So kocht Schülp

Anke Friccius hat uns auf eine Dithmarscher Kohlpfanne eingeladen. Wobei die Pfanne eigentlich ein Wok ist. Damit geht’s einfach schneller. In der eingesparten Zeit macht sie sich noch ein paar Sorgen über unseren Autor, und verrät ihm, wie er endlich an eine ordentliche Frau kommt.

 
Schuelp
Anke hat die Situation unter Kontrolle: 375 Gramm Hackfleisch kommt mit in ihre Pfanne und 498 Einwohner hat ihr Dorf.

Nach einer längeren Fahrt durch die überraschungsarme, aber beruhigende Landschaft Dithmarschens, deren grüne Ebenen nur von Windrädern durchbrochen werden, biegen wir auf den Hof von Familie Friccius. Ein Schild vor dem Haus informiert uns, dass alle Gästewohnungen belegt sind. Auf der anderen Straßenseite, zwischen Asphalt und Feldrand, ist ein Gemüsestand mit der Aufschrift Gemüse – Medizin frisch vom Feld aufgebaut. Wirsingkohl 70 Cent, Spitzkohl 1 Euro. Dazu Möhren, Sellerie, Petersilienwurzeln. Das Geld steckt man in eine rote Metallbox. In der Stadt wäre der Stand vermutlich nach einer halben Stunde abgeräumt und die Kasse immer noch leer. Oder auch weg. Hier in Schülp scheint das mit der Ehrlichkeit ganz gut zu funktionieren. Allerdings hätten Diebe es auch nicht leicht, unerkannt zu entkommen. Die platten Kohlfelder erstrecken sich in alle Richtungen bis zum Horizont.
Wir gehen zum Hof hinüber und klingeln. Eine fröhliche Stimme ruft: »Kommen Sie rein, Tür ist offen!« Wir betreten die braun geflieste Halle, Anke Friccius kommt uns lächelnd aus der Küche entgegen. »Sollen wir die Schuhe ausziehen?« »Quatsch, das ist ein Bauernhof. Kommen Sie mal mit!« Wir gehen mit ihr in die Küche. »Machen Sie alles, wie zu Hause!« Wir setzen uns erstmal wie zu Hause auf die Küchenbank und schauen durch das Fenster auf den grauen Dithmarscher ­Himmel. Vor dem Fenster liegt ein üppiger Kopf Wirsingkohl. »Den habe ich hier zur Deko hingestellt. Den Kohl zum Kochen habe ich schonmal vorbereitet und kleingeschnitten. Und die Kartoffeln und Möhren gekocht, sonst müssen Sie ja ewig hier sitzen.« Die Küche ist groß, gemütlich und schummrig beleuchtet. »Das ganze Gemüse kommt von unserem eigenen Hof. Wir haben einen voll bewirtschafteten Hof mit Gemüseanbau. Sie haben auf der anderen Straßenseite sicherlich unseren Gemüsestand gesehen. Außerdem vermieten wir Wohnungen an Feriengäste.« Sie setzt sich zu uns an den Tisch. »Und ich bin Bürgermeisterin von dem Ort.« Ich frage, wie viele Einwohner Schülp hat. »Vierhundertachtundneunzig. Ab und zu springt auch einer ab. Gerade ist einer gestorben. Und unsere jungen Leute, die sind alle so Ende vierzig, Mitte vierzig. Die jüngeren gehen nach der Schule in die Stadt. Das Dörfersterben, wie überall. Aber es gibt auch immer wieder welche, die zurückkommen.«
Ich spiele gedankenverloren mit den kleinen Kürbissen, die in einer Schale auf dem Tisch stehen. Hinter mir auf der Banklehne steht ein Küchenradio, auf dem irgendein Musiksender läuft. »Soll ich das Radio ausmachen?«, fragt Anke Friccius. »Ich habe hier in der Küche eigentlich immer Musik laufen.« Ich versichere ihr, dass auch sie sich hier ganz wie zu Hause fühlen soll und das Radio natürlich anbleiben kann.
»Im Fernsehen habe ich gerade einen Bericht gesehen, wie das Leben hier in Dithmarschen vor sechzig Jahren war. Das war ja auch die Zeit meiner eigenen Kindheit. Es ist schon erstaunlich, wie viel sich in der Zeit verändert hat. Da war noch Familie, alle saßen an einem Tisch. Heute fliegt ja alles ausein­ander. Der eine hat Termine hier, der andere da. Aber normalerweise merke ich gar nicht, wie alt ich bin. Die ganzen Frauen mit ihren Wechseljahrsproblemen, davon bekomme ich gar nichts mit. Dazu habe ich zu viel zu tun.« Sie macht eine kleine Pause. »So, wollen wir nun kochen, oder was?« Anke Friccius heizt den Wok an. Natürlich könnte man auch einen großen Topf benutzen, aber so ein Wok ist schon praktisch. »Dithmarschen ist ja das größte Kohlanbaugebiet in Deutschland. Bald haben wir jetzt die Ernte vom Spätkohl. Spätkohl lässt sich länger lagern als der frühe Kohl. Der ist dafür zarter und weniger fest.« Sie kippt den geschnittenen Kohl in den Wok. »So, der muss jetzt erstmal anbrutzeln.«

