Zu viel Zucker gibt es nicht

Überall gibt es hier Torten. Mächtige, fantastische, unbezwingbare Torten. Mit Schokolade: Schokoladencreme, Schokoladenguss, Schokoladenmousse, Schokoladenüberzug. Und Sahne: Kokossahne, Blaubeersahne, Kirschsahne. Dazwischen: Bananencreme, Buttercreme, Ingwercreme, Himbeer-Aniscreme und natürlich Schokoladencreme. Getoppt von: Mandelbaiser, Pekannussbrocken, Geleeschokobohnen, Ricecrispies, Keksbrocken, Karamell. Und außerdem, für zwischendurch, in jedem Laden, Kiosk, Imbiss: Süßigkeiten – fast alle mit Schokolade überzogen. Wahnsinnig? Das klingt wahnsinnig? Vielleicht. Aber so ist das eben in Island.

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Wenn nicht viel los ist, gelüstet es den Menschen nach Süßem

Ich entstamme einer Familie starker, runder Frauen. Seit Generationen backen wir Torten, immerzu, jeden Sonntag gibt es Torte, an Festtagen auch mal viele Torten und zwischendurch Pralinen und Süßigkeiten. Schon immer gab Zucker mir Halt und Zuversicht, von der ersten Fünf in Mathe bis zum siebenundvierzigsten Liebeskummer. Zu dem Zeitpunkt, um den es hier geht, befinde ich mich in einer Phase, in der sich alles Mögliche in meinem Leben etwas unbequem gestaltet. Deshalb brauche ich Trost. Ich brauche Torten.

Dann lässt jemand eine Bemerkung fallen. »Wahnsinnstorten haben die da in Reykjavík.« Ich werde sofort sehr aufgeregt. Was für Wahnsinnstorten das genau seien, will ich wissen. »Mächtige Torten«, erzählt man mir. »Unglaublich süß. Nicht zu beschreiben. Unbezwingbar.« Eine fieberhafte Unruhe überkommt mich. Ich muss nach Island reisen, die Wahnsinnstorten finden.

Der Vulkan spuckt Asche, als es so weit ist und kein Flugzeug fliegt, außer einem, heimlich, das mich mitnimmt nach Reykjavík. Ich reise mit einer kleinen Gruppe, alle freuen sich sehr auf den Vulkan und die Geysire, die imposant leere Landschaft und die drolligen Islandponys. Die Mitreisenden sind gut informiert, sie haben Landkarten und Reiseführer dabei. Ich habe ebenfalls versucht, mich zu informieren, habe nach Zahlen und Daten gesucht über das Konditorenwesen und den Zuckerkonsum auf der Insel. Irgendwann habe ich aufgegeben. Der Isländer interessiert sich für Fakten über sich selbst ebenso wenig wie für den spuckenden Vulkan.

Am Abend meiner Ankunft gehe ich in ein Konzert. Es singt der Fjallabræður-Männerchor, und als ich ihn höre, weiß ich, dass ich in Island alles finden werde, wonach ich suche. Auf der Bühne der kleinen, freundlichen Konzerthalle stehen fünfzig Männer in schwarzen Anzügen nebst einer kleinen Rockband und einer sexy Geigerin. Die Männer sehen aus, wie man sich isländische Fischer vorstellt (später erfahre ich, dass es tatsächlich Fischer sind) und jeder Einzelne hält ein Mikrofon in seinen Pranken. Es gibt keinen Chorleiter, den brauchen echte Kerle nicht. Sie singen einfach drauflos, als ob es kein Morgen gäbe, singen, bis der Putz von den Wänden fällt, brüllen laut und froh in ihre Mikrofone, jeder wie ihm der Sinn steht, und zwischendurch lachen sie viel. In der Pause trinken sie Bier und rauchen. Sie haben einen Höllenspaß. Und ich bin sehr glücklich: Solche Männer, spüre ich, geben sich nicht mit luftig leichtem Backwerk ab.

Am nächsten Tag macht sich meine Reisegruppe auf den Weg zu Wasserfällen, Gletschern und dampfenden Quellen. Ich dagegen bleibe in Reykjavík und strolche durch die freundliche Innenstadt mit ihren bunten, aneinandergedrängten alten Holzhäuschen.

