Getrunkene Flasche: Barbaresco Sori San Lorenzo 1983

Als ich das erste Mal im Landhaus Scherrer mit Jürgen Milewski ins Gespräch kam, fragte er mich im Spaß, ob ich nicht vor ihm knien wolle, um ihn anzubeten. Ich bin nämlich bekennender HSV-Fan und Jürgen gehörte zu der Mannschaft, die 1983 gegen Juventus Turin den Europapokal gewonnen hat. Gekniet habe ich nicht, aber wir kamen ins Gespräch, nicht nur über Fußball, sondern auch über Wein, wovon Jürgen ebenfalls eine Menge versteht.

Neulich verabredeten wir uns zum Champions-League-Spiel Bayern München gegen Juventus Turin. Auf der Suche nach einem Wein für den Abend fiel unsere Wahl auf eine Flasche 1983er Barbaresco Sori San Lorenzo von Angelo Gaja aus dem Piemont. Piemonteser liegen dem HSVler, erst recht, wenn es um 1983 geht. »Meinst du, der ist noch was? Oder schon Leiche?« Wie das Spiel mit gereiften Weinen nun mal geht, erfährt man das nur, wenn man die Flasche öffnet und probiert. Aber: »Das ist Gajas Prunkstück, das sollte schon noch passen.«

Das kleine Örtchen Barbaresco liegt in der Provinz Cuneo und bildet zusammen mit Barolo den Nabel der Piemonteser Weinwelt. Von hier kommt einer der bedeutendsten Rotweine Italiens: Mindestens zwei Jahre Fassreife und 13 % Vol. lassen erahnen, dass Barbaresco nicht zu den leichten Rotweinen gehört.

Piemonteser liegen dem HSVler, erst recht, wenn es um 1983 geht.

Der renommierteste Winzer des Ortes heißt Angelo Gaja. Er zählt auch jenseits der Grenzen Italiens zu den ganz Großen seiner Zunft. Gaja übernahm das Weingut in den 60er-Jahren von seinem Vater und revolutionierte den Weinbau Barbarescos. Sein Weg führte weg von der traditionellen Weinbereitung zu moderneren Methoden: Vergärung bei kontrollierter Temperatur und Einsatz von Barriquefässern aus neuem Holz.

Gaja war damals einer der Ersten, der seine Weine selber in Flaschen abfüllte, anstatt sie als Fassware zu verkaufen. So konnte er Weine aus Einzellagen produzieren. Der erste und bis heute stoffigste und langlebigste war der Sori San Lorenzo. Das Wort Sori beschreibt eine perfekt nach Süden ausgerichtete Lage, San Lorenzo ist der Patron des Doms von Alba, unter dessen Schutz der Weinberg liegt.

Die Reben, 1983 noch ausschließlich Nebbiolo, wachsen auf einem Gemisch aus Sand, Schlamm und Lehm. Gajas ehemaliger Agronom Federico Curtaz sagt: »Der ganze Reichtum dieses Weines liegt im Boden. Und dessen Reichtum liegt in seiner Armut.«

»Mach auf, gleich ist Anpfiff!« Wir machten es uns vor dem Fernseher bequem. Da uns das aktuelle Spiel nicht unbedingt vom Hocker riss, fragte ich irgendwann beiläufig: »Wie war das denn damals?«

Damals heißt in diesem Fall: am 25. Mai 1983 im Athener Olympiastadion beim Finale des Europapokals der Landesmeister. Juventus Turin war als haushoher Favorit ins Rennen gegangen. Die Mannschaft war mit sechs Spielern der italienischen Weltmeister-Mannschaft gespickt, dazu kamen Superstars wie Michel Platini und Zbigniew Boniek. Der HSV kam mit Uli Stein, Holger Hieronymus, Manfred Kaltz, Ditmar Jakobs, Bernd Wehmeyer, Wolfgang Rolff, Jürgen Groh, Felix Magath, Horst Hrubesch, Lars Bastrup, Thomas von Heesen und eben Jürgen Milewski.

»Wir wussten zwar, dass Juve als Favorit ins Spiel geht, aber wir wussten auch sehr genau, dass wir nicht chancenlos waren. Wir waren schließlich von Januar 1982 bis Januar 1983 in der Bundesliga ungeschlagen geblieben und hatten außerdem im Viertelfinale Dynamo Kiew geschlagen – das war in etwa identisch mit deren Nationalmannschaft.« Ich musste in diesem Moment zu meiner Schande gestehen, dass ich das Spiel damals nicht gesehen hatte. Ich war erst neun Jahre alt und lag wahrscheinlich schon im Bett.

Schon in der 9. Minute gab es die entscheidende Szene: Kaltz und Groh rennen sich fast über den Haufen, was Kaltz mit einer abwinkenden Geste bewertet, der Ball kommt auf halblinks zu Magath, der mit der Kugel auf das linke Strafraumeck zuläuft und dann den Ball im rechten Torwinkel versenkt. »Die Karambolage zwischen Kaltz und Groh hat im Nachhinein in der Mannschaft für große Erheiterung gesorgt, so was vergisst man nicht.«

Wir erleben an diesem Abend gewissermaßen zwei Spiele parallel: München gegen Juve im Fernsehen und HSV gegen Juve in Jürgens Erzählung. Der entscheidende Unterschied ist, dass der HSV seit der 9. Minute führt. Danach sind beide Teams bemüht, die bekannt starke Abwehr der Italiener zu überwinden. In Athen gab es in der 10. und 13. Minute Chancen für Milewski und Kaltz. In der 32. Minute schickt Milewski Rolff steil, der schiebt an Torhüter-Legende Dino Zoff vorbei ins Tor. Abseits, leider. In München vergeben Miroslav Klose drei und Bastian Schweinsteiger zwei hochkarätige Chancen. Halbzeit.

»Sag mal«, sagte Jürgen, »der Wein ist wie Juventus damals: großer Name, aber irgendwie leblos, gar nicht wie erwartet. Trocken und ohne Esprit.« Der Wein erfüllte wirklich nicht das, was man sich von Sori San Lorenzo erwartet – vielleicht war die Flasche irgendwann mal schlecht gelagert. Er war nicht uncharmant, hatte aber am Rand klare Anzeichen von bräunlicher Färbung und war relativ kraftlos, fast wie ein gereifter Grenache, aber ohne dessen Energie und Würze. Auf jeden Fall war die Flasche über ihren Zenit hinaus.

Die zweite Halbzeit des HSV-Spiels präsentierte sich ähnlich wie die erste. 48. Minute: Bastrup verpasst knapp nach Traumangriff. 52. Minute: Milewski trifft, wieder Abseits. 83. Minute: Magath frei vor dem Tor, lupft das Leder über Zoff, aber auch über das Tor. Abpfiff. 10 000 mitgereiste Hamburger Fans feiern. Die Münchner Fans gehen 26 Jahre später mit einem 0:0 etwas stiller nach Hause.

Und der Wein? Hält sich streng an die Turiner Marschrichtung von damals: Die wurden in der zweiten Halbzeit auch nicht besser. »Vielleicht«, meinte Jürgen, »hätten wir lieber Dortmund-Fans werden sollen. Dann hätten wir einen 97er getrunken.« »Auf gar keinen Fall!« Dieser Preis wäre zu hoch gewesen.

Meine Meinung …
Aus Effilee #8, Jan/Feb 2010
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