Griechenland und die Kunst, irgendwie klarzukommen

Griechenland ist kaputt. Es taumelt im fünften Jahr der Rezession. Im Februar bestätigte Eurostat, die Europäische Agentur für Statistik, dass mittlerweile mehr als ein Drittel der Griechen in Armut lebt. Die orthodoxe Kirche versorgt Schätzungen zufolge eine Viertelmillion Menschen täglich mit Essen, und 10 000 Verzweifelte leben in Athen auf der Straße

 
Rechteinhaber: Stuart Freedman, Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee
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Text und Fotos: Stuart Freedman

Ein steter Regen fällt auf Athen. Er streicht über die seelenlosen grauen modernen Apartmenthäuser, die traurig unterhalb der Akropolis stehen. Im Vergleich sehen sie schäbig aus, mit Graf­fiti beschmiert, öde und unfreundlich.
Die Begrüßung durch Eleni Nikolaidou ist hingegen warm und ehrlich. Eine kleine aufgeräumte Frau mit blondem Bob. Nach einem Leben als Historikerin wurde sie erst durch ihr letztes Buch Hunger­rezepte zu einer kleinen Berühmtheit. Das Buch, Teil ihrer Dissertation über Griechenland im Zweiten Weltkrieg, versammelt die Kolumnen der Zeitungen, in denen Ratschläge gegeben wurden, wie man unter denkbar schwersten Bedingungen irgendwie zurechtkommt.
»Die damaligen Zeitungen«, sagt sie, »haben mich fasziniert, weil ich daraus viel über die Besatzung (die ›Katochi‹) gelernt habe. Erstaunliche Dinge.« Das Buch schildert die Entbehrungen, welche vor allem die Bürger Athens erlitten. »Die Griechen jener Zeit«, erklärt sie, »waren Veganer, weil sie gar nicht anders konnten. Es ging nur darum, mit sehr wenig zurechtzukommen.«

»Zum Beispiel«, sagt sie, »habe ich einen Artikel auf der ersten Seite einer Zeitung gelesen, mit dem Titel ›Wie man Brotkrumen sammelt‹ – jeden Tag ein paar, so konnte man am Ende der Woche eine Tasse voll haben. Ein bisschen extra um zu überleben … man riet den Menschen, ihr Essen sehr, sehr langsam zu kauen, damit es sich so anfühlt, als würde man mehr essen.«
Mehr als 300 000 Menschen starben in Athen während des Krieges und die Menschen jagten Katzen und Hunde in den Straßen, um ihre Ration aufzubessern. Ganz sicher ist das, was Griechenland heute widerfährt, nicht Katochi, aber es gibt unübersehbare Parallelen. »Man sieht jeden Tag die Leute, die zum Markt gehen, wenn er schließt, um die billigen Waren zu bekommen. Es gibt jetzt viele Märkte auf den Straßen, und die Leute holen sich das verdorbene Obst und Gemüse.« Sie erwähnt die Suppen­küchen, aber auch die Familienstrukturen, die so wichtig für das Überleben der Menschen sind.
Frau Nikolaidou verändert sich. Sie ist immer weniger Historikerin und mehr die zornige Bürgerin, in der der Schmerz der Nachkriegsjahre wieder lebendig wird.

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Die Historikerin Eleni Nikolaidou wird immer mehr zur zornigen Bürgerin

