Vin de Constance 2000

Was vin de Constance mit dem Leben der Bienen zu tun hat

 

»Die Bienen schenken dem Menschen Honig und duftendes Wachs, aber was vielleicht mehr wert ist als Honig und Wachs: Sie lenken seinen Sinn auf den heiteren Junitag, sie öffnen ihm das Herz für den Zauber der schönen Jahreszeit, und alles, woran sie Anteil haben, verknüpft sich in der Vorstellung mit blauem Himmel, Blumensegen und Sommerlust. Sie sind die eigentliche Seele des Sommers, die Uhr der Stunden des Überflusses, der schnelle Flügel der aufsteigenden Düfte, der Geist und der Sinn des strömenden Lichtes, das Lied der sich dehnenden, ruhenden Luft, und ihr Flug ist das sichtbare Wahrzeichen, die deutliche musikalische Note der tausend kleinen Freuden, die von der Wärme erzeugt sind und im Lichte leben.« (Maurice Maeterlinck – Das Leben der Bienen)

Maurice Maeterlinck veröffentlichte Das Leben der Bienen 1901, zehn Jahre, bevor er den Literaturnobelpreis bekam. Der belgische Schriftsteller und Dramatiker, der 1893 mit dem Stück Pelléas et Mélisande berühmt wurde, war ein Freizeit-Imker, was man dem Buch anmerkt. Ausführlich und detailliert erzählt er vom Alltag im Bienenstock, der Organisation der Arbeit und der Fortpflanzung, aber auch von der Einrichtung neuer Kolonien und was dem vorausgeht: das Schwärmen – eine Gruppe Bienen verlässt ihr Zuhause, um einen Ort für eine neue Heimat zu finden. Doch Das Leben der Bienen ist kein Sachbuch. Maeterlinck war ein romantischer Symbolist, und so erklärt er an den Bienen Gott und die Welt – im Wortsinn! Das Schwärmen ist für ihn der Höhepunkt des Bienenlebens, und er berichtet, dass die Bienen direkt davor in einem ekstatischen Taumel versinken und ein exzessives Fest feiern. Doch er hat dabei ein Detail vergessen.

Denn bevor sich die Tore des Bienenhauses öffnen und die gelbschwarzen Bienenbürger in die Fremde hinausfliegen, öffnet sich ein schwerer, goldgelber Brokatvorhang, der das ganze Jahr die königlichen Gemächer verborgen hat, und die Königin tritt heraus, umhüllt von einem purpurnen Umhang. Sie schreitet über einen schmalen Steg auf eine Bühne, breitet ihre Arme aus, und dann rutscht ihr der Umhang von den Schultern, und darunter ist sie: nackt! Stille. Bis ein schweres Atmen einsetzt und eine Unruhe unter den Bienen, die nie zuvor eine nackte Königin gesehen haben. Doch bevor es zu unschönen Worten oder gar Übergriffen kommen kann, öffnen sich die Tore, und sofort beginnen die Bienen zu schwärmen, verwirrt von einer Flut von Fantasien und Hormonen, die sie den Rest ihres kleinen Bienenlebens verfolgen wird. Derweil sich die Königin in ihre Gemächer zurückzieht, wo sie nach dieser elenden alljährlichen Show ihren eigenen Jahreshöhepunkt genießt: eine Flasche Vin de Constance.

Der Vin de Constance stammt von dem Weingut Klein Constantia in Südafrika und ist ein Süßwein, der ohne Botrytis- (Grauschimmel-) Trauben produziert wird. Er ist goldgelb und weich wie Samt, und er schmeckt wie der Tag einer Biene, die statt zu arbeiten durch die Sommerluft segelt und Honig nascht. Sonnig und warm, ein Meer von Blumen unter ihr, tunkt sie immer wieder ihre Bienentatzen in den Provianttopf, schleckt sie ein ums andere Mal ab und lacht beduselt. Das jedenfalls behauptet die Bienenkönigin, die sich träge auf ihrem Diwan räkelt und grinst, wenn sie an die Proletenbienen denkt, die das ganze Jahr arbeiten und dann von ihren herrlichen Sommertagen erzählen. Das könnten sie einfacher haben – mit dieser Flasche.

»Wenn die nackte Wahrheit uns im Augenblick weniger groß, edel oder anziehend erscheint als der erträumte Schmuck, mit dem man sie behängen könnte, so liegt die Schuld an uns, weil wir die stets erstaunlichen Beziehungen, die zwischen unserem Wesen und den Weltgesetzen bestehen müssen, noch nicht zu erkennen vermögen, und es ist in diesem Fall also nicht die Wahrheit, die einer Vergrößerung und Veredelung bedarf, sondern unser Verstand.« (Maurice Maeterlinck – Das Leben der Bienen)

Text: Peter Lau
Bild: Andrea Thode

aus Effilee #2, Januar/Februar 2009

Aus Effilee #2, Jan/Feb 2009
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