Reportagen

Soylent: Das Ende vom Essen

Hat ein Tech­no­lo­gie­un­ter­neh­mer ein Pro­dukt ent­wi­ckelt, das unsere Mahl­zei­ten über­flüs­sig macht?

Rob Rhinehart empfindet Essen als Belastung. Er suchte nach einer Alternative – und wurde fündig © JULIO MILES/Soylent

Rob Rhi­ne­hart emp­fin­det Essen als Belas­tung. Er suchte nach einer Alter­na­tive – und wurde fün­dig © JULIO MILES/Soylent

Text: Liz­zie Wid­di­combe, © The New Yor­ker 2014 Fotos: Julio Miles/Soylent

Im Dezem­ber 2012 leb­ten drei junge Män­ner in einem win­zi­gen Apart­ment im Tenderloin-Distrikt von San Fran­cisco und arbei­te­ten an einem Technologie-Startup. Sie hat­ten einhundert­siebzigtausend Dol­lar von Y Com­bi­na­tor bekom­men, einem Inku­ba­tor, aber das Pro­jekt – sie hat­ten geplant, preis­güns­tige Mobil­funk­türme zu bauen – war geschei­tert. Da nur noch sieb­zig­tau­send Dol­lar übrig waren, beschlos­sen sie, ­Ideen für neue Soft­ware aus­zu­pro­bie­ren, bis das Geld alle wäre. Aber wie könnte man es hin­krie­gen, dass das Geld län­ger reichte? Die Miete musste bezahlt wer­den. Ein Pri­vat­le­ben hat­ten sie auch nicht, da sie wie ver­rückt arbei­te­ten. Beim Blick aufs Bud­get blieb ein gro­ßes Pro­blem: Essen.

Sie hat­ten zumeist von japa­ni­schen Nudel­sup­pen gelebt, von Corn Dogs, Tiefkühl-Quesadillas, dazu Vitamin-C-Tabletten, um Man­gel­er­schei­nun­gen vor­zu­beu­gen, aber die Lebens­mit­tel­rech­nun­gen sum­mier­ten sich immer noch. Rob Rhi­ne­hart, einer der jun­gen Unter­neh­mer war genervt, dass er über­haupt essen musste. »Essen war so eine große Belas­tung«, erzählt er mir. »Es kos­tete Zeit und Mühe. Wir hat­ten eine sehr kleine Küche und keine Spül­ma­schine.« Er ver­suchte es mit sei­ner eige­nen Ver­sion von Super Size Me und ernährte sich von McDonald’s-Menüs und Fünf-Dollar-Pizzas von Little Cae­sars. »Aber nach einer Woche«, sagt er, »fühlte ich mich, als ob ich ster­ben müsste.« Alle Welt redete damals von Grün­kohl, also ver­suchte er es mit einer Grünkohl­diät. Aber das funk­tio­nierte auch nicht. »Ich war am Ver­hun­gern«, sagt er.

Rhi­ne­hart ist fünf­und­zwan­zig Jahre alt und hat Elektro-Ingenieurswesen an der Geor­gia Tech stu­diert. Er begann, Ernäh­rung als eine Auf­gabe für Inge­nieure zu betrach­ten. »Du brauchst nicht Milch, son­dern Ami­no­säu­ren und Lipide«, sagt er. »Du brauchst Koh­len­hy­drate, nicht Brot.« Früchte und Gemüse lie­fern Vit­amine und Mine­ra­lien aber sie sind »haut­p­säch­lich Was­ser.« Zu essen, so erschien es ihm, war eine wenig effi­zi­ente Mög­lich­keit, zu bekom­men, was er zum Über­le­ben brauchte. »Es kam mir vor wie ein Sys­tem, das zu kom­plex war, zu teuer und zu insta­bil«, erklärt er mir.

Der Film endet mit der Ent­deckung, dass Soy­lent Green aus Men­schen­fleisch besteht

Was wäre, wenn er sich die ein­zel­nen che­mi­schen Kom­po­nen­ten besor­gen würde? Er legte eine Pause bei den Soft­ware­ex­pe­ri­men­ten ein und las Lehr­bü­cher über die Bio­che­mie der Ernäh­rung und die Web­sei­ten der FDA, USDA und des Insti­tute of Medi­cine. Bald hatte er eine Liste von fünf­und­drei­ßig Nähr­stof­fen, die zum Über­le­ben not­wen­dig sind. Dann ging er statt zum Lebens­mit­tel­händ­ler ins Inter­net, bestellte sie – zumeist in Form von Pul­ver und Pil­len – und gab alles in einen Mixer zusam­men mit etwas Was­ser. Das Ergeb­nis, ein Che­mi­ka­li­en­brei, sah aus wie schlei­mige Limo­nade. Dann, so erzählt er, »fing ich an, davon zu leben.« Rhine­hart nannte sei­nen Trank Soy­lent, was die meis­ten an den Science-Fiction-Film Soy­lent Green mit Charl­ton Hes­ton erin­nert. Der Film spielt in einer dysto­pi­schen Zukunft, wo die Men­schen auf­grund von Über­be­völ­ke­rung und Umwelt­ver­schmut­zung von mys­te­riö­sen Waf­feln leben, die Soy­lent Green hei­ßen. Der Film endet mit der gru­se­li­gen Ent­de­ckung, dass Soy­lent Green aus Men­schen­fleisch besteht.

Rhi­ne­harts Zim­mer­ge­nos­sen waren skep­tisch. »Das wirkte ziem­lich schräg«, erzählt einer von ihnen. Sie kauf­ten wei­ter bei Costco. Nach einem Monat ver­öf­fent­lichte Rhi­ne­hart das Ergeb­nis sei­nes Expe­ri­ments in einem Blog Post mit dem Titel How I Stop­ped Eating Food. Der Post klingt nach Heu­reka!. Der che­mi­sche Trank, berich­tet Rhi­ne­hart, war »köst­lich! Ich fühlte mich, als hätte ich gerade das beste Früh­stück mei­nes Lebens geges­sen.« Soy­lent zu trin­ken, sparte ihm Geld und Zeit: Die Kos­ten für die Ernäh­rung waren von vier­hun­dert­fünf­zig Dol­lar im Monat auf fünf­zig gesun­ken. Kör­per­lich fühlte er sich »wie der Sechs-Millionen-Dollar-Mann. Ich bin fit­ter, meine Haut ist rei­ner, meine Zähne wei­ßer, mein Haar dich­ter und meine Schup­pen sind weg.« Sein Fazit: »Ich habe seit drei­ßig Tagen kei­nen Bis­sen geges­sen, und es hat mein Leben ver­än­dert.« Nach eini­gen Wochen war sein Blog Post an der Spitze bei Hacker News, einem Flur­funk­por­tal für die Tech­no­lo­gie­szene. Die Reak­tio­nen waren geteilt. »RIP Rob«, war ein Kom­men­tar auf Rhi­ne­harts Blog. Aber andere frag­ten nach der For­mel, die er – im Geist der Open-Source-Bewegung – online zur Ver­fü­gung stellte.

Einer der Bei­träge des Sili­con Val­ley zur Welt­kul­tur in den letz­ten zehn Jah­ren ist das Kon­zept des Life­hacking: Tricks, um das täg­li­che Leben so zu ver­ein­fa­chen, dass mehr Zeit für das bleibt, was man eigent­lich tun möchte. Rhi­ne­harts Zukunfts­nah­rung schien ein smar­ter Ansatz zu sein. Über­all began­nen Life­ha­cker, es aus­zu­pro­bie­ren und eigene Ver­sio­nen zu ent­wi­ckeln. Bald gab es Kom­men­tare auf Red­dit, wo es darum ging, wel­ches die ange­mes­sene Dosis von Kalzium-Magnesium-Pulver sei. Nach drei Mona­ten, so Rhi­ne­hart, begriff er, dass seine Mischung das Zeug zu einem Unter­neh­men hatte. »Zu mei­ner Lebens­qua­li­tät trug es mehr bei als irgend­eine App.« Er und seine Zim­mer­ge­nos­sen leg­ten die Soft­ware­ent­wick­lung zur Seite und stie­gen ins Syn­the­tic Food Busi­ness ein.


