Der Imbiss, das ist meine kleine Bühne

Seit Jahren betrieb der ehemalige Agenturchef und Rockclub-Besitzer Harry Schulz den „lütt´n grill-Imbiss Delüx“ in Hamburg. Er serviert dort Brathähnchen und Pommes Frites, die süchtig machen, sammelt Geschichten und engagiert sich für die Benachteiligten der Stadt. Am 4. Dezember 2019 verstarb er im Alter von 59 Jahren. Anstelle eines Nachrufs hier ein Beitrag über Harry Schulz aus dem Jahr 2006

Anfang der Neunziger bemerkte Harry Schulz, dass er zwar sehr erfolgreich, aber nicht sehr glücklich war. Der Chef einer Agentur für Pop-Marketing und Schallplattendesign, nebenberuflich Mitinhaber eines Musikclubs, kannte seinen kleinen Sohn kaum, arbeitete täglich mindestens 18 Stunden und war insgesamt sehr müde. Ein großes Café wäre schön, dachte Schulz damals, geregelte Arbeitszeiten und viel Platz für meine „Prince“-Sammlung. Schulz ist großer Fan des US-amerikanischen Sängers und Musikers und im Besitz der größten privaten „Prince“-Sammlung der Welt: „Außer Klamotten habe ich eigentlich alles von ihm, jede jemals erschienene Vinyl-Pressung, Filme, rare Livemitschnitte, Bootlegs, Unveröffentlichtes“ Der Makler, den Harry Schulz engagiert hatte, um Räumlichkeiten zu finden, erzählte immer wieder gerne von seinem ersten Leben als Imbissbesitzer, lange her, aber er schwärmte ausdauernd von der alten Zeit. Harry Schulz bekam Appetit.
Ein Imbiss, warum nicht?, dachte Schulz. Aber wenn, dann richtig, dann den besten Imbiss der Stadt machen. Er wollte wissen, ob er das könnte, ob er das schaffte, drei Jahre gab er sich: „… und danach dann das Café, das war der Plan“. Der Makler fand die passende Immobilie für den ehrgeizigen Neuanfang, ein schlauchartiges Mini-Kabuff an der Peripherie des Schanzenviertels, 16 Vorbesitzer waren in nur sechs Jahren pleitegegangen. Straßenschlachten hatte es dort damals noch regelmäßig gegeben. „Hier hat es ständig gebrannt.“ Die Vollsperrung des „autonomen“ Viertels durch Polizeihundertschaften und Wasserwerfer verlief immer direkt vor Harrys neuem Imbiss: „Das waren anfangs unsere einzigen Kunden, wir haben denen noch Pommes verkauft und dann zugemacht für den Rest des Tages.“

Von Anfang an war klar: „Über Geschmack kann man streiten, nicht über Qualität. Die Basis muss stimmen!“

Die Einsatzkräfte bekamen schon damals die besten Pommes Frites der Stadt, denn Harry Schulz überließ nichts dem Zufall. Zusammen mit seiner Geschäftsgründungspartnerin Bea Brossmann und einem befreundeten Lebensmittelchemiker macht sich Schulz auf die Suche nach den besten Produkten für den „Imbiss Delüx“. Von Anfang an war klar: „Über Geschmack kann man streiten, nicht über Qualität. Die Basis muss stimmen!“ Harry Schulz fuhr zum Großmarkt und stellte sich als frisch gebackener Imbiss-Besitzer vor. Die Händler packten ihm Würste ins Auto, Pommes und Speisefett. Die Waren fuhr Schulz aber nicht in den Imbiss, sondern direkt zu seinem Freund, dem Lebensmittelchemiker. Die Untersuchungsergebnisse waren verheerend: Fleisch zweifelhafter Herkunft in der Wurst, zu hoher Fett- und Wassergehalt sowieso, das Frittierfett unzureichend. Harry Schulz fuhr wieder zum Großmarkt, die Händler lachten und fragten: „Wo ist denn das Problem, das nehmen alle anderen doch auch?!“ Schulz ließ sich diesen Satz auf der Zunge zergehen bis ihm schlecht wurde und suchte sich einen Schlachter, der ihm eigene Bratwürste kreierte. Er rief im Hotel Vier Jahreszeiten an, gab sich als Frittierfett-Vertreter aus und verlangte den Küchenchef: Ja, ob man nicht mal ein paar Kanister neues Frittierfett zu Testzwecken vorbeischicken könne? „Och nö“, sprach der Küchenchef: „können Sie behalten, wir arbeiten hier nur mit dem besten Fett!“ „Ach! Und wie heißt das?“ „Likrema.“ Schulz bedankte sich, legt auf, fuhr wieder zum Großmarkt und packte sein Auto voll mit Likrema. Die Händler schüttelten die Köpfe. Er sei doch nur Imbissbesitzer. Sein Geld nahmen sie aber gerne.

