Brief aus Vietnam: Ha noi, Hai phong, Cat Ba

Unser Korrespondent fliegt nach ­Vietnam und tut dort das Gleiche wie zu Hause: Er holt Essen vom Imbiss

 
Unser Korrespondent fliegt nach ­Vietnam und tut dort das Gleiche wie zu Hause: Er holt Essen vom Imbiss
Die Baguettes sind ein Relikt der Kolonialzeit, es gibt sie in unendlich vielen Varianten. Hier sind sie belegt mit Pâté, Rührei, Gurke, Koriander und gebratenem Fleisch.

Wir landen in Ha Noi, der Himmel ist grau. Es ist heiß und die Luft trägt eine süß gegorene Note in sich. Die Welt schwitzt. Wir nehmen einen Bus bis in die Nähe des Hoan Kiem Lake, der sich in der Innenstadt befindet, und finden in einer Seitenstraße eine Jugendherberge. Wir sind müde, gereizt und haben Hunger. »­Chicken soup?«, fragt uns die Dame in einem Straßenlokal. Wir nicken unbeholfen. Die Pho gà ist wohl das bekannteste Gericht aus Vietnam und wird zu jeder Tageszeit gegessen. Auf einem kleinen Gasherd, steht ein großer Topf mit Brühe, dem ein junger Mann Knochen, Haut und Fett, die von dem Geflügel übrig bleiben, beigibt. Es ähnelt einem französischen Pot-au-feu, man sieht Kessel wie diesen an fast jeder Straßenecke. In unsere Schüsseln mit Brühe kommen noch Reisnudeln, Rührei, reichlich Koriander, Basilikum und fein geschnittene Hühnerbrust. Auf dem Tisch stehen geschnittene Chilis, halbierte Limetten, Fischsauce, eingelegter Knoblauch und frittierter Kohl. Davon gibt man nach Belieben zur Suppe, und so entwickelt sie sich beim Essen weiter. Sie schmeckt unbeschreiblich gut.
Gesättigt begeben wir uns zurück in die Jugendherberge. Wir treffen eine Kanadierin mit blonden Haaren und präsenten Bäckchen. Sie antwortet oft mit »awesome« oder »unreal«. Es ist ihr zweiter Monat, man merkt, sie ist diese Art von Konversation gewöhnt.
Auf dem Weg zur Ferieninsel Cat Ba kommen wir zu spät los und bleiben eine Nacht in Hai Phong. »Very few visitors linger long«, sagt Lonely Planet. Wir entscheiden uns auch dazu. In einer Seitenstraße meint ein junger Mann auf einem Moped: »Turn around please, I’m worry for you.« Wir bedanken uns und suchen ein Hotel auf der größeren Hauptstraße. Unser Zimmer schaut auf einen Innenhof in dem sich eine neonbeleuchtete VIP Massage befindet. Ein älterer, gut gebräunter Vietnamese sitzt auf einem grünen Gartenstuhl und grinst uns von unten an. Er zeichnet den Geschlechtsverkehr mit seinen Fingern in die Luft, zeigt auf die VIP Massage und lacht. Wir zeichnen ein Nein, Danke, er lacht noch einmal herzlich und schaut danach wieder in seine Zeitung.
Wir suchen uns ein Restaurant mit richtigen Stühlen, es gibt Livemusik. Wir teilen uns mit Meeresfrüchten gefüllte und vegetarische Frühlingsrollen. In Vietnam werden diese aus dünnem Reispapier zubereitet. Sie werden frittiert oder frisch serviert mit Fischsauce oder Reisessig. Es sind reichlich Kräuter drin, und die gebackenen Rollen fühlen sich ein wenig wie französischer Blätterteig an. Eine Bauchtänzerin kommt um elf auf die Bühne. Vorn sitzt eine Familie. Der Vater filmt den Auftritt mit seinem iPad.
Am nächsten Morgen nehmen wir eine Fähre. Wir teilen uns den Platz am Bug des Schiffes mit einer Fischerfamilie, deren Tochter auf meinem Handy Flappy Bird spielt.
Die Insel Cat Ba ist eins der beliebtesten Ferienziele der Vietnamesen. Es gibt viele Restaurants, die sich auf frisch zubereiteten Fisch und andere Meerestiere spezialisieren. Man sucht sich sein Essen, das sich lebendig in großen Wassertanks befindet, persönlich am Eingang aus. Müll wird während des Essens fallen gelassen, und so sieht man vor Ladenschluss beeindruckende Mengen an bunten Krustentierschalen, Muscheln und Fischgräten, die den Boden bedecken. Wir essen zwei große gebratene Krabben mit Tamarindensauce, Knoblauch und Ingwer. Grob und doch befriedigend.
Am nächsten Tag gehen wir in The Good Bar, die sich an der Promenade befindet. Die Kanadierin, die wir in Ha Noi getroffen haben, sitzt auf einem Stuhl. Die Nacht wird lang, nach mehreren Bier, erzählten Geschichten und geheucheltem Interesse der Blonden verlassen wir die Bar. Draußen stehen Frauen mit Schiebewagen. Die Schiebewagen sind alle mit dem Wort Kebab beschriftet. Darauf ein drehender Spieß mit Schweinebauch. Die Frauen verkaufen Bánh mì, belegte Baguettes. Die Baguettes sind ein Relikt der Kolonialzeit, es gibt sie in unendlich vielen Varianten. Hier sind sie belegt mit Pâté, Rührei, Gurke, Koriander und gebratenem Fleisch. Die kommen uns gerade recht. Das Brot ist weich, der Inhalt ist fett, salzig und scharf. Wir legen uns schlafen.

Aus Effilee #30, Herbst 2014
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