Der Lebkuchenmann

Die Geschichte von Arthur war ursprünglich eine Weihnachtsgeschichte. Fast so unglaubwürdig wie eine Wandersage über Mitmenschlichkeit, spontane Hilfsbereitschaft, Fürsorglichkeit und süße Lebkuchen. Doch Geschichten verwandeln sich im Laufe des eigenen Lebens. Die wahre Geschichte über den Lebkuchenmann aus meiner Kindheit erfuhr ich erst, als ich erwachsen war

 
Text: Kristian Ditlev Jensen, Übersetzung: Norbert Reiter

Eines der ersten Dinge, an die ich mich erinnern kann, ist die elegante Goldkette. Arthur ist bei uns zu Besuch. Er sitzt im vornehmen alten Sessel, ein Erbstück von Großmutter. In einen adretten Anzug – sogar mit Weste – gezwängt. Über dem sich abzeichnenden Bäuchlein baumelte die Goldkette. Eine Uhr habe ich nie gesehen. Die Kette hängt da nur. Alle meine Erinnerungen an den Besuch von Arthur bei meinen Eltern sind Momentaufnahmen von unten. Ich kann mich an seine Schuhe erinnern, das braune Leder, ganz nah. Seinen Kopf über meinem. Die feinen Linien seines faltigen Gesichts. Die liebenswürdigen blauen Augen. Und das schüttere graue Haar um seine hellen, nordischen Gesichtszüge. Doch mehr als alles andere ist mir dieser Geschmack im Gedächtnis geblieben. Der Geschmack von Lebkuchen. Ich habe sie noch vor mir, die dünne, knöchrige Hand, die mir den kleinen viereckigen Kuchen entgegenstreckt. Dahinter ein Lächeln, das breiter und größer wird. Genau so!
Ich beiße ab.

Mein erwachsener Mund beißt in eben dieser Sekunde in den industriell hergestellten Lebkuchen derselben Marke, die Arthur damals mitbrachte. Ich habe ihn gestern gekauft, um mich in jene Zeit zurückzuversetzen, doch es ist nicht mehr derselbe Mund. Damals war es eine Geschmacksexplosion exotischer Gewürze, orientalischer Süße, afrikanischer Schokolade. Der ganze Erdball, die ganze Welt, das ganze Leben in einem Bissen. Ich hatte noch nie davor etwas Ähnliches gekostet. Doch für meinen erwachsenen Mund – dem schon so viel zugemutet wurde bei Weinverkostungen und Cupping Sessions mit fein differenziertem Espresso-Kaffee – ist er viel zu süß. Die Schokolade wirkt billig, mit klebrigem, schlechtem Fett versetzt. Die Marmelade, es ist Aprikosenmarmelade, schmeckt absolut synthetisch. Er schmeckt falsch, platt, kitschig. Aber die Erinnerung an Arthur ist echt. Sie wird von echter Wärme, richtiger Süße und erwiderter Liebe getragen.
Ich erinnere mich an ihn als einen etwas schüchternen, zurückhaltenden Herrn. Stets gepflegt, elegant, fast übertrieben höflich. Ein alter, etwas vorsichtiger … besonnener Mensch. Er verhielt sich fast immer passiv. Er sprach nur, wenn er angesprochen wurde. Nahm nur, was ihm angeboten wurde. Trug nicht wirklich etwas bei. Er beobachtete meist bloß das Leben um ihn herum. Ich glaube, ich habe ihn nur zwei-, dreimal getroffen.
