Und wieder ist J-Dag

Jedes Jahr kommt das Weihnachtsbier Julebrygen, das beliebteste dänische Saisonbier, mit einem enormen Spektakel unters Volk. Der Tag seines Erst-Ausschanks heißt in Dänemark J-Dag. 2009 fiel er auf den 30. Oktober

Rechteinhaber: Kristian Ditlev Jensen, Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee
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Es ist der 30. Oktober 2009 und ganz Dänemark wartet auf diese Weihnachtsbierboten

Als investigativ arbeitender Autor bietet sich mir eine einzigartige Chance: Ich bin der einzige Journalist – nicht nur dänische, sondern überhaupt – der in diesem Jahr am J-Dag teilnehmen darf. Jedes Jahr präsentiert die Carlsberg-Brauerei an diesem Tag mit großem Spektakel ihr Weihnachtsbier, das Tuborg Julebryg. In mehr oder weniger allen dänischen Städten stehen Junge und Alte bereit, um mit dem ersten Schneebier des Jahres anzustoßen. In 38 Orten bekommen 450 Gaststätten von einem der 50 bis 60 Lastwagen Besuch, die an diesem Abend in ganz Dänemark das Weihnachtsbier ausfahren. Für viele Dänen beginnt sie an diesem Abend, die wunderbare Vorweihnachtszeit. Aber ist sie wirklich so wunderbar? »Ich glaube nicht, dass die Leute in der Adventszeit betrunkener sind als sonst«, sagt mein Chauffeur, denn ich habe, sehr vernünftig, das Auto stehen gelassen und mir ein Taxi gerufen, um zur Brauerei zu fahren. »Das Problem ist eher, dass so viele Amateuralkoholiker unterwegs sind, die ihren Rausch nicht einschätzen können. Das Weihnachtsbier ist recht süß, davon lässt man schon mal ein oder zwei mehr durch die Kehle rinnen. Und es ist stärker als normales Pils.« Ich sehe im Rückspiegel, wie er eine Augenbraue hebt.

Als ich um 17 Uhr 45 am Gamle Carlsbergvej 11 aussteige, weiß ich außerdem, was Taxifahrer im Weihnachtsmonat am schlimmsten finden – also abgesehen davon, dass es schon am späten Nachmittag stockdunkel ist. Mein Chauffeur sagte: »Das Schlimmste? Nein, das sind nicht die Leute von den Weihnachtsfeiern, die so weltmännisch tun, nachdem sie sich betrunken haben. Am allerschlimmsten finde ich, dass ich mir jeden Nachmittag anhören muss, wie sich Eheleute in der wunderbaren Vorweihnachtszeit streiten: wegen des Seitensprungs bei der Weihnachtsfeier, wegen der Geschenke für die Kinder oder wegen des Nerzmantels, für den auch in diesem Jahr kein Geld da ist, mit der Finanzkrise und allem.«

In der Freitagsbar, die in modernisierten Industriebauten auf dem Carlsberg-Gelände stattfindet, ist die Stimmung, vorsichtig ausgedrückt, anders. Mehrere hundert Carlsberg-Mitarbeiter in bester Laune haben sich dort versammelt. Der Weihnachtsbierabend ist für sie Ehrensache, sie bekommen keine Krone dafür, dass sie helfen, das Weihnachtsbier zu verteilen, doch die Beteiligung ist jedes Jahr gewaltig. Mehr als hundert Angestellte bekamen in diesem Jahr eine Absage. Es gibt nicht genug Platz für alle.

In der kleinen Freitagsbar, dort, wo es losgeht, riecht es irgendwie komisch. Nicht nach Bier, sondern nach … Pferdeäpfeln? »Ja, das sind Pferdeäpfel. Willst Du die Stallungen sehen?«, fragt mich die Kommunikationsmitarbeiterin der Brauerei. Danke, sehr gerne! Binnen Kurzem stehen wir hinter dösenden Giganten: Das sind Jütländer, gewaltige Brauereipferde, die noch immer jeden Tag die Bierwagen durch die Stadt ziehen. »Es gibt nur noch wenige Pferdewagen«, sagt die Mitarbeiterin. »Die fahren wie eine Litfaßsäule als Werbung durch die Stadt. Eigentlich wird das Bier mit Lastwagen ausgeliefert. Wenn man ehrlich ist, sind Pferde in der Hinsicht nicht besonders effektiv.«