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Es ist nicht schwer, ein Café zu finden. Reykjavík besteht aus Cafés. Ich folge einer Gruppe Mütter mit kleinen Kindern ins Súfistinn – Mütter brauchen gute Torten. Das Súfistinn wirkt auf den ersten Blick etwas nüchtern, es ist ein weiter, recht kahler Raum mit sachlichen Möbeln, kein Wandschmuck, kein Deckchen oder Blümchen weit und breit. Doch dann ist es tatsächlich recht gemütlich, denn es ist überall gemütlich in Reykjavík. Ich weiß nicht, wie die Isländer das machen. Sie sitzen beisammen, vor ihren Laptops, die sie stets dabei haben und nicht beachten, trinken Kaffee bis zum Umfallen und wirken dabei ungemein ausgeglichen.

Ich bin ratlos, als ich die Torten im Súfistinn erblicke. Es sind die prächtigsten, mächtigsten Torten, denen ich jemals begegnet bin, eine gewaltiger und ausladender als die andere. Ich stehe vor der Auslage wie ein ausgehungertes Frettchen und deute mit zittrigen Pfoten von hier nach da. Ich benötige eine halbe Stunde, um mich für Baby Jane zu entscheiden. Baby Jane besteht aus sechs Schichten: Mandelbaiser, Erdnuss-Kokosmasse, Schokoladenmousse, Kokosraspelsahne und noch mal Mandelbaiser, fürsorglich bedeckt von einer cremigen Schokoladenschicht, auf der sich Pekannussbrocken und Kokossplitter tummeln. Baby Jane ist eine muntere, wilde Torte, unbekümmert wie ein Kleinkind, das sich zum ersten Mal selber anziehen darf und mit verschiedenfarbigen Strümpfen, Tüllröckchen und Pyjamaoberteil aus dem Haus geht.

Ich verspeise Baby Jane zur Hälfte, dann gebe ich auf. Um mich herum sitzen schlanke Menschen jeden Alters und vertilgen bedächtig ein Stück Torte nach dem anderen. Sie sehen allesamt unglaublich zufrieden aus mit sich und dem Leben. Ich gebe Baby Jane keine Schuld. Es liegt an mir, nicht an ihr. Ich bin zu ernsthaft an diese Sache herangegangen. Ich muss lernen, loszulassen.

Es ist Zeit für etwas Hafenluft. Hafenluft ist, wie jeder weiß, das Aller­beste, was man nach einem guten Stück Kuchen zu sich nehmen kann. Der Hafen von Reykjavík ist unwirtlich, man muss Häfen sehr lieben, um ihn romantisch zu finden. Aber es gibt da eine Flohmarkthalle. Dort, gleich neben dem Stand mit dem Trockenfisch, verkaufen fröhliche Teenager selbstgebackene Baisertorten, gefüllt mit Reiscrispies, Keksbrocken und Sahne. Ein paar Schritte weiter, an einem Imbissstand, gibt es Hotdogs und eine weitere Baisertorte. Sie hat keinen Namen, aber sie muss Baby Janes kleine Schwester sein. Sie ist gefüllt mit viel Karamell und wuchtiger Bananencreme und beladen mit dicken Geleeschokobohnen. »Vielleicht«, mahnt mein Über-Ich, »wäre es sinnvoll, eine kleine Pause einzulegen.« Ich lache nur. »Still, Bürschchen! Zu viel Zucker gibt es nicht. Und was gut schmeckt, kann nicht schlecht sein.«

Ich esse langsam und bedächtig und lasse los. Mein Es schlägt Purzelbäume, meine Kontrollinstanzen und Normen (keine Torte vor dem Mittagessen, nie mehr als zwei Stücke hintereinander) fliehen verschreckt. Die Flohmarktbesucher gleiten leise murmelnd durch die Halle, sanft und liebenswürdig, und in mir ist ein behaglicher Frieden. Es ist kein Schwarzwälderkirsch-Frieden. Es ist ein Vielleicht will ich für immer genau an diesem Ort bleiben-Frieden.

