Fickmir und Vakuum gehen schick essen

Edoardos Gesicht war die Fortsetzung des Meeres mit anderen Mitteln. Seine Augen strahlten hellblau, und die von der Sonne aufgehellten Haare saßen auf dem Kopf wie vom strengen Nordostwind gekräuselte Wellen. Und Edoardo wusste, wie das Meer schmeckt! Die Garnelen, die in der Bucht vor seiner Haustür gefangen werden, darauf bestand er, sind die besten […]

Edoardos Gesicht war die Fortsetzung des Meeres mit anderen Mitteln. Seine Augen strahlten hellblau, und die von der Sonne aufgehellten Haare saßen auf dem Kopf wie vom strengen Nordostwind gekräuselte Wellen. Und Edoardo wusste, wie das Meer schmeckt! Die Garnelen, die in der Bucht vor seiner Haustür gefangen werden, darauf bestand er, sind die besten der ganzen Welt. Süß wie Früchte. Manchmal aß er sie roh, um diesen Geschmack besser zu begreifen. Niemand konnte ihm auf dem Großmarkt einen Wolfsbarsch andrehen und behaupten, er wäre von »hier«, wenn er auch nur hundert Kilometer weiter gefangen war. Edoardo roch daran, zeigte dem Fischhändler einen einwandfreien Vogel und ging weiter.
»Was aus Ligurien kommt, schmeckt nach Ligurien und riecht nach Ligurien! Basta!« Ganz unvergleichlich roch es auch in Edoardos Restaurant: Immer nach Meer, bei Wind kam noch der entfernt an Muschelsud erinnernde Geruch von strandnaher Gischt hinzu. Und gelegentlich etwas Zweitaktmischung von einer vorbeiknatternden Vespa. Drinnen war bei Edoardo nämlich draußen. Das kleine Fischrestaurant hatte zwölf Tische unter freiem Himmel, und, für den meteorologischen Notfall, noch zwei hinter seinen vier ­Wänden.
Heute war Edoardos Meer aufgewühlt. Die Wellen klatschten vernehmbar an den Strand, jede zweite oder dritte war mittlerweile stark genug, einen beim Anrollen aufgesammelte Kieselstein bis auf Edoardos Terrasse zu werfen.
Draußen, auf dem aufgewühlten Meer, war ein leuchtend blauer Strich zu sehen. Edoardo verriet mir, was er bedeutet: »Die Jacht des englischen Königshauses lässt sich von Windstärke sieben in den Hafen von Portofino scheuchen.«
Edoardo lachte.
»Was gibt‘s?«
»Nichts.«
»Edoardo!?«
»Nichts.«
»Edoardo!!!«
»Wenn die Queen da draußen gleich kotzt und ihr dabei das Gebiss in die Klo­schüssel fällt, meinst du, sie holt es selber wieder raus?«
Für eine Antwort blieb zum Glück keine Zeit, denn plötzlich sahen wir es kommen und erschraken uns beide. Auf den ersten Blick war nicht zu erkennen, was es war, es leuchtete so aufdringlich hellorange, dass seine Konturen verschwammen. Fest stand: Es bewegte sich langsam in unsere Richtung. Es war wie so oft, wenn man etwas vorerst Unbekanntes und einfach nur Abstruses auf sich zukommen sieht: Es gab keinen Grund zu flüchten, aber Tausende um sich zu fürchten. Gebannt starrten wir auf das herannahende Wunder, keiner sagte ein Wort. Edoardo enttarnte es: »Das Orange ist eine vollkommen grenzwertige Sonder­lackierung zum Auffallen. Und das darunter ist einfach nur ein stinknormaler Lamborghini.« Erstaunlich langsam kroch das Gefährt über die immer wieder von kleinen Wellen attackierte Strandstrasse, die Sache mit den drohenden Steinschlägen war dem Piloten scheinbar nicht entgangen. Natürlich nützte das Schritttempo wenig. Die gefühlt siebte Welle, nachdem wir das Gefährt entdeckt hatten, war eine Woge, und ein ordentlicher Steinschlag ging auf der Beifahrerseite nieder. Sofort stand der Wagen, irgendeine monströse Türkon­struktion, die den Ausstieg wie einen Flügel wegklappte, gab den Fahrer frei, der eilte auf die andere Seite des Gefährts und ging in die Hocke um den Schaden zu betrachten. Etwas dünnes Blondes stieg ebenfalls aus und gesellte sich dazu. Die beiden erhoben sich wieder, wechselten ein paar Worte und dann geschah etwas ganz Erstaunliches: Das Blonde bekam ohne Vorwarnung eine Ohrfeige.