Die Geschichte des Weihnachtsbiers ist relativ lang, gemessen an einer Marktsituation, in der andauernd neue Biersorten eingeführt und wieder vom Markt genommen werden. Dagegen feiert das Weihnachtsbier in diesem Jahr sein dreißigjähriges Ju­biläum. Es begann damit, dass der Werber Peter Wibroe so einen dusseligen Weihnachtsmann im Pferdeschlitten zeichnete, den Carlsberg für den Weihnachtsgruß des Jahres benutzte. Im folgenden Jahr bekamen alle Bierwagen diesen Pferdeschlitten als Aufkleber auf die Heckklappe. Und zwei Jahre später erfand der Braumeister Per Kriger Larsen das Weihnachtsbier. Er mischte die Rezepte von drei Bieren: Tuborg Guld, Fine Festival und dunkles Weißbier. Das letzte produzierte er ohne Zucker, aber stattdessen mit La­kritze. Das Ergebnis ist ein schweres, dunkles, recht süßes Saisonbier, das sehr an das deutsche Bockbier erinnert. Mit seinen 5,6 Prozent Alkohol ist es so stark, als würde dich ein kleines Rentier treten.

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Das merkt man zwei Mitarbeitern bereits an, die laut lachend in der Freitagsbar stehen. Sie haben tatsächlich etwas zu feiern: Es ist fast zwanzig Jahre her, dass der J-Dag zum ersten Mal stattfand. Ursprünglich handelte es sich um einen Ableger des P-Dag: An diesem Tag, an dem das Osterbier Påskebrygen in den Verkauf kommt, trinken sich die Studenten traditionell die Hucke voll. Und es gibt noch etwas zu feiern: Im vergangenen Jahr wurde der Begriff J-Dag offiziell in die dänische Rechtschreibung übernommen, definiert als: »Der Tag, an dem das Weihnachtsbier einer Brauerei in den Handel kommt.»

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Tuborgs Weihnachtsbier ist ein großes Bier. Am J-Dag steht das ganze Land Kopf, außerdem hat sich das Bier in den vergangenen zwanzig Jahren auch weit über die Landesgrenzen hinaus verbreitet. Inzwischen wird es in Serbien und in Island, in Teilen Norddeutschlands, in Norwegen und sogar in der Türkei getrunken. Während ich der Kommunikationsdirektorin der Brauerei zuhöre, wird mir der erste Plastikbecher des Abends mit süßem, braunem, schäumendem Bier in die Hand gedrückt. Hinter mir donnert unterdessen eine Weihnachtsreklame von Tuborg vorbei – mit kyrillischen Buchstaben.

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Bier, Kunst, Bier, Bunnys, Bier, 250 Weihnachtswichtel, Bier, noch mehr Bier … Und die Stimmung ist spitze!

