Herrn Paulsens Deutschstunde: Toast Hawaii

Toast Hawaii
Am Anfang war das Feuer, und am 20. Februar 1953 trat Carl Clemens Hahn erstmals vor die Zuschauer an den Fernsehempfängern, um ein knappes Jahrzehnt lang in 185 Sendungen zu erklären, was denn darauf so alles zu brutzeln sei und vor allem wie. Herr Hahn, gescheiterter Schauspieler und leidenschaftlicher Autodidakt, was die Kochkunst betraf, wurde unter dem Künstlernamen ›Clemens Wilmenrod‹ der erste Fernsehkoch Deutschlands. »Ihr ­lieben, goldigen Menschen! Liebe Brüder und Schwestern in Lucullus!«, begrüßte er überschwänglich ein weitestgehend männerfreies Publikum zu seiner Sendung
Bitte in zehn Minuten zu Tisch!, ausgestrahlt zur besten Sendezeit, am Freitagabend um 21.30 Uhr aus der NWDR-Fernseh­küche im Hochbunker auf dem Hamburger Heiligen­geistfeld. Mit Fantasie, fern jeglicher Konventionen und ohne Konkurrenz, erschuf er aus Konserven zahlreiche Klassiker der Wirtschaftswunderjahre und brachte den Deutschen das Fressen wieder bei. Das Nachkriegsfernsehen war gerade acht Wochen auf Sendung, als Wilmenrod zum ersten Mal vor die Kameras trat.
Der geistige Vater von Mälzer, Lafer, Lichter und Co., war nicht zögerlich in der Entwicklung erstaunlich handfester Speisen, die er mit exotischen und wohlklingenden Name garnierte, darunter unvergessliche Geschmackssensationen wie Arabisches Reiterfleisch (Frikadelle mit Paprikapulver und Ketchup), Torero-Frühstück (eine Leberwurstschnitte mit Tomate und Ei), oder der Heringssalat auf bretonische Art, jenes Rezept, das als eines von nur zwei Originalmitschnitten der Sendung erhalten geblieben ist und in der NDR-Mediathek angesehen werden kann (www.ndr.de/media/wilmenrod​original100.html). Die wohl berühmteste Kreation des Showkoch-Pioniers ist der Toast Hawaii. Der gebutterte Toast mit Schinken, Scheiblettenkäse und Belegkirsche war Futter für die Nachkriegssehnsucht der Menschen nach Ferne und Exotik, in deren Schlepptau auch die Pizza Hawaii Einzug in bundesdeutsche Küchen hielt. Insbesondere die Kombination von salzigem Käse und Schinken mit der süßen Dosen-Ananas war neu. Als die ersten frischen Ananas das Wirtschaftswunder-Deutschland erreichten, lagen die Früchte wie Blei in den Kaufmannsläden, es fehlte die Süße (und der dezent metallische Beigeschmack) der gezuckerten Dosenfrüchte, die bis heute erste Wahl für einen klassischen Toast Hawaii à la Wilmenrod sind.
Allerdings ist sich die kulinarische Geschichtsschreibung mittlerweile gar nicht mehr so sicher, ob der Toast Hawaii tatsächlich eine Erfindung des selbsternannten ›Bundesfeinschmeckers‹ ist. Die Kulturhistorikerin Petra Foede, die sich bereits 2009 in ihrem Buch Wie Bismarck auf den Hering kam (Kein & Aber Verlag) eingehend mit dem Toast Hawaii beschäftigte, entdeckte ein Jahr später auf der Internetseite kitchen-retro.com eine Anzeige der Dosenschinken-Firma Hormel (›Spam‹), die im November 1939 im Life-Magazin erschien. Darauf findet sich die Abbildung eines Hot Cheese Spamwich, mittig mit roten Zwiebeln garniert, der schon große Ähnlichkeit mit Wilmenrods Toast aufweist. Ein im gleichen Jahr erschienenes Rezeptheft des Frühstücksfleisch-Unternehmens führt auch eine Variante des Toasts mit einer Scheibe Ananas. Wilmenrod könnte Heft und Rezept gekannt haben, mutmaßt Foede, immerhin lebte der Fernsehkoch seit den 1930er-Jahren in Wiesbaden, einem wichtigen amerikanische Militärstützpunkt und Hormels Spam war wesentlicher Bestandteil der Truppenverpflegung. Hawaii wiederum war im Zweiten Weltkrieg wichtiger Versorgungsstützpunkt und Handelspartner der Amerikaner.
Hat sich Wilmenrod also von einer Werbebroschüre für Dosenschinken in­spirieren lassen? Als gesichert gilt, dass der Toast Hawaii den Fernsehkoch insbesondere wegen seiner Käsedecke erfreut haben dürfte, die war nämlich bares Geld wert. Wilmenrod war ein Meister des Gratinierens, beinahe alles wurde mit Käse überbacken. Das war einem Werbe­abkommen mit den Herstellern des Heinzel­kochs geschuldet, einem kleine Elektroofen mit hochmodernen Grillstrahlern, der in beinahe jeder Sendung eine wichtige Rolle spielte. »Wenn ich vor der Kamera stehe, hilft mir kein Gott, sondern nur mein ­Gerät!« – ein früher Fall von Product Placement. Wilmenrod schleichwarb auch für Kühlschränke, Rumtöpfe und Küchen-Gimmicks wie Schneidboy und Greif­hexe (heute: Jamie-Oliver-­Zange). Als der Spiegel in einer Titelgeschichte aufdeckte, Wilmenrod habe für seine mediale Präsentation eines Putenbratens zum Weihnachtsfest vorab 1000 D-Mark von einem Oldenburger Geflügelfarmer erhalten, fiel der Fernsehkoch in Ungnade: Gesendet wurde ab 1957 nur noch einmal im Monat, später verbannte man Wilmenrod ins Nachmittags­programm, und am 16. Mai 1964 wurde die Sendung ganz abgesetzt. Der ehemalige Fernsehstar lebte nur noch drei Jahre. Mit der Sendung war ihm der Lebensinhalt entzogen, dazu bekam er die Diagnose Magenkrebs. In tiefe Depression verfallen, nahm sich Clemens Wilmenrod 1967, im Alter von sechzig Jahren, das Leben.
2009 erinnerte die ARD mit der Erstausstrahlung des wunderbaren Fernsehfilms Wilmenrod – Es liegt mir auf der Zunge an den ersten deutschen TV-Koch. Ein würdiges filmisches Denkmal für den Mann, der ganz eventuell den Toast Hawaii nicht erfunden hat, dafür aber die Kulinarik ins Fernsehen brachte.

Text: Stevan Paul Foto Andrea Thode

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