Gewiss waren gerade ein paar Tausend Euro für die Superlackierung über die Wupper gegangen, reiste er vielleicht nicht nur in einem Superschlitten, sondern auch mit einer Superblondine, aus der man unterwegs in den Sand gesetztes Geld gleich am Ort des Geschehens wieder herausdreschen konnte? Langsam bekamen wir Respekt vor dem Fahrensmann. Der sollte sich später wieder legen.
Denn von jetzt an hielt das Gefährt schnurstracks auf unser Idyll zu. Und kurz darauf gab es schon wieder einen Grund zu staunen. Besser gesagt zwei: Das Menschenmaterial, das aus dem Lamborghini (der ein Frankfurter Kennzeichen trug) stieg, war mit Geld nicht zu bezahlen. So gesehen machte die Alarmfarbe, die von ihrem Fahrzeug ablenkte, einen tieferen und gleichzeitig höheren Sinn.
DER HERR: Seine Hardware war ungefähr die eines Dieter Thomas Heck um die fünfzig, veredelt durch eine eng an den Kopf angelegte, getönte Brille, die modischen Kunststoffbügel in der Schreifarbe seines Gefährts. Mit seiner Software schien es ein Problem zu geben. Oder sie fehlte ganz. Die kleinen Augen starrten so glanz- und verständnislos in die Umgebung, als hätte er die letzten dreißig Jahre an die Wand gekettet in einem Keller verbracht, in dem ansonsten nur Champignons dritter Wahl im Dunkeln gezüchtet wurden. Sein Blick sagte:
»Ich raffe gar nichts! Hoffentlich rafft das niemand!«
DIE DAME: War ganz im Gegensatz zu ihm erst Anfang dreißig, schien aber im Keller nebenan gezüchtet worden zu sein. Ihre blondierte Föhnfrisur schrie laut:
»Ich bin am Stadtrand von Heusenstamm groß geworden, da trägt man sowas am Freitagabend zum Ausgehen! Ich hab in meinem Leben noch nie was anderes gelesen als SMS und ein paar Überschriften in der Gala und deshalb leider nur Scheiße unterm Pony. Aber das hier ist mein Chef, der ist scharf auf mich, und damit ich ihn nachts ordentlich ranlasse, muss er tagsüber auf dicke Hose machen!«
Selbst der diskrete Edoardo brauchte merklich ein paar Sekunden, um sich vom Einmarsch dieser erhabenen Kombination aus Schönheit, offensichtlich negativ geladener Gehirnmasse und materiellem Wohlstand in sein kleines Paradies zu erholen. Wäre die Mutter Gottes auf einem alten Damenrad mit Jesus auf dem Gepäckträger zu Besuch gekommen, um sich einen halben Liter Fischfond zu borgen, der mit allen Wassern gewaschene Gastro­nom hätte weniger gestaunt.
Nun aber musste er sich losreißen, denn es war gerade kurz vor achtzehn Uhr, also noch nicht wirklich Ligurische Abendbrotzeit, und seine Schiefertafel mit den Abendangeboten war noch nicht bemalt. Schließlich hatte er jetzt Gäste.
