Getrunkene Flasche

Uwe Schiefer. Weisser Schiefer M 2007

Text: Marcus Hesemeier Foto: Andrea Thode
Weisser Schiefer
Weisser Schiefer

Man fährt lange, durch den Regen über die Landstraße, aufs Land halt, noch ein Dorf, noch eine Kurve. Die dritte Verkostung heute, morgens Sonnenschein in Wien, mittags Sonnenschein am Neusiedlersee bei den wunderbaren Tscheppe-Eselböcks, jetzt Burgenland. Regen, Kurve, Dorf. Hier fing jahrzehntelang der Ostblock an, heute ist die Grenze nach Ungarn grün. Am Weingut angekommen, gibt es erstmal keinen Parkplatz für den Fiat 500 (neues Modell). Gegenüber wird Fußball gespielt, Welgersdorf spielt in der 1. Klasse des Burgenlands, das ist die sechste Liga und entspricht den Landesligen in Deutschland. Mit dem Wein hat das zwar nichts zu tun, aber wer sich wegen eines Fußballspiels in den kleinsten Parkplatz der Welt eingefädelt hat, will schon wissen, wie es ausgeht: 1 : 2 verloren gegen das vierzehn Kilometer entfernte Olbendorf. »Welgersdorf«, schreibt der Fanreporter, »hätte mehr aus dem Spiel heraus holen können/müssen, doch es klappte nicht.« Aha.
Uwe Schiefer empfängt mich mit einem Blinzeln. Er ist drahtig, trägt Jeans und ein hellblaues Hemd, gelbe Turnschuhe. Man sieht ihm an, dass er viel im Freien arbeitet, aber heut sind die Augen winzig, er hatte am Vorabend eine Veranstaltung in Deutschland und da wurde es länger und der Rückflug war früh. »Aber es ist eh kein Problem«, sagt er, »jetzt bin ich drüber!«
Uwe Schiefer war Kellner und Sommelier, unter anderem im Wiener Steirereck, bevor er sich entschloss, in den Weinbau zu gehen. Die einst sehr bekannte Lage Eisenberg hatte es ihm angetan, und zwar, wie er betont, der eigentliche Eisenberg am Flüsschen Pinka. Vor einigen Jahren wurde nämlich fast das gesamte östliche Südburgenland zur DAC Eisenberg zusammengefasst, was, wenn ich ihn richtig verstehe, so ungefähr dasselbe ist, als würde man das gesamte Burgund kurzerhand Romanée-Conti nennen.
Der Eisenberg jedenfalls bringt – zumindest unter Uwe Schiefers Händen – einige der besten österreichischen Rotweine hervor, alle von der Sorte Blaufränkisch, die in Deutschland auch als Lemberger bekannt ist. Schiefer hat von Anfang an nie versucht, seine Weine gefällig auszubauen, nie den Most konzentriert oder sonstige Kellertricks angewendet. Stattdessen versucht er, die Einzigartigkeit der jeweiligen Lage und des Jahrgangs herauszuarbeiten. So entstehen springlebendige, vielschichtige, elegante Weine, bei denen man sofort versteht, warum der Blaufränkisch früher auch als Pinot Noir des Ostens bezeichnet wurde.
Schiefer bringt mich in die ebenerdige Halle, in der seine Weine reifen. Während in den großen französischen Weingütern die Fässer meist wie napoleonische Soldaten aufgereiht sind, herrscht hier ein fröhliches Durcheinander. Garagencharme. Je länger man sich mit ihm unterhält, desto mehr wird deutlich, dass all das auch zum Konzept gehört. Uwe Schiefer spielt mit den verschieden alten und unterschiedlich großen Fässern wie auf einer Klaviatur, gibt mit Intuition und Erfahrung seinen Weinen die Fürsorge und die Freiheit zur Entfaltung, die sie brauchen.
Mit einer langen Pipette holt er Wein aus den Fässern, von seinen großen Lagen Reihburg und Szapary, und auch den Pala, der von der anderen Seite der Grenze kommt und deshalb als EU-Tafelwein deklariert werden muss. Die Weißweine machen nur einen recht kleinen Teil der Produktion aus, die Cuvées aus Welsch­riesling, Grünem Veltliner, sind ähnlich eigenwillig wie die Roten. Schiefer hat schöne große (und teure) Burgunder­gläser zum Probieren gebracht, und beim Jonglieren mit Stift, Notizblock, Kamera und dem Glas kippt es mir um und der Stiel bricht ab. Wie es der Zufall will, genau vor dem Fass mit dem Weissen Schiefer M.
»Das ist mehr so ein Experiment«, meint Schiefer, »den Wein haben wir auf der Maische vergoren. Ich wollte wissen, was man da alles draus machen kann.« Normalerweise werden für Weißweine die Trauben gepresst und der Saft von den Schalen getrennt. Anders beim Rotwein, da lässt man den Saft auf den Schalen, die ja den roten Farbstoff enthalten und viele aromatische Verbindungen, vor allem die Tannine. Dieser Weisse Schiefer M ist also ein Weißwein, der gemacht ist wie ein Rotwein. Die recht alten Reben stehen auf schweren Lehmböden, sechzig Prozent Welschriesling, zwanzig Prozent Grüner Veltliner und zwanzig Prozent Weißburgunder.
Die Beeren werden von den Stengeln gezogen und vergären spontan im offenen Holzbottich, wo sie einmal am Tag umgerührt werden. Anschließend reift der Wein vierzig Monate im Holzfass. Nur siebenhundert Flaschen wurden abgefüllt.
So wie er da steht, ist dieser Wein ein eigenartiger Solitär, mit nichts so richtig vergleichbar, abgesehen davon, dass er trotzdem alles hat, was ein großer Weißwein braucht, Alkohol, Säure, Länge, Komplexität, eine gewisse Breite auch. Die Gerbstoffe bringen Struktur in den Wein und machen ihn interessant.
Schon nach der Fassprobe lässt mich der Wein nicht los, es ist ja wie in der ­Musik, alles, was man direkt versteht, ist auch schnell langweilig. Beim M denkt man sich immer, man hätte vorhin nicht richtig aufgepasst und sollte vielleicht doch nochmal nachprobieren. Ein Wein für Schweiger.

Meine Meinung …

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Aus Effilee #27, Winter 2013
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