»Auch wenn die nicht wollen, dass wir aus der Geschichte lernen – wir haben hier eine heldenhafte Geschichte des Widerstands, aus der Zeit der Besatzung, aus dem Bürgerkrieg, aus den Diktaturen, als man unser Volk mit Panzern überrollte … Als die jungen Leute damals nach Demokratie riefen, wurden sie ins Gefängnis gesteckt, gefoltert und ins Exil getrieben. Ich warte nur darauf, dass man diese Tradition, einen gemeinsamen Gegner zu haben, wieder hervorholt und sich gegen diese moderne Form der Besatzung zur Wehr setzt.« Sie hält inne und für einen Moment verfliegt der Zorn. Es wird still in der Wohnung, und wir bemerken, dass ihr Beagle an der Tür der Küche kratzt, in die sie ihn gesperrt hatte. Der unerwartete Radau des kleinen Störenfrieds entspannt die Situation und der befreite Hund springt freudig um den Tisch herum. Das hebt die Stimmung etwas und Frau Nikolaidou fährt fort: »Wir sind ein sehr geselliges Volk … Wir müssen reden und Freundschaften schließen – das ist unsere Therapie –, wir sind laut und gestikulieren mit den Händen und sagen, was wir denken.« Sie erzählt von einem Besuch in Berlin: »Wir waren zu viert und stellten alle unsere Teller in die Mitte, und jeder konnte sich einfach nehmen, was er wollte und essen. – Gemeinsam!« Als es ans Bezahlen ging, wollte der Kellner von jedem einzeln kassieren.« Für Nikolaidou war das bezeichnend: »Wir sagten ›Nein, geben Sie uns eine Rechnung, wir teilen die dann untereinander auf. Wir zählen nicht die Bissen.‹«
»Wir sind mediterran«, sagt sie. »Wir sind das Volk, das den Begriff Gastfreundschaft erfunden hat. Im alten Griechenland war der Gott der Gastfreundschaft der König der Götter. Gastfreundschaft und Solidarität haben uns über Jahrhunderte das Überleben gesichert und wir werden sie jetzt nicht aufgeben. Das steckt in unserem Blut.«
Die Griechen, denen wir viel von der westlichen Zivilisation verdanken, nennen ihre Heimat Hellas. Der Schöpfungsmythos der Griechen besagt, dass die Götter aus Gaia, also der Mutter Erde selbst, entsprangen. Nicholas Gage meint in seinem Buch Hellas – A Portrait of Greece, dass das Land und das Klima so viel Kraft haben, dass jeder, der lang genug dort lebt, unvermeidlich zum Griechen wird. Es ist diese Einzigartigkeit, diese Singularität, die eine Gesellschaft geprägt hat, die so mächtig und klug war, dass wir den Nachhall bis heute spüren. Wesentlich war der Gedanke, es sich gut gehen zu lassen, womit natürlich auch Essen und Wein gemeint waren. Epikur hat das so ausgedrückt: »Das Grundprinzip des Lebens sind die Bedürfnisse des Magens. Alle wichtigen und unwichtigen Dinge beruhen auf diesem Prinzip.« Das Land war so fruchtbar, dass im antiken Griechenland mehrere Esskulturen gleichzeitig existierten. Andrew Dalby beschreibt in Küchengeheimnisse der Antike, dass die Spartaner sich schlicht und genügsam ernährten, mit vielen kleinen Gerichten, wie zum Beispiel melas ­zomos, einer herzhaften Suppe, deren Basis vermutlich schwarze Bohnen oder Linsen waren. In Sybaris hingegen (das heute zu Süditalien gehört) liebte man den Exzess und ausgefeilte Gerichte, bei denen man den Köchen freie Hand ließ. Zur Zeit der Byzantiner wurde die griechische Küche von der persischen beeinflusst. Die westliche griechische Kultur, die man heute, so Zouaris, am ehesten auf Kreta findet, war einfacher und minimalistischer. Als nach dem Ersten Weltkrieg viele Griechen aus der Türkei einwanderten, vereinten sich die beiden Stränge zur heutigen griechischen Küche. Die Grundlage der griechischen Küche – Brot, Wein, Oliven und der Kontext, in dem man sie verzehrt, das Symposion – führten die Zivilisation zur Blüte. Sie sorgten für Ausgeglichenheit der antiken vier Säfte. Für Homer gab es »kein größeres Glück, als wenn die Freude ein ganzes Volk erfasst« und sie gemeinsam essen und trinken. Es ist genau dies, was die griechische – und mediterrane – Gesellschaft geprägt hat. Und diese Kultur, bedroht von den Sparprogrammen, muss jetzt in ihrer Vergangenheit nach neuen Wegen des Austauschs suchen, um zu überleben.
»Wissen Sie, ich bin keine Griechin, ich bin Isländerin«, sagt Karitas Mitrogogos, als wir in ihrer Wohnung frisch gepressten Orangensaft trinken. Das selbstbewusste ehemalige Model ist die Gattin eines griechischen Diplomaten. Geschmackvoll ausgesuchte russische Kunst hängt an den Wänden, mitgebracht von einer der vielen Stationen des Paares. Als angesehene Köchin und kulinarische Autorin ist Frau Mitrogogos bestens geeignet, über das Essen der Griechen im Zusammenhang mit der aktuellen Entwicklung zu sprechen.
»Mein Mann stammt aus einer Familie in Thessalien – er hat drei Tanten, die alle große Köchinnen sind, und in seiner Familie habe ich die alten Küchentraditionen aus ­erster Hand erfahren.« Wesentlich erscheint ihr, dass »die Griechen in den letzten 20 Jahren dachten, die traditionelle Küche sei nicht gut genug … (es gab eine) Unsicherheit, ihr Essen oder ihre Kultur könnten weniger gut sein als die aller anderen – der Grieche ist sehr stolz, aber unsicher – wissen Sie, dieses ›wir waren so lange von den Türken besetzt‹.« Für Frau Mitrogogos ist es jedoch die Einfachheit der griechischen Küche, die sie so besonders und beständig macht. »Sie beruht auf dem Teilen, auf Familie, darauf, Menschen zusammenzubringen, Mutterliebe, der Liebe innerhalb der Familie … selbst wenn man sich keine tolle Mahlzeit leisten kann, bekommt jeder großartige Tomaten, ein Stück köstliches Brot …«