Schuelp
Im Prinzip schmeckt die Kohlpfanne auch ohne Lammbratwurst. Aber auf Prinzipien wurde zu unseren Ehren gepfiffen.

»Ich habe Ihnen das Rezept mal kopiert. Nur ich mache das nicht mit fünfhundert Gramm, sondern bis der Topf voll ist. Wissen Sie, ich verstehe gar nicht, wieso so viele Menschen so vergrämt sind. Viel Geld in der Tasche, aber so ein Gesicht. Aber das Leben ist so schön! Ich gehe mit meinen Kindern zu Konzerten. Pink und Scooter haben wir neulich in Hamburg gesehen.« Anke Friccius’ Nerven sind offenbar jugendlicher und strapazierfähiger als meine eigenen. Sie zeigt auf die Pfanne neben dem Wok: »Das Hack habe ich auch schonmal angebraten. Mit Salz, Pfeffer, Zwiebel und Tomatenmark.« Sie gießt ein Glas Wasser zu dem Kohl in den Wok.
Ihr Sohn Hans-Christian kommt ins Haus. »Der musste bei meiner Tochter essen. Ihn und meinen Mann habe ich ausquartiert, weil wir ja heute hier kochen und die da stören würden.« Ich werfe Hans-Christian einen entschuldigenden Blick zu. Er winkt ab: »Das macht nichts, meine Schwester kocht auch gut.« Hans-Christian hat gerade seinen Bachelor in Geografie gemacht und hängt jetzt noch den Master dran. Seine Mutter packt ein Paket Würste aus. »Ich mache Lammbratwürste zum Kohl. Die müssen da nicht ran, sind aber sehr lecker. Wir haben einen sehr guten Schlachter, einen Ort weiter in Wesselburen, der macht die selbst, Schlachter Lüth.« Die Würste sehen schon roh lecker aus.
Anke Friccius schüttet die vorgekochten Möhren und Kartoffeln zum Kohl. »Alles hier vom Hof.« »Von mir geerntet!«, ruft Hans-Christian aus dem Zimmer neben der Küche. Muttern würzt. »Nur Salz und Pfeffer. Und nachher noch einen Brühwürfel.« Meine Gedanken wandern zu den großen Kohlköpfen auf der anderen Straßenseite und ich frage sie, wie lange der denn hält, wenn ich heute einen mitnähme. »So frisch geschnitten? Eine Woche im Kühlschrank. Sie können ihn auch auf den Balkon legen.« »Ich habe keinen Balkon«, sage ich. »Und keine Badewanne.« Anke Friccius schaut mich an: »Sie armer junger Mann! Sie brauchen dringend eine Ferienwohnung hier!« Das vorgebratene Hackfleisch kommt zum Gemüse in den Wok und wird gut durchgerührt. »Das geht ja fix!«, meine ich. »Ich habe ja auch einiges vorbereitet. Sie wissen doch: Stillstand ist Rückschritt.« Um die Dinge am Laufen zu halten, brät Anke Friccius die Lammbratwürste. »Schön kräftig braten. Der Rest ist auch gleich fertig.« Sie gibt noch ein Schälchen Frischkäse in den Wok. »Früher hätte man Sahne genommen. Frischkäse war damals ja nicht normal. Die Kohlpfanne schmeckt aber auch pur, ohne ­Sahne oder Käse.«
Anke Friccius legt Teller und Besteck auf den Tisch. »Wollen Sie was trinken? Kommen Sie am besten mal mit, junger Mann!« Sie führt mich in einen Lagerraum neben der Eingangshalle. »Hier stehen die Getränke für die Feriengäste. Nehmen Sie sich einfach, was Sie wollen. Bier? Oder nehmen Sie doch so ein Zitronenbier hier aus der Dithmarscher Brauerei. Das hat nur wenig Alkohol und Sie haben dann nachher keine Fahne.« Die Frau denkt mit. Ich nehme zwei Flaschen mit in die Küche. Anke Friccius beugt sich über den Wok.
