Penfolds Grange 2004

Text: Vijay Sapre Foto: Andrea Thode Drahtig, schlank, mit einem schwarz-weiß karierten Jackett erscheint Peter Gago zum Termin. Er sieht aus […]

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Penfolds Grange 2004
Text: Vijay Sapre Foto: Andrea Thode

Drahtig, schlank, mit einem schwarz-weiß karierten Jackett erscheint Peter Gago zum Termin. Er sieht aus wie Lou Reed in den 90er-Jahren. Der Winemaker von Penfolds ist auf Welttour – gestern Köln, morgen Frankfurt, am Wochenende Los Angeles. Der Jetlag nagt, aber er lässt sich kaum etwas anmerken. Später wird es ein gesetztes Essen geben, bei dem verschiedene Penfolds-Weine verkostet werden, der Flieger morgen geht um sieben, aber jetzt sind wir verabredet, um erst mal eine Flasche Grange 2004 zu trinken. Abgemacht ist abgemacht!
»Zum Glück«, sagt er, »ist das ein sehr trinkbarer Wein. Der kann sicherlich noch einige Jahrzehnte liegen, aber man kann ihn jetzt schon wunderbar genießen.« Stimmt. Das ist ohne Zweifel ein großer Wein, aber auch ein sehr zugänglicher. Ob ich die Geschichte des Grange kenne, fragt er, und »klar«, sage ich, »ich habe mich vorbereitet, aber erzählen Sie ruhig noch mal.«
In den 50er-Jahren hieß der Wine­maker bei Penfolds Max Schubert. Der war neugierig, aufgeschlossen und ehrgeizig. Von einem Besuch der wichtigen Weinbaugebiete Europas kam er zurück mit dem Plan, einen australischen Wein zu machen, der mindestens 20 Jahre lager­fähig wäre. Außerdem brachte er moderne Techniken der Vinifikation mit, vor allem Temperaturkontrolle und Fässer aus neuer französischer Eiche. Er entschloss sich, Shiraz zu verarbeiten, die Traube, die in Europa Syrah heißt und aus der zum Beispiel Hermitage gekeltert wird, an der nördlichen Rhône. Deshalb hieß der Grange zunächst auch Grange Hermitage, was aber später wegen der Verwechslungsgefahr zu ­Grange geändert wurde. Shiraz war (und ist) die häufigste rote Rebsorte in Australien, und so konnte er sicherstellen, dass immer ausreichend Trauben von allererster Güte zur Verfügung standen.
Der erste Jahrgang war 1951. Schubert arbeitete mit Wärmetauschern, um die Fermentationszeit exakt zu kontrollieren, und füllte einen Teil des Weins in neue Fässer und einen anderen zur Kontrolle in einen gealterten, neutralen Fuder. Nach zwölf Monaten waren beide Chargen klar, körperreich und von großartiger, dunkler Farbe. Während der Wein aus dem Fuder sehr gut, aber nicht außergewöhnlich war, war jener aus den Holzfässern ein in jeder Hinsicht großer Wein.
So dachte jedenfalls Max Schubert. Andere waren anderer Meinung. Der Wein schmecke nach »wilden Früchten, ­getrockneten Beeren, wobei zerquetschte Ameisen dominieren«, schrieb ein renommierter Kritiker. Kein Wunder, dass die Eignerfamilie nach einiger Zeit unruhig wurde, angesichts der jedes Jahr größer werdenden Menge von offensichtlich unverkäuflichen Flaschen, die Schubert produzierte. 1957 bekam er daher die schriftliche Anweisung, die Produktion des Grange Hermitage einzustellen.
Zum Glück war Schubert stur und produzierte seinen Wein weiter. Die entsprechenden Trauben abzuzweigen, gelang ihm relativ einfach, allerdings war es unmöglich, heimlich neue Eichenfässer zu kaufen. So mussten zunächst die Fässer aus den Vorjahren herhalten; nach Schuberts Einschätzung fallen die entsprechenden Jahrgänge auch etwas schwächer aus. Wäre die Sache in diesen Jahren aufgeflogen, hätte Schubert sich sicherlich eine neue Stelle suchen müssen und die Welt wäre um einen großen Wein ärmer.
Die Zeit war auf Schuberts Seite, die ersten Jahrgänge reiften und wurden feiner und weicher. Jetzt gab es nicht mehr nur Tadel, sondern auch erstes Lob für den Grange. Nach und nach drang das auch in die Chefetage durch, und 1960 erhielt Schubert den Auftrag, die Produktion wieder aufzunehmen. Angesichts dessen wurde das Geständnis, sie wäre nie unterbrochen worden, eher freudig aufgenommen.
1962 auf der Weinshow in Sydney fegte der 1955er Grange alle Konkurrenten weg. Insgesamt gewann dieser Jahrgang in der Folge 50 Goldmedaillen.
Robert Parker nannte den Grange den einzigen Grand Cru, das einzige Große Gewächs Australiens. Dieser Begriff legt die Herkunft der Reben aus einer exakt begrenzten geografischen Lage nahe. Beim Grange ist das nicht der Fall, stattdessen werden jedes Jahr aufs Neue aus allen verfügbaren Lagen die besten Trauben ausgesucht.
»In gewisser Weise«, gibt Gago zu, »ist das das Gegenteil eines Einzellagen-Terroirweins. Die Puristen mögen die Nase rümpfen, aber für uns ist das wirklich das Beste, was aus einem Jahrgang herauszuholen ist. Es gibt keine Regeln, außer, dass der Grange-Stil erhalten bleiben muss und dass das Niveau ­erreicht oder übertroffen werden muss. In manchen Jahren fügen wir etwas Cabernet Sauvignon hinzu, 2004 zum Beispiel 2500 Liter vom Block 42 Kalimna.«
Die Grundweine werden separat fermentiert und anschließend von dem verantwortlichen Panel blind verkostet. Zunächst wird festgelegt, welche Weine in die Cuvée kommen, die dann zum Reifen in neue Fässer gefüllt wird.
Der Stil dieses Weins ist tatsächlich sehr eigen. Etwas satter als viele Hermitages, aber keineswegs so wuchtig, wie es das Vorurteil gegenüber australischen Weinen will. Eine feine, schmeichelnde Süße zieht einen gewissermaßen in die Flasche hin­ein, die denn auch langsam, aber sicher geleert wird. Am Ende zeichnet sie sich durch das aus, was laut Gago einen großen Wein ausmacht: »Wenn die Flasche alle ist, und du denkst, ›Hätt ich bloß eine Magnum aufgemacht!‹.« 

Penfolds

www.penfolds.com
Aktuell im Handel ist der Jahrgang 2007, wer sucht, findet auch 2004

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Aus Effilee #23, Winter 2012
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