Tim Mälzer, 49 Jahre, Bullerei, Die Gute Botschaft

Am meisten Angst habe ich gerade davor, dass ich meinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden kann. Das habe ich sonst nie, weil normalerweise weiss ich, was ich alles nicht richtig gemacht habe und dann kann ich dafür auch gerade stehen. Hier gibt es gerade so viele Parameter die ich überhaupt nicht beeinflussen kann – und das hasse ich.

Von uns Gastronomen jetzt zu verlangen, dass wir so mal eben Ideen“ entwicklen, um uns selbst zu retten, die auch wirtschaftlich sinnvoll sind und damit zu erwarten das auch alle Probleme zu lösen sind, grenzt schon an eine Unverschämtheit. Klar, wir sind selbständig und tragen die Verantwortung, für unsere kulinarischen Konzepte. Und wir sind nicht der Mittelpunkt der Welt. Aber das wäre, als wenn man der Staatsoper jetzt sagen würde: „Oper geht nicht mehr, Ihr macht zur Existenzsicherung statt dessen jetzt mal irgendwelche Konzerte, Punk oder Paul McCartney, allerdings auch nur vormittags – ist doch egal, ist doch auch Musik.

Es geht ja vor allem auch darum, wie wir nach dieser Zeit weitermachen, wo wir alle 100% Umsatzeinbußen hatten. Da hoffe ich, dass die 7% Umsatzsteuer, die sie ja jetzt endlich versprochen haben, wirklich kommt. Als Gastronom, muss ich mit jeder Kommastelle rechnen, die zwölf Prozent, das ist etwas, wo ich sagen kann, ok, das löst nicht alle Probleme, aber damit kann ich arbeiten, es gibt mir wieder eine unternehmerische Perspektive. Allerdings ist der vorgesehene Zeitraum von einem Jahr ein politisches Feigenblatt.

Wir sind alle absolut unverschuldet in diese Situation gekommen, ich meine, klar, keiner kann etwas dafür, aber die Berufsgruppen, denen komplett verboten wurde, ihrem Beruf nachzugehen, die müssen, auch was die Gehälter betrifft, anders unterstützt werden. Von 60% Kurzarbeitergeld kann keiner leben, gerade auch nicht in der Gastronomie. Das wissen wir doch alle. Da müssen Lösungen her!

Ich besitze ja mehrere Unternehmen und nein, nicht jedes davon ist ‚mal eben‘ wirklich gewinnbringend. Man hat Ideen, neue Konzepte und investiert viel Geld und manchmal läuft es auch nicht so, wie gedacht. Dafür muss ich als Unternehmer ganz klar auch die Verantwortung übernehmen. Als Beispiel gilt dafür „die gute Botschaft“, ein Unternehmen von mir, dass schon vor Corona, eher schwierig zu führen war.

Ohne die menschliche Qualität der Mitarbeiter hätte ich eigentlich keine Motivation mehr, den Betrieb weiterhin aufrecht zu erhalten

Und verstärkt durch die Krise, muss ich jetzt ganz besonders intensiv überprüfen, ob ein weiterer, wirtschaftlicher Betrieb überhaupt noch möglich ist. Ob ich die Verluste, die ich gerade mache, in Zukunft wieder ausgleichen kann. Ohne die menschliche Qualität der Mitarbeiter hätte ich eigentlich keine Motivation mehr, den Betrieb weiterhin aufrecht zu erhalten. Ich sehe mich hier allerdings auch in der Verantwortung als Arbeitgeber.

Ich rechne ehrlich gesagt nicht damit, dass vor August eine Normalisierung für die klassische Gastronomie eintreten wird. Das wird eher noch später.
Natürlich haben wir viele Ideen besprochen, so etwas wie Lieferdienst, Essen ausser Haus. Es gibt tolle Möglichkeiten von anderen Gastronomien zu lernen, wie zum Beispiel: die Kochpakete für Zuhause. Insgesamt tragen die meisten Konzepte dazu bei, den Schmerz zu lindern und es dient der Motivation überhaupt weiterzumachen, was auch für die Psyche sehr wichtig ist.

Für mich ist das Projekt „Kochen für Helden“ sehr sinnvoll, denn meine Mitarbeiter und ich haben uns dazu entschieden, die Zeit der Tatenlosigkeit, gesellschaftsrelevant aufzufüllen. Wir kochen täglich kostenlos für Menschen, in sogenannten Funktionsberufen, wie Pflegedienste, Reinigungskräfte, Kassierer und Ärzte, um ihnen den Alltag in dieser schwierigen Zeit ein wenig leichter zu gestalten.

Kochen für Helden: https://kochen-fuer-helden.de/

Spenden: https://www.betterplace.me/kochen-fuer-helden

Meine Meinung …
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