ab­wür­digt.« Shiva twee­tete sofort zurück: »Wir müs­sen von einem patri­ar­cha­li­schen, anthro­po­zen­tri­schen Welt­bild zu einem kom­men, das auf #Earth­De­mo­cracy basiert«, schrieb sie.
Shiva hat ein Gespür für zün­dende Ana­lo­gien. Kürz­lich ver­glich sie, was sie »Saats­kla­ve­rei« nennt, die von den Kräf­ten der Glo­ba­li­sie­rung über die Welt gebracht wird, mit mensch­li­cher Skla­ve­rei. »Ich fing an, für die Frei­heit des Saat­guts zu kämp­fen, weil ich eine Par­al­lele sah«, sagte sie auf einer Nah­rungs­kon­fe­renz in den Nie­der­lan­den. »Damals waren es Schwarze, die in Afrika gefan­gen wur­den und zur Arbeit auf den Baum­woll– und Zucker­rohr­fel­dern in Ame­rika ver­schleppt wur­den. Heute wird alles Leben ver­sklavt. Alles Leben. Alle Lebe­we­sen.«
Shiva kann keine Gruppe tole­rie­ren, die sich für Gen­tech­nik in der Land­wirt­schaft ein­setzt, egal, was die Orga­ni­sa­tion sonst tut oder wie qua­li­fi­ziert ihre Unter­stüt­zer sind. Als ich erwähnte, dass Mons­anto neben sei­ner Pro­duk­tion gene­tisch ver­än­der­ten Saat­guts auch einer der welt­weit größ­ten Pro­du­zen­ten von kon­ven­tio­nell gezüch­te­ten Samen sei, lachte sie. »Das ist nur Public Rela­tion«, sagte sie. Ähn­lich wenig hält sie von der Bill und Melinda Gates Stif­tung, die deut­lich Stel­lung bezo­gen hat zuguns­ten der Bio­tech­no­lo­gie. Erst kürz­lich schrieb Shiva, dass die Mil­li­ar­den Dol­lar, die die Stif­tung für land­wirt­schaft­li­che For­schung und Unter­stüt­zung aus­ge­ge­ben hat, die »größte Bedro­hung für Bau­ern in den Ent­wick­lungs­län­dern« dar­stellt. Die wis­sen­schaft­li­chen Orga­ni­sa­tio­nen in den USA, die für die Regu­lie­rung gene­tisch modi­fi­zier­ter Pro­dukte zustän­dig sind, ein­schließ­lich der Food and Drug Admi­nis­tra­tion (FDA), der Environ­men­tal Pro­tec­tion Agency (EPA) und des United Sta­tes Depart­ment of Agri­cul­ture, sind für sie ledig­lich Werk­zeuge der inter­na­tio­na­len Saat­gut­kon­glo­me­rate.
Ihr Abso­lu­tis­mus in Sachen GMOs führt Shiva gele­gent­lich auf selt­same Wege. 1999 star­ben zehn­tau­send Men­schen und Mil­lio­nen wur­den obdach­los, als ein Wir­bel­sturm den indi­schen Bun­des­staat Orissa an der Ost­küste traf. Als die Regie­rung der Ver­ei­nig­ten Staa­ten Soja und Getreide lie­ferte, um den ver­zwei­fel­ten Opfern zu hel­fen, hielt Shiva eine Pres­se­kon­fe­renz in Neu-Delhi ab und sagte, dass die Spende beweise, dass »die Ver­ei­nig­ten Staa­ten die Opfer in Orissa als Ver­suchs­ka­nin­chen benut­zen« für gene­tisch ver­än­derte Pro­dukte. Sie schrieb auch an die inter­na­tio­nale Hilfs­or­ga­ni­sa­tion Oxfam, um mit­zu­tei­len, dass sie hoffe, dass diese nicht plane, gene­tisch ver­än­derte Lebens­mit­tel an die hun­gern­den Über­le­ben­den zu lie­fen. Nach­dem weder die Ver­ei­nig­ten Staa­ten noch Oxfam ihre Pläne änder­ten, ver­ur­teilte sie die indi­sche Regie­rung dafür, dass sie die Hil­fen ange­nom­men hatte.

Ich fragte, ob sie je als Phy­si­ke­rin gear­bei­tet habe. Die Ant­wort: Ich solle danach googeln