Tren­ner

Auf der Suche nach Finan­zie­rungs­mög­lich­kei­ten gin­gen sie ins Inter­net. Sie star­te­ten eine Crowdfunding-Kampagne über die man einen Wochen­vor­rat vor­pro­du­zier­tes Soy­lent für fünf­und­sech­zig Dol­lar bekom­men konnte. Ihr Ziel waren ein­hun­dert­tau­send Dol­lar, die inner­halb eines Monats zusam­men­kom­men soll­ten. Aber als sie die Seite frei­schal­te­ten, erzählt Rhi­ne­hart, »hat­ten wir das inner­halb von zwei Stun­den zusam­men.« Vor einer Woche seien die ers­ten drei­ßig­tau­send Ein­hei­ten kom­mer­zi­ell her­ge­stell­ten Soy­l­ents an Kun­den in ganz Ame­rika ver­schickt wor­den. Zusätz­lich zu dem Geld aus dem Crowd­fun­ding wurde die Pro­duk­tion von Kapi­tal­ge­bern aus dem Sili­con Val­ley finan­ziert, dar­un­ter Y Com­bi­na­tor und die Invest­ment­firma And­rees­sen Horo­witz, die eine Mil­lion Dol­lar bereitstellte.

Die Presse titelte, Soy­lent sei »das Ende des Essens« – eine eher düs­tere Aus­sicht. Man denkt an eine Welt ohne Piz­zabu­den oder Taco­stände, unsere Vor­rats­kam­mern bestückt mit einem beigen Pul­ver statt mit Bana­nen­brot, Spa­ghet­ties­sen oder Ein­la­dun­gen zum Eis ersetzt durch Abende, an denen wir Schlick schlür­fen. Aber, sagt Rhi­ne­hart, das ist nicht wirk­lich, was er sich vor­stellt. »An die meis­ten Mahl­zei­ten erin­nern wir uns gar nicht«, erzählt er mir. Er stellt sich vor, dass wir in der Zukunft »einen Unter­schied sehen wer­den, zwi­schen den Mahl­zei­ten, die wir zum Funk­tio­nie­ren brau­chen, und jenen, bei denen es um das Erleb­nis und die Gemein­schaft geht.« Soy­lent will nicht das Sonn­tags­es­sen erset­zen, zu dem jeder Gast etwas mit­bringt, son­dern die Tiefkühl-Quesadillas.

Auf der Fahrt zum Soylent-Stammsitz habe ich einen Stopp an einer teu­ren kali­for­ni­schen Saft­bar ein­ge­legt und halte nun einen kalt­ge­press­ten Neun-Dollar-Saft in einer glä­ser­nen Milch­fla­sche in der Hand. Rhi­ne­hart betrach­tet das Getränk, als sei es eine Pfeil­spitze aus Feu­er­stein. »Es ist irgend­wie archa­isch«, sagt er und weist dar­auf hin, dass es haupt­säch­lich aus Zucker besteht. »Sieh dir das Design an, es soll bäu­er­lich und natür­lich und kusche­lig aus­se­hen … Tat­säch­lich ist das ziem­lich schlecht für dich!«

Der Gedanke, dass wir uns von ­etwas Rei­ne­rem und Effi­zi­en­te­rem als Essen ernäh­ren könn­ten, ist schon lange Teil unse­rer kol­lek­ti­ven Fan­ta­sie­welt. Die alten Grie­chen schrie­ben über Ambro­sia, die Nah­rung der Göt­ter, die jedem Unsterb­lich­keit ver­lieh, der sie zu sich nahm. Mit dem auf­kom­men­den ­Raum­fahrt­zeit­al­ter träum­ten die Men­schen von Mahl­zei­ten in Pil­len­form: In Ray Brad­burys Mars-­Chroniken bewahrt eine Figur in einer Streich­holz­schach­tel genü­gend sol­cher Pil­len für meh­rere Wochen auf; bei den Jet­sons lie­fern die Pil­len deli­kate Geschmacks­emp­fin­dun­gen, kön­nen aber zu Ver­stop­fung führen.

Rhi­ne­hart sagt, dass er den Namen Soy­lent tat­säch­lich jenem Science-Fiction-Roman, Make Room! Make Room! (1966), ent­lehnt hat, der spä­ter als Soy­lent Green ver­filmt wurde und in dem eine Kom­bi­na­tion aus Soja­boh­nen und Lin­sen zur Ret­tung ange­sichts der von der Über­be­völ­ke­rung ver­ur­sach­ten Ver­wüs­tun­gen wird. Träume vom Essen kön­nen schnell zu Alp­träu­men wer­den: zum Bei­spiel Wil­lie Won­kas schreck­li­cher Dreigang-Dinner-Kaugummi, und in der Matrix wer­den Men­schen syn­the­tisch gezüch­tet, ernährt von den ver­flüs­sig­ten Über­res­ten ande­rer Men­schen die durch künst­li­che Nabel­schnüre gepumpt werden.

Der tech­ni­sche Fort­schritt hat eine neue Welle der Ver­un­si­che­rung über unsere ess­bare Gegen­wart mit sich gebracht und dazu eine wach­sende Sehn­sucht nach einer Zeit, als es noch keine Nah­rungs­mit­tel­lobby gab, keine gene­tisch modi­fi­zier­ten Lebens­mit­tel, keine Agrar­in­dus­trie und nicht das Unkraut­ver­nich­tuns­mit­tel Roun­dup. Dem Geburts­ort von Soy­lent in San Fran­cisco gegen­über, auf der ande­ren Seite der Bucht, liegt Alice Waters’ Chez Panisse, das Mekka der sai­so­na­len Küche, das zum Syn­onym für das bür­ger­li­che Essen in die­sem Land gewor­den ist. In den kali­for­ni­schen Farm-to-Table–Restau­rants wer­den Zuta­ten ser­viert, die seit der Bron­ze­zeit aus der Mode waren. (Ich hatte kurz dar­über nach­ge­dacht, zu mei­nem Saft noch einen Hir­se­sa­lat zu nehmen.)

Aber die Farm-to-Table-Philosophie ist an der arbei­ten­den Klasse im Wesent­li­chen vor­bei­ge­gan­gen. Die muss statt­des­sen mit den Aus­wir­kun­gen der indus­tri­el­len Her­stel­lung von bil­li­gen Lebens­mit­teln leben: Über­ge­wicht, Dia­be­tes und iro­ni­scher­weise Unter­er­näh­rung. Eine kürz­lich ver­öf­fent­lichte Stu­die der UN warnte davor, dass der Kli­ma­wan­del die glo­bale Nah­rungs­ver­sor­gung bedrohe und die Aus­wir­kun­gen sich in einer Weise ver­schlim­mern wür­den, dass sie nicht auf die Armen beschränkt blei­ben wür­den. (Die Restau­rant­kette Chipotle ver­kün­dete vor Kur­zem, dass sie auf­grund des Kli­ma­wan­dels keine Gua­ca­mole mehr anbie­ten könne.) Tim Gore, bei Oxfam zustän­dig für Ernäh­rungs­po­li­tik und Kli­ma­wan­del stellte fest: »Für die meis­ten Men­schen wer­den die Aus­wir­kun­gen des Kli­ma­wan­dels in ers­ter Linie am Essen zu spü­ren sein: wel­che Lebens­mit­tel sie essen, wie viel sie dafür bezah­len müs­sen, wel­che Aus­wahl sie haben.« Und die Nah­rung ist auch ein wesent­li­cher Teil des Pro­blems, Nutz­vieh ist für fast fünf­zehn Pro­zent aller Treib­haus­gas­emis­sio­nen ver­ant­wort­lich. In Kali­for­nien, das zur Zeit die schlimmste Tro­cken­heit sei­ner Geschichte erlebt, wer­den etwa acht­zig Pro­zent des Was­sers von der Land­wirt­schaft verbraucht.