Mein Onkel und seine Frau reisten gerne. Sie besaßen, ein wenig ungewöhnlich für unsere Familie, bereits Anfang der 1970er-Jahre ein Auto und einen Wohnwagen. Sie fuhren manchmal nach Schweden und sogar bis nach Deutschland. Aber sie kamen auch in Dänemark herum. Mit Auto. Oder bloß mit der Bahn. Meine Eltern reisten, als ich Kind war, nie irgendwohin. Dazu waren wir zu arm. Einmal waren Jørgen und Sus, so hießen mein Onkel und seine Frau, in Kopenhagen. Sie wollten sich die Stadt ansehen, shoppen. Es war Anfang Dezember, ein klassischer Weihnachtsausflug von Leuten aus der Provinz. Wie es zuging, weiß niemand mehr genau. Doch irgendwie kamen sie mit Arthur in Kontakt. Der ältere Herr in seinem tadellosen Anzug zog irgendwie ihre Aufmerksamkeit auf sich. Sie dürften ihn wohl in einem Hotel getroffen haben, in dem sie irgendetwas zu erledigen hatten. Vielleicht hatten sie im Restaurant gegessen, vielleicht wartete Sus in der Lobby auf Jørgen. Es hieß, Arthur arbeitete im Hotel. Als was, erfuhr ich damals nicht.
Wie auch immer, sie kamen mit ihm ins Gespräch und fanden heraus, dass er alleinstehend war. Wie gesagt, war es bereits Dezember und irgendwie kam man auf das bevorstehende Weihnachtsfest zu sprechen. Worüber genau gesprochen wurde, weiß ich nicht. Daran kann sich bestimmt niemand mehr erinnern. Ich weiß von der Geschichte nur so viel, dass es einiger Überredungskünste bedurfte, bis es abgemacht war. Denn Arthur wollte bestimmt niemandem zur Last fallen. Doch mein Onkel und seine Frau bestanden darauf. Am Heiligen Abend dürfe niemand alleine sein. Sie hätten doch genügend Platz und auf einen mehr am Tisch käme es nicht an. Ach Gott, es würde doch die ganze Familie kommen. Wir waren ohnehin schon fast 20 Personen. Also blieb es dabei.

Weihnachten 1974. Ich war drei, fast vier Jahre alt. Ich kann mich an nicht mehr viel erinnern. Aber ich kann mich daran erinnern, dass neben all den anderen alten Verwandten, die man kaum kannte und die für sich schon ausreichten, um sich fast zu Tode zu fürchten, noch jemand Fremdes war, den ich noch nie gesehen hatte. Das war bisher noch nie vorgekommen. Zu Weihnachten bleibt man im engsten Kreis. Es ist ein Familienfest. Aber da saß er nun. Ein älterer Herr mit einer Goldbrille. In einem eleganten Anzug. Während des ganzen Heiligen Abends nahm ich kaum Notiz von ihm. Es gab Geschenke, die ausgepackt werden mussten. Schüsseln voller Konfekt, die geleert werden wollten, und Mandelgeschenke, die es zu gewinnen galt.
Doch irgendwann, wie ich mich erinnere, wurde ich ihm ganz formell vorgestellt.
»Das hier ist Arthur.«
»Tag«, sagte ich.
Seine Hand war warm, aber seine Haut fühlte sich merkwürdig an. Viel zu glatt. Und auch viel zu groß für die Finger. Er lächelte lange, während er immer noch meine Hand haltend mir auf eine Weise tief in die Augen blickte, die ich bereits damals irgendwie als maßlos intensiv empfand. Ich erinnere mich, dass es etwas merkwürdig war. Dann spielte ich am Boden weiter.
Arthurs Eigenartigkeit sollte sich bereits kurze Zeit später zeigen. Ich habe Ende Januar Geburtstag, am gleichen Tag wie Mozart. Als der große Tag vor der Tür stand, lag ein großer Stapel Geburtstagskarten im Flur. Grüße aus nah und fern. Da war eine Karte, die ich nicht zuordnen konnte. Meine Mutter wusste ebenfalls nicht, von wem sie stammte. Doch als sie den Umschlag öffnete, kam eine schöne, sehr kindliche Geburtstagskarte zum Vorschein. Sie war mit viel Bedacht für ein Kind ausgesucht, kann ich heute sehen. Meine Mutter las den beiliegenden Brief vor, während ich an den beweglichen Teilen der Glückwunschkarte zog und zerrte und damit die toten Figuren zum Leben erweckte; eine ziemlich mittelmäßige Darstellung eines lebendigen, spielenden Kinderpaars.
