Château d‘Yquem 2001

Es geht um den Moment, in dem alles stimmt: Als ich zum ersten Mal „Weizenfeld mit Zypressen“ von van Gogh sah, diese Bewegungen, dieses Licht – und dann auch noch in Melbourne. Der Anfang der als Lesebuchroman bezeichneten Spaßparade „Der Bahnwärter Sandomir“ von Günter Bruno Fuchs: „Größere Landschaften gab es, doch in der Landschaft Sandomir gab es eine Bahnschranke.“ Oder die Bäume im Hamburger Hirschpark. Jeder weiß wohl, was ich meine, denn jeder hat es schon mal erlebt, so ein kurzes Zusammentreffen mit der Ewigkeit.

Die Wissenschaft sagt, dass die Zeit, die wir als Gegenwart wahrnehmen, als einen Moment, drei Sekunden lang sei. Möglicherweise, wie Peter Licht in seinem Hit „Sonnendeck“ meint: „Eine Sekunde für vorher, eine für nachher, eine für mittendrin.“ Das ist allerdings eine recht kurze Zeit für das Glück. Vermutlich lebt es sich tatsächlich besser, wenn man den Weg das Ziel sein lässt. Doch das eine schließt das andere nicht aus. Womit wir beim Yquem wären.

In dem Wein steckt viel Arbeit: Die Felder werden mehrfach gelesen, wobei nicht die ganzen Trauben geerntet werden, sondern nur einzelne Beeren.

Das Château d’Yquem liegt in Sauternes, südöstlich von Bordeaux. Es ist vor allem für seinen gleichnamigen Süßwein berühmt, der seine Qualität einerseits der Geographie verdankt: Das Anbaugebiet liegt in einem Tal mit idealen Bedingungen für die Edelfäule und den damit einhergehenden Anstieg des Zuckergehalts der Trauben. Andererseits steckt in dem Wein auch viel Arbeit: Die Felder werden mehrfach gelesen, wobei nicht die ganzen Trauben geerntet werden, sondern nur einzelne Beeren. Dies macht nicht jede Flasche automatisch zu einem Meisterwerk, aber es ist ein guter Grund, für diese 0,375 Liter etwa 250 Euro zu bezahlen – es besteht zumindest die Chance auf ein Meisterwerk.

Wir trinken den Château d’Yquem 2001 an einem freundlichen Abend im August, und der Wein ist, nun ja: gut. Eine tiefe, runde, lange Welle der Intensität, ein schweres Karussell der Aromen, in dem jedes Detail auch bei voller Fahrt erkennbar ist. Nur dass darüber eine stechende Note liegt, als hätte jemand versucht, kurz vor der Eröffnung des Jahrmarkts noch schnell die Attraktionen neu zu lackieren, und nun fahren die Kinder durch leichte Schwaden trocknender Farbe. Das ist nicht schlimm, die Kinderaugen leuchten, aber die Eltern machen sich Sorgen. Und das reicht: Ein Moment, in dem alles stimmt, sieht anders aus. Aber ist es nicht schon ein Glück, etwas zu finden, das die Beschäftigung lohnt? Einen Wein, der eher häufig großartig ist, einen Autor, der schon manche Herzen geöffnet hat, einen Ort, der schwer zu erreichen ist, aber leicht zu lieben. Wir wählen aus, versuchen zu verstehen, wir vergleichen und bemühen uns, überdenken, halten inne. Das Glück ist Arbeit. Und wenn am Ende keine erfüllten drei Sekunden stehen, war es vorher immerhin eine gute Zeit.

Meine Meinung …
Aus Effilee #10, Mai/Jun 2010
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