Rhi­ne­hart ist kein Fan von Bau­ern­hö­fen, die er als »sehr inef­fi­zi­ente Fabri­ken« bezeich­net. Er glaubt, dass die Land­wirt­schaft mehr und nicht weni­ger indus­tria­li­siert wer­den sollte. »Was mich wirk­lich berührt, ist die Arbeit«, sagt er. »Land­wirt­schaft ist einer der gefähr­lichs­ten und dre­ckigs­ten Jobs, die es gibt. Und tra­di­tio­nell wird das von der Unter­schicht gemacht. Man muss so viel zu Fuß und von Hand erle­di­gen, so viel zäh­len und mes­sen. Das sollte unbe­dingt auto­matisiert werden.«

Der Stu­den­ten­kühl­schrank der Zukunft ent­hält Mil­ler Lite und einen Krug voll Soylent

Rhi­ne­hart führt mich durch die Büros von Soy­lent, die auch als Wohn­zim­mer für die Män­ner die­nen und an ein etwas unzeit­ge­mä­ßes Haus eines Dro­gen­kö­nigs aus Miami Vice erin­nern: schwarz schim­mernde Fuß­bö­den, weiße Sit­z­ele­mente, rie­sige Fens­ter und ein Swim­ming­pool hin­ter dem Haus. Aber die rie­si­gen Beu­tel mit wei­ßem Pul­ver, die im Kel­ler gewo­gen wer­den, sind nicht voll mit Kokain, son­dern mit Nähr­stof­fen – Eiweiß, Kali­um­chlo­rid und Xan­t­han, einem Ver­di­ckungs­mit­tel. Die Küche ist leer, bis auf einen Mixer. Rhi­ne­hart öff­net den Kühl­schrank und ver­kün­det: »Der Stu­den­ten­kühl­schrank der Zukunft.« Er ent­hält Mil­ler Lite, Würz­sau­cen und einen Krug voll Soy­lent. Ich bemerke eine Tüte mit Baby­ka­rot­ten: Essen! Rhine­hart, der Essen, das nicht Soy­lent ist, als Frei­zei­tes­sen bezeich­net, erklärt, dass einer der Zim­mer­ge­nos­sen sie als lus­ti­gen Snack gekauft hat.

Rhi­ne­hart nimmt das Soy­lent her­aus. In der For­mel, auf die er und seine Kol­le­gen sich fest­ge­legt haben, sind alle wich­ti­gen Bestand­teile der Ernäh­rung ver­tre­ten: Die Lipide kom­men von Rapsöl, die Koh­len­hy­drate von Mal­to­dex­trin und Hafer­mehl und das Eiweiß von Reis. Dazu geben sie Fisch­tran (für Omega-3-Fett­säuren; Vega­ner kön­nen statt­des­sen Lein­sa­menöl neh­men) und ver­schie­dene Vit­amine und Mine­ra­lien: Magne­sium, Kal­zium, Elek­tro­lyte. Rhi­ne­hart möchte Soy­lent ungern mit einem bestimm­ten Geschmack ver­bun­den wis­sen, des­halb ent­hält es bis­lang ledig­lich eine kleine Menge des Süß­stoffs Sucra­lose, um den Geschmack der Vit­amine zu über­de­cken. Das passt zu sei­ner Ein­schät­zung, dass Soy­lent zur Grund­ver­sor­gung gehö­ren sollte. »Ich glaube, die beste Tech­no­lo­gie ist die, die man nicht sieht«, sagt er. »Was­ser hat nicht viel Geschmack oder Aroma, und es ist das popu­lärste Getränk der Welt.« Er hebt den Krug mit der gelb­lich beigen Flüs­sig­keit in die Höhe. »Alles, was dein Kör­per braucht – willst du probieren?«

Der Geschmack von Soy­lent kommt einem bekannt vor, in ers­ter Linie hat es etwas Tei­gi­ges. Im Mund fühlt sich die Flüs­sig­keit glatt aber etwas kör­nig an und es hat eine hefige, woh­lige Fad­heit an sich. Ich habe gehört, dass es man­che an Cream of Wheat erin­nert oder an »das Metamu­cil mei­nes Groß­va­ters.« Ich schlürfe ein biss­chen und habe das nicht unan­ge­nehme Gefühl, kleine Schlu­cke aus einer Schüs­sel mit ver­wäs­ser­tem Pfann­ku­chenteig zu neh­men. Nicht schlecht. Ich schlürfe etwas mehr – und dann, ganz plötz­lich, muss ich auf­hö­ren. Ich fühle mich viel zu voll. »Wie viel habe ich gerade getrun­ken?« Rhi­ne­hart besieht sich mein Glas. »Hun­dert­fünf­zig oder zwei­hun­dert Kalo­rien«, sagt er. »Unge­fähr so viel wie ein Granolariegel.«

Rhi­ne­harts Schlaf­zim­mer ist karg, abge­se­hen von den Büchern über Wis­sen­schaft und Tech­no­lo­gie: Ste­ven Pin­ker, Isaac Asi­mov, R. Buck­mins­ter Ful­ler, der Futu­rist und Schöp­fer der geo­dä­ti­schen Kup­pel, den Rhi­ne­hart bewun­dert, weil er unge­zü­gelte Krea­ti­vi­tät und Prag­ma­tis­mus ver­eint. (Er benutzt sei­nen Spitz­namen Bucky.) Er deu­tet auf ein Pos­ter des mensch­li­chen Stoff­wech­sels. »Das ist das Leben – eine che­mi­sche Reak­tion auf Bei­nen«, erklärt er. »Bucky meint, der Kör­per sei eine hydro­elek­tri­sche Maschine.« Poli­tisch, sagt Rhi­ne­hart, sei er ein »abge­fal­le­ner Liber­tä­rer«, er glaube an die maxi­male Frei­heit, aber er hasse das Ver­schwen­de­ri­sche am Kapi­ta­lis­mus. »Die Dinge haben kei­nen Wert mehr«, erzählt er mir. Er ver­su­che, zu opti­mie­ren, wie er sich anziehe, und wechsle zwi­schen zwei Jeans. Dazu bestelle er ­Nylon– oder Polyester-T-Shirts bei Ama­zon und trage sie einige Wochen, bevor er sie spende. Wenn die Klei­der anfan­gen zu rie­chen, packe er sie ins Gefrier­fach, um den Geruch los­zu­wer­den. »Manch­mal, tags­über, rei­chen ein paar Stun­den dafür«, erzählt er mir. »Ich binde dann ein Hand­tuch um.«

In dem, was frü­her das größte Schlaf­zim­mer war, arbei­tet der Rest des Soylent-Teams an Lap­tops. Sie erin­nern ein wenig an eine ner­dige Boy­group: Matt Cauble sieht aus wie ein Sur­fer, Dave Ren­teln, ehe­mals Anfüh­rer des Rugby Teams von Har­vard, hat dicke Mus­keln, John Coo­gan ist schlak­sig und nied­lich, Julio Miles trägt einen Bart aus dem Sezes­si­ons­krieg. Wie Rhi­ne­hart selbst sind sie alle blü­hende Bei­spiele für den Soylent-Lifestyle. Ren­teln hatte etwas von sei­nem Ober­stu­fen­ge­wicht ver­lo­ren (»Ich habe mit Kalo­ri­en­re­duk­tion expe­ri­men­tiert«, sagt er), und Coo­gan berich­tet von »gesun­der Gewichts­zu­nahme«, seit er von Soy­lent lebt. Er ist über zwei Meter groß und hatte Schwie­rig­kei­ten, aus­rei­chend Kalo­rien zu bekom­men, als sie sich noch von Ramen ernährten.

Alle haben uns gera­ten, den Namen zu ändern. Inves­to­ren, Medi­en­leute, meine Mutter

»Ich finde, wir sehen gut aus«, stellt Rhi­ne­hart fest. Ich fragte, ob sie wirk­lich vor­hät­ten, ihr Pro­dukt Soy­lent zu nen­nen, was in mei­nen inof­fi­zi­el­len Feld­stu­dien im bes­ten Fall unan­ge­nehme Asso­zia­tio­nen mit Soja und Soil geweckt hatte, und im schlimms­ten Fall zur erschreck­ten Wie­der­ho­lung der Schlüs­sel­zeile aus dem Film: »Soy­lent Green ist Men­schen­fleisch!« »Alle haben uns gera­ten, den Namen zu ändern«, sagt Rhi­ne­hart, »Inves­to­ren, Medi­en­leute, meine Mut­ter.« »Meine Mut­ter auch«,sagt Ren­teln. Ihm gefalle das Selbst­iro­ni­sche an dem Namen, fährt Rhi­ne­hart fort, und wie er sich über die Emp­find­lich­kei­ten von Foo­dies lus­tig mache: »Die­ses Ethos, natür­lich, frisch, bio, strah­lend – das ist das Gegen­teil.« Wie auch immer, sagt er, viele junge Men­schen hät­ten die Sache, dass Soy­lent Green aus Men­schen bestehe, gar nicht mit­ge­kriegt. »Wenn du Soy­lent goo­gelst, sind wir vor dem Film.« Und er fügt hinzu: »­Ver­giss nicht, Star­bucks war der Typ aus ›Moby Dick‹.«