»So, fertig! Ich stelle einfach die Pfanne auf den Tisch und dann kann sich jeder nehmen, wie er möchte.« Sie legt den Schöpflöffel in den Wok und setzt sich. »Wollen wir mal sehen, junger Mann … Prima. Ich denke, so kann man das essen.« Der Wok kommt in die Mitte des Tisches, die hervorragend duftenden Bratwürste daneben, dunkelbraun, kross gebraten. Und ich versuche mir Wolfgang Kubicki auf der Küchenbank vorzustellen. Einfach ist das nicht. Die Hausherrin reißt mich aus meinen verwirrenden Visionen: »Wissen Sie, was noch fehlt? Petersilie!« Sie holt ein Päckchen aus dem Gefrierschrank und streut den Inhalt über das Essen. »Grün! Vita­mine! ­Eisen!« Wir nehmen uns einen ordentlichen Schlag aus dem Wirsingwok und legen eine Lammbratwurst dazu. Wirsing ist ja ein ganz wunderbarer Kohl, fein und zugleich deutlich im Geschmack. Das angebratene Hack ist in seiner krümeligen Konsistenz ein prima Gegensatz und geschmacklich eine hervorragende Ergänzung, während die Möhren eine leicht süßliche Note beisteuern. Der Frischkäse rundet die Ecken ab und gibt Substanz. Erinnert mich aufs Angenehmste an Essen von Muttern.
»Sie müssen mal im Sommer hierherkommen, mit der Familie. Die Kinder lieben das, im Sand und Matsch zu spielen. Haben Sie Frau und Kinder?« Nein. Keine Kinder. Keine Frau. Keinen Balkon. Keine Badewanne. Aber mein Entschluss, bald welche von diesen Lammbratwürsten zu haben, verfestigt sich. »Da fahren Sie einfach die Straße rauf nach Wesselburen. Ist bei der Kirche, können Sie gar nicht verfehlen. Da können Sie dann auch noch einen Kaffee trinken. Gehen Sie doch ins Café Dingens, zu der Hübschen … Hans-Christian, wie heißt das noch, das Café …? Sie brauchen doch eine Frau!« Erst mal brauche ich noch Nachschlag von Kohlpfanne und Wurst. Meine Gedanken wandern wieder zu dem Gemüsestand und ich frage, ob sie da auch Steckrüben haben. »Natürlich haben wir da auch Steckrüben! Aber das interessiert mich jetzt mal: Was kochen Sie denn mit Steckrüben? Das kennen die jungen Leute ja meist gar nicht mehr.« Ich erzähle, dass ich meist einen Eintopf mit Kartoffeln und Speck mache. »Machen Sie unbedingt noch Möhren mit ran. Die Steckrüben haben ja so einen leicht erdigen Geschmack, da ist das Süßliche von den Möhren sehr schön. Und geben Sie immer etwas Muskat mit ran.«
Als wir uns nach einer Weile wieder bewegen können, bedanken wir uns und gehen vor der Abfahrt noch mal zum Gemüsestand, stecken 5 Euro in die Vertrauenskasse und decken uns mit frischem Gemüse ein. Dann schnell nach Wesselburen zu Schlachter Lüth. Und einen Kaffee trinken.

Text: Alexander Kasbohm Fotos: Andrea Thode
Aus Effilee #24, Frühling 2013
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2 Kommentare

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  1. Frau Friccius, wie sie leibt und lebt. Unsere Kinder freuen sich immer, wenn wir zu ihr hinfahren. Wir waren früher öfter als Urlaubsgäste bei Familie Friccius und leben jetzt in Dithmarschen.

  2. Vee­len Dank för dit lütt Geschich.
    Auch für einen fast alten Dith­mar­scher aus Wes­sel­bu­ren, der Land und Leute kennt, hat es Spass gemacht, die­sen Bericht zu lesen und sich über die nette Schreib­weise zu freuen. Übri­gens, mit Anke‘s Mann, Peter-Jacob, bin ich zur Schule gegan­gen.
    Ich bin gerade dabei, wenn auch sehr spät ange­fan­gen, mich für Heb­bel zu inter­es­sie­ren. Das liest sich nicht so leicht.
    Viele Grüße aus den schö­nen Wes­sel­bu­ren — Richard Denker