Zum großen Teil ist die Weihnachtsbier-Nostalgie in Dänemark einem total nervigen Reklamefilm zu verdanken, der jedes Jahr in sämtlichen Kinos sowie auf diversen Fernsehkanälen des Landes läuft, bis jeder kurz vorm Durchdrehen ist. Mit einem Schlitten, vor den Rudolf gespannt ist, kommt ein kleiner Weihnachtsmann zum Sound von Jingle Bells angesaust, während ein alter Tuborg-Laster hupend in die entgegengesetzte Richtung rumpelt. Als das Auto vorbei ist, geht dem Weihnachtsmann mit Verspätung auf: Das da eben, das war doch der Bierwagen! Mit dem Weihnachtsbier! Sogleich wendet er den Schlitten und rast dem flüssigen braunen Gold hinterher. Länger ist der Film nicht. In diesem Jahr läuft er seit fünfundzwanzig Jahren – ohne eine einzige Veränderung! Jedes Jahr kurz vor Weihnachten ist man ihn leid. Doch man freut sich jedes Jahr aufs Neue, was in gewisser Weiser noch irritierender ist, wenn er ab November wieder zu sehen ist. Heitere Mitarbeiter bei Carlsberg, so langsam sind sie gut aufgewärmt. Die Stimmung ist ausgelassen, der Kommunikationsdirektor sichtlich stolz. »Das hier macht echt Spaß. Wie die kleinen Kinder freuen wir uns in jedem Jahr darauf. Und jedes Jahr gibt es bei Carlsberg richtigen Schnee!«, jubelt der kleine Mann. »Schnee? Richtiger Schnee?« Es sieht aus, als würde er gleich platzen. »Warten Sie es nur ab!« Er ist aufrichtig erwartungsvoll. Tatsächlich steht am Eingang zum Carlsberg Hauptgebäude, dort wo der offizielle Teil der Festivitäten beginnt, um 18 Uhr 22 ein Mann, der an einer defekten Schneemaschine herumfummelt. Ich werfe dem Kommunikationsdirektor misstrauisch einen Blick zu, aber der schüttelt nur lachend den Kopf. Diese Maschine meinte er offenbar nicht, als er von »richtigem Schnee« sprach. Neben der Treppe zu den feineren Räumlichkeiten der Brauerei hat sich bereits ein kleiner Stau gebildet, weil nach und nach die großen Lastwagen ankommen. Später am Abend blockieren sie vollständig den Verkehr. Ich betrete also um 18 Uhr 22 den Vorraum des Gebäudes und werde auf der Stelle fast wieder hinausgepustet. Drinnen steht ein ganzes Orchester von Hornisten im Wichtel-Outfit einschließlich Wichtelmützen mit Lichtern in den Troddeln und spielt eine verjazzte Version von Let it snow, let it snow, let it snow. Unterdessen haben die Leute angefangen, Weihnachtsbier zu trinken und Frikadellen zu essen. Der erste verkleidete Wichtel, der mir begegnet, ist die Produktchefin von Carlsberg. Die hübsche junge Frau im blauen Wichtelkostüm erklärt mir, ich müsse an der Schranke einchecken. Anhand von Listen wird jeder scharf kontrolliert, und niemand, wirklich niemand, gelangt auf einen Wagen, der seinen Platz nicht schon Wochen im Voraus bestätigt hat. Mein Name wird mehrmals gegengecheckt, weil er in der Liste verkehrt geschrieben ist. Ich werde auf Strecke 21 mitfahren. Normalerweise ist eine Wichtelcrew eine bunte Mischung aus barschen Brauereiarbeitern, kleinen Büroangestellten und hohen Herren, denn am J-Dag sind bei Carlsberg alle gleich. Aber es scheint so, als führe ich auf einem Wagen mit den Spitzen der Firma – angeblich, weil die Brauer heute in Fredericia auf Jütland leben, wo das Bier produziert wird. Hier in der Hauptstadt repräsentieren die Leute aus der Zentrale des Brauhauses den J-Dag. Neben mir gehören zur Ladung unter anderem der Markenmanager für Tuborg Grün, der Marketingchef für Tuborg und der Kommunikations­direktor von Carlsberg. Mit dabei sind außerdem der Chef der Forschung so­wie einige Mädchen, die in der Telefon­abteilung des Kundenservice Anfragen beantworten. Die Uhr tickt, die Menschen können augenscheinlich kaum abwarten, dass es endlich losgeht. Viele wissen offensichtlich, dass uns in der Stadt ein großartiger Empfang erwartet. Doch wir müssen noch ein bisschen warten. Es ist 18 Uhr 41 und auf einmal stehen Feuerwehrmänner im Eingang. Ich will schon panisch werden, merke aber schnell – nicht zuletzt, weil alle so aufgekratzt sind – dass nirgends ein Feuer ausgebrochen ist. Die Feuerwehr bringt nur … den Schnee! Der Kommunikationsdirektor jubiliert. »Jedes Jahr kommt die Feuerwehr und spritzt Feuerlöschschaum auf die Straße, bis sie bis zum Elefantentor der Carlsberg-Brauerei von einer zehn Zentimeter dicken Schicht bedeckt ist. Es sieht wirklich aus wie im Winter!« Als ich später nach draußen gehe, muss ich ihm recht geben: Es sieht echt gut aus. Und die Feuerwehr steht immer noch bereit, sie verpasst jedem Auto, das vorbeifährt, mit dem großen Feuerlöschschlauch einen Spritzer Weihnachtsschnee. Drinnen fühlt man sich ebenfalls wie im Weihnachts­himmel. Es gibt Freibier für alle, Weihnachtsbier natürlich, und warme Frikadellen, außerdem scheinen mit jeder Minute mehr hübsche junge Mäd­chen anzukommen. Irgendwann muss ich schließlich tief in den Plastikbecher schauen: Spielt mir das Weihnachtsbier einen Streich? Plötzlich bin ich umringt von bildschönen Blondinen, Brünetten und Rotschöpfen. »Das sind unsere Bunny-Mädchen. Oder Wichtel-Bunnys. Oder … Unter welcher verdamm­ten Bezeichnung laufen die eigentlich?«