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Einsamkeit braucht Trost: Schokolade. Torte. Schokoladentorte

In den kommenden Tagen lasse ich mich durch die Stadt treiben. Es ist Sommeranfang in Island. Es gibt hier nur Sommer oder Winter, jetzt ist Sommer. Es hat 4?°C, die Frauen tragen Miniröcke und lustig bedruckte Nylonstrumpfhosen. Aber ihnen ist nicht kalt. Niemandem ist kalt in Reykjavík. Dazu gibt es zu viele Cafés, die warme Decken aus Torte und gutem Kaffee bereithalten. Wann immer ich friere oder einen trüben Gedanken spüre, öffne ich irgendeine Tür und bestelle Torte.

Einmal lande ich im Tómasar, einem höhlenartigen Souterraincafé mit behaglich verschrammeltem Mobiliar, und treffe auf eine Schokoladentorte. Saftige Böden und sahnige Schokoladencreme schmiegen sich aneinander, es kommt immer noch eine weitere Schicht, verpackt in einen schmusigen Schokoguss. »Alles wird gut«, flüstert mir die Torte zu. »Sorge dich um nichts.« Ich tue, was die Torte sagt.

Auf meinen Streifzügen durch Reyk­javík begegne ich Sigurður. Sigurður Guðjónsson, 34, ist klein und kompakt, er hat melancholische Augen. Ihm gehört die 176 Jahre alte Bernhöftsbakarí, die älteste Bäckerei der Stadt. Schon als kleiner Junge stand er in der Backstube neben Vater und Großvater. Wenn Sigurður nicht backt, singt er wehmütige, alte isländische Weisen, dafür nimmt er Unterricht bei einem bekannten Bariton.

Sigurður weiß, warum das isländische Gebäck so süß ist und so wahnsinnig. Bis in die 50er-Jahre, erzählt er mir, war Zucker in Island rationiert. Es gab nur wenig Zucker, überhaupt gab es von allem, was wie Zuckerrüben im Freien wächst, nur sehr wenig, außer vom Moos. Zu kalt, die Insel, zu karg, zu windig. Doch fährt man mit dem Schiff ein klein wenig übers Meer, kommt man nach Dänemark. Von dort brachten die isländischen Seeleute Leckereien mit nach Hause, dänisches Gebäck mit viel Zuckerguss und üppiger Marzipanfüllung. Es war wohl nicht das feinste Marzipan, denn Mandeln waren teuer, aber bestimmt das süßeste. Und das erfreute die Daheimgebliebenen.

Später, in den 70er-Jahren, sagt Sigurður, als das Reisen einfacher und normaler geworden war, gingen viele junge Isländer nach Dänemark, um dort das Konditorenhandwerk zu lernen. Und weil Deutschland um die Ecke lag, fuhren sie gleich noch über die Grenze, um weiterzulernen. Zurück auf ihrer Insel mixten sie, was sie gelernt hatten, und gaben noch jede Menge Zucker, Sahne und Schokolade dazu.

»Wir Isländer«, sagt Sigurður, »sind keine Angsthasen. Zeig uns irgendein Limit – wir überschreiten es.« Trotzdem macht Sigurður die Sache mit dem vielen Zucker manchmal etwas traurig. »Einmal«, berichtet er betrübt und nimmt in seinem winzigen Büro einen tiefen Schluck Bier aus der Flasche, »habe ich deutschen Streuselkuchen gebacken. Keiner wollte ihn haben. ›Wo ist die süße Marmelade?‹, haben mich stattdessen alle gefragt.« Bei Sigurður lerne ich, dass ganz Island jeden Nachmittag eine Pause macht, um sich astarpungár, kleina, snúður, þurrkaka und marsipanstykki vom Bäcker zu holen: süße Teilchen, verfeinert mit Schokolade, Marzipan, Buttercreme, Marmelade oder rosa Glasur mit lustigen Streuseln drauf. Isländer legen sich bei Verabredungen ungern auf eine Zeit fest. Aber wenn man sagt, man kommt so um den Kaffee rum, hat man gute Chancen, jemanden zwischen 15 und 16 Uhr anzutreffen und mit ihm gemeinsam einen snúður in die Tassen zu stippen.

