Treffen sich zwei Weine – Kenner- und Genießerglas

Diesmal: Kenner- und Geniesserglas

 

Gabriel-Glas
Die erste Wahl vieler Experten: das Gabriel-Glas
Der Wein braucht das Glas. Während man Bier durchaus auch mal mit Genuss aus der Flasche trinken kann, funktioniert das beim Wein überhaupt nicht (von gewissen Verirrungen gegen Ende der Schulzeit einmal abgesehen). Wein trinkt man in kleinen Schlucken, viel von dem, was seinen Zauber ausmacht, nehmen wir mit der Nase auf und daher spielt die Form des Glases eine erstaunlich große Rolle beim Genuss. Wer das nicht glaubt, sollte einfach mal den Selbstversuch machen und einen Wein, den er kennt und mag, aus zwei Gläsern, einem guten und einem ganz einfachen, parallel verkosten. Das Ergebnis fällt in der Regel so eindeutig aus, dass sich die weitere Diskussion erübrigt.
In Deutschland hat sich diese Erkenntnis seit den Siebzigerjahren weitgehend durchgesetzt, maßgeblichen Anteil daran hatten die weingerechten Trinkgläser, die Claus Josef Riedel 1973 erstmals vorstellte.
Riedel war der Erste, der sich intensiv mit dem Einfluss des Glases auf die Wahrnehmung des Weins beschäftigte. Er begann, spezielle Gläser für bestimmte Weine herzustellen, behilflich war ihm dabei sein eigener Gaumen und viel Versuch und Irrtum. Dabei entstand die Serie Sommeliers, mundgeblasene, wunderschöne Gläser, die durch ihre unterschiedlichen Formen den charakteristischen Eigenschaften verschiedener Weine gerecht werden.
Es gibt eine ganze Reihe von Faktoren, die hier eine Rolle spielen, an die man aber im ersten Moment gar nicht denkt: Die Ausprägung des Bodens hat Einfluss darauf, wie groß die Oberfläche des Weins ist und wie viel der aromatischen Substanzen verdunstet. Abhängig von der Form der Wölbung wird eine mehr oder weniger große Fläche benetzt, wenn man den Wein im Glas kreisen lässt. Die Größe der Öffnung beeinflusst, wie konzentriert das Aroma auf die Nase trifft, und die Form der Kante lässt den Wein beim Trinken auf ganz bestimmte Weise in den Mund schwappen; da verschiedene Sektoren der Zunge für unterschiedliche Geschmäcker verschieden sensibel sind, hat das einen wesentlichen Einfluss auf die Wahrnehmung. Da ein wesentlicher Teil des Aromas über den Rachenraum in die Nase kommt, von hinten also, spielt die Kopfhaltung eine wichtige Rolle, und die wird durch die Form des Glases beeinflusst.
So entstand eine Vielzahl von Formen, von den kleinen, in der Öffnung nach innen gebogenen Yquem-Gläsern bis zum despektierlich Goldfischglas genannten Glas für rote Burgunder. Das Problem war natürlich, dass jemand, der einen nicht allzu einfältigen Geschmack hat, also zum Beispiel Bordeaux trinkt, rote und weiße Burgunder, Riesling, Süßwein und zwischendurch auch mal einen Schluck Wasser, eigentlich für jeden seiner Gäste sechs verschiedene Gläser bereithalten muss, plus eines für den Champagner.
Burgunderglas
Quasistandard in vielen Restaurants: Burgunderglas von Riedel Vinum

Der Schweizer Weinexperte René Gabriel suchte nach einer Alternative und entwickelte in Zusammenarbeit mit dem Glasbläser Siegfried Seidl sein Gabriel-Glas. Das erhebt den Anspruch, für alle Weine gleichermaßen geeignet zu sein. Und in der Tat konnte sich das federleichte Glas – in der mundgeblasenen Variante wiegt es gerade einmal 80 Gramm – eine große Anhängerschaft erarbeiten, vor allem unter Fachleuten.
Es ist beeindruckend, wie transparent und präzise definiert Wein in diesem Glas rüberkommt. Allerdings erinnert mich das auch ein wenig an die Yamaha NS10. Das waren Monitorboxen, die seit den Siebzigerjahren die Tonstudios der Welt eroberten, weil sie so transparent und präzise klangen. Dabei waren sie noch nicht mal besonders teuer, sodass man schon auf die Idee kommen konnte, sich ein Pärchen nach Hause zu stellen. Das erwies sich aber häufig als Irrtum, denn die Unbestechlichkeit ist dem Genuss nicht notwendigerweise zuträglich.
Im direkten Vergleich mit dem unten abgebildeten Burgunderglas von Riedel Vinum, aus dem ich fast alles trinke, selbst Riesling und Champagner, würde ich persönlich es so sagen: Wenn ich über den Wein schreiben muss, ist das Gabriel ganz vorn, wenn ich mich gepflegt betrinken will, nehme ich das Riedel.

Text: Vijay Sapre Fotos: Andrea Thode
Aus Effilee #22, Herbst 2012
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