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Die beiden Carlsberg-Mitarbeiter mit ihren Wichtelmützen legen sich schließlich auf Wichtelmädchen fest. Das ist wohl die offizielle Bezeichnung der angeheuerten Models, die mitfahren, um den vielen Gästen, die überall an den Theken auf den Ausschank warten, den Tag noch etwas leichtlebiger zu gestalten. Eine unserer wichtigsten Aufgaben wird sein, unsere Wichtelmädchen im Auge zu behalten, falls angetrunkene Kerle versuchen sollten, sie zu küssen oder zu knutschen. Einmal schnell in den Arm nehmen, mag noch angehen, ein Klaps auf den Hintern nicht. Dann müssen wir sofort einschreiten. »Wie viele Mädchen haben wir eigent­lich auf unserem Wagen?«, frage ich hoffnungsvoll. »Eines«, erklärt die Produkt­chefin. »Die Crew ist jedes Jahr dieselbe. Es gibt einen Oberwichtel, ein Wichtelmädchen und sieben gewöhnliche Wichtel, die die Schlepperei besorgen.« »Und noch den Weihnachtsbaum«, ruft ein Kommunikationsmitarbeiter. »Richtig, auf jedem Wagen ist auch noch ein Weihnachtsbaum.« »Ein richtiger Weih­nachtsbaum? Auf dem Lastwagen?«, frage ich ungläubig. »Aber nein. Das ist eine Person«, sagt die Produktchefin, als müsste doch wohl jeder wissen, dass ein Weihnachtsbaum ein Mensch ist. Ich bin platt. »Und wer ist unser Weihnachtsbaum?«, frage ich. »Der am verrücktesten ist. Nein, im Ernst, man wählt den aus, der am meisten Lust hat, herumzualbern. Das ist nicht leicht zu erklären, das muss man halt erlebt haben.« Die Produktchefin lacht. Mich fasziniert, dass an diesem Abend alle gleich sind. Das erinnert mich an die dänischen Weihnachtsfeiern, zu deren Tradition gehört, dass man dem Chef nach Strich und Faden die Meinung sagt, er dazu einfach nur lächelt – und am nächsten Tag ist alles vergessen. Das scheint zum Geist der Carlsberg-Brauerei zu gehören. Genauso wie den alten Braumeistern sehr daran gelegen war, dem Volk zusammen mit dem Bier auch Wissenschaft und Kultur zu bringen, so waren sie, gemessen an ihrer Zeit, Fürsprecher einer neuen Sicht auf ihre Mitarbeiter. Das fällt mir auf, als ich um 19 Uhr 11 beschließe, ein bisschen herumzuspazieren. Das alte Carlsberg-Haus ist unvergleichlich. Nicht weit von hier wurde in einem Labor die sogenannte pH-Skala entdeckt. Im Keller unter mir liegt Bier von 1964, das man noch immer trinken kann – es soll ein wenig wie schwerer Portwein schmecken. Rings um mich gibt es Kunst in Hülle und Fülle. Der jüngere Brauer Jacobsen hielt nichts von der Wissenschaft, ganz im Gegensatz zu seinem Vater, dem älteren Brauer Jacobsen. Der kümmerte sich in hohem Maße darum, weshalb die Leitung von Carlsberg bis heute aus unternehmerischen Amateuren besteht – aus Universitätsprofessoren. Der jüngere Jacobsen hingegen liebte die Kunst und ließ dafür die Alte Glyptothek erbauen, die ich mir jetzt ansehe. Hier hängen überall Gemälde, in den Ecken stehen Marmorskulp­turen. Schließlich gelange ich in eine Art Wandelhalle, wo etwa 180 fast gleiche Porträts von alten Männern in prächtigen Anzügen hängen. Sie tragen Monokel und Lesebrillen, rauchen Zigarren und haben lange graue Bärte. Dazwischen hängen auch eini­ge Damen, herausgeputzt mit Brosche, Diadem und so weiter. Ich frage den Mann neben mir, ob das alles Direktoren waren. Oder Mitglieder des Aufsichtsrats? Familienmitglieder? »Das waren alles ganz normale Mitarbeiter. Die meisten davon waren Brauer, aber es sind auch Bierkutscher darunter, Techniker und Empfangssekretäre. Die Damen haben wohl vor allem in der Flaschensortierung gearbeitet. Das war der Lohn dafür, dass sie fünfzig Jahre bei Carlsberg angestellt waren. Ganz gleich welchen Rang man innehatte: Nach fünfzig Jahren bekam man ein Porträt in Öl von einem anerkannten Künstler, und anschließend kam man an die Wand. Herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum!« Der Mann, selbst bei Carlsberg angestellt, nickt anerkennend. Auch ihn hält der ganz besondere Korpsgeist gefangen, den die Angestellten so sehr zu schätzen scheinen. Es ist 19 Uhr 15, noch ungefähr eine halbe Stunde bis zur Abfahrt. Auf einer kleinen Bühne sind die Dänemarkmeister im Freestyle-Rap zugange, sie beginnen darum zu battlen, wer am besten disst. Das ist eine gelungene kleine Einlage. Sie soll aber auch dazu dienen, unsere bereits nachlassende Aufmerksamkeit wieder einzufangen. Wir erhalten jetzt nämlich noch ein paar praktische Anweisungen. »Trinkt in Maßen! Es wird ein fröhlicher Abend, das soll er auch sein, aber denkt auch immer daran, dass ihr arbeitet und dass ihr Carlsberg repräsentiert!«, ruft ein blauer Wichtel ins Mikrofon. Jahr für Jahr ist die Presse am Tag nach dem J-Dag voller Skandale, die Journalisten ausgegraben haben. Immer gibt es irgendwo Schlägereien, immer fahren Leute alkoholisiert Auto, überhaupt ist immer allerhand los – insbesondere wenn man den Morgenzeitungen Glauben schenkt. Bei Carlsberg versucht man, gegen die Probleme anzugehen. Auf den Wichtelmützen steht: »Hackevoll? Kein Kuss!« In diesem Jahr ist man noch einen Schritt weiter gegangen. Durch eine Zusammenarbeit mit der DSB, der Dänischen Eisenbahngesellschaft, können am J-Dag alle gratis mit der S-Bahn fahren. Die Menschen können ihr Auto einfach stehen lassen, wenn sie zu viel Weihnachtsbier genossen haben. »Jack, willst du ein Bier? Hahaha!« Der korpulente Mann mit Tonsur grinst breit und schüttelt dann betrübt den Kopf. Einer der anderen Mitarbeiter stößt mich mit dem Ellbogen an und sagt so laut, dass Jack es hören muss: »Der trinkt kein Weihnachtsbier. Der muss nämlich noch fahren, der arme Teufel!« Der Bierfahrer lacht. »Auf keinen Fall trinke ich was, das kannst du aber glauben!« Auf der Stelle würde er gefeuert, schnupperte er während der Arbeitszeit auch nur an einem Weihnachtsbier. Kurz glaube ich, dass er unser Fahrer ist, aber Jack ist bei Carlsberg etwas ganz Besonderes, eine Art Institution. Jack fährt nämlich die Strecke 24, und damit den letzten der 24 Lastwagen, die aus der Kopenhagener Brauerei rollen. »Die ist echt gut, die 24. Fast wie Weihnachten«, sagt er mit geradezu kindlichem Stolz. Jack erklärt mir, dass alle Bierfahrer heute Abend ihre eigenen Autos am selben Ort abgestellt haben. Wenn die Arbeit getan ist, fahren sie gemein­sam zu dem Fest im Tivoli, in dem der J-Dag für die Mitarbeiter seinen Höhe­punkt findet. Ihre Autos holen sie morgen irgendwann ab, denn nach der Tour wird heute Abend gemeinsam gefeiert. »Und da geben wir richtig Gas«, sagt Jack und bewegt seine große Faust, als drücke er einen Schaltknüppel in den nächsten Gang. Etwa zwanzig Minuten vor Abfahrt versammelt sich die Gruppe der Tour 21. Man geleitet uns in einen schönen Saal voller Skulpturen und Gemälde. Der Anblick ist überwältigend surreal: Umgeben von klassischer Kunst stehen da circa 250 Menschen mit künstlichen Bärten, blauen Wichtelmützen und rot-grau geringelten Socken