Die Zeit läuft

England in den 1980er-Jahren. Drei mehr oder weniger nachdenkliche Männer sitzen in einem Eisenbahnabteil und kommen ins Grübeln über Raum und Zeit. Der Nachdenklichste von ihnen war unser Autor.

Zeit rinnt
Am gescheitesten ist es imer noch, sich überhaupt nicht fortzubewegen.

Als ich das letzte Mal das Vergnügen hatte, London zu verlassen, stürzte, gerade als der Zug anruckelte, ein Vertreter der englischen Mittelklasse in mein Abteil. Da er den Zug von der Sperre her im Galopp begleitet hatte, befand sich seine äußere Erscheinung in großer Auflösung, sein Gesicht hatte einen violetten Schimmer und er schnaufte wie ein Walross in Leidenschaft. Nachdem er Platz genommen und seine Kleidung geordnet hatte, fing er an, sich zu entschuldigen, dass sein Benehmen, dieses Hineinhechten in einen schon fahrenden Zug, keine Art sei und er so etwas normalerweise auch nicht täte, er sich im Gegenteil als Engländer einer frei gewählten Ordnung unterwürfe, na ja, haha. Er sei aber auf dem Weg zur Hochzeit seiner Tochter und befürchte, zu spät zu kommen.
Dieser eilige Herr sprach weniger zu mir – ich trug eine rosa Latzhose, er eine Krawatte – sondern zu einem anderen korrekt gekleideten Herrn, der ihm eine Weile lächelnd beistimmte, bis der immer noch leicht violett Schimmernde ins Philosophieren geriet: »Ich weiß nicht, warum wir heutzutage alle so herumhetzen – mit all diesen modernen Verkehrsverbindungen, die uns rasch von einem Punkt zum andern bringen. Und trotzdem scheinen wir es immer eiliger zu haben als zu jenen Zeiten, als alles noch viel langsamer vor sich ging. Das ist doch Wahnsinn, aber ich mache jeden Tag mit und es hilft mir überhaupt nicht, dass ich mir sage, dass ich ja noch die ganze Ewigkeit vor mir habe.«
Den angesprochenen Passagier packte angesichts dieser geballten Ladung Metaphysik, die ein Wildfremder da ins Abteil getragen hatte, kalte Panik. Er nickte also nur ein wenig und steuerte rasch den festeren Boden der Meteorologie an: »Ja stimmt, stimmt, jawohl, ein äußerst trüber Tag heute, sehr trüb.«
Dies war ziviles, verständliches Geplauder, wie es den Köpfen durchschnittlich gebildeter liberaler Engländer entspringt. In der Regel besteht es aus unendlich vielen kleinen Variationen völlig offenkundiger Tatbestände wie: Es regnet oder es regnet ja immer noch oder oh je, Sie scheinen in ein 20 Meter tiefes Loch gefallen zu sein, fehlt Ihnen was? Und so weiter.
Niemand im Zugabteil sprach mehr ein Wort, nachdem das Wetter gründlich diskutiert worden war. Indessen hatte der eilige Mann einen wunden Punkt bei mir berührt. Er war mir in seiner ganzen mittelmäßigen Erscheinung der ermunternde Beweis dafür, dass auch andere Leute ein Unbehagen verspüren, wenn sie über die Zeit nachdenken. Dass sie das Gefühl haben, die Zeit glitte ihnen aus den Händen. Statt mit uns zu sein, wie es wohl nur rechtens ist, stellt sie sich als heimtückische, unangreifbare Feindin gegen uns. Wir erinnern uns vielleicht, dass Mick Jagger vor Jahren einmal gesungen hat, die Zeit sei auf seiner Seite, seit Neuestem jammert er nun, dass die Zeit auf niemanden warte. Der Mann wird scheint’s auch älter.
Die Sorge um die entgleitende Zeit ist natürlich kein neues Phänomen. Nehmen wir nur mal Stonehenge. Wer immer und zu welchem Zweck diese Klötze in die Landschaft gestellt hat, wird das mit seinem Schöpfer ausgemacht haben, vor allen Dingen, wenn es stimmt, dass dieses Monstrum eine präzis gehende Sonnenuhr gewesen sein soll. Nun stell dir vor, du wohntest weit weg von diesem Zeitmesser. Es kostete dich Tage – wenn nicht Wochenmärsche, um die genaue Zeit zu erfahren. Auf dem Hin- und Rückweg waren Drachen zu besiegen – furchtbar. Dennoch bringt uns dieses Gedankenspiel auf den richtigen Pfad. Am gescheitesten ist es immer noch, sich überhaupt nicht fortzubewegen. Wer sich von einem Ort zum andern begibt, verliert Zeit. Sehr schnell sogar. Wer sich indessen nicht von der Stelle rührt, verfügt theoretisch über jede Menge Zeit, nicht zu tun, wozu er keine Lust hat. Denn wer seine Zeit mit unsinniger Bewegung verplempert, hat am Ende keine mehr, etwas wirklich Amüsantes zu unternehmen.