»Mein lieber kleiner Freund Kristian, alles Gute zum Geburtstag …«
Die zarte Handschrift war eckiger als die der meisten Dänen. Der Brief wandte sich – so wie die vielen folgenden Briefe – direkt an mich persönlich. Ich glaube, es war das erste Mal, dass mich jemand direkt anredete. »An Kristian.« Und »födselsdagen«, das dänische Wort für Geburtstag, war mit einem o und zwei Pünktchen darüber geschrieben, so wie man in Schweden ö schreibt, statt dem Schrägstrich, der es zu einem richtigen dänischen ø macht. Meine Mutter erzählte mir später, das sei deshalb, weil Arthur Deutscher war. Er könne nicht so gut Dänisch. Ich nickte bloß und zog an der Pappe weiter, sodass die beiden Jungen auf der Geburtstagskarte rauf und runter schaukelten, rauf und runter.
Als mein Vater um vier Uhr aus der Schlachterei nach Hause kam, las meine Mutter den Brief nochmals vor. Er trank seinen Kaffee am Küchentisch und hörte zu.
»Ich hoffe, du kannst das Geschenk gebrauchen, Kristian, mein kleiner Freund. Es ist Geld, für das du dir selbst etwas Schönes kaufen kannst. Du sollst dir das kaufen, was du am allerliebsten möchtest. Am Geburtstag soll man das bekommen, was man möchte«, las meine Mutter.
Zuletzt las sie sein PS ganz am Ende des Briefs.
»PS: Ich lege auch einen extra Geldschein für deine Mutter bei. Für das Geld soll sie dir Süßigkeiten und Schokolade kaufen. Es ist sehr wichtig, dass Kinder Süßigkeiten essen. Kinder brauchen Zucker!«
Mein Vater sah verwundert von der Kaffeetasse auf. Sein Blick war nicht weniger verblüfft, als meine Mutter ihm die 100 Kronen zeigte, die bar beilagen. Für diesen Betrag könnte man sich 2012 ein ausgezeichnetes Menü kaufen. Ein Glas guter Wein inklusive. Meine Familie war nicht besonders reich. Deshalb war das in der Tat viel Geld. Sehr viel Geld – peinlich viel Geld –, das man kaum annehmen konnte. Als ich dem letztens nachging, fand ich bei Danmarks Statistik heraus, dass der Betrag heute dem Wert von fast 60 Euro entspricht.
Als Arthur denselben Betrag an meinen Bruder sandte, als er im September des gleichen Jahres seinen Geburtstag feierte, war das für meine Eltern zu viel. Sie luden Arthur ein, uns zu besuchen. Als eine Art Dankeschön. Von diesem Besuch stammt meine Erinnerung an die Lebkuchen. Arthur hatte sie den ganzen Weg von Köbenhavn-Valby – wie er in der Datierung seiner Briefe ganz oben schrieb – mitgebracht. Valby ist für Dänen ein eigenständiger Vorort von Kopenhagen. Ja, es ist bloß ein Ort. Valby. Doch für Arthur hingen sie zusammen. Ungefähr wie Altona und Hamburg, wenn der Zug in den Bahnhof Hamburg-Altona einfährt. Die kleinen, mit Schokolade überzogenen Vierecke haben sich in meinem Gedächtnis festgesetzt. Seither muss ich immer, wenn ich Lebkuchen esse, an Arthur denken.

Am darauffolgenden Weihnachten kam er wieder zu Besuch. Ich kann mich daran erinnern, dass er die meiste Zeit bloß in einem Stuhl in der Ecke saß. Er tanzte nicht mit uns um den Weihnachtsbaum. Er lief nicht unentwegt hin und her, wie dies sogar meine Großmutter tat. Half nicht, wie sie, beim Auftragen und Abräumen des Tisches. Er war ja auch eine Art Ehrengast. Erst Jahre später wurde mir bewusst, dass sie doch viel älter gewesen war als er. Daran dachte ich damals aber gar nicht. Da saß bloß ein netter älterer Herr in einem Stuhl in der Ecke. Ich ging vollkommen darin auf, mit meinem neuen Jeep über die vier Ringmappen, die ich zu einer Rampe aufgestapelt hatte, zu manövrieren, ohne dass er umstürzte.