Am 29. März begann Shiva eine Anspra­che vor einer ört­li­chen Gruppe von Ernäh­rungs­rechteak­ti­vis­ten in Win­ni­peg mit der Ent­hül­lung von beun­ru­hi­gen­den neuen Infor­ma­tio­nen über die Aus­wir­kung land­wirt­schaft­li­cher Bio­tech­no­lo­gie auf die mensch­li­che Gesund­heit. »Die Zen­tren für Krank­heits­kon­trolle und Prä­ven­tion haben fest­ge­stellt, dass inner­halb von zwei Jah­ren die Zahl für Autis­mus von einem in acht­und­acht­zig Fäl­len auf einen in acht­und­sech­zig ange­stie­gen ist«, sagte sie und bezog sich auf einen Arti­kel in USA Today. »Dann gehen sie hin und sagen, das ist ein Trend, an dem man sieht, dass etwas falsch läuft, und ob es etwas in der Umwelt ist, das den Anstieg ver­ur­sacht, bleibt die Millionen-Dollar-Frage.«
»Die Frage ist jetzt beant­wor­tet«, fuhr Shiva fort. Sie erwähnte Gly­pho­sat, das Her­bi­zid von Mons­anto, das nor­ma­ler­weise bei modi­fi­zier­ten Pflan­zen zum Ein­satz kommt. »Wenn man sich die Kur­ven ansieht, wie der Ein­satz von GMOs zunimmt, wie die Anwen­dung von Gly­pho­sat zunimmt und wie Autis­mus zunimmt, das kor­re­spon­diert wirk­lich eins zu eins mit­ein­an­der. Und diese Gra­fik könnte man so für Nie­ren­ver­sa­gen machen, für Dia­be­tes, man könnte die Gra­fik sogar für Alz­hei­mer machen.«
Hun­derte Mil­lio­nen Men­schen in acht­und­zwan­zig Län­dern essen täg­lich trans­gene Pro­dukte und wenn nur eine von Shi­vas Schluss­fol­ge­run­gen wahr wäre, wären die Fol­gen kata­stro­phal. Aber es wurde noch kein Zusam­men­hang zwi­schen Gly­pho­sat und den Krank­hei­ten, die Shiva erwähnte, fest­ge­stellt. Ihre Behaup­tun­gen basier­ten auf einer ein­zi­gen For­schungs­ar­beit, die im letz­ten Jahr ver­öf­fent­licht wurde, in einer Zeit­schrift namens Entropy, die von den Wis­sen­schaft­lern Geld nimmt, damit sie ihre Erkennt­nisse publi­ziert. In der Arbeit ist keine neue For­schung ent­hal­ten. Shiva ist ein gefähr­li­cher, aber häu­fi­ger Feh­ler unter­lau­fen: Sie hat eine Kor­re­la­tion mit einer Ursäch­lich­keit ver­wech­selt. (Es stellt sich zum Bei­spiel auch her­aus, dass der Anstieg der Ver­käufe von Bio­pro­duk­ten fast exakt dem Anstieg von Autis­mus ent­spricht. Und wenn wir schon dabei sind, das trifft auch für die Ver­käufe von HD-Fernsehern zu und für die Zahl der Ame­ri­ka­ner, die jeden Tag mit dem Fahr­rad zur Arbeit fah­ren.)
Shiva erwähnt ihre wis­sen­schaft­li­che Aus­bil­dung bei fast jedem Auf­tritt, den­noch bricht sie häu­fig mit den Kon­ven­tio­nen der wis­sen­schaft­li­chen For­schung. In Inter­views und im Fern­se­hen wird sie gewöhn­lich als Kern­phy­si­ke­rin, als Quan­ten­phy­si­ke­rin oder als welt­be­kannte Phy­si­ke­rin bezeich­net. Die meis­ten Klap­pen­texte ihrer Bücher ent­hal­ten die fol­gende bio­gra­fi­sche Notiz: »Bevor sie Akti­vis­tin wurde, war Vandana Shiva eine von Indi­ens füh­ren­den Phy­si­ke­rin­nen.« Als ich fragte, ob sie je als Phy­si­ke­rin gear­bei­tet habe, schlug sie vor, ich solle bei Google nach der Ant­wort suchen. Ich fand nichts und sie selbst erwähnt in ihrem Lebens­lauf keine sol­che Posi­tion.
Shiva argu­men­tiert, dass es einen Anstieg bei der Ver­wen­dung von Her­bi­zi­den gab, weil viele Sor­ten Mais, Soja und Raps so ver­än­dert wur­den, dass sie Gly­pho­sat wider­ste­hen. Das ist sicher­lich wahr, und in aus­rei­chend hohen Dosen ist Gly­pho­sat toxisch, so wie andere Her­bi­zide. Dazu kommt, dass Unkraut resis­tent wird, wenn Bau­ern sich zu sehr auf ein Mit­tel ver­las­sen, egal, ob es natür­lich ist oder aus der Fabrik kommt. In eini­gen Gegen­den ist das mit Gly­pho­sat schon gesche­hen und die Fol­gen kön­nen kata­stro­phal sein. Aber den Bau­ern stellt sich die Frage, ob sie gen­tech­nisch modi­fi­zierte Pflan­zen ein­set­zen oder nicht. Und unzäh­lige Arten von Unkraut haben zum Bei­spiel gegen das Her­bi­zid Atra­zin Resis­ten­zen aus­ge­bil­det, obwohl keine Nutz­pflan­zen gen­tech­nisch dage­gen unemp­find­lich gemacht wur­den. Tat­säch­lich wurde Gly­pho­sat zum welt­weit popu­lärs­ten Her­bi­zid vor allem, weil es weit weni­ger gif­tig ist als jene, die es in der Regel ersetzt. Die Umwelt­be­hörde EPA dekla­riert Was­ser als nicht trink­bar, wenn es drei Teile Atra­zin pro Mil­li­arde Wasser­teile ent­hält, der ver­gleich­bare Grenz­wert für Gly­pho­sat liegt bei sie­ben­hun­dert Tei­len pro Mil­li­arde. Legt man die­sen Maß­stab an, ist Gly­pho­sat zwei­hun­dert­drei­ßig­mal weni­ger gif­tig als Atra­zin.
Seit Jah­ren fürch­ten sich Men­schen davor, dass sie durch den Ver­zehr von gen­mo­di­fi­zier­tem Essen krank wer­den könn­ten und Shi­vas Anspra­chen sind voll von beängs­ti­gen­den Anek­do­ten, die mit die­ser Furcht spie­len. Aber seit 1996, als die ers­ten Pflan­zen aus­ge­bracht wur­den, haben Men­schen Bil­lio­nen von Mahl­zei­ten geges­sen, die gene­tisch ver­än­derte Zuta­ten ent­hal­ten und sich in Tau­sende Ton­nen von Tuch gehüllt, das aus gene­tisch modi­fi­zier­ter Baum­wolle gewebt wurde. Den­noch gibt es nicht einen ein­zi­gen doku­men­tier­ten Fall einer Per­son, die als Folge davon erkrankt wäre. Das ist ein Grund, warum die Natio­nal Aca­demy of Sci­en­ces, die Ame­ri­can Asso­cia­tion for the Advan­ce­ment of Sci­ence, die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­tion, die Royal Society in Groß­bri­tan­nien, die Fran­zö­si­sche Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten, die Euro­päi­sche Kom­mis­sion und Dut­zende ande­rer wis­sen­schaft­li­cher Orga­ni­sa­tio­nen den Schluss gezo­gen haben, dass Lebens­mit­tel, die von gene­tisch modi­fi­zier­ten Nutz­pflan­zen stam­men, ebenso sicher sind wie alle ande­ren.
»Ich finde es abso­lut bemer­kens­wert, wie Vandana Shiva damit durch­kommt, dass sie sagt, was immer die Leute gerade hören wol­len«, sagte Gor­don Con­way mir kürz­lich. Con­way ist der ehe­ma­lige Prä­si­dent der Rocke­fel­ler Foun­da­tion und Pro­fes­sor am Impe­rial Col­lege in Lon­don. Sein Buch One Bil­lion Hungry: Can We Feed the World? wurde zu einer unver­zicht­ba­ren Lek­türe für alle, die sich mit Armut, Land­wirt­schaft und Ent­wick­lung ausein­andersetzen. »Vor allem im Wes­ten wird Shiva ver­göt­tert, weil sie für das roman­ti­sche Bild des Bau­ern­hofs steht«, sagte Con­way. »Wen inter­es­siert die Wahr­heit? Die Men­schen in den rei­chen Län­dern ver­klä­ren gern eine Ver­gan­gen­heit, die sie zu ihrem Glück nicht selbst erle­ben muss­ten – Sie wis­sen schon, ein paar Hüh­ner die mit den Kin­dern über den Hof lau­fen. Aber Land­wirt­schaft ist ver­dammt hart, wie jeder weiß, der sie betreibt. Das ist wie diese Leute, die von den Dör­fern in den Ent­wick­lungs­län­dern schwär­men. Kei­ner, der in einem gelebt hat, würde das tun.«