und stempeln sich gegenseitig künstliche Küsse auf die Wangen, rot wie Lippenstift. Bis wir alle umgezogen und kampfbereit sind, ist es 20 Uhr 30. Meine Wichteljacke lässt sich nicht ganz schließen, den Bart kann ich nicht über den Kopf ziehen. Das ist offenbar one size fits all, was nur manchen passt und sicher in China angefertigt wurde. Als wir den Raum verlassen, sehe ich, dass sich manche besonders viel Mühe gegeben haben. Ein Mann hat seine Haare blau gefärbt, andere haben die Merchandiseprodukte der letzten Jahre mitgebracht: In manchen Jahren bekam man weiche kleine Hüte, in anderen Schirmmützen. Ein Typ rennt mit einem grellblauen Cowboyhut herum, an dem Schneeflocken hängen. Plötzlich fällt mein Blick auf einen, den ich zu kennen glaube. Es ist tatsächlich der Moderator der beliebtesten dänischen Frühstücksfernsehsendung. Überhaupt, ich kenne etliche hier – da sind Schauspieler, Radio­journalisten, Musiker. »Wir nennen sie die Promi-Gruppe«, erklärt mir ein Mädchen von Carlsberg. »Die kommen jedes Jahr, aber wirklich nur, weil es ihnen irre viel Spaß macht. Die bekommen dafür nichts und wir haben auch nichts davon. Aber sie sind begeistert und wir finden es super, sie dabeizuhaben – die drehen jedes Mal total auf, weil sie mal einen Abend ihre Ruhe haben. Sie sind schließlich verkleidet, sodass sie niemand erkennt – heute sind sie nur Wichtel!« Um 20 Uhr 45 sind wir alle auf der Ladefläche. Eigentlich ist das strengstens verboten, sowohl von der Gewerbeaufsicht als auch von der Straßenverkehrsordnung, aber an diesem Tag drücken die Behörden ein Auge zu. Wir sitzen auf einem Stapel Euro-Paletten, neben uns steht ein Ghettoblaster, aus dem lautstark Weihnachtsmusik dröhnt, die hier allerdings völlig fehl am Platz scheint. Gemeinsam singen wir den Weihnachtsbiersong, der, seinen lyrischen Qualitäten nach zu urteilen, von jemand mit einem gewal­tigen Rausch geschrieben wurde. Einige Weihnachtsbiere werden geöffnet und verteilt, sodass alle eins haben. Wir haben zwei Kästen nur für uns – das entspricht etwa sechs Bier pro Wichtel. Während der mit Bier voll beladene LKW über das Straßenpflaster von Vesterbro holpert, legen wir uns einen Schlachtplan zurecht. Maja ist der Oberwichtel. Sie hat sich mit der Strecke vertraut gemacht und übernimmt sogleich die Führung. Wir sollen eine Route bedienen, die sich auf die sogenannten braunen Gaststätten konzentriert. Das sind alte Kneipen, in denen es noch immer nach Rauch stinkt und die Gäste, meist ältere Männer, ihr Gemurmel und die geschmack­lose Einrichtung eins werden. Aber dies sind eben auch Orte, an denen eine gewisse Zusammengehörigkeit, Gemüt­lichkeit und die Stammtische für einen speziellen Kopenhagener Geist stehen. Außerdem sollen wir ein einfaches, sehr volkstümliches Restaurant und ein paar eher chice Cafés ansteuern. Ein Typ namens Lars ist für die Musik zuständig. Binnen Kurzem wird er Lars Christmas getauft. Unser Weihnachtsbaum heißt Khalil. Erst spät am Abend geht mir auf, dass dieser ewig lächelnde, ewig tanzende Weihnachtsbaum, der alle drückt und mit allen anstößt, kein geringerer ist als Carlsbergs Vice President for Group Sales, Marketing and Innovation. Man hat ihn erst vor kurzem aus den USA geholt und es fällt ihm noch schwer, auf Dänisch Fröhliche Weihnachten, »glædelig jul« zu sagen. Aber was soll’s, für die nächsten fünf, sechs Stunden ist er nichts weiter als ein blauer Weihnachtsbaum.