Tren­ner

Pati­en­ten in Kran­ken­häu­sern bekom­men seit Jahr­zehn­ten flüs­sige Nah­rung. Vor fünf­zig Jah­ren pürier­ten die Ärzte das Essen und füll­ten es in Schläu­che, wenn ein Pati­ent zu krank war, um selbst Nah­rung auf­zu­neh­men. Irgend­wann über­nah­men Unter­neh­men wie Abbott Nut­ri­tion, die Her­stel­ler von Ensure, das Geschäft. Ersatz­nah­rung wurde stan­dar­di­siert und wis­sen­schaft­lich. In den frü­hen Sech­zi­ger­jah­ren machte die NASA pul­ve­ri­sierte Getränke berühmt, als sie das Pro­dukt Tang bei Raum­flü­gen ein­setzte; wie Bruce Bis­trian, im Beth Israel Dea­co­ness Medi­cal Cen­ter in Bos­ton für die kli­ni­sche Ernäh­rung zustän­dig, erklärt, »explo­dierte der ganze Bereich.« Von den Sech­zi­gern bis in die Neun­zi­ger­jahre waren Flüs­sig­mahl­zei­ten in der Diät­szene popu­lär, weil sie es so leicht mach­ten, genau zu quan­ti­fi­zie­ren, wie viele Kalo­rien man zu sich nahm. Das war die Zeit von Met­re­cal, Slim­fast und »ein Shake zum Früh­stück, ein Shake zu Mit­tag und dann ein ver­nünf­ti­ges Abend­es­sen!« Wer heute Body­buil­der wer­den will, trinkt Mus­cle Milk, einen Pro­te­ins­hake, der für mehr Mus­keln sor­gen soll. Für Bis­trian ist Soy­lent kein Hexen­werk: »Jeder gute Ernäh­rungs­wis­sen­schaft­ler könnte die Zuta­ten in der rich­ti­gen Menge zusam­men­stel­len und so ein Rezept entwickeln.«

Viel­leicht ist der wich­tigste Unter­schied zwi­schen Soy­lent und Geträn­ken wie Ensure und Mus­cle Milk das Mar­ke­ting: Das Pro­dukt – und die Zusam­men­set­zung der Nähr­stoffe – wen­det sich an Büro­an­ge­stellte, denen es um die Effi­zi­enz geht und nicht an Män­ner im Fit­ness­stu­dio oder Senio­ren. Aus Sicht der Inves­to­ren könnte die Stra­te­gie für den Erfolg aus­rei­chen. Sam Alt­man von Y Com­bi­na­tor erwähnt Google und Face­book und weist dar­auf hin, dass es Such­ma­schi­nen und soziale Netz­werke gab, bevor diese bei­den ent­stan­den. »Die meis­ten Ideen, die man beset­zen kann, sind nicht neu«, sagt er. »Oft hat man sie nur nicht rich­tig umge­setzt oder vermarktet.«

Rhi­ne­hart betont in der Regel etwas ande­res an sei­nem Pro­dukt, näm­lich die Idee, dass man sich aus­schließ­lich von Soy­lent ernäh­ren könnte. Chris Run­ning, ein ehe­ma­li­ger Vor­stand von Mus­cle Milk und Bera­ter von Soy­lent nennt die­sen Gedan­ken »ris­kan­ter«. Wei­ter sagt er: »Ich glaube nicht, dass schon mal einer die­sen Stand­punkt ein­ge­nom­men hat.«

Die Ärzte, mit denen ich spre­che, bestä­ti­gen, dass man aus­schließ­lich von Soy­lent leben könnte. Aber wäre das klug? Es geht dabei vor allem um Sub­stan­zen in ech­tem Essen, die von Pflan­zen stam­men. Sol­che Stoffe sind für das Über­le­ben nicht not­wen­dig, aber epi­de­mio­lo­gi­sche Stu­dien deu­ten auf wich­ti­gen gesund­heit­li­chen Nut­zen. Lyco­pin, das Toma­ten rot macht, wurde mit nied­ri­gen Raten von Pro­sta­ta­krebs in Ver­bin­dung gebracht, und Fla­vo­no­ide, die Hei­del­bee­ren blau machen (und auch in Scho­ko­lade vor­kom­men) mit einem gesenk­ten Dia­be­tes­ri­siko. Wie unser Kör­per diese Che­mi­ka­lien nutzt, ist wis­sen­schaft­lich noch nicht ganz geklärt. Aber Wal­ter Wil­lett, der Vor­sit­zende des Fach­be­reichs Ernäh­rung an der Har­vard School of Public Health meint, dass es unklug wäre, dar­auf zu ver­zich­ten. »Es ist ein wenig ver­mes­sen, zu glau­ben, dass wir tat­säch­lich wis­sen, was alles zu einer opti­ma­len gesun­den Ernäh­rung gehört«, erzählt er mir. Man könne ohne die pflanz­li­chen Stoffe leben, »aber viel­leicht leben Sie dann nicht das maxi­mal Mög­li­che und viel­leicht funk­tio­niert nicht alles opti­mal. Es geht um viel mehr als nur um das Überleben.«

Rhi­ne­hart über­zeu­gen diese Über­le­gun­gen frei­lich nicht. »Wie viele Men­schen in der Geschichte haben denn über­haupt Brok­koli und Toma­ten bekom­men?«, fragt er. Bei sei­nen Stu­dien zur For­mel von Soy­lent hatte er über­legt, Phy­to­che­mi­ka­lien hin­zu­zu­fü­gen, aber nach­dem er Dut­zende von unschlüs­si­gen und wider­sprüch­li­chen Stu­dien gele­sen hatte, erschien es ihm kein effi­zi­en­ter Ein­satz sei­ner Ressourcen.

Die Pose als Silicon-Valley-Störenfried mag gestellt wir­ken, aber Rhine­hart hat sie ehr­lich erwor­ben: Bevor er Ernäh­rungs­dog­men umstür­zen konnte, musste er sich von orga­ni­sier­ter Reli­gion befreien. Er wuchs in einem Vor­ort von Atlanta auf, mit vier älte­ren Schwes­tern. Sein Vater war Bör­sen­mak­ler bei Mer­rill Lynch, die Mut­ter war zu Hause. Beide Eltern sind gläu­bige Chris­ten, und bis er acht­zehn wurde, war Rhi­ne­hart das auch. Die Schwie­rig­kei­ten began­nen im natur­wissenschaftlichen Unter­richt an sei­ner klei­nen High School, der Whi­te­field Aca­demy. Rhi­ne­hart, der in sei­ner Frei­zeit Com­pu­ter baute, hatte begon­nen, sich für Astro­phy­sik zu inter­es­sie­ren. Wie alles an sei­ner Schule, wurde auch Natur­wis­sen­schaft nach den Prin­zi­pien der Krea­tio­nis­ten gelehrt, die über­zeugt sind, dass die Welt weni­ger als zehn­tau­send Jahre alt ist. Rhi­ne­hart beschloss, in sei­ner Haus­ar­beit den Krea­tio­nis­mus aus wis­sen­schaft­li­cher Sicht zu bewei­sen. Er ver­tiefte sich in Dawkins und Hit­chens und suchte im Inter­net; er dachte, er würde schrei­ben: »Ich habe mich auf die Suche gemacht und all diese Beweise für das Chris­ten­tum gefun­den, und jetzt habe ich keine Zwei­fel mehr.« Aber das Gegen­teil geschah. In sei­ner Arbeit mit dem Titel Bad Reli­gion ging es darum, »warum ich kein Christ mehr war, warum ich nicht län­ger an Gott glaubte.« Er bekam ein F (eine sechs). Und er wurde aus der Gemeinde »ver­bannt«, wie er sagt. Seine Eltern akzep­tie­ren heute seine Ansich­ten. »Sie blen­den das aus«, sagt Rhinehart.

