Erzähltes Leben

Käse ist ein Frühaufsteher

Was hier ein­fach nur schön aus­sieht, ist doch unge­mein nütz­lich – das saf­tige Wei­de­land ist die Wiege eines der bes­ten Käse der Schweiz: Tête de Moine

Text: Alex­an­der Kas­bohm Fotos: Andrea Thode
Großstadthektik sieht anders aus: Morgenstimmung im Kanton Jura in der französischen Schweiz

Groß­stadthek­tik sieht anders aus: Mor­gen­stim­mung im Kan­ton Jura in der fran­zö­si­schen Schweiz

Auf einem Hügel am Rande von Le Boé­chet, in den Ber­gen das Kan­tons Jura, mit­ten im Uhren­zen­trum der fran­zö­si­schen Schweiz liegt das kleine aber vor­züg­li­che Restau­rant Espace Pay­san Hor­lo­ger, das eigent­lich seine eigene Geschichte ver­dient hätte. Ich sitze hier jedoch nur zur Stär­kung nach einer lan­gen Reise. Der junge Koch Mathieu Bruno kocht ein­falls­reich und mit Gespür für die Seele der Gerichte ohne zwang­haft zu ver­su­chen, ori­gi­nell zu sein. Ich hoffe, irgend­je­mand wird eines Tages eine Ode an die pochier­ten Eier auf Mor­cheln, auf geba­cke­nem Schin­ken auf selbst­ge­mach­tem Toast mit grü­nem Spar­gel schrei­ben. An der Wand hängt ein Gemälde eines Uhr­ma­chers, der vor einem gro­ßen Fens­ter wer­kelt. Die­sen ­Uhr­ma­cher­bau­ern ver­dankt das Restau­rant sei­nen Namen. Frü­her war es in die­ser Gegend üblich, dass Bau­ern in den Win­ter­mo­na­ten Werk­stü­cke für die Uhren­ma­nu­fak­tu­ren fer­tig­ten. Das Bild ver­brei­tet ein Gefühl der kon­zen­trier­ten Kon­tem­pla­tion, die bes­tens zur sanf­ten Sät­ti­gung am Ende eines Mahls passt. Ich sitze zufrie­den vor mei­ner Käse­platte. Chaux d’Abel, weich wie ein däni­scher But­ter­käse, aber wür­zig wie ein Schwei­zer Berg­käse, Zie­gen­käse, Hart­käse und Tête de Moine, der Mönchs­kopf­käse, der nicht als Scheibe oder Stück ser­viert wird, ­son­dern als geschabte Rose. Und die­ser Käse ist es auch, der mich in diese saf­tig grü­nen Hügel ­gebracht hat. Was hat es mit die­sem Käse auf sich, des­sen Dar­rei­chungs­form einem Mar­ke­ting­ma­na­ger­hirn ent­sprun­gen scheint, aber doch eine jahr­hun­der­te­lange Tra­di­tion hat? Ich habe mir vor­ge­nom­men, den Mönchs­kopf von der Weide bis zur Käse­platte zu ­ver­fol­gen.
Als die Mön­che von Bel­le­lay im 12. Jahr­hun­dert began­nen, ihre Milch zu ver­kä­sen, nannte sich das Resul­tat noch schlicht Fro­mage de Bel­le­lay. Der Name Tête de Moine kam angeb­lich von fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­ons­trup­pen, die die cha­rak­te­ris­ti­sche Weise, den Käse von oben her­un­ter­zu­scha­ben, an die Rasur einer Möchs­ton­sur erin­nerte. Das mag so gewe­sen sein, oder es mag anders gewe­sen sein. Es gibt auch ver­schie­dene folk­lo­ris­ti­sche Erklä­run­gen, warum er tra­di­tio­nell geschabt und nicht geschnit­ten wird. Ver­mut­lich hat ein­fach ein schlauer Mönch bemerkt, dass durch die grö­ßere Ober­flä­che das Aroma inten­si­ver wird. Bis vor gut drei­ßig Jah­ren schabte man den Käse mit einem Mes­ser. Doch dann wirkte sich die Tat­sa­che, dass die Schwei­zer Uhren­in­dus­trie den Quarz ver­schla­fen hat, auf die Käse­scha­bung aus. 1982 brachte der gelernte Fein­me­cha­ni­ker Nico­las Crevoi­sier, durch die Schwei­zer Uhren­krise der Sieb­zi­ger plötz­lich mit mehr Frei­zeit als ihm lieb war geseg­net, die Girolle auf den Markt. Sie besteht aus einem Metall­stab, den man etwas unchrist­lich in den Mönchs­kopf treibt und der den Anker­punkt für eine Klinge bil­det, mit der man den Käse von oben her­un­ter­ra­siert. Inzwi­schen gehört die Girolle zur Stan­dard­aus­rüs­tung in Restau­rants und vie­len Pri­vat­haus­hal­ten. Für Nico­las Crevoi­sier dürfte sich die Krise gelohnt haben. Ich trinke noch einen Espresso im Pay­san Hor­lo­ger und bereite mich men­tal auf meine Expe­di­tion vor.