Schulz wusste Anfangs nicht mal, was eine Currywurst so kostet, oder Pommes, ein Bier. Oder ein Liter Milch. Er war Agenturchef und bezahlt sonst einfach. Wochenlang fuhr er durch Hamburg, schrieb heimlich die Preistafeln von unzähligen Imbissen ab, aß viele wässrig-fette Würste und wächsern-weiche Pommes Frites dazu. Eine lehrreiche Zeit. Zurück im eigenen Imbiss veranschlagte er nur Höchstpreise plus überall noch mal 50 Pfennig extra drauf. Zur Einweihung des lütt´n grill schenkte ein befreundeter Sternekoch jenes berühmte Hähnchen-Rezept, das den Imbiss über die Stadtgrenzen hinaus bekannt gemacht hat: Die Hähnchen aus Bodenhaltung werden frisch verarbeitet, baden 24 Stunden in einer Mischung aus 16 Kräutern und Gewürzen, bevor sie langsam am Spieß gegrillt werden. Salz ist nicht notwendig. „Die Hähnchen kommen aus der Lüneburger Heide. Wir beziehen alles aus direkter Nähe, kein Produkt darf über mehr als 80 Kilometer zum Imbiss unterwegs sein.“
Aus drei Jahren sind 15 Jahre geworden, im Oktober ist Jubiläum. „Ich bin einfach entspannt dabei, die Arbeit macht mir Spaß, ich habe gerne mit Menschen zu tun.“ Er lässt es jetzt ruhiger angehen, vertraut auf seine Crew. Ganz aufhören ist undenkbar, Dienstag, Mittwoch und Donnerstag steht Harry für die Abendschicht selbst hinter dem Verkaufstresen: „Ich interessiere mich für Menschen, ich sauge das richtig ein, ich bin Geschichtensammler.“ Von Anfang an hat Harry Schulz seine Gäste auch fotografiert. Nicht alle, nur die mit den interessanten Geschichten, den guten Gesprächen. Einblicke, Augenblicke. Die Schnappschüsse kleben an den Wänden des lütt´n grill, lagern in Schuhkartons. „Ich kann wahllos ein Bild raus greifen und erinnere mich sofort an den Menschen, an seine Geschichte.“
„Ich bekomme viel zurück“ sagt Harry Schulz und meint damit nicht in erster Linie das Geld: „Manchmal kommen Leute rein, sehen die Preisliste und drehen direkt wieder um.“ Reich wird man davon nicht, 3,90 € für das halbe Hähnchen, 2,60 € die Pommes, alles in bester Qualität: „Aber es reicht.“ Das Geschäft läuft. An manchen Abenden warten seine Gäste schon mal geduldig 20 Minuten auf einen Stehplatz, in lauen Sommernächten feiern oft Hunderte direkt vor dem Imbiss. Currywurst und Pommes gehen immer, wer ein Kräuterhähnchen möchte, sollte grundsätzlich telefonisch vorbestellen. In jedem Fall verkürzt gute Musik die Wartezeit: „Ich möchte meinen Musikgeschmack niemandem aufdrängen“, sagt der Prince-Fan Schulz, namhafte Hamburger DJs reichen regelmäßig Mix-CDs rein, mailen abendfüllende MP3-Remixe.