Das ist im höchsten Maße unfair, speziell für Leute, die in der Stadt leben. In dem Dorf, aus dem ich herkomme, könnte ich eine ganze Woche lang auf einem Bein herumstehen und kein Mensch würde Anstoß nehmen. Ich gebe zu, ich habe das noch nicht ausprobiert, denn eine Woche wäre wahrscheinlich sehr langweilig, aber ich halte mir die Möglichkeit offen. Wenn du dagegen in der Stadt wohnst, musst du in Bewegung bleiben, denn die Zeit ist dort schneller. Diese Tatsache verwirrt und betrübt die Menschen, aber das muss eigentlich nicht sein.
Nimm dir mal eine Minute Zeit und bedenke Folgendes: Es gibt Zeit und es gibt Raum wie in der Science-Fiction. Wenn du bleibst, wo du bist, gehören dir 24 Stunden am Tag. Du verharrst im Raum und hast jede Menge Zeit zur Verfügung. Klar? Wenn du aber anfängst, herumzuziehen, was passiert? Du wirst mit deiner Zeit für Raum bezahlen. Du wirst herumrasen wie ein gedopter Windhund und die Zeit wird immer knapper, je schneller du dich bewegst.
Unglücklicherweise versagen die meisten Menschen bei der Einsicht in diese simplen Tatsachen. Ein Beispiel dafür liefert die Polizei, die schlichtweg unfähig ist, den inneren Plan eines Menschen zu begreifen, der an einer Stelle verweilen möchte. Es bring sie dermaßen aus der Fassung, dass sie, falls die Person darauf beharrt, sich nicht im Raum zu bewegen, ihr die Bewegungsfreiheit völlig abschneidet. Diesen Vorgang nennen wir Festnahme oder in der Folge Arrest. So, langsam kommt Ordnung in die Sache, sehr nett. Jemand, der eine Gefängnisstrafe verbüßt, sitzt seine Zeit ab. Genau so ist es. Beim Militär ist es üblich, als Disziplinarmaßnahme Zeit vorzugeben, für die kein Raum zur Verfügung steht, zum Beispiel die bekannte Übung, bei der man auf der Stelle trampeln muss. Sinnlos, aber geräuschvoll. Als Gefreiter fiel ich einem Unteroffizier auf, als ich über die metaphysischen Dimensionen dieses Befehls nachgrübelte. Er ließ mich daraufhin zwei Mal um den Paradeplatz marschieren mit einem Rucksack voll Sand, wobei ich Bewegungen ausführen musste, die man beim Militär on the double nennt. Das bedeutet, dass doppelt so viel Raum in derselben Zeit zur Verfügung steht oder umgekehrt derselbe Raum in der halben Zeit. Mann, war das aufregend.
Was mich in den letzten zwei Jahren so richtig fertigmacht, ist der Wechsel von Sommer- und Winterzeit. Da wankte ich eines morgens in der Zuversicht, nur eine Viertelstunde zu spät zur Arbeit gekommen zu sein, plötzlich 45 Minuten zu früh in die leere Fabrikhalle. Das machte meinem Hirn eine Weile schwer zu schaffen, bis so ein Heini von Vorarbeiter aufkreuzte und mir den Trick erklärte. Er schickte mich trotzdem ans Werk, andeutend, dass es für die zu viel aufgewendete Zeit mehr Geld gäbe. Aber das klappte nicht, denn die Stechuhr, in die ich meine Karte stecken musste, um zu beweisen, dass ich in eigener Person präsent war, diese Stechuhr legte mich rein, die Sau, denn als es acht schlug machte sie etwas ganz hinterfotziges, eine Art Zeitsprung, der bewies, dass ich tatsächlich 15 Minuten zu spät dran gewesen war, woraufhin ich prompt einen Anschiss bekam. Wie Immanuel Kant sagte: Guten Morgen, Mutter.
Wenn unsere Zeit schließlich abgelaufen ist, was von der Geburt aus gesehen am anderen Ende des Lebens der Fall ist, erleben wir das unvermeidliche Schauspiel eines Beerdigungsszugs. Egal wo, stets fahren Leichenwagen und die Autos mit den Trauergästen so langsam wie möglich, während die Leute auf der Straße stehen bleiben und zugucken. In den meisten Fällen führte die Person, die da vorbeigekarrt wird, ein völlig bedeutungsloses Leben, aber nun im Tod hat sie anerkanntermaßen ein großes Problem gelöst: das von Raum und Zeit. Vor einer Woche noch mag sie zur Arbeit gerannt oder im Verkehrsstau stecken geblieben sein, und hinter ihr schrie jemand: »Mach doch hinne!« oder »Penn nicht ein!« Nun aber braucht sie sich um Raum und Zeit nicht mehr zu kümmern, nun kontrolliert sie mühelos den Verkehr.

Text: John Hannah Foto: Martin Parr/Magnum Übersetzung: Doris Engelke
Meine Meinung …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Aus Effilee #23, Winter 2012
«
»