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Am nächs­ten Mor­gen fahre ich zu dem Milch­bau­ern Vin­cent Wer­meille. Links und rechts der Straße erstreckt sich eine Achtzehn-Loch-Golfanlage. Was letzt­lich aus­sieht wie der Rest der Land­schaft, nur eben mit acht­zehn Löchern und Fähn­chen. Schönste Früh­lings­vor­mit­tags­sonne strahlt aus dem fast wol­ken­lo­sen Blau auf die zahl­lo­sen Grün­schat­tie­run­gen von Wei­den, Wie­sen und Wäl­dern. Die kris­tal­len fri­sche Berg­luft erwärmt sich erstaun­lich schnell.
Vin­cent Wer­meil­les Kühe gra­sen gerade auf den satt­grü­nen Almen der Franche-Montagne, zu Deutsch Frei­berg – einst waren die Bewoh­ner von der Steu­er­pflicht befreit, um ihnen das Leben in der hoch gele­ge­nen Land­schaft schmack­haft zu machen. Etwa ein­tau­send Meter über Nor­mal­null sind wir hier. »Das ist zu hoch für Getreide. Hier gibt es des­halb auch nur exten­sive Land­wirt­schaft. Also Wei­de­land.« Sein T-Shirt fügt der bereits umfang­rei­chen Grün­pa­lette im Blick­feld eine wei­tere Nuance hinzu. Die­ses Wei­de­land ist die ent­schei­dende Grund­lage für den Mönchs­kopf­käse. »Weide und Heu gibt Tête de Moine. Keine Silage. Ers­tens würde man den Unter­schied schme­cken und zwei­tens kann man mit der Milch von sila­ge­ge­füt­ter­ten Kühen auch kei­nen Käse her­stel­len. Der würde sich auf­blä­hen.«
»Frü­her hat­ten die Mön­che im Som­mer eine viel zu hohe Milch­pro­duk­tion und frag­ten sich: Was machen wir mit der gan­zen Milch? Am Bes­ten einen Käse für den Win­ter.« Wir ste­hen auf den Beton­plat­ten im Hof vor dem Kuh­stall. Mon­sieur Wer­meille schließt ein Gat­ter, sperrt einen Weg mit einem Seil ab und klatscht mehr­fach in die Hände. Aus der Ferne hin­ter dem Hügel hört man ein Muhen. Nach eini­ger Zeit zeigt sich die erste Kuh auf dem Weg zum Stall. Nach und nach fol­gen die Kame­ra­den. Wenn etwa zwan­zig Hol­stei­ner Kühe mehr oder weni­ger direkt auf einen zukom­men, stellt sich unwill­kür­lich ein gewis­ses Bedro­hungs­ge­fühl ein. Daran ändern auch die schö­nen, sanf­ten Augen nichts. Man­che gehen vor­bei, andere blei­ben ste­hen und schauen mich an, wie ein Betrun­ke­ner, der kaum noch fokus­sie­ren kann und ver­sucht zu ent­schei­den, ob er sich prü­geln oder über­ge­ben will. Ich ver­su­che dem Zustand der Unsicht­bar­keit mög­lichst nahe zu kom­men, indem ich jede Bewe­gung, die als Angriff gese­hen wer­den könnte, ver­meide. End­lich zahlt sich die harte Schule der nächt­li­chen Knei­pen­tou­ren aus. Ich bin defi­ni­tiv nicht zum Stier­kämp­fer gebo­ren. Vin­cent Wer­meille und sein Sohn Jonas beglei­ten die Kühe nach und nach an ihre Plätze im Stall. Jonas schau­felt dem Vieh mit einer Forke Heu zu, Vin­cent wischt die Euter mit einem Des­in­fek­ti­ons­tuch ab und stöp­selt die Melk­ma­schine an. Plopp-plopp-plopp-plopp.
Das Tschu­ckern der Milch­pum­pen wird rhyth­misch kom­ple­xer, je mehr Euter ange­zapft wer­den. Vor dem Stall fal­len erste Regen­trop­fen auf Beton, Stroh und Kuh­hin­ter­las­sen­schaf­ten. Bis zu fünf­hun­dert Liter am Tag, bis zu sieb­zehn­tau­send Liter im Monat pro­du­zie­ren die Kühe von Vin­cent Wer­meille. Die Milch wird direkt in einen Kühl­tank gepumpt, früh am nächs­ten Mor­gen wird sie in die Käse­rei gefah­ren und verarbeitet.

