Die Tochter

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Sie war wohl schon dreizehn Jahre alt und wusste nicht wie man kocht. Sie wusste nicht, dass Nudeln in siedendes und Kartoffeln in kaltes Wasser gehören, oder dass man Salz gleich dazu­gibt, aber Pfeffer und Kräuter erst zum Schluss. Sie stand öfter in der Küche und half der Mutter. Sie schnitt Zwiebeln und Gemüse, pulte Erbsen und schälte Kartoffeln. Doch wie aus all diesen Zutaten ein Essen entstand, blieb ihr ein Rätsel.

Man muss das so und so machen, sagte die Mutter manchmal. Sie redete schnell und ungeduldig, die Erklärungen wucherten hektisch, wurden immer verwickelter, und die Tochter nickte stumm, während sie den Anfang vergaß und den Rest nicht verstand. Bis die Mutter abrupt stoppte, um sich wieder ganz auf ihre Koch­tätigkeit zu konzentrieren, von der sie sich durch die Tochter so unangemessen hatte ablenken lassen.

Jeden Tag saß die Mutter, bis die Zubereitung des Mittagessens sie in die Privaträume in den ersten Stock führte, im Erdgeschoss, in dem hintersten, zu einem Büro eingerichteten Raum des elterlichen Geschäfts. Sie saß dort hinter ihrem Schreibtisch vor einer Schreibmaschine und schrieb Rechnungen. »Koch du heute«, sagte sie plötzlich eines Tages zur Tochter. So, als wäre das ganz normal. Sie beschrieb in der ihr eigenen Geschwindigkeit wie man Klopse zubereitet, harte, erdige Kartoffeln in samtiges Kartoffelpüree und zu Stein gefrorene Erbsen in weiche, warme, genießbare Erbsen verwandelt.

Die Tochter nickte. Sie ging die Treppe hinauf in den ersten Stock, durch den Korridor, den Wohn- und Essraum in die Küche. Sie wartete, obwohl sie nicht wirklich daran glauben konnte, auf ein Wunder. Darauf, dass die Sätze von allein aus den Tiefen ihres Körpers, in die hinein sie versunken waren, wieder auftauchen würden, um sie langsam, Schritt für Schritt durch das Labyrinth der Zubereitung von Rohem in Gegartes zu führen. Sie nahm sachte das Hackfleisch aus dem Kühlschrank, befreite es von seinem Papier und legte es in einen Topf. Sie nahm Eier und Paniermehl, stellte sie auf den Tisch und legte Zwiebeln daneben. Auch von ihnen war die Rede gewesen, daran erinnerte sie sich genau, aber wie sie über diese Bereitstellung hinaus weiter mit ihnen verfahren sollte, wusste sie nicht. Sie schaute tief in die Hackfleisch-Schüssel, studierte die Maserung des rosa-weißen Gekröses und wartete.

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Sie wartete, bis die Mutter kam und kühl das Scheitern ihres Kindes kon­statierte. Ach, hatte sie denn über­haupt etwas anderes erwartet? So schnell zauberte sie aus dem rosa-weißem Hackfleisch-Gekröse braun gebratene Klopse, dass die Tochter – fest entschlossen, alle ihr zur Verfügung stehende Konzentration auf nichts anderes als die Handlungen der Mutter zu verwenden – am Ende wieder nicht hätte sagen können, wie es dazu gekommen war. Zum ersten Mal stieg in ihr der Gedanke auf, dass die Mutter ihr das Kochen gar nicht wirklich beibringen wollte. Dass sie dieses Geheimnis in Wahrheit mit geschickten Tricks hütete wie eine Hexe die Zubereitung ihres Zaubertranks.

Nach dem Essen, wenn die Mutter und der Vater sich für eine Stunde zu einem kurzen mittäglichen Schlaf zurückzogen, ging die Tochter die Treppe hinunter ins Büro. Sie spannte einen Bogen Papier in die Schreibmaschine, und während sie rhythmisch die Tasten anschlug, begann sie leise zu singen und zu murmeln. Sie redete ausländisch. Mit ihrer Freundin Antje konnte sie stundenlang spazieren gehen und sich auf Französisch unterhalten. »Ihr redet ja gar nichts, das ist nur Quatsch«, sagte manchmal Antjes kleiner Bruder. Aber Antje und sie wurden durch solche Kritik nicht verunsichert, im Gegenteil, es schien das Verzücken an ihrer Fantasiesprache sogar noch zu steigern. Sie giggelten und gaggelten und erzählten sich so unglaublichen Tratsch, wie man ihn überhaupt in keiner anderen Sprache als in Französisch oder ausnahmsweise auch in Chinesisch erzählen konnte. Hätte sie jemand um eine Übersetzung gebeten, dann hätte die eine problemlos erklären können, wovon die andere gerade sprach. Sie verstanden, so schien es ihnen jedenfalls, von einander jedes Wort.

Wenn die Tochter in stillen Mittagspausen in dem abgeschlossenen Geschäft vor ihrer Schreibmaschine saß, schrieb sie vorwiegend in Russisch und Polnisch, aber auch in Sprachen, die niemand kannte. Und irgendwie handelten all diese »khakemrl`s« und »jhjahahajhajahj`s«, die sie auf die Rückseite von bereits beschriebenen und zu Abfall erklärten Blättern tippte, immer wieder von einem: Wie sie später groß sein, ein wunderbares Leben führen und Sekretärin werden würde. Sie könnte dann auch kochen, selbstverständlich. Sie würde sich in der Küche drehen, und einfach so, ohne dass es jemand wirklich versteht, würden die unglaublichsten Speisen entstehen.

Aber sie hätte nur selten Zeit dazu. Denn sie würde den ganzen Tag vor einer schnittigen, silbergrauen, atemberaubend modernen Schreibmaschine sitzen, die ganz allein ihr gehört.

Text: Michaela Schlagenwerth
Foto: Andrea Thode

aus Effilee #6, September/Oktober 2009

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