Südtirol – Die Pioniere

Südtiroler Wein gilt vielen Weintrinkern heute als sichere Bank: Solide und zuverlässig, konservativ, berechenbar und verlässlich. Das ist keine Schande. Dennoch greift diese Betrachtungsweise zu kurz und lässt die junge Geschichte des Südtiroler Weins außer Acht. Südtirol ist heute ein höchst dynamisches Anbaugebiet. Ein Blick nach vorn im Durst

Südtiroler Wein ist heute fast gleichbedeutend mit Weißwein. Ob Chardonnay, Sauvignon Blanc, Weißburgunder, Pinot Grigio oder Gewürztraminer – Südtirol füllt alle Kelche, hat das Friaul und das Veneto eliminiert und ist in Italien unangefochtener Spitzenproduzent weißer Sorten. Nur eineinhalb Generationen ist es her, dass sich die Region Anfang der Achtzigerjahre komplett neu erfand. Südtirol war damals zu rund siebzig Prozent mit Vernatsch bestockt, dazu kamen nicht unerhebliche Mengen an Lagrein, der vornehmlich als Kretzer verarbeitet wurde – ein süffiger Rosé, der den Durst der Touristen stillte. Masse statt Klasse war das Credo.

Professionalität ist, wenn man alles richtig macht, auch wenn keiner guckt. Und da Südtirol weintechnisch damals nicht im Fokus der Aufmerksamkeit stand, begann der Wandel im Stillen. Zu den Persönlichkeiten, die nicht nur den Südtiroler Wein, sondern den italienischen Weinbau insgesamt nachhaltig verändern sollten, zählen unter anderem Luis Raifer, Paolo Foradori, Alois Lageder und Hartmuth Spitaler.

Luis Raifer

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»Weinbau ist ein Langstreckenlauf«, sagt Luis Raifer. Nachdem der Quereinsteiger zunächst einige Jahre im Ausland verbrachte, begann er 1979 in der Kellerei Schreckbichl, die er bis 2010 als geschäftsführender Obmann und Weinwirtschaftsrevolutionär führen sollte. Die vergleichsweise junge Kellerei wurde 1960 aus Unzufriedenheit über zu geringe Traubenpreise und das damit einhergehende Qualitätsniveau gegründet. Raifer erkannte das enorme Potenzial Südtirols, das von seinem milden Klima ebenso profitiert wie von der kleinteiligen Struktur seiner Weingärten. Er zog die Qualitätszügel an, pflanzte neue Rebsorten und setzte auf geringere Erträge für gesunde, fruchtbare Böden und bessere Trauben zu einer Zeit, in der in Kilos statt in Qualität gedacht wurde. Maßnahmen, die heute als selbstverständlich gelten, wurden immer irgendwann das erste Mal gemacht – in Schreickbichl war es Raifer, der mit händischer Lese und strenger Qualitätsselektion begann. Privat bewirtschaftete er im Nebenerwerb ein paar Rebzeilen an einem Ort, an dem später einer der großen Weine Südtirols entstehen sollte – einem Hügel mit dem mundartlichen Namen Lafóa. Der Wein versinnbildlicht den Wandel Südtirols vom Fasswein-Gebiet zur Spitzenregion, Lafóa wurde zur internationalen Marke. Nach einem Kalifornienaufenthalt ersetzte Raifer seine Vernatsch-Reben durch Cabernet Sauvignon, später folgte Sauvignon Blanc. Damit schuf er nicht nur eine der bekanntesten Marken, sondern rückte Südtirol in die internationale Aufmerksamkeit. Man schuf das legendäre Etikett mit der schwarzen Burg, die symbolisch für die Festen Südtirols steht sowie das berühmte Label der Lafóa-Linie.

Alois Lageder

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Alois Lageder ist einer der großen Erneuerer des Südtiroler Weins und verfolgt einen ganzheitlichen biodynamischen Ansatz. »Typisch für Südtirol ist seine Vielfalt«, sagt er. Diese Vielfalt liegt begründet in den Böden, den unterschiedlichen Höhenlagen und dem breit gefächerten Rebsortenspiegel. Im traditionellen Genossenschaftsland schuf er mit seinem Chardonnay Löwengang einen der ersten Weine mit dem erklärten Anspruch zur internationalen Größe. Der Löwengang erschien erstmals 1984 und wurde schnell zur Marke und zum Symbol des neuen Südtiroler Weinbaus – paradox, wenn man bedenkt, dass die Reben im Löwengang in den Siebziger- und Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts gepflanzt wurden. Alt und knorrig sind sie Zeugen der Zeit, bevor Südtirol wie so viele andere Regionen Europas in die Massenproduktion abdriftete. Wie diese alten Reben ist auch Lageder tief in Südtirol verwurzelt, ohne jedoch in Traditionen gefangen zu zu sein. Lageder, der in fünfter Generation das Familienweingut betreibt, erkannte rechtzeitig die Herausforderungen des Klimawandels und setzt auf nachhaltige, ganzheitliche Landwirtschaft; die Symbiose von Pflanzen, Tieren und Menschen. Er pflanzte alternative Rebsorten mit der Perspektive für hundert Jahre, und je wärmer es im Tal wird, desto höher geht er in hinaus: Auf einer eintausendvierhundertfünfzig Meter hoch gelegenen Versuchsanlage – außerhalb der zugelassenen Herkunft für Südtiroler Wein – erforscht Lageder, ob die herkömmlichen Rebsorten an die Höhe adaptieren, zukunftsfähigen Weinbau erlauben und die Weine ihre Typizität und Finesse behalten. Mit seiner vorausschauenden Art und dem biodynamischen Ansatz setzte Lageder nicht nur in Südtirol, sondern in ganz Italien Impulse: Seit 2016 ist er Vorsitzender des italienischen Demeter-Verbands. Mit Sohn Clemens steht die sechste Generation bereits in den Startlöchern.