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Um 20 Uhr 52 erreichen wir das Café Høegh. Wir bekommen schon im Wagen die ausgelassene Stimmung mit, aber der Fahrer macht nicht auf, wir müssen noch sieben Minuten warten – keine Sekunde vor 20 Uhr 59 bekommt das Volk sein Weihnachtsbier. Als sich die Ladefläche senkt und wir mit den Bierkästen auf den Schultern heraustänzeln, begrüßt uns tierisches Gebrüll. Jedes Lokal bekommt zwei Kästen, die gratis verteilt werden. Mehr geht nicht, denn sonst verdient das Lokal an diesem Tag nicht genug. Das Gerangel um diese beiden Kästen, und die schönen blauen Wichtelmützen, die wir verteilen, ist riesig. »Gib mir eine Mütze! Eine Mütze für mich!«, ruft einer. »Biiiier!«, schreit ein anderer. »Ich HASSE Weihnachtsbier!«, grölt ein Student und brüllt vor Lachen. Auch die zufällig Vorbeikommenden bleiben stehen und fragen nach einer Wichtelmütze. Es gibt bei Weitem nicht genug für alle. Vor uns hält ein weiteres Auto von Carlsberg. Ich denke schon, jetzt geht es schief, als ein paar junge Burschen anfangen, den LKW rhythmisch anzustoßen, sodass er bedrohlich schaukelt, während sie grölen: »Ju-le-bryg! Ju-le-bryg!« Um 21 Uhr 03 kommen die ersten Wichtel zurück. Ich bin nicht mit hinein­gekommen, so viele Menschen drängten sich da. Der erste Wichtel kullert mit einem Purzelbaum laut lachend auf die Ladefläche. Khalil tanzt mit seinen blauen Zweigen hinauf, während ein Mann ihm hinterherruft, dass er auch ein Weihnachtsbaum sein will.