Tren­ner

Ich kam am Ende des Früh­jahrs in Maha­rash­tra an, als der größte Teil der Baum­woll­ernte des Jah­res ein­ge­bracht war. Ich fuhr ost­wärts von Auran­ga­bad auf abge­nutz­ten Stra­ßen, wo die Wider­sprü­che des moder­nen Indien über­all sicht­bar waren: hell­grüne Pyra­mi­den von Süßli­met­ten, höl­zer­ner Plun­der, Schmuck­händ­ler, Han­dy­ver­käu­fer und auf­wen­dig ver­zierte Trink­was­ser­tank­wa­gen. Hin­ter den Stän­den befan­den sich rie­sige neu gebaute Häu­ser, die alle zu sicher ein­ge­zäun­ten Wohn­an­la­gen gehör­ten. Die ört­li­chen Ener­gie­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men bezah­len zwei Rupien (etwa drei Cent) für ein Kilo­gramm abge­ern­te­ter Baum­woll­stän­gel, und als ich vor­bei­fuhr, waren die Fel­der voll mit Frauen, die sie aus der Erde zogen.
Indien ver­bie­tet zwar den Anbau gene­tisch ver­än­der­ter Nah­rungs­pflan­zen, aber Bt Cot­ton, das ver­än­dert wurde, um dem Baum­woll­kap­sel­boh­rer zu wider­ste­hen, wird in gro­ßen Men­gen ange­baut.
Seit den Neun­zi­ger­jah­ren lenkt Shiva die Auf­merk­sam­keit der Welt auf Maha­rash­tra; sie nennt die Region den »Selbst­mord­gür­tel« Indi­ens und sagt, dass die Ein­füh­rung der gen­mo­di­fi­zier­ten Baum­wolle zu einem »Geno­zid« geführt habe. Es gibt kei­nen Ort, an dem noch ver­bis­se­ner über den Wert, die öko­lo­gi­schen Begleit­er­schei­nun­gen und die wirt­schaft­li­chen Aus­wir­kun­gen gen­mo­di­fi­zier­ter Pflan­zen gestrit­ten wird. Shiva sagt, zwei­hun­dert­vie­rund­acht­zig­tau­send Bau­ern hät­ten sich getö­tet, weil sie es sich nicht leis­ten könn­ten, Bt Cot­ton anzu­pflan­zen. Anfang die­ses Jah­res sagte sie: »Bau­ern ster­ben, weil Mons­anto Pro­fite macht – durch das Eigen­tum an Leben, das es nie geschaf­fen hat, aber behaup­tet zu schaf­fen. Des­halb müs­sen wir das Saat­gut zurück­for­dern. Des­halb müs­sen wir GMOs los­wer­den. Des­halb müs­sen wir damit auf­hö­ren, Leben zu paten­tie­ren.«
Als ich Shiva für etwa eine Stunde in New York traf, sagte ich ihr, dass ich oft wohl­wol­lend über land­wirt­schaft­li­che Bio­tech­no­lo­gie geschrie­ben hatte. Sie schien das zu wis­sen, und sagte, ich könne das Aus­maß der Kata­stro­phe nur ver­ste­hen, wenn ich die Region per­sön­lich bereiste. Sie schlug mir auch vor, mich der Saat­gut­ka­ra­wane durch Europa anzu­schlie­ßen und anschlie­ßend mit ihr zur Nav­danya Farm zu rei­sen. Wir tausch­ten einige logis­ti­sche SMS und E-Mails aus, aber als ich nach Ita­lien kam, hatte Shiva bereits auf­ge­hört, mir zu schrei­ben oder meine Nach­rich­ten zu beant­wor­ten. In Flo­renz sprach sie kurz mit mir, als sie auf dem Weg zu einem Mee­ting war, und sagte, ich könne ver­su­chen, sie in Neu-Delhi zu tref­fen, aber sie würde ver­mut­lich keine Zeit für mich haben. Als ich in Indien ankam, sagte mir eine ihrer Assis­ten­tin­nen, dass ich meine Fra­gen schrift­lich ein­rei­chen solle. Das tat ich, aber Shiva lehnte es ab, sie zu beant­wor­ten.
Shiva macht gel­tend, dass die modi­fi­zier­ten Samen fast aus­schließ­lich zum Nut­zen gro­ßer indus­tri­el­ler Far­men ent­wi­ckelt wur­den und das trifft zu einem gewis­sen Teil durch­aus zu. Aber Bt Cot­ton wird von Mil­lio­nen Men­schen in den Ent­wick­lungs­län­dern ange­baut, von denen viele Par­zel­len bear­bei­ten, die kaum grö­ßer sind als der Hin­ter­hof eines Hau­ses in einem ame­ri­ka­ni­schen Vor­ort. In Indien wird die Tech­no­lo­gie von mehr als sie­ben Mil­lio­nen Bau­ern ein­ge­setzt, die 10,5 Mil­lio­nen Hektar bewirt­schaf­ten. Das sind fast neun­zig Pro­zent aller indi­schen Baum­woll­fel­der. Anfangs waren die Samen sehr teuer. Betrü­ger über­flu­te­ten den Markt mit Fäl­schun­gen und ver­kauf­ten sie, zusam­men mit gefälsch­tem Gly­pho­sat zu gerin­ge­ren Prei­sen. Shiva sagte letz­tes Jahr, dass die Kos­ten für Bt-Cotton-­Samen in Indien seit 2002 um acht­tau­send Pro­zent gestie­gen seien.
Tat­säch­lich sind die Preise für das modi­fi­zierte Saat­gut, die von der Regie­rung regu­liert wer­den, ste­tig gefal­len. Sie sind zwar höher als die von kon­ven­tio­nel­lem Saat­gut, aber in den meis­ten Fäl­len lie­fern die modi­fi­zier­ten Samen höhe­ren Nut­zen. Nach Anga­ben des Inter­na­tio­na­len For­schungs­in­sti­tuts für Ernäh­rungs– und Ent­wick­lungs­po­li­tik (IFPRI) geben Bau­ern für Bt min­des­tens fünf­zehn Pro­zent mehr für die Pflan­zen aus, aber ihre Kos­ten für Pes­ti­zide sind mehr als fünf­zig Pro­zent nied­ri­ger. Seit das Saat­gut ein­ge­führt wurde, sind die Erträge um mehr als ein­hun­dert­fünf­zig Pro­zent gestie­gen. Nur China pflanzt und ver­kauft mehr Baum­wolle.
Shiva sagt auch, die Patente von Mons­anto hin­der­ten die Armen daran, ihr Saat­gut auf­zu­be­wah­ren. In Indien ist das nicht der Fall. Das Gesetz für die Rechte der Bau­ern von 2001 garan­tiert jedem das Recht, sein Saat­gut »auf­zu­be­wah­ren, zu ver­wen­den, zu säen, erneut zu säen, zu tau­schen, zu tei­len oder zu ver­kau­fen«. Aller­dings ent­schei­den sich die meis­ten Bau­ern, auch jene mit win­zi­gen Fel­dern, jedes Jahr neue Samen – ob gene­tisch modi­fi­ziert oder nicht – zu kau­fen, weil sie bes­sere Erträge und höhe­ren Ver­dienst gewähr­leis­ten.
Ich habe etwa ein Dut­zend Bau­ern in Dhok­sal besucht, einem Dorf, in dem es wenig mehr gibt als einen Hin­du­tem­pel und einige Saat­gut­ge­schäfte. Dhok­sal liegt etwa fünf­hun­dert Kilo­me­ter nord­öst­lich von Mum­bai, aber es scheint zu einem ande­ren Jahr­hun­dert zu gehören.

Shiva behaup­tet, die gen­modifizierte Baum­wolle hätte zu einem Geno­zid geführt