Rhi­ne­harts Her­kunft macht es etwas leich­ter, seine Arg­lo­sig­keit zu ver­ste­hen, wie auch seine Hin­gabe an eine wis­sen­schaft­li­che Denk­weise. Bio-Fanatiker erin­nern ihn an sich selbst als Gläu­bi­gen. »Alle sind so ›Natur, bio ist das Beste‹, und für mich klingt das sehr wie christ­li­che Fun­da­men­ta­lis­ten«, erzählt er mir. Als ich frage, wie der Ver­lust des Glau­bens ihn geformt habe, ant­wor­tet er: »Ich schätze, seit­her bin ich durch­weg Skeptiker.«

An einem hei­ßen Tag sind wir auf dem High­way, zwi­schen uns eine Was­ser­fla­sche voll Soy­lent. Rhi­ne­hart hat mich ein­ge­la­den, ihn auf einem Aus­flug nach El Segundo zu beglei­ten, wo wir einen ande­ren Ernäh­rungs­tech­no­lo­gen tref­fen wol­len: Ethan Brown, den Vor­stand von Beyond Meat, einer Firma, die aus Eiweiß von Erb­sen und Soja Ersatz für Huhn und Rind­fleisch her­stellt. Brown hat einen Food Truck vor einem Whole-Foods-Bioladen auf­ge­stellt und ver­schenkt Tacos. Um den Food Truck herrscht Party­atmosphäre, Soul­mu­sik tönt aus Laut­spre­chern und Ver­käu­fer rufen: »Free Tacos!« Bio­la­den­kun­den ste­hen da und gaf­fen. Am Truck ver­kün­det ein Schild: ECHTES FLEISCH. 100 % pflanz­li­ches Pro­tein. Rhi­ne­hart trägt Jeans, sein schwar­zes T-Shirt mit V-Ausschnitt und eine dünne Leder­ja­cke. Er steckt die Fla­sche mit Soy­lent in einen Kurier­beu­tel und wir gesel­len uns zu Brown, den wer­den­den Falschfleischmagnaten.

Brown ist ein hoch­ge­wach­se­ner Mann in den Vier­zi­gern, er trägt Turn­ho­sen und eine Base­ball­mütze. Er und Rhi­ne­hart tau­schen Tipps aus, wie man Pro­te­ine rei­nigt, und dann greift Brown sich einen Taco und rupft ein Stück Huhn aus­ein­an­der. Die weiße Sub­stanz ist bemer­kens­wert flei­schähn­lich: Sie schmeckt etwas fet­tig und die Tex­tur erin­nert an Mus­kel­fa­sern. »Siehst du, wie sich das zup­fen lässt?«, fragt Brown. »Das ist es, was uns unter­schei­det.« Warum gibt man sich so viel Mühe, es flei­schig zu machen? Brown erklärt, dass die größte Her­aus­for­de­rung bei der Nah­rungs­mit­tel­tech­no­lo­gie eine kul­tu­relle sei. »Die Leute haben zwei Mil­lio­nen Jahre Fleisch geges­sen«, sagt er. »Sie sind so ver­drah­tet, dass sie Fleisch mögen, und sie lie­ben das Drum­herum – Thanks­gi­ving, Weih­nach­ten, Sport­ver­an­stal­tun­gen.« Den Food Truck hat er, um zu zei­gen, dass pflanz­li­ches Huhn und Rind zu einem ame­ri­ka­ni­schen Lebens­stil pas­sen können.

Wir haben über­legt, Soy­lent mit Droh­nen aus­zu­lie­fern, sagt Rhi­ne­hart träumerisch

Ich frage Rhi­ne­hart, ob er je dar­über nach­ge­dacht hat, selbst einen Food Truck ein­zu­set­zen. Er scheint die Frage nicht zu ver­ste­hen. »Wir haben über­legt, Soy­lent mit Droh­nen aus­zu­lie­fern«, sagt er träume­risch. »Wo du ein­fach auf einen Knopf auf dei­nem Tele­fon drückst und eine Drohne kommt, lässt eine Fla­sche Soy­lent fal­len, und du tankst auf.«

Eine Kun­din vom Bio­la­den, eine Frau mitt­le­ren Alters bleibt ste­hen, um einen Taco zu pro­bie­ren. Brown beginnt sein Ver­kaufs­ge­spräch: »Passt zu allem, wozu Rind­fleisch passt«, sagt er. Sie wirkt offen. »Wie sieht die Ver­pa­ckung aus?«, fragt sie. Rhi­ne­hart hält sich etwas zurück. Er hat immer noch das Soy­lent in sei­nem Beu­tel, aber er scheint noch nicht bereit, es anzu­prei­sen. End­lich kommt ein bär­ti­ger Mann in einem ärmel­lo­sen Hemd und einer Jäger­mütze mit Tarn­mus­ter auf den Taco Truck zu. Sein Name ist Perry Gil­lotti. Er pro­biert den Taco, den Brown ihm ange­bo­ten hat, und ver­kün­det nach­dem er eine Minute gekaut hat: »Das schmeckt gut!« Rhi­ne­hart mischt sich in das Gespräch ein. Schüch­tern fragt er Gil­lotti, ob er etwas Soy­lent pro­bie­ren wolle. »Soy­lent?«
»Eine Ersatz­mahl­zeit«, sagt Brown. »Es ist ein biss­chen was ande­res als eine Ersatz­mahl­zeit«, kor­ri­giert Rhi­ne­hart. »Es ist eine Art kom­plet­ter Nah­rungs­er­satz. Theo­retisch könn­ten Sie ganz und gar davon leben. Tat­säch­lich wären Sie ziem­lich gesund.« Gil­lotti hebt die Augen­brauen. »Ihr könn­tet mich ins All schleu­dern und ich könnte von die­sem Zeug leben?« »Das ist die Idee«, sagt Rhi­ne­hart. Mit der etwas ange­streng­ten Stimme eines Markt­ver­käu­fers prä­sen­tiert er die Was­ser­fla­sche. »Es ist bil­lig, es ist ein­fach … Nur Was­ser zuge­ben, Sie brau­chen nicht ein­mal einen Mixer.« Er schüt­tet etwas in einen Plas­tik­be­cher und Gil­lotti pro­biert es. Er scheint über­rascht. »Es ist ange­nehm, nicht zu sandig.«

»Was arbei­ten Sie?«, fragt Rhi­ne­hart. Gil­lotti sagt, dass er Bau­ar­bei­ter sei in El Segundo. An den Wochen­en­den male er Land­schaf­ten. »Ja«, sagt Rhi­ne­hart, »dann könn­ten Sie das hier wäh­rend des Tages neh­men, wenn Sie arbei­ten.« Gil­lotti zieht ein iPhone in einer Camouflage-Hülle her­aus und macht eine Notiz. »Ich werd mir was davon besor­gen«, sagt er. Er fügt hinzu, dass er si ch beson­ders für Soy­lent inter­es­siere, weil er ein Prep­per sei, er hams­tere Was­ser und Nah­rung für sechs Monate zu Hause für den Fall einer apo­ka­lyp­ti­schen Kata­stro­phe. Rhi­ne­hart scheint das zu gefal­len. Er hält die Fla­sche mit dem Soy­lent hoch: »Unter idea­len Bedin­gun­gen könnte das viel län­ger halten.«


Tren­ner

Wäh­rend ich mit Rhi­ne­hart unter­wegs bin, mache ich mir Sor­gen über einen mög­li­chen Feh­ler in sei­ner Geschäfts­idee. Wie kann er erwar­ten, mit Soy­lent Geld zu ver­die­nen, wenn die For­mel im Inter­net steht. Es ist schwer vor­stell­bar, dass Coca-Cola das tun würde. Aber Alexis Oha­nian, einer der Grün­der der Web­site Red­dit und eben­falls Inves­tor bei Soy­lent, bezeich­net es als »die bril­lan­teste Mar­ke­ting­stra­te­gie ­aller Zei­ten, auch wenn sie es viel­leicht gar nicht so gemeint haben.« Die Heer­scha­ren von Leu­ten, die zu Hause mit ihren eige­nen Soy­lent­for­meln herum­ex­pe­ri­men­tie­ren, sind zu einer Fan­ba­sis gewor­den, die das Pro­dukt ver­bes­sern und es bekannt machen. »Das ist ein Traum!«, sagt Oha­nian. Rhi­ne­hart hat einen eher phi­lo­so­phi­schen Ansatz: »Wenn jemand einen bes­se­ren Weg fin­det, es her­zu­stel­len, ist es immer noch ein Gewinn für die Menschheit.«