An der Stelle sollten wir unsere beiden Eindringlinge langsam mal taufen, zur Wahrung ihrer Persönlichkeitsrechte nennen wir sie einfach Fickmir und Vakuum. Die höchstens zwanzig Minuten alte Ohrfeige schien Fickmir längst vergessen zu haben, denn als Vakuum sie fragte »Wo möchtest du sitzen, Püppi?«, gab sie ihm (wohl im Glauben der Beobachter der Szene sei auch Italiener und verstünde kein Wort) vernehmlich eine Antwort, die der Beobachter aus Gründen der Schicklichkeit hier auf keinen Fall wiedergeben kann. Zum Glück nahm sie dann doch nicht, wie eben noch angedroht, auf seinem Gesicht Platz, sondern am einzigen Familientisch, den Edoardo aufgebaut hatte, alle anderen erschienen dem Duo Infernale wohl nicht angemessen. Vakuum schien es irgendwie zu pressieren, denn er saß seinem erotischen Beißknochen noch keine Minute gegenüber, da begann er schon mit den Fingern auf den Tisch zu trommeln und sagte tatsächlich diesen Satz:
»Also das mit dem Service müssen sie noch lernen!«
Da kam auch schon Edoardo mit seiner Tafel, die er heute (und hier musste der Beobachter eine Träne der Rührung über die Gewandtheit seines kochenden Freundes unterdrücken) auf Italienisch UND Deutsch beschriftet hatte. Fickmir würdigte sie keines Blickes, als eingehende SMS hätte sie sicher mehr Beachtung gefunden, sondern ergriff verspielt die Hand von Vakuum und gab schon mal den Großteil ihrer Bestellung auf:
»Als Vorspeise können wir uns ja ein paar Tapas teilen, und zum Nachtisch vernasch ich dich!«
Da Edoardo ›das mit dem Service‹ reichlich im Blut hatte, und noch dazu gut hörte, war er längst wieder in seiner Küche verschwunden und verwandelte ein paar italienische Vorspeisen in spanische Tapas, hauptsächlich indem er sie kleiner portionierte und liebevoll auf Espresso- Untertassen verteilte. Vakuum überflog derweil die Tafel und entschied sich für den Wildlachs, den verordnete er auch seiner Begleitung.
»Was heißt in dem Zusammenhang ›wild‹?«, wollte das bildungshungrige Kind wissen.
»Das zeig ich dir nachher im Hotel!« Entweder war Herr Vakuum doch schlagfertiger, als er aussah, oder er wusste – und das schien wahrscheinlicher – einfach die richtige Antwort nicht.
Edoardo nahm die Bestellung mit einer angedeuteten Verbeugung entgegen, das war ein ganz neuer Zug an ihm. Eine Minute später war er wieder zur Stelle, hatte den ganzen Fisch auf einer Silberplatte und präsentierte ihn seinen Gästen so, dass sie bequem einen schnellen Blick in die Augen und hinter die Kiemen werfen konnten.
Das ging unserem Frankfurter Gourmet allerdings entschieden zu weit: Das könne ja wohl nicht wahr sein?! Ob denn in diesem Land kein Tag vergehen könne, ohne dass man irgendwo beschissen würde! Er habe zwei Portionen bestellt. Jetzt käme der Kerl mit ’nem ganzen Fisch! Müsse man hier denn schon bei der Bestellung die Carabinieri dabei haben, nur damit man am Ende nicht aufs Kreuz gelegt wird? Dann sei es kein Wunder, wenn das ganze Land am Boden läge und die Armen nix zu Fressen hätten. Er hätte jetzt gerne seine zwei Portionen, wie bestellt, und zwar am Besten ein bisschen dalli, dalli!
Edoardo stand während der flammenden Rede ungerührt seinen Mann, brachte als Antwort allerdings nur noch ein gehauchtes »Mit Vergnügen!« zustande. Fickmir schüttelte empört ihre Frisur und bekräftigte die Beschwerde ihres Gegenübers, indem sie einmal kurz in Richtung Edoardo nickte. Dann tätschelte sie bestätigend Vakuums Hand. Sie tat es wortlos und dauerhaft, genau genommen viereinhalb Minuten von jeder Seite, so lange wie Edoardo brauchte um den Wildlachs zu braten. Zuzüglich einer Minute für den Serviervorgang.
»Guten Appetit!«
Vakuum hatte keine Zeit für ein ›Danke‹, er griff nach Messer und Gabel, säbelte sich einen Brocken Fisch in den Mund, kaute, schluckte und legte das Besteck wieder beiseite. Er machte ein Gesicht, als hätte er gerade in den Waschlappen des Unaussprechlichen gebissen.
