Underberg

Underberg wirkt – nach jedem guten Essen

An schönen Wochenenden war die Terrasse bis auf den letzten Platz besetzt. Es gab fränkischen Spargel in riesigen Portionen und Schnitzel, die weder Wiener waren, noch Wiener Art sondern schlicht Schweineschnitzel, groß wie der Teller, paniert und knusprig. Dazu Frischgezapftes von der örtlichen Brauerei. Fränkische Sommerfrische eben, zehn Kilometer von der Stadt, im Vereinsheim des Dorffußballvereins. Die Studentenvermittlung hatte mich hierher geschickt, zum Aushelfen; ich war jung, ich brauchte das Geld, und da mein Studium ohnehin eher etwas war, über das ich nachdachte, als etwas, das ich aktiv verfolgte, blieb ich für länger.

»Zangengeburt«, er­­klärte man mir hinter vorgehaltener Hand, jetzt trinke er ja nichts mehr, aber ich hätte ihn mal früher erleben sollen.

Der Chef schielte. »Zangengeburt«, er­­klärte man mir hinter vorgehaltener Hand, jetzt trinke er ja nichts mehr, aber ich hätte ihn mal früher erleben sollen. Er war Berliner, Großstädter von seinem ganzen Wesen, und hatte, auch dafür war er berühmt, auf all seinen gastronomischen Stationen eine Spendendose der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger dabei. Ein Rettungsboot aus Plastik mit einem Schlitz, in den man Geldstücke hineinwerfen konnte.

Montag war Ruhetag. Wenn ich dien­stags um zehn kam, war die Terrasse leer. Im Gastraum saßen drei Männer um einen Tisch. »Das sind die Stammgäste«, wurde gesagt, und die Stammgäste sagten: »Na, du bist ganz neu, aber wir bringen’s dir schon bei.«

Das ging zum Beispiel so: Einer, Sokolov, bestellt ein Bier, ich bring es hin, und er blickt es eine Viertelstunde konzentriert an, um mich dann zu fragen, wie er denn das Bier trinken solle, wo ich ihm doch noch gar nicht den Bierwärmer gebracht hätte. »Jetzt weißt es«, sagt er, »bringst mir halt gleich noch einen Underberg mit!«

Der Chef öffnet eine Schublade im Tresen, gibt mir das Fläschchen. Ein winziges Ding, fein in braunes Packpapier gewickelt. Zusammen mit dem Bierwärmer trage ich es an den Tisch. »Soll ich das jetzt aus der Flasche trinken?« Ich drehe um und hole ein Schnapsglas. Als ich zurückkomme, liegt die Flasche neben ihrem grünen Deckel neben dem Aschenbecher. »Das hat mir jetzt zu lange gedauert!« Die drei lachen und ich male ein kleines U auf den Bierdeckel, für Underberg.

Die anderen beiden waren ebenfalls Mitte 40, wohnten aber noch bei ihren Müttern und wurden folgerichtig von allen beim Vornamen gerufen.

Sokolov war, wie ich erfuhr, »Abteilungsleiter beim Siemens«. Die anderen beiden waren ebenfalls Mitte 40, wohnten aber noch bei ihren Müttern und wurden folgerichtig von allen beim Vornamen gerufen. Charlie und Robert. Alle drei verbrachten den Tag bis zum späten Nachmittag mit der Lektüre der Bildzeitung, dem Verzehr kleiner Speisen (Bratwurstsemmel) und meiner Unterweisung. Anschließend ließen sie sich noch etwas zu essen einpacken. Charlie und Robert für ihre Mütter, Sokolov für seine Frau. Dann wurde der Deckel zusammengerechnet und mit großer Geste um einen kleinen Betrag aufgerundet. »Das passt!«

Erst kam Sokolov nur unregelmäßig, ein- oder zweimal in der Woche, wenn er, wie er erzählte, beim Arzt war, und er ließ die anderen spüren, dass er ein Mann mit einer Aufgabe war, der Leitung einer ganzen Abteilung, und dass er diese Aufgabe spätestens am nächsten Tag mit neuer Zielstrebigkeit angehen würde. Zunächst aber bestellte er noch ein angewärmtes Bier und einen Underberg. Beziehungsweise bestellte er gar nicht, die Vereinbarung war: Solange er nichts sagt, wird nachgeschenkt. Das hatte ich bald raus. Der Underberg wurde korrekt so serviert: Ohne Glas, den Deckel abgedreht und locker wieder aufgesetzt. Dabei entfaltete sich, schon bei diesem ganz kurzen Öffnen der Flasche, der charakteristische Duft, herbsüß, gleichzeitig wollüstig und medizinisch.

Später kam Sokolov täglich. Nun war er richtig krankgeschrieben. Der Heilwirkung des Kräuterlikörs vertrauend, nahm er weiterhin zu jedem Bier ein Fläschchen. Er trank an beidem aber länger, setzte selbst den Underberg gelegentlich ab, um ihn erst im zweiten Anlauf zu leeren.

Noch später kam er gar nicht mehr. Irgendwann erzählte mir jemand, er sei an einer schweren Krankheit verstorben, was es genau war, wusste keiner. Am Abend, als wir noch kurz zusammenstanden, der Wirt, seine Frau, die Köchin und ich, genehmigte ich mir dann auch mal einen.

Meine Meinung …
Aus Effilee #20, Frühling 2012
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