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Aber offensichtlich hat das nicht jeder. Die Folgen der Krise sind derart, dass sie nicht nur die Armen treffen, die sich auf der Straße zum Schlafen zusammenkauern, sondern auch die Wohlhabenden in Frau Mitrogogos‘ Wohnblock. Im Vertrauen erzählt sie mir, dass sie eine ältere Nachbarin über ihr versorgt: eine Dame, der die Wohnung gehört, die aber keine Pension mehr bekommt.
In der Gegend um den Syntagma-Platz marschieren öffentliche Angestellte unter Gewerkschaftsflaggen. Die Nacht fällt herab und der Himmel verdunkelt sich bei stetem Regen. Nach den Kämpfen mit der Polizei Anfang des Monats, mit Steinen, Feuer und Tränengas, spürt man jetzt klamme Resignation. Ich blicke in müde Gesichter als ich, mich entschuldigend, die Straße überquere. An den Kreuzungen kauern Bereitschaftspolizisten in Ladeneingängen, um sich vor dem Regen zu schützen, wie moderne Ritter in ihren Rüstungen aus Kevlar. Die einzigen Farbtupfer stammen von den uralten Orangenbäumen, nerantzies, die sich stolz gegen die Düsternis abheben; schwer mit bitteren Früchten.

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Die Suppe sättigt, aber ihr fehlen die Sonne der Kinderheim und die Wärme der griechischen Mutter