Nach diesem Weihnachten habe ich Arthur nie wieder gesehen. Aber die Briefe kamen weiterhin. Einer. Zwei. Drei. Vier. Mehrere Jahre sandte er jedes Jahr zu meinem Geburtstag seine Grüße. Kleine Geburtstagskarten. Zierlich geschriebene Briefe. Und immer mit dem gleichen PS. »Ich lege einen Geldschein bei, damit deine Mutter Süßigkeiten und Schokolade kaufen kann … Kinder brauchen Zucker!«
Viele Jahre bewahrte ich die Briefe auf. Lange lagen sie in einer chinesischen Truhe, in der ich als Teenager wichtige Papiere verwahrte. Später kamen sie mit allem Möglichen aus meiner Kindheit in eine schwarze Aufbewahrungsbox. Dann lagen sie einige Zeit in einem Ordner. Ich hob sie immer an schönen, besonderen Orten auf. Ich hatte immer dieses sonderbare Gefühl, dass ich verpflichtet wäre, auf sie aufzupassen.
Je älter ich wurde, umso merkwürdiger erschien es mir, dass mir irgendeine fremde Person so intime Briefe geschrieben hatte. Das »Mein Liebster«, »Mein kleiner Freund« und die direkte Anrede »Mein Kristian« – als wäre er mein Vater. Oder Großvater. Und jetzt – als ich als junger Mann die Briefe las – erschien es mir beinahe absurd. Er kannte mich doch überhaupt nicht. Ich konnte mich doch selbst kaum an ihn erinnern. Nur an die Uhr­kette. Die braunen Lederschuhe. Die Augen. Die Lebkuchen.
Als 24-Jähriger wurde ich an der Schriftstellerschule von Kopenhagen aufgenommen. Abgesehen vom Namen der Einrichtung, der einige saftige Ohrfeigen für diese Überheblichkeit gebühren – als könne die Schreibkunst gelehrt werden –, ist es wirklich eine sehr gute Schule. Für die Aufnahme wird viel verlangt – die Einsendung von Texten, lange Gespräche und ein fast grotesker Ausleseprozess. Von den knapp 300 Bewerbern meines Jahrgangs wurden nur sechs Schüler aufgenommen. Insgesamt besuchen die Schule nur zwölf Schüler gleichzeitig. Wer auf die Schriftstellerschule ging, hatte große Ambitionen. Man war Künstler. Großgeschrieben.
Einmal beschäftigten wir uns in einer Vorlesung über kunsthistorische Themen mit dem französischen Begriff Objet trouvé. Der französische Künstler Marcel Duchamp perfektionierte das Konzept – das darauf hinausläuft, dass man vorgefundene Gegenstände in neue Kunstwerke einbaut – mit seiner Anfang des 20. Jahrhunderts entstandenen Serie aus sogenannten Readymades. Sein berühmtestes Werk heißt Fountain und stammt aus dem Jahr 1917. Es besteht in seiner ganzen Einfachheit darin, dass er ein Urinal, das er in einer Eisenwarenhandlung gekauft hatte, in einem Kunstmuseum ausstellte. Er stellte es auf ein Podest und nannte das Kunst, womit er eine noch immer aktuelle Kunstdebatte entfachte. Denn ist das wirklich Kunst? Oder ist das ein Pissoir? Ist das verpisst künstlerisch? Oder wird eher auf die Kunst gepisst?
Ich hatte zuvor Literaturwissenschaft und einen ersten Abschluss, als ich an der elitären Schriftstellerschule anfing. Ich wusste, wer Duchamp war. Plötzlich fiel mir ein, dass man doch Texte auf die­selbe Weise verwenden könnte. Echte Gebrauchstexte nehmen und behaupten, dass dies Kunst sei. Sie in einen neuen Zusammenhang stellen und ihnen eine neue Bedeutung verleihen. Man könnte doch, dachte ich, keinen Unterschied erkennen, ob die Texte echt waren oder ob sie jemand erfunden hatte.
