Hallo?! Jemand zu Hause?

Ein großer Teil der Menschheit fühlt sich in Zügen, Flugzeugen und Automobilen durchaus wohl und nimmt allerlei Unwägbarkeiten und Risiken in Kauf, um sich in der Welt umzusehen. Ist Unterwegssein vielleicht der Normalfall?

Es bedarf keines journalistischen Spürsinns, um zu der Erkenntnis zu kommen, dass die Menschheit in Bewegung ist. Ein Blick von einer Autobahnbrücke oder auf ein Eisenbahndrehkreuz genügt vollkommen.
In welchem Ausmaß es unsere Mitbürger von hier nach da zieht, erstaunt bei genauerem Hinsehen dann allerdings doch: Pro Minute besteigen weltweit etwa 10 000 Menschen ein Flugzeug. Die Anzahl der Passagiere, die sich in jeder (auch in dieser) Sekunde gleichzeitig in der Luft aufhalten, können auch Luftfahrtexperten nur schätzen: Es wird vermutet, dass sich ungefähr zwei Millionen Erdenbürger permanent nicht auf der Erde befinden.
Reisen zu können, scheint uns Menschen ein geradezu körperliches Bedürfnis zu sein. Wieso eigentlich? Die Antwort war uns eine Reise zum Evolutionsbiologen Professor Thomas Junker wert.

Herr Junker, es gibt Tage, da kommt man in die Züge fast nicht mehr rein und dann nicht mehr raus. Zwei komplette Millionenstädte befinden sich nicht mehr auf der Erde sondern umkreisen sie am Himmel. Warum reist der Mensch?

Die Frage stellt sich so fast gar nicht. Leben hat schon immer Bewegung bedeutet: Zugvögel und Wale legen unglaubliche Strecken zurück. Die Herden in den Steppen und Savannen wandern permanent. Riesige Heringsschwärme pflügen unablässig durch die Weltmeere. Reisen gehört zu unserer Natur. Eigentlich ist die Sesshaftigkeit, die vor ungefähr 10 000 Jahren mit dem Ackerbau begonnen hat, das Unnatürliche. Und aus der Sicht des Biologen ist es eher erstaunlich, dass es heutzutage Menschen gibt, die es schaffen, einen ganzen Tag auf dem Sofa zu verbringen. Menschen die nicht reisen wollen, müssten diese Eigenschaft theoretisch behandeln lassen. Die Menschheit ist, auch was ganz große Entfernungen angeht, permanent unterwegs, und das seit fast zwei Millionen Jahren. Selbst der Riesenkontinent Afrika wurde immer und immer wieder durchwandert. Und unser eigentlicher Vorfahr, der Homo sapiens, hat vor vielleicht 100 000 Jahren begonnen, innerhalb von 50 000 Jahren alles zu besuchen und zu besiedeln, was er erreichen konnte.

Diese kollektive Unruhe kostet sehr viel Energie. Dann hat sie doch sicher einen tieferen Sinn?

Den hat sie auch. Zum einen zählen wir Menschen zu den Raubtieren, und Neugier ist für Raubtiere ein Überlebensvorteil. Wären wir Murmeltiere oder Hasen, kämen wir nie auf die Idee, freiwillig und ungeschützt aus Neugier durch die Gegend zu ziehen. Zum anderen gibt es zu verschiedenen Jahreszeiten verschiedene Nahrung an unterschiedlichen Orten. Seien es vorbeiziehende Tierherden oder einfach nur die besonders frischen Kräuter ein Tal weiter. Man kann schon annehmen, dass es bei einem Großteil aller Reisen dem leckeren Essen hinterherging. Essen und Frauen sind wahrscheinlich die beiden stärksten Anreize, unser Zuhause zu verlassen. Eine uralte Gesetzmäßigkeit lautet: Dort wo viel Nahrung ist, sind viele Weibchen. Entsprechend interessieren sich die Männchen für Orte, wo viele Weibchen sind.

Das meint, wenn ich auf einer Wanderung an einem Dorfplatz vorbeikomme, auf dem massenhaft tolle Frauen stehen, fühle ich mich wohl, weil ich hoffe, dass es gleich was zu essen gibt? Und nicht, weil ich sie attraktiv finde?

Na ja, das, was Sie als Attraktivität wahrnehmen, ist tatsächlich die Tatsache, dass die Frauen gesund und fit sind und ihre Nachfahren zuverlässig versorgen könnten. Tatsache ist auch, neuere Untersuchungen unter Naturvölkern haben das gezeigt, dass Frauen durch Sammeln fünfzig Prozent unseres Kalorienbedarfs und mehr erwirtschaften. Die Männerbringen das begehrtere Fleisch, aber nur wenn sie Glück haben. Das verschafft ihnen einen höheren Status, aber für den überlebenswichtigen Grundstock sorgen die Frauen.
Könnte diese Überlebenswichtigkeit, die Reisen für uns hat, auch das nicht rational zu begründende Reisefieber erklären, das sogar mit körperlichen Symptomen einhergehen kann?
Reisefieber ist vergleichbar mit der Angst vor Prüfungen. Das Wissen, dass man sich auf Risiken einlässt, aber dass man auch etwas enorm Wichtiges gewinnen kann. Da draußen kann schließlich alles auf uns warten. Wir können jämmerlich zugrunde gehen, oder mit einem neuen Partner nach Hause kommen.

Trenner

Und wenn man eine Reise in die Ferne plant, ist die Aufregung deutlich größer, als wenn man nur ins nächste Dorf wandert. Geht es vielleicht auch darum, seine Gene möglichst weit zu tragen?