Es war nicht immer so. Wie anders das Leben den Athenern vorgekommen sein muss, als sie 2001 in die Eurozone aufgenommen wurden. Die Feiern, das Feuerwerk, eine neue Währung. Es scheint, dass nur wenige die Unsicherheit um sie herum bemerkt oder sich gar darum gekümmert hätten. Vielleicht hatten sie schon zu viel hinter sich. Eine direkte Folge der Brudermorde im Bürgerkrieg war, dass Millionen griechischer Bauern nach Athen flohen, was die Stadt anschwellen ließ, bis schließlich die Hälfte aller Griechen in der Hauptstadt lebte. Folgt man Stathis Kouvelakis, Professor für politische Theorie am King’s College in London, stützte sich der Griechische Staat der Nachkriegszeit auf die alten Eliten: die Reeder und Immobilienbesitzer, aber auch die Kleinbürger, Familienunternehmen, die dankbare Staatsbürger waren. In seiner Schrift The Greek Cauldron (Der griechische Schmelztiegel) stellt Kouvelakis klar, dass es in Griechenland »nichts gab, das den großen gesellschaftlichen Kompromissen ähnelte, die in den 1950er- und 1960er-Jahren in Europa geschlossen wurden«. Nach dem Ende der Junta schuf die sozialdemokratische Regierung der PASOK ein beschränktes Gesundheitswesen, erweiterte den Bildungssektor und sorgte für einen Anstieg der Löhne und Pensionen. Im Wesentlichen beruhte das auf einem politischen Kompromiss, der die Strukturen der Macht unangetastet ließ. Ironischerweise befand sich das aber im politischen Gegensatz zum restlichen Europa, das sich zu jener Zeit begeistert auf die Versprechen des Marktes einließ. Kouvelakis sagt, dass wegen historisch niedriger Besteuerung des Großkapitals und der abgeschotteten Eliten diese Phase geprägt war von »unvermeidlich hohen Staatsschulden«. Der PASOK-Ministerpräsident Kostas Simitis (mit Loukas Papadimos in der Zentralbank) führte die neoliberale Initiative zur Deregulation an, die 1996 bis 2004 zu einem Wirbel an Spekulationen führte, mit denen angeblich die Staatsschulden reduziert und der Eintritt in den Euro vorbereitet werden sollten. Der weltweite Crash 2008 führte jedoch dazu, dass die Staatsschulden dramatisch anstiegen. Eurostat weist für 2010 ein Defizit von 127 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Schlimmer noch: Nach einem Bericht des Spiegel im selben Jahr half Goldman Sachs der griechischen Regierung, die wahre Höhe des Defizits zu verbergen; mit Hilfe eines Derivatgeschäfts, das die Regeln des Maastricht-Vertrags legal umging.
Ein großer Lastwagen parkt in der Odos Sofokleous. Kräftige Männer schwit­zen und keuchen, während sie Kartoffelsäcke abladen, unter Aufsicht von Xenia Papastavrou. Die ehemalige Journalistin ist die treibende Kraft hinter einer neuen Art von Initiative, die sich mit der enormen Verschwendung von Lebensmitteln in Griechenland vor dem Hintergrund des Hungers auseinandersetzt. »Hier wird so viel verschwendet«, sagt sie, »es ist hier nicht wie in Großbritannien, wo Pret a Manger [eine Imbisskette] und andere die nicht verkauften Sandwiches am Abend spenden.«