Gesagt, getan. Ich kramte Arthurs alte Briefe hervor und breitete sie auf dem Schreibtisch aus. Ich schloss einen Augenblick meine Augen. Dann öffnete ich sie wieder und sah die Briefe in einem ganz anderen Licht. Ich setzte meine text­analytische Brille auf, wie man so sagt. Ich betrachtete die Texte als Literat: Wenn ich die Texte noch nie zuvor gesehen hätte, was würde der Text aussagen, der Text allein? Was kann ich allein aus den Buchstaben herauslesen? Welchem System folgen diese Texte? Was verbirgt sich hinter der Sprache, dieser Textur aus Zeichen?
Meine Interpretation war radikal. Ich machte einen komplett neuen Text, in dem ein namenloser Leser Arthurs Briefe analysierte, als wären es seine eigenen, und dieser Leser las zum Beispiel selbst aus den Zeilen etwas heraus, das sich interpretieren ließ. Er sah darin ein schwarzes Gitter, einen Zaun, Drähte, hinter denen sich eine noch wahrere Geschichte verbarg als jene, die die Texte mit allen ihren Wörtern zu verstecken trachteten. Mein fiktiver Leser las die Briefe an ein kleines Kind als Erwachsener, der mit sich selbst spricht, der mitschreibt und dem Kind in ihm Nachrichten sendet. Der Leser unterzog den Text, Arthur, einer Psychoanalyse, er suchte und wühlte darin. Doch gleichzeitig projizierte ich ohne Weiteres meine eigenen persönlichen Traumata in die Texte, und mein neuer fiktiver Leser gelangte – in einer Weise, die ich bis heute nicht zu erklären vermag – auf verwinkelten Wegen zu dem Schluss, dass diese Geburtstagsbriefe von einem traumatisierten KZ-Häftling stammen mussten, der zuvor interniert war. Der Häftling rief sozusagen von einem Ort hinter dem geschriebenen Zeilengitter aus der Gefangenschaft. Es war ein sehr gekünstelter und moderner Text.

Mein scharfsinniger Professor, der Lyriker Poul Borum, fällte indessen sein unbarmherziges Urteil. Diese Texte könnten unmöglich meine eigene Fiktion sein. Dafür wären sie zu, ja, zu wirklich, sagte er. Die wären zu echt. Und diese bloß in einen neuen Text zu kleistern – kleistern war als vernichtende Kritik gemeint –, zeuge von meiner mangelnden künstlerischen Reife. Der Text sei, wie er es ausdrückte, ein absolutes Fiasko. Hier diese berührenden Briefe. Und dann ginge ich hemmungslos mit den plattesten Klischees aus Filmen und rührseligen Romanzenheftchen auf sie los. Das sei Missbrauch, meinte er.
In der gleichen Woche fuhr ich am Wochenende zu meinen Eltern heim in die Provinz. Ich war die ganze Zugfahrt über von Kopenhagen nach Holbæk ziemlich niedergeschlagen. Saß da und schmollte. Einen derart idiotischen Professor findet man so schnell kein zweites Mal. Ich selbst fand, die Texte hätten etwas getroffen. Mir gefiel besonders gut die spekulative Idee, man könnte in einem Text gefangen sein. Dass man in der Sprache gefangen sein könnte. Von einer Geschichte gefesselt. So, dass es kein Entrinnen gab.
Zu Hause in der Küche klagte ich mein Leid meinem Vater, der in der kleinen Wohnung, in der ich aufgewachsen bin und in der meine Eltern noch immer wohnten, das Essen zubereitete. Ich legte ihm den heutigen Begriff von Kunst dar, sprach von der harten Behandlung, die der Postmoderne von der gegenwärtigen Literaturkritik widerfuhr, vom Ende der Geschichte und der unerträglichen Leichtigkeit des Poststrukturalismus. Mein Vater nickte zu allem, zog die Schultern hoch und schlug noch ein Ei auf. Er war Arbeiter in einem Schlachthof und hätte im Grunde kein ganzes Buch lesen können – funktionaler Analphabetismus wird das genannt. Dennoch hatte er auf alle meine Qualen eine Antwort parat.