Die Tagesration kommt in einem Plastikbeutel, der 1500 Kalorien aus beigem Staub enthält. Das Öl, das für etwa 500 Kalorien gut ist, kommt in einer Extraflasche

Die Tages­ra­tion kommt in einem Plas­tik­beu­tel, der 1500 Kalo­rien aus beigem Staub ent­hält. Das Öl, das für etwa 500 Kalo­rien gut ist, kommt in einer Extraf­la­sche © JULIO MILES/Soylent

Ange­sichts des Enthu­si­as­mus für Do-It-Yourself-Soylent weiß ich, dass ich irgend­wann selbst wel­ches werde machen müs­sen. Vor­pro­du­zier­tes Soy­lent wird in Pul­ver­form gelie­fert, eine Tages­ra­tion kommt in einem Plas­tik­beu­tel, der fünf­zehn­hun­dert Kalo­rien aus beigem Staub ent­hält. Das Öl, das für etwa fünf­hun­dert Kalo­rien gut ist, kommt in einer Extra­flasche. Die Ver­pa­ckung ist Space Age mit mini­ma­lis­ti­scher schwarz-weißer Typo­grafie, die an Paul-Mitchell-Shampoo erin­nert. Zwei Zuber­hör­teile sind dabei, ein metal­le­ner Mess­löf­fel und ein Plas­tik­be­cher mit einem luft­dich­ten Deckel. Um die Mahl­zeit zuzu­be­rei­ten, misst man das Pul­ver in den Becher ab, fügt Was­ser, Öl und nach Belie­ben Eis hinzu und schüt­telt es auf. »Soy­lent, das ran­zig riecht«, so der unsen­ti­men­tale Rat auf der Packung, »ist unver­züg­lich zu entsorgen.«

Do-It-Yourself-Soylent ist eine grö­ßere Her­aus­for­de­rung. Ich koche gern, aber, wie Rhi­ne­hart sagt: »Wir backen hier kei­nen Kuchen.« Man kann nicht ein­fach eine Prise Kalium hin­ein­wer­fen und hof­fen, dass es funk­tio­niert. (In der Anfangs­zeit hatte Rhi­ne­hart mit Unter– und Über­do­sie­run­gen bestimm­ter Nähr­stoffe expe­ri­men­tiert. Mit zu wenig Natrium fühlte er sich »bene­belt«. Magne­sium zu hoch zu dosie­ren, »war ver­mut­lich das Schlimmste. Ich fühlte ste­chende Schmer­zen im gan­zen Kör­per und konnte mich nicht rich­tig bewe­gen.«) Ich logge mich bei DIY.Soylent.me ein, einer Web­site, die von Nick Poul­den pro­gram­miert wurde, einem Pro­gram­mie­rer aus der Bay Area. Um anzu­fan­gen, gibt man ­Größe, Gewicht, Alter und Aktivitäts­level ein und sucht sich ein Nahrungsmittel­profil aus ver­schie­de­nen offi­zi­el­len und inof­fi­zi­el­len Emp­feh­lun­gen her­aus. Dicker Mann, circa drei­ßig Jahre, zum Bei­spiel.
Dann stellt man sein Rezept zusam­men. Wäh­rend das vor­pro­du­zierte Soy­lent für alle pas­sen soll, ist die Do-It-Yourself-Version das Para­dies für wäh­le­ri­sche Esser. Auf der Web­site scrolle ich durch mehr als vier­zehn­hun­dert Varia­tio­nen von Rhi­ne­harts Rezept, ein Füll­horn von Diät­vor­lie­ben, All­er­gien, Kom­ple­xen und Obses­sio­nen: Soc­cer Soy­lent, Cuckoo for Coco­Cocoa, Soy Hemp, Super Food, the Gorilla, Brian’s Brain Boos­ter, Cana­dian People Chow, Food?, Stan­ding Desk Diet, Soy­lent in Paris. Ich ent­scheide mich end­lich, weil es so popu­lär ist, für Bache­lo­rette Chow, ein Rezept, das auf dem Mais­mehl Masa basiert. Es ist abge­lei­tet von Bache­lor Chow, einem der bekann­tes­ten Rezepte, und es ent­hält Scho­ko­lade. Anhand mei­nes Pro­fils (Sit­zende Lebens­weise, weib­lich) wurde eine Ziel­größe von fünf­zehn­hun­der­t­ein­und­drei­ßig Kalo­rien pro Tag errechnet.

Nähr­stoffe sind »wie ein Puz­zle«, erzählt mir Rhi­ne­hart. »Du kannst die ­Teile auf viele Wei­sen zusam­men­stel­len.« Eine nütz­li­che Funk­tion der Do-It-Yourself-Website ist, dass sie einem das Rech­nen abnimmt. Wenn man ein­mal weiß, wel­che Nähr­stoffe man braucht, fin­det man viele ver­schie­dene Mög­lich­kei­ten, sie zu bekom­men. Wenn man eine Zutat ein­gibt, zum Bei­spiel zwan­zig Gramm Chia­samen, füllt die Web­site das Nähr­stoff­pro­fil aus. Dann kann man sehen, wie nah man dran ist, sei­nen täg­li­chen Bedarf zu befrie­di­gen – Kalo­rien, Koh­len­hy­drate, Eiweiß, Bal­last­stoffe, unge­sät­tigte Fette und Vit­amine –, sodass man das Rezept ent­spre­chend anpas­sen kann. Mein Rezept ent­hielt Wei­zen­pro­tein, Hafer­mehl, vor­ge­koch­tes Masa, Sojaöl, brau­nen Zucker und Jod­salz. Selt­sa­mere Sachen kamen in Form von Mine­ral– und Vit­amin­pul­ver (Cho­lin, Kali­umglu­co­nat), die ich auf der Web­site iHerb.com bestellt hatte. Das Kakao­pul­ver hatte ich beim Lebens­mit­tel­händ­ler vor Ort gekauft, und wie viele andere ent­schloss ich mich, täg­lich eine Mul­ti­vit­amin­ta­blette zu schlu­cken, statt sie in mein Rezept hineinzureiben.

Zeit, zu kochen. Eines Abends, zur Essens­zeit maß ich meine Pul­ver und das Öl ab, gab alles in einen Mixer und fügte Was­ser hinzu. Das Bache­lo­rette Chow erwies sich als dicke braune Flüs­sig­keit, die über­wäl­ti­gend scho­ko­la­dig schmeckte und roch, dazu ein klei­nes biss­chen sauer. Man konnte es schlu­cken – Kol­le­gen ver­gli­chen es mit miss­lun­ge­nem Kek­steig und mit ­Instant Bre­ak­fast, einem Früh­stücks­trunk der Marke Car­na­tion, aber beim Gedan­ken, davon leben zu müs­sen, wurde mir übel.
Ich war erleich­tert, als das Fabrik-­Soylent mit der Post kam. Das war mehr oder weni­ger Rhi­ne­harts Rezept, das ich in Los Ange­les pro­biert hatte, eine dicke, braune Flüs­sig­keit, hefig, kör­nig und ganz leicht süß. Ver­gli­chen mit mei­ner Scho­ko­la­den­ver­sion schmeckte das nor­male Soy­lent ange­nehm. (Ergeb­nis des Büro­tests: »Wie ein neu­tra­ler Pro­te­ins­hake aus Spel­zen«, »Etwas bes­ser als das, was man vor einer Darm­spie­ge­lung zu trin­ken bekommt.«)
Ich ernährte mich, mehr oder weni­ger, für ein lan­ges Wochen­ende von der Mix­tur. Viele der Hin­weise, die man mir gege­ben hatte, erwie­sen sich als zutref­fend. Soy­lent schmeckt bes­ser, wenn es über Nacht im Kühl­schrank war. (Ein Do-It-Yourselfer erklärte mir, das wäre, »weil die Zuta­ten ver­di­cken konn­ten.«) Nach kör­per­li­cher Akti­vi­tät ist es attrak­ti­ver – wenn man Hun­ger hat, stellt man fest, dass man es wirk­lich begehrt. Nach­tei­lig ist der Geruch. Am Frei­tag, nach eini­gen Stun­den, hing der tei­gige Geruch schein­bar über­all – in mei­nem Mund, mei­nem Atem, mei­nen Fin­gern und mei­nem Gesicht. Und der Magen braucht eine Weile, um sich an das flüs­sige Essen zu gewöh­nen. Am Nach­mit­tag fühlte ich mich wie ein Was­ser­bal­lon auf Bei­nen.

