Deutschstunde: Kartoffelsuppe »Deutschlandreise«

Kaum etwas ist deutscher als Kartoffelsuppe: löffelweise Klischees und Vorurteile. Wer allerdings ein bisschen tiefer in den Topf schaut, stellt fest, dass gerade diese Suppe eine globale Geschichte von Eroberung, Kolonialisierung und Auswanderung erzählt – mit Happy End. Denn die Kartoffel war bis zum 16. Jahrhundert außerhalb des präkolumbischen Amerikas unbekannt. Sie spielte dort in der frühen Hochkultur der Inka als Nahrungsmittel eine tragende Rolle, weil sie auch in der großen Höhe der Anden gut gedieh. Als Francisco Pizarro und sein spanisches Überfallkommando 1532 in Peru einmarschierten, kannten die Inka nicht nur über eintausend Kartoffelsorten, sie betrieben auch Kreislauf-Weidewirtschaft und hatten Handelsmärkte etabliert. Das Straßennetz war weiter als das des Römischen Reichs, und die größeren Städte der Inka verfügten über das weltweit erste organisierte Abwasser- und Müllsystem. Die Konquistadoren zerstörten diese Hochkultur.

Die Eindeutschung der Kartoffel lag da aber immer noch in weiter Ferne: Über die Kanaren erreichte die Knolle aus der Familie der Nachtschattengewächse Europa erst Anfang des 18. Jahrhunderts und dann endlich auch Deutschland. Eine große Zukunft schien sie nicht zu haben, die Deutschen fremdelten mit der unbekannten Knolle. Wenig hilfreich war dabei, dass Blätter und Blüten jenen der teuflisch giftigen Tollkirsche und der als Hexenkraut verdächtigten Alraune ähnelten. Aufgeschlossener zeigten sich die Franzosen. Der Pharmazeut und Agronom Antoine Parmentier war nicht nur mit einer stattlichen Kartoffelnase gesegnet, er lobte früh die Nahrhaftigkeit der Kartoffel und lehrte insbesondere anlässlich der großen europäischen Hungersnöte von 1769–72 ihren Anbau. Unterstützung fand er später in König Ludwig XVI., der ihn nicht nur zum Generalinspektor des Medizinalwesens ernannte, sondern auch selbst tatkräftig das Marketing für die Knolle unterstützte: Bei öffentlichen Anlässen zeigte sich der Bourbone dem hungernden Volk gern mit einem Kartoffelblütensträußchen im Knopfloch. Mit Zustimmung des Monarchen ließ Parmentier zudem die königlichen Kartoffelfelder von Soldaten bewachen, um Begehrlichkeiten bei den Bauern zu wecken: ein Trick, den der Legende nach auch Friedrich II. in Preußen verwendete. Aber Preußen war eine Ausnahme, erst Ende des 18. Jahrhunderts waren die zögerlichen Nachbarn aus Deutschland sämtlich von der Taratouphli als verlässlich sättigende Getreidealternative überzeugt.

Nur in Deutschland ist die Kartoffel (neben dem Sauerkraut) zur Nationalspeise geworden

Kartoffeln sind vielseitig überzeugend in Hauptrollen und als bescheidene Begleiter, sie haben die Länderküchen der Welt bereichert und stiften kulinarische Identität, von italienischen Gnocchi über Schweizer Rösti bis hin zu indischen Kartoffel-Currys. Doch nur in Deutschland ist die Kartoffel (neben dem Sauerkraut) zur Nationalspeise geworden. Es mag an der Vielfalt regional unterschiedlicher Sorten und Rezepturen liegen, dass sie eine deutsche Liebesgeschichte ist. Anbau-Weltmeister ist allerdings China und selbst im nur halb so großen Bangladesch werden pro Jahr mehr Kartoffeln erzeugt als hierzulande. Sie gehört uns nicht, die Kartoffel. Und sie ist längst schon wieder unterwegs zu neuen Gestaden: 1995 wurden an Bord des NASA Space-Shuttle-Raumflugs STS-73 zehn kleine Knollen im Mini-Gewächshaus gezogen. Ob Kartoffeln eventuell auch auf dem Mars wachsen könnten, wird derzeit am International Potato Center CIP erforscht. Das steht, wie schön … in Peru! 


Kartoffelsuppe »Deutschlandreise«

Für 6 Personen

  • 2 Zwiebeln
  • 1 Möhre
  • Salz
  • 1 kg Kartoffeln (optimal: je 500 g festkochende und mehligkochende Kartoffeln)
  • 2 dicke Scheiben (ca. 300 g) durchwachsener Speck
  • 1 EL Schmalz
  • 1 l Gemüsebrühe
  • 1 Lorbeerblatt
  • 200 g Sauerkraut
  • 5 EL Öl
  • 1 Laugenbrezel
  • 1 TL Butter
  • 3 Paar Frankfurter Würstchen
  • 3–4 Zweige frischer Majoran
  • ½ Bund krause Petersilie
  • 2–3 TL scharfer Senf
  • Weißweinessig
  • optional: Senfkaviar
  • 1. Zwiebeln pellen und würfeln, die Möhre schälen und würfeln, die Gemüse salzen. Kartoffeln schälen und stückig würfeln. Speck in 8 Stücke schneiden, und in einem Topf im Schmalz mit Zwiebeln 
und Möhren glasig dünsten. Brühe zugießen und aufkochen. Den Schaum abschöpfen, Lorbeer zugeben und die Suppe 45 Minuten offen leise köcheln lassen.
  • 2. Sauerkraut grob schneiden, trocken ausdrücken, Saft auffangen. Das trockene Kraut in einer Pfanne in 2 Esslöffel Öl goldbraun braten. Saft zugeben und verkochen lassen, das Kraut mit Salz abschmecken.
  • 3. Brezel stückig würfeln und in einer Pfanne in 3 Esslöffel heißem Öl goldbraun braten, Butter zugeben und leicht salzen.
  • 4. In einem zweiten Topf Wasser aufkochen, vom Herd ziehen, die Würstchen einlegen und ca. 8 Minuten heiß ziehen lassen.
  • 5. Die Suppe eventuell kurz mit dem Schneidstab leicht anpürieren (und damit etwas andicken). Majoran und Petersilie schneiden und unter die Suppe rühren, mit Senf, Salz und einem Spritzer Essig abschmecken.
  • 6. Auf gewärmten Tellern mit Würstchen, Kraut, Brezn-Kracherl und optional Senfkaviar servieren.
Und als Einlage ganz viel von dem, was noch so richtig deutsch ist: Sauerkraut, Frankfurter Würstchen und Brezn-Kracherl
Meine Meinung …

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Aus Effilee #56, Frühjahr 2021
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