»Ihr lernt doch Schreiben auf der Schule, nicht?«, fragte er.
»Ja«, antwortete ich.
Kannst du dann nicht einfach die Geschichte vorlesen? Wenn sie gut ist – wenn sie mir gefällt –, ist sie wohl okay? Es geht doch wohl darum, dass sie dem Leser gefällt?«
Ich fand zwar nicht, dass es so einfach sei. Schließlich gibt es doch auch noch so was wie Rezeptionstheorie. Dennoch holte ich den Text hervor und setze mich an den Tisch. Ich nahm einen Schluck aus meiner Kaffeetasse. Während mein Vater weiterkochte, las ich den ganzen Text vor. Mehrmals irritierten mich Fremdwörter und andere Dinge im Text. Ob er überhaupt meine Idee verstehen würde?
Während ich las, bemerkte ich aus den Augenwinkeln, dass sich mein Vater an den Esstisch gesetzt hatte. Als ich kurz aufblickte, hielt er seinen Kopf zwischen den Händen und sah sehr überrascht aus. Beinah etwas ungläubig. Ich las weiter. Über den merkwürdigen Leser, der das Unglaublichste aus den Geburtstagskarten lesen konnte. Am Ende angelangt – der Text schloss mit irgendeiner prätentiösen Wendung wie: »Das werden wir nie erfahren« –, sah ich endlich auf.
Der Gesichtsausdruck meines Vaters hatte sich vollkommen verändert. Sein Gesicht war bleich wie Kreide. Er sah entsetzt aus. Eine Mischung aus schockiert – und tatsächlich sehr böse.
»Wer hat dir das erzählt?«, fragte er.
»Was?«
»Wer!«
»Was meinst du?«
»Wer hat es dir erzählt? Wer? War es ­Jørgen?«, wollte er wissen.
Erst später, als wir über die Geschichte sprachen, verstand ich. Ich hatte in meiner kurzen Novelle einen Leser erschaffen, der zum Schluss kam, dass der Absender der Briefe ein traumatisierter Häftling aus einem Lager war. Ein KZ-Häftling aus Deutschland. Ich selbst war mit dem Teil der Geschichte unzufrieden. Es waren ja nicht die Deutschen, die in den Lagern saßen. Das waren die Juden. Das weiß doch jedes Kind.
Mein Vater war noch immer sichtlich erschüttert, als er mir erklärte, wie die Dinge zusammenhingen. Die Sache war nämlich die, dass die Erwachsenen eine Art Pakt geschlossen hatten, erzählte er. Sie gelobten feierlich und gaben sich das Ehrenwort: Arthur sollte selbstverständlich Weihnachten mit uns feiern dürfen. Niemand sollte am Heiligen Abend alleine sein. Und er sollte meine Familie besuchen dürfen, wenn es ihm ein so großes Bedürfnis war. Aber niemand von den Erwachsenen dürfe jemals den Kindern verraten, wer Arthur in Wirklichkeit war. Und er hatte selbst versprochen, nichts davon zu erzählen. Wir Kinder sollten einfach nichts über seine Geschichte erfahren. Arthur war Deutscher. Er wohnte in Kopenhagen in einem Hotel. Das war alles.
Dann begann mein Vater zu erzählen. Über den armen deutschen Mann, der während des Zweiten Weltkriegs von den Soldaten gefangen genommen und ins Gefängnis gesteckt wurde. Niemand in der Familie wusste genau, weshalb er verhaftet wurde. Denke ich selbst zurück, vermute ich, dass es aufgrund seiner Homosexualität gewesen sein könnte. Vielleicht wegen kommunistischer Agitation oder irgendeiner sonstigen politisch motivierten Aktion. Oder war er einfach Jude? Oder war er ein entarteter Maler – ein Künstler – wie ich selbst? Das glaube ich nicht. Aber ich weiß es tatsächlich nicht.