Es ist stau­big und müde und mit­tags steigt die Tem­pe­ra­tur auf vier­zig Grad. Den Weg zum Markt legen die meis­ten Bau­ern mit dem Och­sen­kar­ren zurück. Man­che gehen zu Fuß, wenige fah­ren. Eine Woche vor­her, so erzählte mir ein ört­li­cher Land­wirt­schafts­in­spek­teur, habe er einen Baum­woll­far­mer auf einem Ele­fan­ten gese­hen und ihm zuge­wun­ken. Der Mann ant­wor­tete aller­dings nicht, weil er zu sehr damit beschäf­tigt war, mit sei­nem Handy zu tele­fo­nie­ren.
Im Wes­ten geht es beim Streit um den Wert von Bt Cot­ton um zwei eng mit­ein­an­der ver­bun­dene The­men: die finan­zi­el­len Aus­wir­kun­gen, die der Ein­satz der Samen hat, und ob die Kos­ten Bau­ern zum Selbst­mord getrie­ben haben. Das Erste, wor­über die Baum­woll­far­mer, die ich besuchte, spre­chen woll­ten, war jedoch, dass sich ihre Gesund­heit und die ihrer Fami­lien ver­bes­sert hätte. Bevor Bt-Gene in Baum­wolle ein­ge­bracht wur­den, sprüh­ten sie ihre Fel­der wäh­rend der Anbau­zeit Dut­zende Male. Jetzt sprü­hen sie ein­mal im Monat. Bt ist für Men­schen und andere Säu­ge­tiere nicht gif­tig. Bio­bau­ern, deren strenge Regeln den Ein­satz von Kunst­dün­ger und Che­mi­ka­lien ver­bie­ten, haben das Toxin auf ihren Fel­dern seit Jah­ren ver­sprüht.
Jeder konnte eine Geschichte über Insek­ti­zid­ver­gif­tun­gen erzäh­len. »Bevor Bt Cot­ton kam, ver­wen­de­ten wir die ande­ren Samen«, erzählte mir Rame­shwar Mam­dev, als ich ihn auf sei­ner zwei­ein­halb Hektar gro­ßen Farm besuchte, die nicht weit von dem Feld­weg lag, der zu dem Dorf führte. Er pflanzt außer Baum­wolle auch Mais. »Meine Frau sprühte«, sagte er. »Ihr wurde übel. Uns allen wurde übel.« Nach einer vor Kur­zem ver­öf­fent­lich­ten Stu­die des Flä­mi­schen Insti­tuts für Bio­tech­no­lo­gie (VIB) sank der Ein­satz von Pes­ti­zi­den seit der Ein­füh­rung von Bt Cot­ton auf ein Sieb­tel. Die Zahl der Pes­ti­zid­ver­gif­tun­gen sank um nahezu neun­zig Pro­zent. Ähn­li­che Ver­rin­ge­run­gen gab es auch in China. Die Bau­ern, vor allem die Frauen, konn­ten durch den ver­rin­ger­ten Kon­takt mit Pes­ti­zi­den nicht nur die Gefahr erns­ter Krank­hei­ten ver­rin­gern, son­dern kön­nen auch mehr Zeit mit ihren Kin­dern ver­brin­gen.
»Wie kom­men rei­che Leute dazu, uns zu erzäh­len, dass wir Pflan­zen anbauen sol­len, die unsere Far­men rui­nie­ren wür­den?«, fragte Nar­hari Pawar. Pawar ist sie­ben­und­vier­zig, seine Haut hat die Farbe gebrann­ter Melasse und die Tex­tur eines lang gebrauch­ten Sat­tels. »Bt Cot­ton ist der ein­zige Licht­blick für uns Bau­ern«, sagte er, »es hat unser Leben ver­än­dert. Ohne es hät­ten wir keine Ernte. Nichts.«
Gene­tisch ver­än­derte Pflan­zen sind nicht ohne Risi­ken. Eine Sorge ist, dass ihr Pol­len in die Umge­bung weht. Pol­len ver­brei­tet sich tat­säch­lich, aber es geschieht nicht so leicht; damit neue Samen ent­ste­hen, bedarf es einer sexu­ell kom­pa­ti­blen Pflanze. Die Bau­ern kön­nen das Risiko der Anste­ckung ver­rin­gern, indem sie ver­setzte Pflanz­zei­ten pla­nen, was sicher­stellt, dass die Pol­len ver­schie­de­ner Pflan­zen­ar­ten zu ver­schie­de­nen Zei­ten flie­gen.
Es gibt ein grö­ße­res Pro­blem: Schäd­linge kön­nen Resis­ten­zen gegen die Toxine in modi­fi­zier­ten Pflan­zen ent­wi­ckeln. Der Kap­sel­boh­rer ist nicht der ein­zige Feind von Bt Cot­ton, die Pflanze hat viele andere Schäd­linge zum Feind. In den Ver­ei­nig­ten Staa­ten müs­sen Bau­ern, die Bt Cot­ton anbauen, eine soge­nannte Zufluchts­stra­te­gie anwen­den: Sie umge­ben die Bt-Pflanzungen mit einer Art Burg­gra­ben mit Pflan­zen, die keine Bt-Toxine pro­du­zie­ren. Das zwingt Schäd­linge, die eine Resis­tenz gegen Bt Cot­ton ent­wi­ckeln, sich mit Art­ge­nos­sen zu paa­ren, die das nicht tun. In den meis­ten Fäl­len sind deren Nach­kom­men immer noch anfäl­lig. Natür­li­che Aus­lese züch­tet Resis­ten­zen, sol­che Tak­ti­ken zögern den Pro­zess ledig­lich hin­aus. Aber das gilt über­all in der Natur, nicht nur in der Land­wirt­schaft. Für The­ra­pien für Infek­ti­ons­krank­hei­ten wie Tuber­ku­lose oder HIV wer­den Medi­ka­men­ten­cock­tails ein­ge­setzt, weil die Infek­tion schnell gegen einen ein­zel­nen Wirk­stoff resis­tent würde. Den­noch hatte kein ein­zi­ger der Bau­ern, mit denen ich in Dhok­sal gespro­chen hatte, so eine Zuflucht ange­pflanzt. Als ich fragte, warum, wuss­ten sie nicht, wovon ich sprach.

Natür­li­che Aus­lese züch­tet Resis­ten­zen. Das gilt nicht nur in der Landwirtschaft