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Ich tu es der Milch gleich und mache mich auf in eine Käse­rei. Inzwi­schen hat sich das leichte Tröp­feln zu einem amt­li­chen Früh­lings­guss ver­stärkt. Am Hin­ter­ein­gang der Käse­rei Kälin werde ich vom Chef per­sön­lich emp­fan­gen und in Schutz­klei­dung aus dün­ner Plas­tik­fo­lie ver­packt. Chris­tian Kälin hat die Käse­rei in Le Noir­mont 1997 von sei­nem Vater über­nom­men, der sie 1972 vom Vor­be­sit­zer, einem Herrn Schnei­der gekauft hat. In der Pro­duk­ti­ons­halle sind zwei junge Her­ren am Werk, Honky Tonk Women von den Rol­ling Sto­nes dröhnt mir ent­ge­gen. In einem Kup­fer­bot­tich wer­den etwa vier­tau­send­fünf­hun­dert Liter Milch lang­sam zu Käse­bruch. Für ein Kilo Käse benö­tigt man zehn Kilo Milch. Die ande­ren neun Kilo wer­den an Schweine ver­füt­tert. »Noch zwei Minu­ten«, sagt Chris­tian, seine Stimme über den Pegel von Maschi­nen und Sto­nes erhe­bend, und sticht den Bruch mit einer Art Kehr­blech aus Plas­tik an. »Wir haben das Lab vor etwa drei­ßig Minu­ten dazu­ge­ge­ben.« Das Lab spal­tet das Milch­ei­weiß Kasein so auf, dass die Milch ein­dickt, ohne sauer zu wer­den. Er sticht noch ein­mal hin­ein, mit dem Plas­tik­blech. »Jetzt ist gleich gut.« Drei Draht­siebe wer­den an eine Rühr­vor­rich­tung mon­tiert. Jedes dreht sich um die eigene Achse und gemein­sam krei­sen sie um den Mit­tel­punkt, sodass der künf­tige Käse immer gründ­li­cher zer­klei­nert wird. »Nor­ma­ler­weise brau­chen wir sie­ben Minu­ten fürs Schnei­den.« Er schiebt den Bruch mit dem Plas­tik­blech nach. »Beim Tête de Moine ist der Bruch etwas grö­ber, als beim Gruyère zum Bei­spiel.« Die Milch wird immer brü­chi­ger, der Bruch immer fei­ner. »Außer­dem wird der Tête de Moine nur auf acht­und­vier­zig Grad erhitzt, Gruyère auf acht­und­fünf­zig. Das macht den Unter­schied zwi­schen einem Halb­hart­käse und einem Hart­käse.« Wenn Herr Kälin das sagt, klingt es wie Hal­bacht­käse und Acht­käse, was unge­mein char­mant klingt und dem cre­mi­gen Cha­rak­ter des Käses auch viel gerech­ter wird. Er nimmt die Käse­siebe her­aus und über­prüft mit einer Hand den Griff der Masse. »Wenn der Griff zu schnell kommt, machen wir noch ein bis zwei Minu­ten Wärme.