So ernüchternd könnte der Sonntagsbraten der Zukunft aussehen. Überflüssig macht Soylent ihn, laut Rhinehart, schon heute

So ernüch­ternd könnte der Sonn­tags­bra­ten der Zukunft aus­se­hen. Über­flüs­sig macht Soy­lent ihn, laut Rhi­ne­hart, schon heute © JULIO MILES/Soylent

Von Soy­lent zu leben, hat aber auch seine Vor­teile. Wie Rhi­ne­hart sagt, »g­leitet« man durch den Tag. Wenn es am Com­pu­ter gerade läuft und der Hun­ger plötz­lich nagt, muss man nicht unter­bre­chen und Mit­tag essen. Das Ener­gie­le­vel bleibt gleich. »Es gibt kein Nach­mit­tags­tief, kein Post-Burrito-Koma.« Nach­mit­tage kön­nen genauso pro­duk­tiv sein wie Vor­mit­tage.
Aber das ist auch der Nach­teil von Soy­lent. Man fängt an zu ver­ste­hen, wie viel sich jeden Tag ums Essen dreht. Die Mahl­zei­ten sind wie Satz­zei­chen in unse­rem Leben: Wir sind stän­dig dabei, uns von ihnen zu erho­len, uns dar­auf zu freuen, die Aufs und Abs eines guten oder schlech­ten Sand­wichs zu ver­ar­bei­ten. Mit einer Fla­sche Soy­lent auf dem Schreib­tisch streckt sich die Zeit vor einem aus, eigen­schafts­los und ein wenig trau­rig. Am Sams­tag wachte ich auf und nippte an einem Glas Soy­lent. Was jetzt? Früh­stück stand außer Frage, Mit­tag­es­sen genauso. Ich hatte zu tun, aber keine Lust dazu, also ging ich in ein Café. Auf dem Weg dahin kam ich an dem Bagel­shop in mei­ner Nach­bar­schaft vor­bei, wo jemand mein übli­ches Früh­stück bestellte: einen Bagel mit But­ter. Ich sah nei­disch zu. Hung­rig war ich nicht und ich wusste, dass ich das bes­sere Los hatte als der mit dem Bagel: Das Soy­lent war bil­li­ger, hatte weni­ger leere Kalo­rien und ver­sorgte mich mit wesent­lich bes­se­ren Nähr­stof­fen. Bagel mit But­ter sind gar nicht so groß­ar­tig, ich sollte sie sowieso nicht essen. Aber mit Soy­lent begreift man, wie viel Genuss wir uns gön­nen unter dem Vor­wand, uns am Leben erhal­ten zu müssen.


Tren­ner

Rhi­ne­hart ver­bringt viel Zeit in Dis­kus­si­ons­fo­ren über Soy­lent, um zu sehen, wie andere sein Rezept ange­passt haben. Er sagt mir, dass er sich über Kri­tik freut, solange sie beleg­bar ist, und nicht »emo­tio­nal«. »Wenn viele auf ein Pro­blem drauf­schauen, kann das nur hilf­reich sein.« Nach unse­rem Besuch bei dem Taco Truck begleite ich ihn zu Do-It-Yourselfern, einer Gruppe von Stu­den­ten im Ricketts­House, einem Wohn­heim an der Cal­tech, dem Cali­for­nia Insti­tute of Tech­no­logy. Er hat gehört, dass sie sich kom­plett von Soy­lent ernähren.

Es ist am Ende des Tages und weder Rhi­ne­hart noch ich haben irgend­wel­che feste Nah­rung geges­sen, außer dem Taco mit dem künst­li­chen Huhn. Aber wir sind nicht hung­rig, wir haben an der Soylent-Flasche genippt, die Rhi­ne­hart in sei­nem Beu­tel mit sich trägt. Wir errei­chen Cal­tech am frü­hen Abend und wer­den von Rachel Gali­midi emp­fan­gen, einer Dok­to­ran­din in Bio­lo­gie, die Wohn­heim­tu­to­rin am Ricketts Dorm ist. Gali­midi sagt, viele der Bewoh­ner seien »sehr beschäf­tigte Inge­nieurs– und Phy­sik­stu­den­ten, die keine Zeit haben, irgend­et­was zu tun« – auch nicht, um zu essen. (Die Stu­den­ten, die dort leben wer­den Skur­ves genannt, ein Wort­spiel mit scurvy, Skor­but.) Seit Rhine­harts Rezept online gestellt wurde, sagt Gali­midi, hät­ten die Skur­ves von nichts ande­rem gesprochen.

Rhi­ne­hart und ich fol­gen ­Gali­midi in einen Patio, wo laute Musik läuft, Fahr­rä­der lie­gen auf einem Hau­fen und ein Stu­dent schläft auf einer Couch, er erholt sich von einer durch­ge­mach­ten Nacht. In einem Ess­be­reich decken die meis­ten ­Skur­ves den Tisch und berei­ten sich auf das Essen vor. In der Nähe sit­zen etwa zehn Stu­den­ten an einem Tisch, umge­ben von Lap­tops und ihren Auf­ga­ben. Sie igno­rie­ren den Tumult um das Abend­es­sen: Soylent-Trinker. Meh­rere von ihnen haben Was­ser­fla­schen in der Hand, gefüllt mit beigem Schleim. Die Stu­den­ten erken­nen Rhi­ne­hart, der sich an seine Nerd­pro­mi­nenz zu gewöh­nen scheint. Sie schwär­men von sei­ner Erfin­dung. »Es macht dich für fünf Stun­den voll«, sagt Alex, ein Infor­ma­tik­stu­dent. »Es ist gut für das Studium.«

Sie haben mit Do-It-Yourself-Soylent seit Beginn des Semes­ters expe­ri­men­tiert. »Es ist ein ernst­haf­ter ite­ra­ti­ver Ent­wick­lungs­pro­zess«, sagt ein Stu­dent namens Eugene, »ich habe am ers­ten Tag einen Fünfzig-Pfund-Sack Mais­mehl gekauft und hab mir gesagt: ›Knei­fen gilt jetzt nicht mehr!‹« Nick, der Mathe­ma­tik stu­diert, sagt, es sei schwer in Ricketts zu leben, wenn man kein Soylent-Trinker sei. »Ich kann mich erin­nern, dass wir irgendwo hin­gin­gen und rum­hin­gen, und die Leute erzähl­ten nur von ihren Rezepten.«

Wochen­lang son­der­ten ­Rhi­ne­hart und seine Gefolgs­leute schwef­lige Gase ab

Jeder hat sein ganz per­sön­li­ches Rezept. Erin, die Maschi­nen­bau stu­diert, ist für ihr grü­nes Soy­lent bekannt. (Sie ­ver­wen­det Spi­nat: »Ich hatte Schwierig­keiten, drei ver­schie­dene Nähr­stoffe unter­zubringen. Ich sah nach, was in Spi­nat drin ist, und stellte fest: ›Oh Gott, das passt ja ­per­fekt!‹«) Eugene ist all­er­gisch gegen Soja, daher benutzt er eine sojaf­reie Vari­ante von Bache­lor Chow. Alex isst sein Soy­lent gern als Hafer­brei. Sein Rezept ist »ziem­lich nor­mal«, wie er sagt. »Mal­to­dex­trin, Hafer­mehl, Oli­venöl.« Rhi­ne­hart nickt zustim­mend. Ich frage, ob es ihren Eltern Sor­gen bereite, dass ihre Kin­der sich von syn­the­ti­scher Nah­rung ernähr­ten. »Ich denke eher daran«, sagt Erin, »wie beschis­sen ich mich ernähre, wenn ich kein Soy­lent esse. Es gab Wochen, in denen ich nichts außer Nudeln mit Käse geges­sen habe.« Ich frage die Skur­ves, ob der Gebrauch von Soy­lent Aus­wir­kun­gen auf ihr sozia­les Leben gehabt habe. Sie sehen ein­ander an. Erin sagt: »Nun, die erste Woche kann ziem­lich schlimm sein, weil du ziem­lich hef­tig fur­zen musst.« »Es ist ein gro­ßes Pro­blem«, sagt John, ein Infor­ma­tik­stu­dent. Eugene fügt hinzu: »Eine Woche lang ging ich nicht in Vor­le­sun­gen.« (Bei mei­nen Expe­ri­men­ten mit dem Soylent-Lebensstil emp­fand ich das eben­falls als gro­ßes Pro­blem.) Am Anfang, als er die For­mel online gestellt hatte, sei das Pro­blem noch grö­ßer gewe­sen, stellt Rhi­ne­hart fest: Er hatte sich beim Schwe­fel in der Menge ver­schätzt. Wochen­lang son­der­ten er und seine Gefolgs­leute schwef­lige Gase ab. »Ein­mal habe ich einen Jazz­club leer­ge­macht«, erin­nert er sich nost­al­gisch. Nach etwa einer Woche, sagen die Stu­den­ten, hät­ten sich ihre Kör­per ange­passt und das Pro­blem sei ver­schwun­den. Rhi­ne­hart sagt, sie hät­ten auch den über­schüs­si­gen Schwe­fel aus der For­mel ent­fernt. »Bei genaue­rem Hin­se­hen stell­ten wir fest, dass wir genug Schwe­fel von den Ami­no­säu­ren beka­men«, sagt er. »Es war ein Bug. Aber wir haben ihn gefixt.«