Paolo Foradori

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Die Hochebene von Mazon ist bekannt für delikate Weißweine, gilt aber heute auch unbestritten als Italiens bestes Terroir für Blauburgunder (respektive Spätburgunder oder Pinot Noir). Verantwortlich dafür ist Paolo Foradori, der zeitlebens als Vater des Südtiroler Blauburgunders galt und wenige Tage vor Weihnachten 2020 im Alter von fünfundachtzig Jahren verstarb. Foradori stammte aus Bozen, sein Vater erwarb von Ludwig Barth von Barthenau einst drei Ansitze in Mazon auf der Ostseite des Etschtals. Er erkannte das große Potenzial des Gebiets und bestockte die Rebflächen vorausschauend mit Blauburgunder in der typischen Südtiroler Pergola-Erziehung. Mittlerweile sind die Reben rund siebzig Jahre alt. Paolo Foradori entschied sich gegen die vorgesehene Laufbahn als Jurist und studierte stattdessen Önologie. Die Etsch war damals noch Trennlinie des Tals. Erst durch Paolos Heirat mit Sieglinde Oberhofer aus Tramin verbanden sich beide Talseiten, familiär wie weinbaulich. Oberhofer war die Großnichte des Weingutbesitzers Hofstätter und durch die Heirat ergab sich auch der heutige Fokus des Weinguts, das nicht nur für seine exzeptionellen Spätburgunder bekannt ist, sondern auch als Instanz für den heimischen Gewürztraminer gilt, was zu einem regelrechten Boom in den Neunzigern führte. Ursächlich war dafür der Terroir-Gedanke, also die Überzeugung, dass jede Sorte dort steht, wo Mikroklima und Böden die besten Voraussetzungen bieten, was damals alles andere als normal war. Aus dem Terroir-Gedanken resultierte auch Foradoris Einsatz für die Vigna als Kennzeichnung für Lagenweine. Die Barthenau-Vigna S. Urbano sowie das älteste Herzstück der Lage, Vigna Roccolo, zählen heute zu den besten Blauburgundern Italiens und definieren Lage nach dem Prinzip burgundischer Lieux-dits, also kleinste designierte Herkunft als Garant für außerordentliche Qualität.

Hartmuth Spitaler

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Hartmuth Spitaler ist in der Kellerei Girlan aufgewachsen, hat dort seine gesamte Kindheit verbracht, dort gespielt und mit zehn Jahren bereits erste kleine Arbeiten verrichtet. Girlan galt von jeher als Bastion des Vernatschs und Spitaler als großer Visionär der Rebsorte, die im Ruf stand, solide, aber relativ schlichte Weine hervorzubringen. Sein Handeln war stets getragen vom unbeugsamen Glauben an den Vernatsch und die daraus resultierende Heimatverpflichtung. Trotz niedriger Preise und mäßiger Qualitäten glaubte er an die Substanz der Sorte und begann 1975 erstmals einen Vernatsch in Einzellage auszubauen: In der Parzelle Gschleier, einem fünf Hektar großen Moränenhügel mit Kalk-, Lehm- und Schotterböden im Nordwesten Girlans wachsen auf vierhundertdreißig Meter Höhe achtzig- bis hundertjährige Reben an der typischen Südtiroler Pergola in reiner Südausrichtung. Die Fokussierung auf die lokale Rebsorte und deren Möglichkeiten wurde damals belächelt, hat sich heute aber als richtig herausgestellt. Nur noch auf knapp dreizehn Prozent der Südtiroler Rebfläche steht heute Vernatsch, dennoch belegt die Sorte immer noch den ersten Rang des Rebsortenspiegels. Auch die Kellerei Girlan hat ihre Vernatsch-Flächen reduziert. Geblieben sind die besten Stöcke in besten Lagen, so wurden die Qualitäten erhöht und aus dem Schoppenwein wurde ein Premium-Produkt mit Alterungspotenzial.

Eineinhalb Generationen nach dem Aufbruch ist Südtirol nicht mehr Fasswein-, sondern Qualitätswein-Gebiet. Der heutige Weinbau kann zurückgreifen auf das Lebenswerk dieser vier Pioniere. Ihr Mut hat den Weg geebnet für die Entwicklung des Weinbaus. Heute geht es nicht mehr allein um die Qualität des Weins, sondern es kommen ethische Facetten hinzu. In Bozen klopft der Klimawandel lauter an die Tür als andernorts. Als Antwort auf den Wandel bieten die Genossenschaften Biodynamie-Beratungen für ihre Mitglieder, man forscht in den Höhenlagen und mit alternativen Rebsorten. Mit der Südtirol Wein Agenda 2030 hat man außerdem ein solides Konzept zur Nachhaltigkeit aufgestellt. Südtirol befindet sich also weiterhin im Wandel. 

Aus Effilee #56, Frühjahr 2021
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