Bestimmt geht es darum, den Genpool in der Ferne zu ergänzen. Je weiter Sie Ihre Gene tragen, desto besser für den Genpool. Im Alter zwischen fünfzehn und dreißig werden die weitesten Distanzen zurückgelegt. Dabei geht es der Natur sicher darum, die Gene möglichst weit wegzutragen, damit der Pool sauber ergänzt wird.

Wir verlassen unser Haus mit dem Hintergedanken, uns fortzupflanzen?

Das spielt eine große Rolle. Die Suche nach Nahrung und paarungswilligen Partnern sind, wie schon gesagt, einfach die beiden größten Anreize zu reisen. In Gönnersdorf bei Bonn haben Archäologen einen Platz ausfindig gemacht, an dem sich in der Altsteinzeit immer wieder Gruppen von weit her zu bestimmten Jahreszeiten getroffen haben müssen, um zusammen zu feiern und sich bei der Gelegenheit natürlich auch einen Partner zu suchen. Die Hoffnung, das Gras auf der anderen Seite des Tals sei grüner, gibt es schon sehr, sehr lange.

Ältere Menschen, die sich aus dem Fortpflanzungsprozess zurückgezogen haben, sind aber auch ganz schön eifrig unterwegs. Was treibt die denn in die Fremde?

Die Chance, möglichst viele neue Erfahrungen zu sammeln. Ältere Artgenossen haben bei uns Menschen eine Aufgabe, die es im Tierreich sonst nicht gibt. Sie dienen als Erfahrungsspeicher. Kein Tier geht nach der Reproduktionsphase nochmal rund vierzig Jahre durchs Leben. Die meisten sterben einfach ganz flott. Aber ältere Menschen sollen noch Erfahrungen sammeln. Das erklärt auch die lange Lebensdauer von Frauen nach der Menopause. Sie sollen Zeit haben, ihre Erfahrungen an die Töchter und Söhne weiterzugeben. Man darf nicht vergessen, dass der ganze Kulturprozess auf dem unsere Effektivität, auch unsere biologische, beruht, nichts anderes ist als Erfahrungsweitergabe. Sie hat uns enorme Überlebensvorteile verschafft. Ohne sie hätte jede Generation die Jagd oder den Ackerbau neu erfinden und lernen müssen. Vor der Erfindung der Schrift geschah das einfach durch Geschichten. Man musste sich die Fakten merken, deswegen lieben wir heute noch Reime und Gedichte. Gereimtes kann man sich leichter merken. Es vereinfacht das Memorieren und memorieren ist wichtig, um eine Geschichte präzise weiterzutragen. Auch Muster und Melodien werden deshalb als lustvoll empfunden, weil man sie sich durch ihre Regelmäßigkeit leichter merken kann.

Reisen scheint eine sehr alte Kulturübung zu sein. Es gibt Menschen, die sie karikieren, indem sie einmal im Jahr Richtung Ballermann abdüsen, meist betrunken losfliegen und betrunken zurückkommen. Was tun die wirklich?

Vielleicht fahren die im Geiste ins Zentrallager Gönnersdorf. Man trifft einmal im Jahr seine Kumpels, macht Radau und feiert, dass man trotz allem schon wieder ein Jahr überstanden hat.

Danke, das leuchtet ein!

Viel interessanter sind übrigens Veränderungen in Menschen, die man nicht reisen lässt. Es gibt eine neue, noch unbestätigte Theorie zum Thema Hyperaktivitätsstörung ADS. Die legt nahe, dass diese Kinder ganz einfach außergewöhnliche Fähigkeiten haben. Sie sind genetisch darauf programmiert, sich besonders viel und weit zu bewegen, das ist nützlich wenn man zum Beispiel den Späher in einer Truppe von Jägern abgeben möchte. Die nehmen in der modernen Käfighaltung zwischen Schule und Wohnzimmer natürlich Schaden. Das heißt, man nimmt ihre natürlichen Fähigkeiten in dieser falschen Umgebung einfach nicht wahr und pathologisiert stattdessen ihr Verhalten als krank. Obwohl sie einfach nur, qua Mutation, mit der besonderen Fähigkeit ausgestattet sind, die Sie Reiselust nennen. Zumindest auf einige Fälle könnte das zutreffen. Der Leidensdruck dieser Kinder dürfte fürchterlich sein, nicht umsonst sperrt man Menschen in Gefängnisse, um sie zu bestrafen, weil sie die Einschränkung der Bewegungsfreiheit als ganz grauenhaft empfinden.

Was geht in den Menschen vor, die auf der Autobahn dem Geschwindigkeitsrausch erliegen. Warum stellen sich bei denen Lustgefühle ein, während sie mit 280 Sachen auf der linken Spur ihr Leben aufs Spiel setzen?

Mit hoher Geschwindigkeit unterwegs zu sein, erzeugt ein Machtgefühl. Man beweist Kraft und Ausdauer, Geschwindigkeit vermittelt das Gefühl körperlicher Leistungsfähigkeit. Und wer schnell ist, dem ist natürlich das Jagdglück am ehesten hold. Bisschen albern ist es halt, wenn die ganze Veranstaltung im Mercedes stattfindet.

Das Jagdglück, schon wieder. Die Evolution geht ja scheinbar komplett durch den Magen?

Diese starke Vereinfachung geht auf Sie!

Thomas Junker lehrt Geschichte der Biowissenschaften an der Universität Tübingen. www.thomas-junker-evolution.de

Foto: Martin Parr/Magnum, Interview: Hans Kantereit
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Aus Effilee #23, Winter 2012
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