« Herr Kälin fühlt nach­denk­lich die Masse zwi­schen sei­nen Fin­gern. »Wärme!«, sagt er und dreht an einem Hebel am Kes­sel. »Milch hat einen PH-Wert von 6,7, Käse einen von 5,1. Bak­te­rien bauen den Milch­zu­cker ab und wan­deln ihn kom­plett in Milch­säure um. Würde von dem Milch­zu­cker etwas übrig blei­ben, würde er von uner­wünsch­ten Bak­te­rien abge­baut und der Käse würde fau­len.«
»Ist der Milch­zu­cker weg, haben diese Bak­te­rien nichts, wovon sie leben kön­nen. Die Bak­te­rien, die bei der Sal­zig­keit leben kön­nen, kön­nen gut mit dem Käse arbei­ten. Natür­li­che Selek­tion.« Herr Kälin führt uns die Treppe hin­un­ter in den Kel­ler. In einem Salz­bad lagert die Käse­pro­duk­tion des Vor­tags. »Der Käse bleibt vier­und­zwan­zig Stun­den in der Lauge, dadurch geht die Schotte raus.« Schotte? »Ja. Käse hat Käse und Schotte.«
Ein Geruch ähn­lich wie Käse schlägt einem ins Gesicht. Wie Käse, nur viel schär­fer, bei­ßen­der. Hoch­po­ten­ziert, bis an die Grenze zur Waf­fen­fä­hig­keit ange­rei­chert. Aber offen­bar kön­nen sich Lebens­for­men auch an diese Bedin­gun­gen anpas­sen. Zwi­schen den Käse­rei­hen ste­hen zwei Män­ner in Schutz­klei­dung und rei­ben jeden ein­zel­nen Leib mit Salz­was­ser ab. »Bei der Lage­rung ver­kür­zen Enzyme die Pro­te­in­ket­ten immer wei­ter und bil­den Geschmacks­ele­mente wie Glut­amat. Des­halb ist Käse, der län­ger gereift ist, auch wür­zi­ger.«
Die Laibe ruhen auf lan­gen Rega­len aus Fich­ten­holz. Die EU wollte Plas­tik vor­schrei­ben, aber das war keine schlaue Idee. Holz kann Was­ser auf­neh­men und abge­ben. Plas­tik nicht. Des­halb haben ins­be­son­dere die Fran­zo­sen, Fran­zo­sen, die sie sind, Non! gesagt und sich auch stur durch­ge­setzt. Jetzt lagert der Käse wie­der auf Fichte, anstatt auf Plas­tik zu gam­meln. »Es gibt viele Vor­schrif­ten«, sagt Chris­tian Kälin. »Man­che sind wich­tig, andere sind …« Er lässt einen Fin­ger an der Schläfe rotie­ren. Zwei Wochen lang wer­den die Laibe täg­lich mit Salz­was­ser ein­ge­rie­ben, danach zwei­mal die Woche. Drei bis sechs Monate bleibt der Käse hier, je nach gewünsch­ter Reife. Wir gehen wie­der hin­auf in die Produktionshalle.

