Mit dem Holzhammer

Weinmessen sind etwas Wunderbares, jedenfalls dann, wenn sie in so faszinierender Umgebung stattfinden, so gut organisiert sind und so herrliche Weine bieten wie die Cape Wine in Südafrikas heimlicher Hauptstadt. Aber auch die spektakulärste, die beste Weinmesse hindert offenbar den einen oder anderen Zeit­genossen nicht daran, sich nach Strich und Faden lächerlich zu machen.

 

So geschehen im vergangenen Herbst, als Kapstadt nach längerer Pause wieder eingeladen hatte, die Fortschritte der südafrikanischen Weinindustrie zu bestaunen. Eine Bekannte hatte mich gefragt, ob ich nicht Interesse hätte, ein wirklich neues Wein­investment kennenzulernen.
Was folgte, war mehr als peinlich. Eine halbe Stunde lang – man will ja höflich bleiben – musste ich mir von einem smarten deutschen Unternehmensberater anhören, man wolle den Südafrikanern jetzt mal zeigen, wo der Bartel den Most holt, sprich, endlich (!!) einen Wein erzeugen, der international ernst genommen werden müsse. Ein echter Benchmark-Wein, Maßstab für alle anderen Erzeuger des Landes, sei schon der erste Jahrgang geworden, für den man von der internatio­nalen Weinkritik höchstes Lob erhalten habe.
Nun ist es sicherlich richtig, dass Südafrikas Weinindustrie erst seit zwei Jahrzehnten voll auf die Qualitätskarte setzt, in dieser Hinsicht also noch relativ jung ist – und das trotz der jahrhundertealten Weinbautraditionen des Landes. Richtig ist aber auch, dass die Winzer am Kap seither Spitzen- und Kultweine gleich im Dutzend hervorbringen. Noch nie vom Paul Sauer gehört, vom Rubicon oder von Le Sommet, von Steytler Vision und Columella? Noch keinen Fusion V, keinen ­Elevation 393 oder Ronnie Melck getrunken? Anwilka oder Lady May? Und Forrester, Reynecke, Springfield, Mullineux, Scali oder Ernie Els sind ja vielleicht gar nicht vom Kap?
Ach, fast hätte ich es vergessen: Das Produkt war tatsächlich recht anständig, und so konnte ich dem deutschen Smartie denn auch reinen Gewissens versichern, wenn er sich noch ein paar Jahre ernsthaft anstrenge, könne der Wein vielleicht eines Tages wirklich an der Tür zur südafrikanischen Topliga anklopfen. Der heruntergefallenen Kinnlade nach zu urteilen, schmeckte ihm diese Auskunft allerdings nicht wirklich.
Eigentlich wäre diese Geschichte es nicht einmal wert gewesen, sie zu erzählen. Wären da nicht die immer zahlreicheren Versuche der Weinwelt, durch plumpe Angeberei auf sich und ihre Produkte aufmerksam zu machen. Kaum ein Tag, an dem ich nicht Pressemeldungen erhalte, wer wieder welchen Wettbewerb – gern aus der angelsächsischen Welt – gewann, in welcher Bestenliste auftauchte oder welchen absoluten Super-oben-drüber-Weltmeisterwein erzeugte.
Irgendwie finde ich das Ganze nur noch armselig. Es gab Zeiten, in denen Winzer tatsächlich noch eine Story zu erzählen hatten, in denen sie experimentierten, auch mal Niederlagen erlitten und von der Familie enterbt wurden, dabei aber immer Neues ausprobierten. Solche Storys scheint es nicht mehr zu geben. Dafür aber tönt es, unseligen Angedenkens an einen wirklich Großen, mehr und mehr, lauter und lauter: »I am the greatest, I am the king of the world!« Es mag ja sein, dass Klappern dazugehört, aber muss es das Handwerk deshalb gleich vollständig ersetzen?
Seien wir gerecht! Oft sind es nicht die Winzer selbst, die so vollmundig daherkommen. Es sind Agenturen, denen sie ihre PR und Werbung anvertraut haben. Was bei großen Firmen sinnvoll und wichtig sein kann, erweist sich jedoch im Weinbau in den meisten Fällen als kontraproduktiv. Es ist sicher kein Zufall, wenn bei den wirklich Erfolgreichen, den Gajas, Antinoris, Torres, Vega Sicilias oder Penfolds dieser Welt, die Weine und ihre Message weitgehend in erster Person, vom Eigner, vom Weinmacher kommuniziert werden. Holzhammer-Marketing nach Marktschreierart wird man bei ihnen nur selten erleben.

Text: Eckhard Supp
Aus Effilee #24, Frühling 2013
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