In den nächs­ten zwei Mona­ten will Soy­lent das Pro­dukt an alle fünf­und­zwan­zig­tau­send Teil­neh­mer der ers­ten ­Crowdfunding-Runde aus­lie­fern. Neue Bestel­lun­gen im Wert von zehn­tau­send Dol­lar kom­men täg­lich her­ein, und die Firma fängt an, Geld zu ver­die­nen. Das ame­ri­ka­ni­sche Mili­tär und Raum­fahrt­pro­gramme wol­len Ver­su­che mit Soy­lent machen.

Rhi­ne­harts eigent­li­ches Ziel ist aber noch anspruchs­vol­ler: Das Unter­neh­men hat ein Omega-3-Öl getes­tet, das aus Algen statt aus Fisch­tran gewon­nen wird. Irgend­wann, hofft Rhi­ne­hart, werde er aus­ge­kno­belt haben, wie alle Zuta­ten von Soy­lent auf so einem Weg gewon­nen wer­den kön­nen – Koh­len­hy­drate, Eiweiß, Fette. »Dann wer­den wir keine Land­wirt­schaft brau­chen, um Soy­lent her­zu­stel­len«, sagt er. Noch bes­ser, fügt er hinzu, wäre es, einen Soy­lent pro­du­zie­ren­den »Super­organismus« zu ent­wi­ckeln. Einen ein­zel­nen Stamm von Algen, die den gan­zen Tag Soy­lent aus­schüt­ten. Dann bräuch­ten wir auch keine Fabri­ken mehr.

Rhi­ne­hart kommt noch­mal auf Buck­mins­ter Ful­ler zurück: »Bucky hat eine sehr wich­tige Vor­stel­lung von Flüch­tig­keit, die etwas von einem Geist hat – reine Ener­gie oder Infor­ma­tion.« Soy­lent pro­du­zie­rende Algen wür­den die Ernäh­rung zu etwas in der Art machen: Es gäbe keine Kriege mehr um Acker­land, viel weni­ger Wett­be­werb um Res­sour­cen. Um einem Dorf vol­ler unter­er­nähr­ter Men­schen zu hel­fen, »könnte man ein­fach einen Schiffscon­tai­ner abwer­fen«, voll mit Soy­lent pro­du­zie­ren­den Algen. »Die wür­den die Son­nen­en­er­gie auf­neh­men und Nah­rung pro­du­zie­ren.« Das älteste Pro­blem der Mensch­heit wäre gelöst. Dann, fügt er hinzu, müss­ten wir ledig­lich das Wohn­raum­pro­blem auf der Welt lösen »und die Men­schen wären frei«.
Der Traum von Soy­lent ist selt­sam: Hier ver­mi­schen sich unsere Hoff­nun­gen bezüg­lich der Ernäh­rung mit unse­ren Alp­träu­men. Wenn man genug Zeit mit Rhi­ne­hart ver­bringt, kann der Traum aber anfan­gen, einen zu fes­seln. Viel­leicht hängt die Anzie­hungs­kraft davon ab, was man von dem Träu­mer hält.

In Ricketts fragt Rhi­ne­hart die Stu­den­ten, ob sie noch Fra­gen hät­ten. Nick fragt: »Wie fin­dest du es, dass, wenn viele Men­schen Soy­lent essen, Soy­lent zu Men­schen wird?« Rhi­ne­hart grinst. »Ziem­lich groß­ar­tig«, sagt er. »Ich denke tat­säch­lich viel dar­über nach.« Er brei­tet die Arme aus, sodass man sei­nen gesun­den Ober­kör­per sehen kann. »Ich bin jetzt seit einem Jahr auf Soy­lent und so ziem­lich alles, was du siehst ist dar­aus gemacht.«

The End of Food — The New Yorker


Käse ist ein Frühaufsteher

Was hier einfach nur schön aussieht, ist doch ungemein nützlich – das saftige Weideland ist die Wiege eines der besten Käse der Schweiz: Tête de Moine

Effilee #29 – Magazin für Schinken und Käse

Die frischeste Effilee dieses Sommers, wenn nicht gar aller Zeiten. Hier wird gegessen, getrunken und allerlei Kluges darüber geschrieben. Erstmals mit sternefresser.de und captaincork.com

Professor Thomas Junker über das Fermentieren — Es blubbert überall

Der Fermentation, heißt es, haben wir viel zu verdanken. Sie soll unsere Lebensmittel bekömmlicher, gesünder und aromatischer machen. ­Höchste Zeit für eine dumme Zwischenfrage: Was ist das überhaupt? Der Frankfurter Biologe Professor Thomas Junker hat geantwortet

Billy Wagner — Der Überzeugungstäter

Text & Foto: Vijay Sapre Gebo­ren wurde er 1981 in Mitt­weida bei Karl-Marx-Stadt, dem heu­ti­gen Chem­nitz. Billy ist übri­gens kein Spitz­name, er heißt wirk­lich so. Seine Groß­el­tern und Eltern waren schon Gas­tro­no­men, das Kind wächst in der Wirt­schaft auf, wird, damit es was lernt, ins Inter­nat geschickt, kehrt zurück und macht eine Lehre im Her­zog­spark in […]

Ein Teller von Andree Köthe und Yves Ollech aus dem Essigbrätlein

Andree Köthe und Yves Ollech zeigen im Essigbrätlein in Nürnberg, dass Spitzenküche auch ohne Luxusprodukte geht

Brauerei Meister Zwickl-Bier hefetrüb

Text: Dirk Mül­ler Foto: Andrea Thode Ober­fran­ken besitzt mit zwei­hun­dertund­ei­ner Braue­reien die größte Braue­rei­dichte der Welt, vie­rund­sieb­zig davon befin­den sich in der Frän­ki­schen Schweiz. Für einen gro­ßen Bier­fan ist es hier also ein klei­nes Para­dies. Meis­tens ist der Braue­rei auch noch ein Restau­rant ange­schlos­sen, und so kann man herr­lich in Bier­gär­ten her­um­lun­gern, frän­ki­sche Spe­zia­li­tä­ten genie­ßen und […]

Effilee #28 Fermentieren, was wären wir ohne Gären?

Wir haben es schon wieder getan: Haben sehr fein gekocht, feine Weine verkostet und Reisen unternommen, um uns mit feinen Menschen zu unterhalten. Was wir ­dabei gelernt und erfahren haben, steht in diesem feinen Heft. Viel Spaß damit!

Das Lebenswerk von Ferran Adrià in fünf Bänden!

2011 schloss das wohl beste Restaurant der Welt für immer seine Türen. Nun liegt das kulinarische Vermächtnis des elBulli in Buchform vor. Die sieben Bände der englischen Originalausgabe erscheinen am 3. März 2014 als Hardcover im ­Format 315 x 240 Millimeter. 2720 Seiten, großzügig ergänzt durch 1400 Abbildungen, Gesamtgewicht 18 Kilo. Der Preis beträgt 525 Euro inklusive Versandkosten.

Austern sind keine Kartoffeln!

Austern in Aquakultur zu züchten, ist Knochenarbeit. Besonders im rauen Wattenmeer vor List auf Sylt. Dort liegt Deutschlands einzige Austernzucht, und die Sylter Royal, die hier gedeiht, ist in der Tat etwas Besonderes