»Herr Ober!«
Edoardo war zur Stelle.
»Hören Sie mal zu …«
»Ich höre?«
»… Lachs, also Laaaachs, macht meine Frau zu Hause fast jeden Tag!«
Hier schickte Vakuum einen kurzen, erschrockenen Blick Richtung Fickmir, die schien allerdings, dank ihres von der Natur imprägnierten Verstandes, keinerlei Fauxpas mitbekommen zu haben.
»Und zwar Fjordlachs!«
Er hob zur Betonung den Zeigefinger.
»Fünfmal die Woche! Und der schmeckt anders. Bei dem hier …«, und mit diesen Worten schob er Edoardo schwungvoll seinen Teller hin, »… bei dem fehlt der Lachs­geschmack, das Aroma!«
Sprach’s, verschränkte die Arme vor der Brust und schaute Edoardo an. Zwischenzeitlich hatte Fickmir entschlüsselt, was hier gespielt wird, und schob auch ihren Teller weit von sich.
Edoardo schwieg ein paar Sekunden, er ahnte wohl, dass ihm eine Posse dieser Preisklasse wahrscheinlich nur einmal im Leben geboten wird, und wollte den Moment möglichst lange auskosten.
Vakuum hingegen versuchte zügig reinen Tisch zu machen:
»D a s nix schmecken! D a s du müssen selber essen!«
»Meins auch!«, piepste Fickmir, und an der Stelle verlor Edoardo für eine halbe Minute die Kontrolle über seine Gefühle, er konnte nicht anders als herzlich, wie befreit und irgendwie dankbar zu lachen. Langsam fand er seine Sprache wieder:
Er verstehe, begann Edoardo seinen Vortrag, er verstehe sehr gut.
Der Gastronom schritt jetzt einen kleinen Kreis ab, und zupfte sich dabei an der Nasenspitze, als könne er ihr in letzter Sekunde doch noch eine Lösung entlocken.
»Der Fjordlachs, den Ihnen Ihre Frau Gemahlin …« – hier machte er eine kleine Verbeugung Richtung Fickmir, nun schien ihn endgültig der Schalk zu reiten –
» … fünfmal pro Woche vorsetzt, hat ein einheitliches Grundaroma, das Sie vermissen. Diese Tiere wachsen in Käfigen oder Netzen sehr dicht beieinander auf, und wenn diese nicht gut durchströmt sind – und das sind sie selten – schwimmen die Fische Zeit ihres Lebens in oder ein paar Meter über ihrem eigenen Kot. Das bleibt natürlich nicht ohne Folgen und erzeugt den Geschmack der Ihnen, vermute ich, gerade fehlt. Nun können Sie doch aber …«, fuhr Edoardo fort und imitierte dabei den leicht nasalen Tonfall eines selbstverliebten Dozenten einer Geisteswissenschaft, »… bei Licht betrachtet nicht von mir verlangen, bei aller Wertschätzung, dass ich speziell für Sie in meiner Küche eine Kiste Kot aus ihrer Heimat bereithalte, nur für den Fall, dass Sie überraschend hereinschneien. Wäre es nicht praktischer, Sie nähmen einen Karton davon mit auf Ihre Reisen, und streuen ihn selbst überall drüber? Ich versichere, dann schmeckt es auf der ganzen Welt wie gewohnt. Was das hier angeht: Sie sind eingeladen, es war mir ein Vergnügen, und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich habe Gäste.«
Edoardo deutete eine formvollendete Verbeugung an, und setzte sich wieder zum Beobachter an den Katzentisch.
Das Letzte, was wir von den beiden hörten, bevor sich die Autotüren schlossen, kam von Fickmir:
»Der hat dich aber ganz schön maßgeriegelt!«
Wahrscheinlich können wir alle von Glück reden, dass wir nie erfahren werden, wie dieser Abend weiterging. 

Text: Hans Kantereit Bild: Matthias Koeppel / VG Bild-Kunst/akg-images,
Bildtitel: Ristorante in Porto Maurizio (Ligurien), Öl auf Leinwand, 1983
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Aus Effilee #25, Sommer 2013
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