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Der Käse­bruch wird abge­pumpt und in For­men ver­teilt, unten läuft die Schotte her­aus. Die Kon­sis­tenz ist jetzt etwa hüt­ten­kä­se­ar­tig. Nach etwa zwan­zig Minu­ten kommt ein Deckel drauf und drückt wei­tere Flüs­sig­keit her­aus. Herr Kälin hält ein Glas in den Schot­ten­strahl, trinkt, und bie­tet mir auch eins an. Er sieht aus und schmeckt wie dünne Milch. Was nicht wei­ter ver­wun­dert, schließ­lich ist es ja mehr oder weni­ger dünne Milch, deren Fest­stoffe ent­nom­men wur­den und die nun damit beschäf­tigt sind, sich in Käse umzu­wan­deln. Schotte ist also ein­fach Molke, nur mit einem schö­ne­ren Namen.
Chris­tian Kälin ist jeden Mor­gen um vier Uhr in sei­nem Betrieb. Um fünf beginnt der eigent­li­che Arbeits­tag. Käse­rei ist nichts für Lang­schlä­fer. Ins­ge­samt arbei­ten fünf Leute hier. Der Chef, die zwei geruch­re­sis­ten­ten Her­ren, die im Kel­ler gehal­ten wer­den, um den Käse mit Salz­was­ser ein­zu­rei­ben, und die bei­den jun­gen Män­ner aus der Pro­duk­ti­ons­halle, in der jetzt Got Me Under Pres­sure von ZZ Top läuft. Sébas­tien, der gerade mit einem Kehr­blech den Frisch­käse her­un­ter­drückt und Nico­las, ein ruhi­ger jun­ger Mann mit wachem, schel­mi­schem Blick, der sich als Kälin Junior her­aus­stellt und den Laden spä­ter ein­mal über­neh­men will. »Ich sehe mich nicht in einem Büro oder einer Fabrik. Mir gefällt die Arbeit hier gut. Anstren­gend, aber ange­neh­mer als ande­res.« Ich frage ihn, ob es nie Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit dem Vater über das Musik­pro­gramm gibt. Er grinst mich an. »Nein. Die Musik ist gut für den Käse.« Ich ent­le­dige mich des Plas­tik­sacks, der Schu­hüber­zie­her und des Haar­net­zes und werfe sie in eine Müll­tonne hin­ter dem Lager. In der Ein­fahrt haben sich ein paar Pfüt­zen auf dem Asphalt gebil­det, aber es hat auf­ge­hört zu reg­nen, und ich fahre ein Dorf wei­ter zu einem klei­nen Käser, der noch nach vor­in­dus­tri­el­len Stan­dards pro­du­ziert.
Die Sonne kommt wie­der her­vor. Anthra­zit­glän­zen­der Asphalt, glit­zern­des Grün am Stra­ßen­rand, son­nen­hell vor schwar­zem Him­mel. Es riecht nach nas­ser Erde, nas­sen Geh­weg­plat­ten und nas­sem Gras, damp­fend nach dem Früh­jahrs­guss. Rechts am Dorf­aus­gang von Mont­fau­con liegt der Bio­hof Laf­leur. Ins­ge­samt gibt es acht Her­stel­ler von Tête de Moine im Jura. Außer­halb des Juras gibt es keine Her­stel­ler, da Tête de Moine eine geschützte Ursprungs­be­zeich­nung ist. Also acht Her­stel­ler. Punkt. Einer davon ist Ber­nard Fro­idevaux, ein zar­ter, schlan­ker Mann Anfang sech­zig, ein inter­es­san­tes, wet­ter­ge­gerb­tes Gesicht wie ein Schä­fer, Haare wie ein Schaf, weiß, voll und wol­lig. Im Dorf nen­nen ihn alle nur Laf­leur. Er steht an einem gro­ßen Kup­fer­kes­sel und rührt. In sei­nem Kel­ler riecht es wie in einer Räu­che­rei, unter dem Kes­sel bren­nen Tan­nen­zweige aus sei­nem eige­nen Wald. Über­haupt ist alles eigen. Milch von eige­nen Kühen, eigene Bak­te­ri­en­kul­tu­ren. Die For­men für den Käse hat er selbst aus Holz gebaut. »Ich erhitze den Tête de ­Moine nach alter Tra­di­tion bei vier­und­vier­zig Grad. Ich habe Nost­al­gie. Ich mache es bei den nied­ri­gen Tem­pe­ra­tu­ren, weil die andern es bei hohen Tem­pe­ra­tu­ren machen. Bis zu drei­und­fünf­zig Grad sind erlaubt. Das ist fast ein ande­rer Käse. Der geht dann gut für die Girolle. Mei­ner geht gut mit dem Mes­ser zu scha­ben.« Sie­ben­hun­dert bis tau­send Stück stellt er im Jahr her. Kau­fen kann man sei­nen Käse unter ande­rem im Bio­la­den sei­ner Toch­ter, direkt nebenan. Seit sechs­und­drei­ßig Jah­ren stellt er Käse her und betreibt auf dem Hof mit sei­ner Frau Gene­viève eine kleine Pen­sion. »Bis 1952 gab es zwei Käse­reien im Ort. Aber nach dem Krieg wurde regio­na­ler Käse immer unpo­pu­lä­rer. Die Leute woll­ten fran­zö­si­schen Käse. Chau­mes oder Ähn­li­ches. Erst in den letz­ten Jahr­zehn­ten steigt das Inter­esse an den ört­li­chen Pro­duk­ten wieder.«