Verant­wor­tungs­be­wusste Zei­tun­gen und ange­se­hene Auto­ren haben – häu­fig in Anleh­nung an Shi­vas For­mu­lie­run­gen – über die Saatgut-Selbstmord-Verbindung geschrie­ben, als ob es sich um eine belegte Tat­sa­che han­dele. 2011 brachte der ame­ri­ka­ni­scher Fil­me­ma­cher Micha Peled Bit­ter Seeds her­aus, in dem die These auf­ge­stellt wird, dass Mons­anto und sein Saat­gut für die Selbst­morde von Tau­sen­den von Bau­ern ver­ant­wort­lich seien. Der Film wurde von Ernäh­rungs­ak­ti­vis­ten in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten warm emp­foh­len. »Filme wie die­ser kön­nen die Welt ver­än­dern«, sagte die pro­mi­nente Köchin Alice Waters, als sie ihn gese­hen hatte. Der Jour­na­list Keith Kloor wies Anfang die­ses Jah­res in der Zeit­schrift Issues in Sci­ence and Tech­no­logy dar­auf hin, dass die Geschichte von den Bau­ern­selbst­mor­den sogar den Weg in die wis­sen­schaft­li­che Gemein­schaft gefun­den hat. Letz­ten Okto­ber, bei einer öffent­li­chen Dis­kus­sion zum Thema Nah­rungs­mit­tel­si­cher­heit, stellte der Stanford-Biologe Paul Ehr­lich fest, dass »Mons­anto die meis­ten die­ser Bau­ern in Indien getö­tet hat.« Ehr­lich wurde auch berühmt durch seine Vor­aus­sage aus den Sech­zi­ger­jah­ren, dass eine Hun­gers­not über Indien her­ein­bre­chen und inner­halb einer Dekade »Hun­derte von Mil­lio­nen Men­schen ver­hun­gern« wür­den. Damit lag er nicht nur ein­fach falsch, die Wei­zen­pro­duk­tion in Indien ver­dop­pelte sich sogar zwi­schen 1965 und 1972.
Die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­tion schätzt, dass ein­hun­dert­sieb­zig­tau­send Inder jedes Jahr Selbst­mord bege­hen – etwa fünf­hun­dert am Tag. Obwohl sich viele indi­sche Bau­ern umbrin­gen, ist die Selbst­mord­rate in den letz­ten zehn Jah­ren laut einer Stu­die von Ian Ple­wis von der Uni­ver­si­tät Man­ches­ter nicht ange­stie­gen. Tat­säch­lich ist die Selbst­mord­rate unter indi­schen Bau­ern gerin­ger als die der ande­ren Inder und ver­gleich­bar mit der fran­zö­si­scher Bau­ern. Ple­wis stellte fest, dass »das Mus­ter der Ver­än­de­rung in der Selbst­mord­rate in den letz­ten fünf­zehn Jah­ren für einen vor­teil­haf­ten Effekt von Bt Cot­ton für Indien als Gan­zem spricht, wenn auch viel­leicht nicht für jeden ein­zel­nen Bun­des­staat, in dem Baum­wolle ange­baut wird.«
Den­noch schien es, als kann­ten die meis­ten Bau­ern, die ich in Maha­rash­tra trat, min­des­tens eine Per­son, die sich das Leben genom­men hatte, und alle waren sich einig über die Gründe: Es gibt kaum bezahl­bare Kre­dite, keine soziale Absi­che­rung und keine brauch­ba­ren Pro­gramme zur Ver­si­che­rung der Ern­ten. Die ein­zi­gen Bau­ern in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten, die keine Ern­te­ver­si­che­rung haben, sind die, die aus phi­lo­so­phi­schen Grün­den jeg­li­che staat­li­che Unter­stüt­zung ableh­nen. In Indien steht man bei einer Miss­ernte ganz allein da. Alle Bau­ern benö­ti­gen Kre­dite, aber die Ban­ken geben sie ihnen nur sel­ten. »Wir wol­len unsere Kin­der zur Schule schi­cken«, sagte mir Pawar. »Wir wol­len bes­ser leben, wir wol­len Aus­rüs­tung kau­fen. Aber wenn die Ernte aus­bleibt, kön­nen wir nicht zah­len.« In den meis­ten Fäl­len gibt es keine andere Wahl, als sich an Geld­ver­lei­her zu wen­den, und in Dör­fern wie Dhok­sal sind das oft die glei­chen, die auch das Saat­gut ver­kau­fen. Der jähr­li­che Zins­satz auf Dar­le­hen kann auf bis zu vier­zig Pro­zent anstei­gen, was sich wohl nir­gendwo ein Bauer leis­ten könnte. »Ich bin ganz und gar uneins mit mei­nen Kol­le­gen, die mei­nen, dass diese Selbst­morde mit Bt Cot­ton zu tun haben«, sagte mir Suman Sahai, als ich mit ihr in Delhi sprach. Sahai ist keine ideo­lo­gi­sche Geg­ne­rin des Ein­sat­zes gene­tisch ver­än­der­ter Nutz­pflan­zen, aber sie glaubt, dass die indi­sche Regie­rung sie schlecht regu­liert. Den­noch, sagt sie, sei das Gerede von den Bt-Selbstmorden über­trie­ben. »Wenn man mor­gen die Erlaub­nis zurück­zöge, Bt Cot­ton anzu­bauen, würde das die Selbst­morde auf den Bau­ern­hö­fen stop­pen?«, sagte sie. »Es würde nicht viel Unter­schied machen. Stu­dien haben gezeigt, dass unzu­mut­bare Kre­dite und der Man­gel an finan­zi­el­ler Unter­stüt­zung für die Land­wirt­schaft die Ursa­che sind. Das ist wirk­lich kein Geheimnis.«

Der jähr­li­che Zins­satz auf Dar­le­hen der Bau­ern kann auf bis zu vier­zig Pro­zent ansteigen

Es wäre ver­mes­sen, ver­all­ge­mei­nernde Schlüsse über die kom­ple­xen finan­zi­el­len Umstände von Indi­ens zwei­hun­dertsech­zig Mil­lio­nen Bau­ern zu zie­hen, nach­dem man ein Dut­zend von ihnen getrof­fen hat. Aber ich habe nichts gese­hen oder gehört, das Vandana Shi­vas Theo­rie stüt­zen könnte, dass Bt Cot­ton eine »Epi­de­mie von Selbst­mor­den« aus­ge­löst hätte. »Wenn man jemand einen Lüg­ner nennt, unter­stellt das, dass die Per­son weiß, dass sie lügt«, erzählte mir Mark Lynas kürz­lich am Tele­fon. »Ich glaube nicht, dass Vandana Shiva das unbe­dingt weiß. Aber ihre Ideo­lo­gie und ihre poli­ti­schen Über­zeu­gun­gen machen sie blind. Des­halb ist sie so effi­zi­ent und so gefähr­lich.« Lynas berät zur Zeit die Regie­rung von Ban­gla­desch bei ihren Ver­su­chen mit Bt Brin­jal (Auber­gi­nen), einer Nutz­pflanze, die, obwohl sie mehr­fach von Fach­leu­ten frei­ge­ge­ben wurde, vom Umwelt­mi­nis­ter in Indien abge­lehnt wurde. Brin­jal ist die erste gen­mo­di­fi­zierte Nah­rungs­pflanze in Süd­asien. Shiva schrieb vor Kur­zem, dass das Pro­jekt in Ban­gla­desch nicht nur schei­tern würde, es würde auch die Bau­ern umbrin­gen, die daran teil­näh­men.
»Sie ist sehr geschickt darin, wie sie ihre Kräfte ein­setzt«, sagte Lynas. »Aber auf einer grund­sätz­li­chen Ebene ist sie eine Dem­ago­gin, die die uni­ver­sel­len Werte der Auf­klä­rung ablehnt.«