Kurz und gut, er saß mehrere Jahre im Gefängnis und schließlich wurde er in ein KZ überstellt, wo er auch noch lange eingesperrt war. Es war eines der schlimmen Lager, denn als wir ihn kennenlernten – viele Jahre nach dem Krieg –, war er noch sehr schwach. Ausgemergelt, knochig, sehnig und nur das kleine Bäuchlein verriet, dass er doch ein wenig zu essen bekam. Noch etwas ließ meine Eltern und den Rest der Familie vermuten, dass es eines der schlimmen Lager gewesen sein musste, denn er hatte so furchtbare Dinge gesehen, dass er für sein Leben gezeichnet war. Er sei ganz allgemein psychisch gebrochen gewesen, sagte mein Vater. Doch besonders tief traumatisiert war er davon, dass er so viele Kinder an Unterernährung hatte sterben sehen. Immer wieder hatte er Kinder verhungern sehen. Er und die anderen Häftlinge hätten verzweifelt versucht, ihr Essen mit ihnen zu teilen – doch oft vergebens.
Arthur war nach Kriegsende aus Deutschland geflüchtet. Wie auch einige andere Deutsche, die nicht länger in ihrem Heimatland, in Deutschland, leben wollten, ging er nach Skandinavien. Seine Endstation war Dänemark. Das war seine Rettung – und seine Hölle. Denn die Dänen konnten die Deutschen nach dem Krieg nicht ausstehen.
Ich selbst gehöre einer Generation an, deren angeborener Hass langsam in eine neue Liebe für alles Deutsche umgeschlagen ist. Jüngere als ich lieben alles Deutsche. Man braucht bloß St. Pauli zu sagen und ihre Augen strahlen. So war das nicht in meiner Generation. Ich selbst musste erst als Erwachsener lernen, dass Deutsch tatsächlich eine schöne Sprache ist. Dass die deutsche Literatur schöne Dinge – nicht zuletzt die Romantik – hervorgebracht hat und es viele ästhetische und einzigartige Dinge in Deutschland gibt. Erst im Erwachsenenalter entdeckte ich deutsche Produkte, deutsches Essen und deutsche Musik. Erst als ich erwachsen war, wurde beispielsweise Berlin wieder so hip wie vor dem Zweiten Weltkrieg, als jeder dänische Schriftsteller, der etwas auf sich hielt, mindestens ein paar Jahre in dieser Stadt lebte.
So war das, gelinde gesagt, keinesfalls, als ich aufwuchs. Als Kind lernte ich direkt und indirekt, dass alle Deutschen und alle deutschen Dinge, ja alles Deutsche unappetitlich, abstoßend, unpassend oder einfach schlecht sei. Wenn etwas gut war, dann auf eine eiskalte, technische, fast schon halb psychotische Weise. Deutsche Technik war so gesehen ganz okay. Autos und Küchenmaschinen. Doch das war auch schon alles. Alles andere von der Gastronomie bis zur Kunst wurde konsequent schlechtgemacht. Obwohl man in der Schule Deutsch lernen musste, wurde einem von allen Seiten auch in der Schule vermittelt, dass die Sprache hart und hässlich – und die Grammatik völlig unmöglich zu erlernen sei. Eine gefühllose Sprache, wenn von Literatur die Rede war. Man könne auf Deutsch nicht singen. Man könne auf Deutsch »Ich liebe dich« nicht sagen. Und lernte man einen Deutschen kennen, so durfte man von ihm nicht viel mehr Positives erwarten, als dass er vermutlich pünktlich sein würde.