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Es gibt einige Theorien dazu, warum die Isländer Zucker so lieben. Weil es kaum Obst auf der Insel gibt, sagen manche, und der mangelnde Fruchtzucker ausgeglichen werden muss. Weil die Winter hart sind und die Sommer auch, sagen andere. Weil wir wie Kinder sind, sagen viele, und Kinder Zucker lieben. Das mit den Kindern gefällt mir. Ich trolle mich ohne Furcht vor Kalorien von einer Torte zur nächsten und zwischendurch die karge Küste entlang. Der schwarze Vulkanstrand, der graue Himmel und der kalte Wind können mir nichts anhaben, denn ich trage stets ein Tütchen Süßigkeiten bei mir. Ich habe nie verstanden, wie jemand aus dem Haus gehen kann, ohne ein paar tröstende Karamellbonbons oder fruchtige Drops in der Tasche.

Hier in Island bin ich in guter Gesellschaft. Überall, in jedem Kaufhaus, jedem Kiosk, jedem Imbiss, gibt es Auslagen mit losen, bunten Vergnüglichkeiten. Und Samstag ist Nammidagur, Naschtag, da kostet alles nur die Hälfte. Meine Tütchen sind Reisen in ein unbekanntes Wunderland: weiche Lakritze in Schokolade und knusprigem, weißem Zuckerguss, Bananengelee mit Lakritze und Schokolade, flüssige und feste Lakritze in jeder Form, immer jedoch in Schokolade. Einzeln sind Schokolade und Lakritze etwas sehr, sehr Gutes – zusammen sind sie überwältigend.

An den Abenden treffe ich meine Reisegruppe wieder. Sie berichtet von der Aschewolke, zerklüfteten Gebirgen und fantastischen Fischrestaurants entlang der Küste. Großartig und beeindruckend sei das alles, sagen sie. Also nehme ich mir zwischen zwei Cafébesuchen einen Wagen und fahre einmal schnell in die Landschaft hinein. Ich sehe einen Geysir, gewaltige Erdspalten und mächtige Felsbrocken, in denen angeblich Elfen wohnen. Ich lege ihnen ein paar Bonbons vor die Tür. Man weiß nicht, was Elfen essen, aber ich denke, Schokoladenlakritze kann nicht falsch sein.

An meinem letzten Tag auf der Insel gibt es für mich nichts mehr zu tun. Ich habe gefunden, wonach ich suchte: süßen Frieden. Doch dann geschieht etwas Unerwartetes. Ich verlaufe mich und strande am Rande der Stadt auf einer sechsspurigen Kreuzung vor einem kleinen, unansehnlichen Einkaufs­zentrum. Unter einem Fußpflegesalon liegt die Mosfellsbakarí. Ich bin etwas verwirrt, als ich eintrete und die Torten sehe: Sie sind klein, zierlich geradezu, und kunstvoll dekoriert, puristisch schön, mit fragilen Schokoflämmchen oder -stangen und einzelnen Früchten. Ich bestelle ein Stück, und reden wir nicht drumherum: Ich hatte meinen Spaß mit Baby Jane und ihren ungestümen Freundinnen, aber hier werde ich in die dritte Tortendimension katapultiert. Dies hier ist keine Torte, es ist ein flüchtiger Kuss auf einer Schokoladenwiese in einem Orangenhain. Mit einer tuffigen Biskuitwolke am Himmel.

Konditormeister Hafliði Ragnarsson ist ein großer, attraktiver, sportlicher Mittdreißiger, ungemein freundlich und sehr bescheiden. In einer schummrigen Ecke der Konditorei hängen seine Auszeichnungen, er hat mit seinen Kreationen einen Wettbewerb nach dem anderen gewonnen. Aber Hafliði möchte nicht darüber sprechen, er handelt lieber. Er nimmt, was er mag, und kombiniert, was er will: Koskos-Eischnee und Maracuja­butter, Puffreis und Blaubeersahne, Mandelmarzipan und Ingwercreme. Hafliði ist Konditor in der vierten Generation. Bis er 18 war, spielte er Schlagzeug, er wollte professioneller Drummer werden. Dann begegnete er seiner ersten perfekten Torte und ergab sich ihrer Schönheit. Hafliði ist ein besonnener Mann. Als ich ihn nach seinem Geheimnis frage, lässt er ein paar karge Sätze darüber fallen, dass er weniger Zucker nehmen würde als andere und nur die besten Zutaten. Dann lässt er mich sein Konfekt probieren. Hauchdünne Schokoladenhüllen geben Pistazienpesto und Tonkabohne, Erdbeerpüree und Lakritze frei. »Frische Früchte und Kräuter«, sagt Hafliði. »Und nur die allerbesten Kakaobohnen.« Drei Pralinen lang bewahre ich Contenance. Beim Biss in einen kleinen Vulkan verliere ich die Fassung: Unter dem Krater aus Vollmilchschokolade schmilzt Karamell-Lava, in der Tiefe schäumt Mandelnougat, auf meiner Zunge zerplatzen winzige Krokantstücke wie Champagnerperlen. Ich frage Hafliði, ob er eine Putzfrau braucht. Ich will keinen Lohn, sage ich, nur jeden Tag eine Schachtel Pralinen. Hafliði lächelt und schickt mich fort.