Tren­ner

Man kann schon lange nicht mehr über gene­tisch ver­än­derte Nutz­pflan­zen spre­chen, ohne über Mons­anto zu spre­chen, einem Unter­neh­men, das so umfas­send ver­hasst ist, dass kaum eine Woche ver­geht, ohne dass irgendwo auf der Welt gegen seine Macht und seine Pro­dukte pro­tes­tiert wird. Shiva hat wie­der­holt gesagt, dass dem Unter­neh­men der Pro­zess gemacht wer­den müsste wegen »Öko­zid und Geno­zid«. Als ich Mons­an­tos Vor­stands­vor­sit­zen­den Hugh Grant fragte, wie er mit sol­chen Vor­wür­fen umgehe, sah er mich an und schüt­telte lang­sam den Kopf. »Wir sind ein Unter­neh­men, das auf Wis­sen­schaft basiert«, sagte er, »ich bin sehr fest davon über­zeugt, dass man ein wis­sen­schaft­li­ches Fun­da­ment braucht, sonst kommt man aus der Spur.«
Es war ein unge­wöhn­lich hei­ßer Tag in St. Louis, wo sich die Zen­trale von Mons­anto befinde. Grant trug kein Jackett und seine Hemds­är­mel waren zur Hälfte auf­ge­rollt. »Offen­sicht­lich bin ich ein opti­mis­ti­scher Schotte«, sagte er mit einem Akzent, der von vie­len Jah­ren in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten gemil­dert wor­den war. »Sonst würde ich mei­nen Lebens­un­ter­halt anders ver­die­nen.« Grant betont oft die Not­wen­dig­keit, Nutz­pflan­zen zu ent­wi­ckeln, die weni­ger Was­ser benö­ti­gen, und unter­streicht seit Jah­ren, dass GMOs allein die Welt nie ernäh­ren könn­ten.
Den­noch ist Mons­anto den Markt für trans­gene Nutz­pflan­zen mit einem Eifer ange­gan­gen, der gele­gent­lich selbst den Befür­wor­tern der zugrun­de­lie­gen­den Wis­sen­schaft Sorge berei­tet. »Als die Tech­no­lo­gie der gene­ti­schen Modi­fi­ka­tion in den Kin­der­schu­hen steckte, hat­ten viele Men­schen Beden­ken«, sagte Anne Glover, die füh­rende Bera­te­rin des Prä­si­den­ten der Euro­päi­schen Kom­mis­sion kürz­lich. Glover hält es für unethisch, gen­mo­di­fi­zierte Nutz­pflan­zen zu igno­rie­ren, wo andere Ansätze geschei­tert sind. »Die Men­schen haben immer noch Sor­gen wegen gen­mo­di­fi­zier­ter Pflan­zen«, sagte sie. »Die meis­ten von ihnen sind unsi­cher, nicht wegen der Tech­no­lo­gie, son­dern wegen der Geschäfts­prak­ti­ken im Agrifood-Sektor, der von mul­ti­na­tio­na­len Unter­neh­men domi­niert wird.« Sie sagte, dass diese Unter­neh­men die Kom­mu­ni­ka­tion mit ihren Kun­den deut­lich ver­bes­sern müss­ten.
Grant stimmt ihr in die­sem Punkt zu. »Jah­re­lang hät­ten wir uns als Biotech-Unternehmen bezeich­net«, sagte er. »Wir sind so weit unten in der Nah­rungs­kette … wir dach­ten immer, dass wir von dem, was im Regal lan­det abge­kop­pelt wären. Und wir sind es nicht.« Er stellte fest, dass in den letz­ten fünf­zig Jah­ren die Ver­bin­dung zwi­schen den ame­ri­ka­ni­schen Bau­ern und ihren Kun­den immer ange­spann­ter wurde, das aber jetzt anfing, sich zu ändern. »Die Men­schen mögen uns has­sen«, sagte er, »aber mitt­ler­weile spre­chen wir alle über die­sel­ben The­men. Und das ist eine Ver­än­de­rung, die ich begrüße. Ernäh­rung und Land­wirt­schaft sind end­lich Gesprächs­thema.« Grant erzählte, dass er 2002 eine Stu­die in Auf­trag gege­ben hatte, die sich mit dem Gedan­ken aus­ein­an­der­set­zen sollte, den Namen des Unter­neh­mens zu ändern. »Es hätte fünf­und­zwan­zig Mil­lio­nen Dol­lar gekos­tet«, sagte er. »Damals sah das nach Geld­ver­schwen­dung aus.« Er machte eine kleine Pause. »Ich hatte die Ent­schei­dung und beging einen gro­ßen Feh­ler.«
Die all­um­fas­sende Beses­sen­heit mit Mons­anto hat eine ver­nünf­tige Dis­kus­sion von Risiko und Nut­zen gene­tisch modi­fi­zier­ter Pro­dukte schwie­rig gemacht. Es gibt viele aka­de­mi­sche Wis­sen­schaft­ler, die nicht für Mons­anto oder andere große Unter­neh­men arbei­ten und sich mühen, Nutz­pflan­zen zu ent­wi­ckeln, die zusätz­li­che Nähr­stoffe ent­hal­ten, und sol­che, die Dürre, Über­schwem­mun­gen oder Boden­ver­sal­zung stand­hal­ten. Merk­male, die von den ärms­ten Bau­ern der Welt drin­gend benö­tigt wer­den. Gol­de­ner Reis – ange­rei­chert mit Vit­amin A – ist das bekann­teste Bei­spiel. Mehr als ein­hun­dert­neun­zig Mil­lio­nen Kin­der unter fünf Jah­ren lei­den unter Vitamin-A-Mangel. Jedes Jahr erblin­den bis zu einer hal­ben Mil­lion von ihnen. Reis­pflan­zen pro­du­zie­ren Beta-Carotin, die Vor­stufe von Vit­amin A, in den Blät­tern, aber nicht in den Kör­nern. Um Gol­de­nen Reis her­zu­stel­len, haben die Wis­sen­schaft­ler ent­spre­chende Gene auch in die ess­ba­ren Teile der Pflanze gesteckt.

