Prémices 2008

Eric Nicolas von der Domaine de Bellivière keltert seinen Weißwein ausschließlich aus Chenin Blanc und beweist, dass daraus ein komplexer, ausgewogener Wein werden kann, der alle Tugenden des deutschen Rieslings mitbringt.

 

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin nach wie vor ein großer Fan des natürlich-süßen, säurefrischen und schlanken deutschen Rieslings, eines Weins, der ideal ist für diese Jahreszeit, sei es solo als Erfrischung oder zu geräuchertem Fisch oder Schinken, Tempura oder Fish & Chips, oder auch zu rotem Thai-Curry. Aber die alte Geschichte, »Das können nur wir Deutschen!« ist genauso unsachlich und unstimmig wie die Bild-Schlagzeile »Wir sind Papst!« Inzwischen gibt es wunderbare Weine in dieser Stilistik aus Neuseeland, die durchaus mit den deutschen Gewächsen mithalten können, allen voran die tollen Rieslinge von Felton Road in Central Otago und Pegasus Bay in Waipara. Auch manche Riesling-Erzeuger in Australien und Kanada haben gelegentlich solche Weine zu bieten. Sie sind hier nur nicht so bekannt, weil sie nicht im Kaufhaus stehen.
Noch viel weniger bekannt ist die Tatsache, dass für Weißweine mit einer heiteren Duftigkeit und schönem Fruchtsüße-Säurespiel nicht einmal die Riesling-Traube notwendig ist. Chenin Blanc an der Loire kann das auch. Das wurde bis jetzt übersehen, weil einerseits Deutschland so viele gute Weine dieser Art zu bieten hat, andererseits aber auch, weil die Loire sich ihren guten Ruf mit mehr als einfachem Muscadet und einer Flut von langweiligem, überteuertem Sancerre ziemlich vermasselt hat. Richtig guter Sancerre kann ein sehr angenehmer trockener Weißwein sein, aber einen erstklassigen Chenin Blanc finde ich noch viel komplexer und somit spannender.
Chenin Blanc stellt den Winzer allerdings vor die Aufgabe, die fruchtige Seite aus Traube zu kitzeln. Immer noch duften viele junge Loire-Weine dieser Sorte ein wenig wie nasser Hund, was nicht gerade das heiterste Aroma auf Planet Wein ist. Dazu kommt das kleine Chenin-Blanc-Problem, dass die Weine oft viel zu trocken ausgebaut werden und daher ihre ausgeprägte Säure nicht ausgewogen wirkt. Manchmal wird dann aus fehlgeleitetem Ehrgeiz mit dem Barriquefass herum­experimentiert, aber dann ist der Wein erst recht im Eimer. Ja, Chenin-Blanc-Weine können sehr lange lagern, aber wer ist bereit, zehn oder zwanzig Jahre zu warten und gesund zu leben in der leisen Hoffnung, die Zeit könne – vielleicht – den Wein zurechtbiegen?
Der 2009 Prémices von Eric Nicolas beginnt enorm saftig, aber auch vielschichtig, dann schlägt die lebendige und elegante Säure durch und verleiht dem Wein ein feinherbes Finale mit ausgeprägter mineralischer Würze. Doch schon allein der Duft berauscht: Zur komplexen Fruchtaromatik – Pfirsich, Mirabelle, Zitrus, und und und … gesellt sich Florales und eine hefige Note vom langsamen Ausbau auf der gesamten Gärhefe im Fass. Der Wein stammt aus der Appellation Contrôlée Jasnières am Loir, einem Nebenfluss der Loire. Abseits vom großen Geschehen in diesem Gebiet ist hier einem bescheidenen, aber perfektionistischen Winzer ein kleines Meisterwerk gelungen.
Ohne Botschafter kommt solch eine völlig unerwartete Botschaft jedoch nicht an. Es ist daher eine echte Leistung der Weinhandlung Hardy in Berlin, die diesen Wein aufgespürt hat und den Mut zeigt, ihn anzubieten. Mehr von diesem Geist braucht die deutsche Weinszene!

Kaufbar: 15,50 Euro bei www.hardy-weine.de

Text: Stuart Pigott
Aus Effilee #18, Sep/Okt 2011
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