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Um 21 Uhr 22 treffen wir bei dem volkstümlichen Restaurant ein, das Klubben heißt. Im Klubben werden traditionelle dänische Gerichte in großen Portionen serviert. Die Menschen sitzen an langen Tischen, man lässt es sich gutgehen. Weil die Gaststätte zum ersten Mal Weihnachtsbierbesuch bekommt, hat man sich richtig ins Zeug gelegt. Als sich die Heckklappe senkt, stiebt uns künstlicher Schnee entgegen, ein Mann spielt auf einer Ziehharmonika. Wir rennen hin und her, teilen in der winzigen Gaststätte Bier aus und enden im Garten, wo auch noch Leute sitzen – unter Wärmelampen. Im Garten dürfen wir kein Bier austeilen, weil eine Bestimmung besagt, es sei nicht gestattet Bier, Wein und Schnaps auf gewöhnlichen Straßen und Wegen auszuteilen. Als wir uns zurückziehen, bedrängen uns die Menschen: Sie wollen Mützen! Sie wollen Bier! Sofort! Lars Christmas versucht es mit dem Argument, Mützen gebe es nur für Mädchen. Damit geben sich die jungen Männer tatsächlich zufrieden. Das Café Ciré ist moderner, aber dort ist es nicht weniger laut. Die Barkeeper haben sich die wahnsinnig hässlichen Weihnachtsbierperücken vom letzten Jahr aufgesetzt, die Stimmung ist wie bei einem Familienfest. An einem Tisch sitzt eine größere Gruppe reifer Frauen, von denen einige so heiß sind, dass sie versuchen, die Wurzel unseres Weihnachtsbaumes zu tätscheln. Wenn man das so sagen darf. Um 22 Uhr 03 rollen wir in Richtung Café Sommerfuglen. In dem winzigen Wirtshaus im Kopenhagener Vorort Valby sind wir bei einer gesellschaftlichen Schicht zu Gast, die fast in Vergessenheit geraten ist. Die Tätowierungen an den Armen stammen gewiss von keiner Lifestyle-Reise nach Tahiti, sondern aus Nyhavn, Kopenhagens Hafen. Dargestellt sind Anker oder das Logo eines Fußballvereins. Hier lassen wir es langsam angehen, gehen pinkeln und nehmen die Bierflaschen, um mit allen im Lokal anzustoßen. Es ist eine muntere Versammlung, deren Mitglieder morgen früh wahrscheinlich stutzen werden, wenn sie ihre Handys nehmen und darauf Fotos entdecken, auf denen man sie in liebevoller Umarmung mit wildfremden Menschen im Wichtelkostüm sieht. Draußen kommen wieder Leute auf uns zu. Einer will wissen, ob wir einen ausgeben? Leider dürfen wir ihm kein Bier geben, weil er auf einer öffentlichen Straße steht. Aber über eine Wichtelmütze freut er sich auch. Kurz darauf kommt einer, der fragt, ob er »zwei, nein vier, nein, was sage ich, sechs Weihnachtsbiere« bekommen kann? »Das ist, weil wir so einen Schachclub haben«, erklärt er. Einer von den Carlsbergern geht mit, um zu sehen, ob das stimmt. Kopfschüttelnd kommt er zurück. Schachclub stimmt. Aber er war nicht willkommen, weil bei einem Schachturnier Ruhe und Nüchternheit herrschen müssen. Das Bier nahmen sie trotzdem gerne – das kann man später trinken. Um 22 Uhr 30 schlagen wir im Café HP auf, wo schon richtig Party ist. Es ist eine Art Bodega, mit vielen professionellen Gästen – die Kumpane an der Theke sehen aus, als wohnten sie in den einfachen, neonhellen Räumen. Dafür grölen sie den Weihnachtsbier-Song gleich mehrfach, und wir machen, dass wir weiterkommen. Um 23 Uhr 01 verlassen wir eine kleine Bar namens Ny-kro. Eine Dame will alle umarmen, während es die Jungens auf eine Schlägerei um unser Wichtelmädchen Simone anlegen. Es endet mit einem Kompromiss, bei dem sie um Simone würfeln! Falls ein Typ mit Namen Geysir zwei Sechser würfelt, »bekommt er sie« – und Simone hat, bitteschön, die ganze Nacht zu bleiben. Geysir würfelt zwei Einsen und wir dürfen fahren. Wir stoßen zum Abschied mit allen an und sind im Nu am Wagen, wo wir Leute verscheuchen müssen, die mitkommen wollen. Das Zuhause der Freunde heißt die Bodega, die unser letzter Halt sein wird. Weil wir bereits um 23 Uhr 19 dort sind, haben wir reichlich Zeit, bevor wir abschließend Kurs aufs Tivoli nehmen. Der Inhaber des Vennernes hjem hat aus den an sich bescheidenen Räumlichkeiten viel gemacht. Das J-Dag-Programm bietet für 18 Uhr Paprikagemüse mit Kartoffelbrei, ab Punkt 20 Uhr 59 ist Ausschank des Weihnachtsbiers und für »etwa 23 Uhr« steht die Ankunft der Wichtelmädchen an, was in unserem Fall etwa gleich viele Wichtelfrauen wie Wichtelmänner bedeutet – und ein Wichtelmädchen. Plus ein tanzender Weihnachtsbaum namens Khalil. Als die Uhr 23 Uhr 31 zeigt und wir »Nu er det jul igen, nu er det jul igen«, Jetzt ist wieder Weihnachten, mit allen Gästen als Polonaise getanzt haben und sogar draußen auf der Raucherterrasse waren, reicht es den Gästen mit der Weihnachtsmusik. »Nun stell ihn schon an!«, quengeln die Gäste solange, bis der Inhaber nachgibt und wieder spielt, was das Kampflied des Lokals zu sein scheint. Traditionsgemäß gibt man beim letzten Halt die Wichtelausrüstung ab und der Weihnachtsbaum – minus Khalil – wird für ein großes Weihnachtsbier vom Fass verkauft. Nachfrage herrscht auch nach Simones blauen Strümpfen mit den Schneeflocken auf dem Strumpfband. Aber die sind unverkäuflich. Als wir um 0 Uhr 09 im Zentrum von Kopenhagen ankommen und lachend ins Tivoli gehen, bricht die Reportage jäh ab. Dem liegt ein traditioneller Kuhhandel zugrunde, den die Journalisten und die Brauerei seit Jahren machen: Wenn man verspricht, nicht über Carlsbergs After-Show-Party zu berichten, darf man mitfeiern. Ergo: Kein Wort über beschwipste Direktoren, kilometerlange Bierthekenschlangen oder Nachtmahlzeiten vom Burger King auf der anderen Straßenseite. Als ich, es ist wohl 3 Uhr 20, schließlich über den Rathausplatz wanke, bietet sich mir ein verblüffender Anblick. In der ganz normalen Menschenmenge trägt etwa jede zehnte Person eine blaue Wichtelmütze. Ich verzichte auf ein Nightcap in meiner Stammkneipe La Fontaine und falle stattdessen einfach ins Bett.

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Am folgenden Tag schreiben die Zeitungen von einer Massenschlägerei unter den Kindern der Reichen in Hellerup sowie einem Konflikt zwischen Gymnasiasten und Einwandererjungen, die in einem Gymnasium in Helsingør den J-Dag mitfeiern wollten. Der Polizeipräsident von Fünen hingegen berichtet gegenüber einer Nachrichtenagentur, der J-Dag sei dieses Jahr beunruhigend ruhig verlaufen.

  • Text & Fotos: Kristian Ditlev Jensen?
  • Übersetzung: Sigrid Engeler
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