Gol­de­ner Reis wäre ein Teil der Lösung des Pro­blems Mangelernährung

Es wurde nie behaup­tet, Gol­de­ner Reis könne mehr sein als ein klei­ner Teil der Lösung des Pro­blems der Man­gel­er­näh­rung und die geis­ti­gen Eigen­tums­rechte lie­gen seit Lan­gem beim gemein­nüt­zi­gen Inter­na­tio­nal Rice Rese­arch Insti­tute, das For­schern die Rechte kos­ten­los ver­füg­bar macht. Den­noch ist der Reis nach mehr als zehn Jah­ren des Wider­stands über­all ver­bo­ten. Zwei Öko­no­men, einer von Ber­ke­ley und einer aus Mün­chen, haben vor Kur­zem die Fol­gen des Banns betrach­tet. In ihrer Stu­die The Eco­no­mic Power of the Gol­den Rice Oppo­si­tion rech­ne­ten sie aus, dass kei­nen Gol­de­nen Reis zu haben in den letz­ten zehn Jah­ren den Ver­lust von 1 424 680 Lebens­jah­ren allein in Indien ver­ur­sacht hat. (Anfang die­ses Jah­res wur­den einige der welt­weit ers­ten Test­pflan­zun­gen auf den Phil­ip­pi­nen von Van­da­len zer­stört.)
Der Bedarf an wider­stands­fä­hi­ge­ren Nutz­pflan­zen war noch nie so groß. »In Afrika sind die Schäd­linge und Pflan­zen­krank­hei­ten der Land­wirt­schaft so ver­hee­rend wie mensch­li­che Krank­hei­ten«, erzählte mir Gor­don Con­way, der zum Vor­stand der Afri­can Agri­cul­tu­ral Tech­no­logy Foun­da­tion gehört. Er fügte hinzu, dass die Aus­wir­kun­gen von Krank­hei­ten wie die Pilz­er­kran­kung Schwarze Blatt­ma­sern (Black Sigatoka), das para­si­täre Unkraut Striga oder die neu iden­ti­fi­zierte Virus­erkrankung Maize Lethal Necro­sis, die alle die wich­tigs­ten afri­ka­ni­schen Nutz­pflan­zen angrei­fen, »in vie­len Fäl­len min­des­tens so töd­lich sind wie HIV und TB«. Jah­re­lang hat in Tan­sa­nia eine Braun­strei­fen­vi­rus genannte Krank­heit den Maniok ange­grif­fen, eine wesent­li­che Quelle für Koh­len­hy­drate in der Region. For­scher haben eine virus­re­sis­tente Ver­sion des stär­ke­hal­ti­gen Wur­zel­ge­mü­ses ent­wi­ckelt, die jetzt in Feld­ver­su­chen getes­tet wird. Aber wie­der war der Wider­stand, teils von Shiva ange­lei­tet, hef­tig.
Mais ist die am häu­figs­ten ange­baute Grund­nah­rungs­pflanze in Afrika, aber er ist sehr emp­find­lich gegen Tro­cken­heit. For­scher arbei­ten an einer Sorte, die Striga und dem in Afrika ende­mi­schen Mais­stri­chel­vi­rus wider­steht, es gab viel­ver­spre­chende Fort­schritte bei Augen­boh­nen, die gegen Insek­ten unemp­find­lich sind, und bei mit Nähr­stof­fen ange­rei­cher­ter Hirse. Andere Wis­sen­schaft­ler arbei­ten an Pflan­zen, die den Bedarf an Stick­stoff­dün­ger erheb­lich redu­zie­ren, und eini­gen, die gesunde Omega-3-Fettsäuren pro­du­zie­ren. Kei­nes die­ser Pro­dukte hat es bis­her geschafft, die regu­la­to­ri­schen Hür­den zu über­win­den, die von ihren Geg­nern errich­tet wur­den.
Als ich in Indien war, besuchte ich Dee­pak Pen­tal, den frü­he­ren Vize­kanz­ler der Uni­ver­si­tät von Delhi. Pen­tal, ein ele­gan­ter, leise spre­chen­der Mann, ist Pro­fes­sor für Gene­tik und einer der ange­se­hens­ten Wis­sen­schaft­ler des Lan­des. »Wir haben den Feh­ler gemacht, die gene­tisch modi­fi­zier­ten Pro­dukte all­zu­sehr zu pro­mo­ten, zu sagen, dass es eine Tech­no­lo­gie sei, die alle Pro­bleme lösen würde«, begann er. »Der Hype hat uns gescha­det.« Pen­tal, der sei­nen Dok­tor­ti­tel an der Rut­gers Uni­ver­si­tät in New Jer­sey erhal­ten hat, wid­mete einen gro­ßen Teil sei­ner Lauf­bahn der For­schung an Bras­sica jun­cea, Senf­sa­men. Senf und Raps, Bras­sica napus, sind eng ver­wandt.
Senf wird in Indien auf sechs Mil­lio­nen Hektar ange­baut. Es gibt Teile des Lan­des, in denen die Bau­ern kaum eine andere Nutz­pflanze anpflan­zen. »Wir haben eine Sorte Senföl ent­wi­ckelt, des­sen Zusam­men­set­zung noch bes­ser ist als die von Oli­venöl«, sagte er. »Es ent­hält viel Omega-3 und das ist für eine vege­ta­ri­sche Ernäh­rung unver­zicht­bar« – keine unwich­tige Über­le­gung in einem Land, in dem eine halbe Mil­li­arde Men­schen kein Fleisch essen. Die Schärfe, die die meis­ten Men­schen mit Senf ver­bin­den, wurde aus dem Öl her­aus­ge­züch­tet, es ent­hält auch nur wenige gesät­tigte Fette. »Es ist ein schö­nes, robus­tes Sys­tem«, sagte er und fügte hinzu, dass es meh­rere erfolg­rei­che Ver­su­che mit dem Senf gege­ben habe. »Unsere gesamte Arbeit wurde mit öffent­li­chen Mit­teln finan­ziert. Nie­mand wird jemals damit Pro­fit machen, das war nie unsere Absicht. Es ist eine sichere, nahr­hafte und wich­tige Nutz­pflanze.« Er wächst auch gut in tro­cke­ner Erde. Nur, er wurde in einem Labor her­ge­stellt und wird des­halb zwei Jahr­zehnte spä­ter immer noch nicht ein­ge­setzt.
Nahezu zwan­zig Pro­zent der Welt­be­völ­ke­rung lebt in Indien. Aber das Land ver­fügt nur über fünf Pro­zent des Trink­was­sers des Pla­ne­ten. »Jedes Mal, wenn wir ein Kilo­gramm Bas­ma­tireis expor­tie­ren, expor­tie­ren wir fünf­tau­send Kilo­gramm Was­ser«, sagte Pen­tal. »Das ist ein selbst­mör­de­ri­sches Vor­ge­hen. Die Ernäh­rung hat für uns keine Prio­ri­tät. Wir expor­tie­ren Mil­lio­nen Ton­nen Soja­mehl nach Asien. Die Japa­ner füt­tern damit Kühe. Der Nähr­wert des­sen, was eine Kuh in Japan frisst, ist höher als der Nähr­wert, was ein Mensch in Indien isst. Das muss aufhören.«

Wei­ßer Reis ist das lächer­lichste Lebens­mit­tel, das ­Men­schen anbauen können