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Mein Rückflug geht in wenigen Stunden, aber nun weiß ich, dass ich mit Island noch nicht fertig bin. Was ist, wenn es einen Zweiten wie Hafliði gibt? Ich habe großes Glück. Kurz vor Ladenschluss spült mich das Schicksal in die Konditorei Sandholt. Hastig verschlinge ich ein Stück Passionsfruchttorte. Ich bin in Eile, ich kann nicht viele Worte machen: Es ist die beste Torte der Welt.

Ásgeir Sandholt sprüht vor Energie. Mit seinen zerzausten Haaren sieht er aus wie ein aufgeregter Junge, der gerade vom Toben hereinkommt. »Ich war schon immer hier«, sagt er. »Seit der Grundschule habe ich meine Ferien in der Backstube verbracht.« Nur einmal floh Ásgeir: Bevor er in die Fußstapfen seines Vaters, Großvaters und Urgroßvaters trat, ging er nach Dänemark und studierte Malerei.

Vielleicht ist es das, was das isländische Konditorhandwerk ausmacht: Dass diese Männer eigentlich Sänger, Schlagzeuger oder Maler sind. Künstler mit einer Sehnsucht, sich auszudrücken, etwas zu erschaffen. Musik, Bilder … oder Torten und Konfekt.

Wenn Ásgeir spricht, tut er es mit tiefem Ernst. »Ich bin ein Spieler«, sagt er. »Ich suche Abenteuer und Sinnlichkeit.« Er philosophiert über Leidenschaft und das Erleben von Texturen, über die Lust, die jeder Schöpfung innewohnen muss, über Fantasie, Finesse und Komplexität. »Wir sind ein junges Land«, sagte er. »Wir können noch viel erreichen.«

Dann bringt er Pralinen: Lakritze und Maracujagelee, Meersalz-Karamell-Trüffel, cremige Lollis aus Himbeer-Aniscreme in weißer Schokolade mit prickelnden Brausepulverbröckchen. Zwischendurch tritt ein kultivierter Herr an unseren Tisch. Er erklärt, er komme aus Amerika. »Ich bin durch die ganze Welt gereist«, sagt er ehrfurchtsvoll. »Ich war auf der Suche nach der perfekten Praline. Und jetzt … bitte … lassen Sie mich Danke sagen.«

Die Konditorei schließt. Ich müsste gehen und meinen Koffer packen. Stattdessen erzählt mir Ásgeir von seinem Traum: Lachs in Schokolade. »Ich bin erst 33«, sagt er. »Alles ist möglich.« Zum Abschied schenkt er mir zwei kleine halbe Torten, die ich nach Hause bringen werde, um jedem, den ich liebe, einen Bissen davon zu geben. Spät in der Nacht, auf dem Flughafen, stolpere ich vor Müdigkeit. Die Torten und ich fallen, Kaffeemousse und Kirschsahne vereinigen sich. Erst will ich weinen, aber dann erkenne ich: Es ist ein Zeichen. Mein Leben wird süß und voller Abenteuer sein.

Fahren Sie nach Island. Reiten Sie auf putzigen Ponys, staunen Sie über den Vulkan, baden Sie in dampfenden Quellen. Tun Sie, was Sie nicht lassen können. Aber wenn Sie tief in Ihrem Herzen spüren, dass Ihnen etwas fehlt, irgendetwas Unbestimmtes … essen Sie etwas Süßes in Reyk­javík! Torten, Pralinen, ein Tütchen Schokoladen­lakritz. Dann findet Sie das Glück.

Text: Sylvia Heinlein
Fotos: Neumann/Rach

aus Effilee #11, Juli/August 2010

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