„Wenn es mir gut geht, dann kann ich auch was für andere Menschen tun.“ Mit diesem Satz ist er groß geworden, seine Eltern, schon seine Großeltern haben so gedacht, die Brüder, die Familie. „Das kann ein Gespräch sein, ein paar Worte, eine Geste, oder eben Geld.“ Vom ersten Tag an spendete er sein Trinkgeld an karitative Einrichtungen. Das ganze Jahr geht sein Tipp an die Aids-Hilfe Hamburg e.V. „Meine Crew hab ich zu 3 Monaten verdonnert“, sagt er und lacht. Als Harry Schulz 2004 erfuhr, dass die Hamburger Tafel zwar über ausreichend Lebensmittelspenden und freiwillige Helfer verfügte, aber das Geld zum Betanken der Auslieferungsfahrzeuge oder für anfallende Werkstattkosten immer knapper wurde, initierte er die hauseigene Benefiz-CD “Loungepaket Menü 1” mit Musik von Stammgästen des Imbiss: Lotto King Karl, Abi Wallenstein, Wunder, die Sam Ragga Band, die Beginners, Samy Deluxe und viele andere Musiker und Bands engagierten sich. Knapp 200 Menschen waren letztendlich an der CD-Compilation beteiligt, alle verzichteten auf Honorar, die Erlöse gingen komplett an den Hamburger Tafel e. V. Eine Agentur entwarf kostenfrei das Cover wie auch die T-Shirt-Kollektionen „cock delüx“ und „chick delüx“, die eigene Modelinie wurde gerade um einen schicken Stoff-Aufnäher erweitert: ein gülden schimmerndes Brathähnchen auf schwarzem Grund. „Als ich 15 war, wollte ich die Welt retten, heute bin ich Realist, mich interessiert das ehrlich gesagt nicht, wenn in China ein Sack Reis umfällt. Ich lasse vieles auch einfach nicht an mich ran, aber solange in Hamburg noch ein Kind hungert oder ein Obdachloser, habe ich noch zu tun.“

Seit er für das Fernsehen arbeitet, ist Harry plötzlich auch „Harry der Imbiss-Tester“.

Wenn der Grillmeister vom lütt´n grill spricht, sagt er immer „wir“: „Wir, dass ist der lütt´n grill, das sind die Menschen die den lütt´n grill mitaufgebaut haben, das ist die Crew, die im lütt´n grill arbeitet, ich bin einfach Harry.“ Seit er für das Fernsehen arbeitet, ist Harry plötzlich auch „Harry der Imbiss-Tester“. Seit zwei Jahren macht er das für Sat1, immer mal wieder, undercover mit Spezial-Brille, im Nasenbügel ist eine Minikamera versteckt. Erkannt wird er trotzdem schon überall, daran gewöhnt er sich nur schwer. Neulich in der Alster-Schwimmhalle starrten ihn zwei Jungs eine Weile an, dann sagte einer: „Scheiße. Der Imbiss-Tester in Badehose, und ich hab mein Handy im Spind!“

Und was ist jetzt aus dem Café geworden, mit der größten Prince-Sammlung der Welt? „Mit dem Prince-Sachen sammeln, da ist der Reiz so ein bisschen raus, da hab ich neulich auf eBay was ersteigert, und da ging mir plötzlich durch den Kopf: Ich werde niemals alles von ihm besitzen. Da war der Zauber plötzlich weg.“ Und das Café? „Das rennt mir doch nicht weg, den lütt´n grill mache ich, solange es mir Spaß macht, und es macht mir großen Spaß.“ Harry Schulz lacht: „Das hier ist meine kleine Bühne.“ Eben hat er den Mietvertrag auf weitere zehn Jahre verlängert.

PS: Am 4.12.2019 verstarb Harry Schulz im Alter von 59 Jahren

Meine Meinung …
Aus Effilee #6, Sep/Okt 2009
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