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Laf­leur bringt uns zu den sechs Kühen, die er noch hat. Grau­vieh, eine fast ver­ges­sene Rasse, die ursprüng­lich aus der Schweiz stammt, aber spä­ter aus Tirol re-importiert wer­den musste, weil es in der Schweiz keine Exem­plare mehr gab. Hüb­sche graue Tiere, deut­lich klei­ner als die schwarz­bun­ten Hol­stei­ner von Vin­cent Wer­meille. Frü­her hatte Laf­leur drei­ßig Kühe, aber die meis­ten hat er letz­tes Jahr an einen Bau­ern in der Nach­bar­schaft ver­kauft. Die Milch für sei­nen Käse und Joghurt kauft er jetzt dort. »Frü­her war die Arbeit eigent­lich ganz ent­spannt. Aber jetzt ist sie anstren­gend. Das Herz wird müde.« Er packt etwas Käse zusam­men, um ihn in den Laden sei­ner Toch­ter zu brin­gen. Ich pro­biere etwas von sei­nem Tête de Moine auf selbst­ge­mach­tem Brot. Durch die nied­ri­ge­ren Tem­pe­ra­tu­ren ist er etwas wei­cher und cre­mi­ger als andere, auch etwas mil­der. Auf jeden Fall ist er aus­ge­spro­chen wohl­schme­ckend. Ich ver­ab­schiede mich von Laf­leur, kaufe mir bei sei­ner Toch­ter noch etwas getrock­ne­tes Lamm­fleisch, schließ­lich kann man nicht von Käse allein leben, und mache mich auf den Weg.
Bevor ich mich in den Zug zurück nach Ham­burg setze, fahre ich auf Emp­feh­lung noch im Clos Jose­nat vor­bei. Eine kleine Pen­sion in Les Gene­vez, einem wei­te­ren klei­nen, ruhi­gen, in die Berge ein­ge­bet­te­ten Ort. Betrie­ben wird Le Clos Jose­nat von Nicole Stef­fan und Louis Humair. Ich wurde hier vor­bei­ge­schickt, weil es ers­tens eine ganz bezau­bernde Pen­sion ist, zwei­tens weil Madame her­vor­ra­gend kocht und drit­tens, weil es hier den bes­ten Damas­sine weit und breit gibt. Damas­sine ist ein regio­na­ler Pflau­men­schnaps. Aber zunächst habe ich das Ver­gnü­gen, die Bekannt­schaft von lach­sum­man­tel­ten Kar­tof­fel– und Apfel­stück­chen und einem but­ter­zar­ten Lamm­gu­lasch zu machen. Als ich nach dem Essen fett und zufrie­den wie ein kas­trier­ter Kater am Ess­tisch sitze, schenkt Louis Humair den Damas­sine aus. »Die­sen Schnaps stellt eine alte Dame in der Gegend her. Ich ver­rate aber die Adresse nicht. Auch Geor­ges Wen­ger ver­rate ich sie nicht. Aber er kann sich hier bei mir Fla­schen abho­len.« Geor­ges Wen­ger ist ein Spit­zen­koch in Le Noir­mont, zwei Sterne im Guide Miche­lin, acht­zehn Punkte im Gault Mil­lau, aber kei­nen direk­ten Zugang zum Damas­sine der alten Dame. »Hier, pro­bier mal. Ganz mild und weich. Madame nimmt die Kerne vor dem Bren­nen raus. Grö­ßere Betriebe machen das oft nicht. Des­halb wird deren Schnaps meist schär­fer.« Er greift sich zur Demons­tra­tion an den Hals und macht röchelnde Geräu­sche. Ich pro­biere. Keine Schärfe, keine Spri­tig­keit nur fruch­tige Pflaume und woh­lige Zufrie­den­heit, die durch die Kehle in den Bauch flie­ßen. Viel­leicht hatte ich ein­fach Glück mit den Men­schen, die ich hier getrof­fen habe, aber es ist nicht das erste Mal in den letz­ten Tagen, dass ich meine Gesprächs­part­ner die ganze Zeit in den Arm neh­men möchte. Viel­leicht bin ich auch nur sen­ti­men­tal. Und ich bin auch kein Spe­zia­list für Schweiz­rei­sen. Aber diese Region in der das Schwei­ze­ri­sche lang­sam ins Fran­zö­si­sche über­geht, hat eine ange­nehm ent­spannte Atmo­sphäre, die bei­den auf den ers­ten Blick doch sehr unter­schied­li­chen Kul­tu­ren ver­bin­den sich hier ruhig und unauf­ge­regt. Ich nehme noch einen Schluck und schaue aus dem Fens­ter auf die fast men­schen­leere Dorf­straße. Es gibt keine Käse­platte zum Abschluss, dafür noch einen Schluck Damassine.

Adres­sen:

Espace Pay­san Hor­lo­ger
Restau­rant, Hôtel,
Musée
2336 Le Boé­chet
www.paysan-horloger.ch

Fro­ma­ge­rie Kälin
Rue du Doubs 5
2340 Le Noir­mont
www.fromagerie-kaelin.ch

Ferme Laf­leur
Ber­nard & Gene­viève Fro­idevaux
Che­min de la Lou­vière 15
2362 Mont­fau­con
www.fermelafleur.ch

Le Clos Jose­nat
Nicole Stef­fan & Louis Humair
2714 Les Gene­vez
www.closjosenat.ch


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