Diese Atmosphäre – hoch zehn – schlug Arthur entgegen, als er in Kopenhagen ankam. Im Moment, in dem ich dies niederschreibe, sitze ich beispielsweise bloß 500 Meter von der deutschen Abteilung im Vestre Kirkegård in Kopenhagen entfernt. In diesem Teil dieses Friedhofs liegen ganze Familien begraben, die auf unerklärliche Weise alle am selben Tag verstorben sind. Das sieht man auf den Grabsteinen. Sie wurden vermutlich in der rachsüchtigen und chaotischen Zeit gleich nach Kriegsende liquidiert. Das war die Stimmung in Kopenhagen in jenen ­Tagen. Auch in den Folgejahren – eigentlich bis zum Fall der Berliner Mauer kurz vor den 1990er-Jahren. Wiewohl Arthur nichts mit alledem zu tun hatte – war ihm doch offensichtlich Deutschland zutiefst zuwider –, traf ihn dennoch der gleiche Widerwille. Wenn ein Mann, der vom Aussehen her ein Däne hätte sein können, in der damaligen Zeit den Mund aufgemacht und mit deutschem Akzent um einen Schilling gebeten hätte, dann hätte er sehr wahrscheinlich eher eine auf die Rübe bekommen. Zumindest wären ihm einige Schimpfwörter nachgerufen worden.
Mein Vater berichtete, dass Arthur sich über längere Zeit auf der Straße durchgeschlagen habe. Ohne Arbeit, ohne einen Platz zum Wohnen, ohne genügend zu essen zu bekommen, ohne Geld. Er sei wirklich einige Zeit nah am Verhungern gewesen. Doch niemanden habe es gekümmert. Es gab genug Elend in diesen Tagen. Und die Dänen kamen zuerst.
Eines schönen Tages erbarmte sich immerhin ein Mann seiner. Er nahm Arthur zu sich. Es war ein Hoteldirektor in Kopenhagen, der den ausgemergelten Mann schon länger auf der Straße gesehen hatte. Er hatte ab und an mit ihm ein paar Worte gewechselt. Bald wurde ihm klar, dass Arthur stark mitgenommen war. Und nach und nach sah er ein, dass er nur eines der vielen Opfer des Krieges war.
Es wurde so eingerichtet, dass Arthur irgendwo im Hotel ein Zimmer bekam, das ohnehin niemand benutzte. Er bekam im Laufe des Tages auch ein wenig Essen und eine tägliche Mahlzeit im Restaurant des Hotels. Und er bekam einen Job im Hotel. Er verrichtete Botendienste, trug Briefe aus, holte Pakete ab. Als ich meinen Vater fragte, welches Hotel in meiner Kindheit noch Boten hatte, verstand ich gleich. Die Geschichte stimmte vorne und hinten nicht. Arthurs Job als Bote war vermutlich nur eine Wohltätigkeit. Eine Art, ihm seine Würde, sein Selbstwertgefühl zurückzugeben. Ihn so wieder Mensch sein zu lassen. Arthur ist vielleicht manchmal zur Hand gegangen. Aber mehr nicht. In Wirklichkeit ließ man ihn bloß da sein und er bekam etwas Trinkgeld.
Als Überlebender und Kriegsflüchtling hatte er kein Vermögen. Er bekam auch nie einen richtigen Job. Das bisschen Trinkgeld, vielleicht einen minimalen Lohn und zuletzt vielleicht die kleine Volkspension, muss er aufgespart haben, damit er uns die hohen Geldbeträge schicken konnte.
Mein Vater erzählte mir, Arthur sei vollkommen außer sich gewesen an jenem Heiligen Abend, als ich ihn zum ersten Mal sah. Die vielen spielenden und lachenden Kinder, die Süßigkeiten und Weihnachtskonfekt aßen, hätten ihn sehr gerührt. Mein Vater sagte, Arthur habe mehrmals hinausgehen müssen, weil er weinen musste. Doch als der ältere Herr später fragte, ob er meine Familie besuchen dürfe, musste die Angelegenheit beraten werden, denn das Ganze wirkte so sonderbar. Was war das mit ihm und den Kindern? Doch da war nichts, außer dass Kinder für Arthur Leben bedeuteten. Oder besser: Die Kinder, die er hatte sterben sehen, verkörperten für ihn den Tod. Und den konnte man nur auf eine Weise auf Distanz halten. Mit Süßigkeiten. Mit Konfekt. Mit Zucker.
Oder mit Lebkuchen.

Aus Effilee #23, Winter 2012
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