Pen­tal bemühte sich, die Ent­täu­schung aus sei­ner Stimme her­aus­zu­hal­ten. »Wei­ßer Reis ist das lächer­lichste Lebens­mit­tel, das Men­schen anbauen kön­nen«, sagte er. »Es ist ein­fach nur ein Hau­fen Stärke, und wir fül­len unsere Bäu­che damit.« Er zuckte die Ach­seln. »Aber es ist natür­lich«, sagte er und betonte iro­nisch das letzte Wort. »Daher kann es bei den Maschi­nen­stür­mern beste­hen.«
Vor Kur­zem erklärte Shiva in einer Rede, warum sie Stu­dien ablehnt, aus denen her­vor­geht, dass gene­tisch ver­än­derte Pro­dukte wie Pen­tals Senföl sicher sind. Mons­anto, sagte sie, habe ein­fach für fal­sche Geschich­ten bezahlt und »jetzt kon­trol­lie­ren sie die gesamte wis­sen­schaft­li­che Lite­ra­tur der Welt«. Nature, Sci­ence und der Sci­en­ti­fic Ame­ri­can, drei weit­hin bewun­derte aka­de­mi­sche Publi­ka­tio­nen »sind jetzt zu Erwei­te­run­gen ihrer Pro­pa­ganda gewor­den. Es gibt keine unab­hän­gige Wis­sen­schaft mehr auf der Welt«.
Mons­anto ist zwei­fel­los reich, aber es hat ein­fach nicht so viel Macht. Exxon Mobil ist sie­ben Mal so viel wert wie Mons­anto, den­noch hat das Unter­neh­men es nicht geschafft, den wis­sen­schaft­li­chen Kon­sens zu ver­än­dern, dass fos­sile Brenn­stoffe die wesent­li­che Ursa­che des Kli­ma­wan­dels sind. Die Tabak­fir­men geben jedes Jahr mehr Geld für die Lob­by­ar­beit in Washing­ton aus als Mons­anto, aber es ist schwer, Wis­sen­schaft­ler zu fin­den, die das Rau­chen befür­wor­ten. Der Abstand zwi­schen der Wahr­heit über gene­tisch modi­fi­zierte Orga­nis­men und dem, was die Leute dar­über sagen, wird immer grö­ßer. Das Inter­net quillt über von Videos, die vor­ge­ben, die Lügen über gene­tisch modi­fi­zierte Pro­dukte zu ent­lar­ven. Mike Adams, der eine popu­läre Web­site namens Natu­ral News betreibt, ver­glich kürz­lich Jour­na­lis­ten, die sich kri­tisch mit Anti-GMO-Aktivisten wie Shiva aus­ein­an­der­set­zen mit Nazi-Kollaborateuren.
Der hart­nä­ckigste Ein­wand gegen die land­wirt­schaft­li­che Bio­tech­no­lo­gie und der am wei­tes­ten ver­brei­tete ist, dass wir, indem wir DNS von einer Lebens­form aus­schnei­den und sie in eine andere einsplei­ßen, eine unsicht­bare Linie über­schrit­ten haben und Lebens­for­men geschaf­fen haben, die anders sind als irgend­et­was, was man in der Natur fin­det. Diese Furcht ist zwei­fel­los auf­rich­tig. Aber ein ein­fa­cher Gang durch den Super­markt zeigt, dass nahezu jedes Lebens­mit­tel, das wir essen, modi­fi­ziert wurde, wenn nicht durch Gen­tech­nik, so durch tra­di­tio­nel­lere Zucht­me­tho­den oder durch die Natur selbst. Mais gäbe es nicht in sei­ner heu­ti­gen Form, wenn Men­schen die Pflanze nicht kul­ti­viert hät­ten. Die Pflanze wächst nicht in der Wild­nis und würde nicht über­le­ben, wenn wir plötz­lich auf­hör­ten, sie zu essen.
Wenn es um die Medi­zin geht, sind den Ame­ri­ka­nern die Gren­zen der Natur egal. Chir­ur­gen nähen rou­ti­niert Herz­klap­pen von Schwei­nen in die Her­zen von Men­schen, die Ope­ra­tion hat Zehn­tau­sen­den von Men­schen das Leben geret­tet. Syn­the­ti­sches Insu­lin, das erste gene­tisch ver­än­derte Pro­dukt, wird jeden Tag von Mil­lio­nen Dia­be­ti­kern ange­wen­det. Um das Medi­ka­ment her­zu­stel­len, fügen die Wis­sen­schaft­ler mensch­li­che Pro­te­ine in ein gewöhn­li­ches Bak­te­rium ein, das dann in rie­si­gen indus­tri­el­len Bot­ti­chen gezüch­tet wird. Gegen diese Fort­schritte wird nicht pro­tes­tiert. Im Gegen­teil, die Men­schen fra­gen danach und es ist anschei­nend uner­heb­lich, woher die Ersatz­teile kom­men.
Wenn Shiva schreibt »Gol­de­ner Reis wird die Man­gel­er­näh­rungs­krise ver­schlim­mern« und dass er Men­schen das Leben kos­ten werde, dann bestärkt sie die schlimms­ten Ängste ihres haupt­säch­lich aus dem Wes­ten stam­men­den Publi­kums.
Viel von dem, was sie sagt, trifft den Nerv der vie­len Men­schen, die das Gefühl haben, dass pro­fit­ori­en­tierte Unter­neh­men zu viel Macht über die Nah­rung haben, die sie essen. Die Argu­mente die­ser Men­schen sind durch­aus stich­hal­tig. Aber Shi­vas Aus­sa­gen wer­den sel­ten von Daten gestützt und ihr Stand­punkt ähnelt oft mehr jenem eines End­zeit­mys­ti­kers als dem eines Wis­sen­schaft­lers.
Gene­tisch ver­än­derte Pflan­zen wer­den das Pro­blem der Hun­der­ten von Mil­lio­nen Men­schen nicht lösen, die jede Nacht hung­rig ins Bett gehen. Es wäre viel bes­ser, wenn die Nah­rungs­mit­tel der Welt auch eine ange­mes­sene Ver­sor­gung mit Vit­ami­nen ent­hiel­ten. Es würde auch den Völ­kern vie­ler von Armut gebeu­tel­ter Län­der hel­fen, wenn ihre Regie­run­gen weni­ger kor­rupt wären. Befahr­bare Stra­ßen wür­den mehr dazu bei­tra­gen, Defi­zite in der Ernäh­rung zu ver­rin­gern, als gene­tisch modi­fi­zierte Orga­nis­men es jemals könn­ten, ebenso eine ange­mes­se­nere Ver­tei­lung der schwin­den­den Trink­was­ser­re­ser­ven der Erde. Keine ein­zelne Nutz­pflanze und kein ein­zi­ger land­wirt­schaft­li­cher Ansatz allein kann die Welt ernäh­ren. Damit Mil­li­ar­den Men­schen nicht Hun­ger lei­den müs­sen, brau­chen wir jeden ein­zel­nen davon.


Weinkritik: Der erste Bottletank

Am 12. Oktober trafen sich Sommeliers, Journalisten und Winzer zum ersten Bottletank, zu dem die Sternefresser in Kooperation mit Effilee eingeladen hatten. Die Idee ist, ähnlich wie beim Cooktank, den Erfahrungsaustausch zu fördern unter Leuten, die sich aus Profession und Leidenschaft mit dem Thema befassen. Zugleich sollte der geilste Deutsche Spätburgunder 2012 gekürt werden.

Nie wieder Stress mit der Weihnachtspost

»Mist! Die Weihnachtskarten! Schon wieder zu spät …« Immer mit der Ruhe! Erstens: Es ist noch jede Menge Zeit. Zweitens: Ihre werden dieses Jahr die originellsten. »Wie das?« Ganz einfach: Rechner starten, was Schönes aussuchen, nach Wunsch gestalten oder ein Liedchen draufträllern und ab geht die Onlinepost. »Online? An Oma?« Keine Sorge: Das Ganze geht auch analog auf schönem Papier mit passenden Umschlägen und mit Briefmarke.

Brief aus Vietnam: Ha noi, Hai phong, Cat Ba

Unser Korrespondent fliegt nach ­Vietnam und tut dort das Gleiche wie zu Hause: Er holt Essen vom Imbiss

Käse ist ein Frühaufsteher

Was hier einfach nur schön aussieht, ist doch ungemein nützlich – das saftige Weideland ist die Wiege eines der besten Käse der Schweiz: Tête de Moine

Effilee #29 – Magazin für Schinken und Käse

Die frischeste Effilee dieses Sommers, wenn nicht gar aller Zeiten. Hier wird gegessen, getrunken und allerlei Kluges darüber geschrieben. Erstmals mit sternefresser.de und captaincork.com

Professor Thomas Junker über das Fermentieren — Es blubbert überall

Der Fermentation, heißt es, haben wir viel zu verdanken. Sie soll unsere Lebensmittel bekömmlicher, gesünder und aromatischer machen. ­Höchste Zeit für eine dumme Zwischenfrage: Was ist das überhaupt? Der Frankfurter Biologe Professor Thomas Junker hat geantwortet

Billy Wagner — Der Überzeugungstäter

Text & Foto: Vijay Sapre Gebo­ren wurde er 1981 in Mitt­weida bei Karl-Marx-Stadt, dem heu­ti­gen Chem­nitz. Billy ist übri­gens kein Spitz­name, er heißt wirk­lich so. Seine Groß­el­tern und Eltern waren schon Gas­tro­no­men, das Kind wächst in der Wirt­schaft auf, wird, damit es was lernt, ins Inter­nat geschickt, kehrt zurück und macht eine Lehre im Her­zog­spark in […]

Ein Teller von Andree Köthe und Yves Ollech aus dem Essigbrätlein

Andree Köthe und Yves Ollech zeigen im Essigbrätlein in Nürnberg, dass Spitzenküche auch ohne Luxusprodukte geht

Brauerei Meister Zwickl-Bier hefetrüb

Text: Dirk Mül­ler Foto: Andrea Thode Ober­fran­ken besitzt mit zwei­hun­dertund­ei­ner Braue­reien die größte Braue­rei­dichte der Welt, vie­rund­sieb­zig davon befin­den sich in der Frän­ki­schen Schweiz. Für einen gro­ßen Bier­fan ist es hier also ein klei­nes Para­dies. Meis­tens ist der Braue­rei auch noch ein Restau­rant ange­schlos­sen, und so kann man herr­lich in Bier­gär­ten her­um­lun­gern, frän­ki­sche Spe­zia­li­tä­ten genie­ßen und […]