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Um dem menschlichen Kartoffelzug nicht im Weg zu stehen, gehen wir in den Saal der Suppenküche. Das größte Problem, meint sie, war die fehlende Verbindung zwischen denen, die etwas spenden wollen und den Empfängern. »Einmal war ich abends in einer Kneipe, und man servierte so viel Brot, dass ich fragte, ob ich etwas davon mitnehmen könnte. – Tatsächlich war man sehr dankbar und gab mir richtig viel. Das war letztes Jahr im Mai.« Ihre Idee war, zwischen Gemüsehändlern, Hotels, Supermarktketten und den Hilfsorganisationen zu vermitteln. Ihre Initiative Boroume (»Wir können«) war binnen kürzester Zeit ein Erfolg. Nachdem die Zeitung Kathimerini darüber berichtet hatte, strömten die Hilfsangebote herein. »Ohne Essen kann man über nichts anderes nachdenken – man hat die dauernde Sorge, etwas auf den Tisch zu bringen … das gilt auch für die Wohlfahrtsorganisationen, sie können nicht arbeiten, wenn sie den Leuten nichts zu geben haben …« Wesentlich ist für Frau Papastavrou, überhaupt etwas zu tun. »Etwas wie das hier gibt den Menschen Hoffnung, Optimismus. Arbeitslose helfen uns, momentan haben wir einen arbeitslosen Koch in der Küche. Man kann nicht auf einen besseren Zeitpunkt warten, man muss jetzt etwas tun.«
Der Landwirt, der sechs Tonnen seiner Kartoffelernte gespendet hat, tat das, weil die Marktpreise so niedrig sind, dass es billiger war, sie wegzugeben, als sie wieder in die Erde einzugraben. Es wirkt wie ein beispielloses Verbrechen: ein so fruchtbares Land, das keine Ernte einbringt, wegen der wirtschaftlichen Verhältnisse. Boroume arbeitet jetzt mit etwa 200 Unternehmen zusammen. »Wenn wir sie einmal zusammengebracht haben, können die Spender und die Empfänger direkt miteinander kommunizieren.«
Mit den schweren Säcken kämpfend, gehen die Männer an einem Empfangstresen vorbei, hinter dem – stummgeschaltet – eine Kochshow im Fernsehen läuft. Ich muss kurz grinsen, wegen der Ironie, verbiete es mir aber gleich wieder. Ich schäme mich.
Die Wintersonne überstrahlt den weiten, offenen Hof des städtischen Gebäudes. Meine Augen gewöhnen sich an das Licht und ich sehe, wie die Unglücklichen und die Obdachlosen sich versammeln: einige fröhlich, einige verlegen. In einer Ecke sind die Kartoffelsäcke gestapelt, wie Sandsäcke zu einem Behelfsdeich. In einer anderen Ecke ist zwischen vier Masten ein militärisch aussehendes Tarnnetz aufgespannt, um Schatten zu spenden. Darunter sitzt eine alte Frau auf einem Poller. Ihr Pelzmantel, einst wohl prachtvoll, ist schäbig, wird vom Sonnenlicht gesprenkelt, wie ihr Gesicht, das wie ein Puzzle aus hellen und dunklen Teilen aussieht. Nur dazusitzen, scheint sie zu erschöpfen. Kleckerweise schlurfen die Leute auf den Hof. Manche stehen in Grüppchen, andere allein. Es wird als Schande empfunden, arm zu sein und Almosen zu empfangen. Es ist gewissermaßen das Versagen der ganzen Familie, das durch die Anwesenheit hier kundgetan wird. Die Menschen hier sehen genauso aus wie deine Mutter und dein Vater: saubere, freundliche Menschen, die keine Regeln gebrochen haben und immer noch nicht glauben können, dass es so weit gekommen ist. Dabei sind das die Glücklicheren. Sie haben noch einen Ort, an dem sie leben und kochen können, auch wenn sie die Stromrechnung nicht mehr bezahlen können. In der anderen, weniger ordentlichen Schlange stehen die Verzweifelten. Manchen sieht man an, dass sie schon eine Zeitlang auf der Straße leben, und die Wunden und blauen Flecke auf manchen Gesichtern zeugen davon, wie erbarmungslos die Athener Bürgersteige sein können. Die beiden Gruppen mischen sich nicht, vor Angst, sich in der anderen wiederzuerkennen.
Xenia Papastavrou erklärt, dass das Solidaritätszentrum der Stadt Athen etwa 2500 Menschen täglich in zwei Schichten versorgt. In den Küchen schöpfen sechs Frauen dicke gelbe Kartoffelsuppe in Hunderte identische weiße Schüsseln, die liebevoll auf dem Tisch wie ein Mosaik angeordnet und gestapelt sind. Wesentlich, sättigend. Aber Lichtjahre entfernt von dem sonnengeküssten Essen der Kindheit und der Wärme der Küche einer griechischen Mutter.
Christina, die selbst obdachlos war, summt fröhlich ein Lied von Britney Spears, während sie mit dem Kochlöffel in der Hand umhertänzelt. Sie arbeitet ehrenamtlich und ist seit zehn Jahren hier. »Ich verstehe die Menschen … Ich war selbst so«, lächelt sie schüchtern. Athen hatte immer schon ein Problem mit der Obdachlosigkeit, aber nicht so. Die Menschen, die heute hier essen, bekommen Suppe, etwas Brot und gespendete Coca Cola in Flaschen. Andere, denen diskret per Telefon Bescheid gegeben wurde, kommen vorbei und packen Kartoffeln ein und was sonst noch gespendet wurde. Aus den erdfarbenen Säcken nehmen sie sich, was sie brauchen.

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Maria (Name geändert) faltet auf ihrem Schoß langsam eine Plastiktüte auseinander, die sie mitgebracht hat, um ihre Ration Kartoffeln mit nach Hause zu nehmen. Sie ist klein, Ende 50, mit pechschwarzem Haar und einem hübschen Mantel. Sauber. Eine Designerbrille, die vielleicht nicht echt ist, aber bestimmt nicht billig war. Es sind immer die Schuhe, an denen man die Armut erkennt. Billige, heruntergekommene Turnschuhe. Sie zeigt mir Fotos ihrer Tochter, die eine Niere verloren hat, bei einem Unfall mit Fahrerflucht auf der Insel, auf der sie lebt. Das Mädchen, das aus dem Bild herausblickt ist hübsch, zierlich, nachdenklich. Mit einer großen Narbe quer über den Bauch. Arztrechnungen. Sorgen. Ich frage mich insgeheim, ob sie weiß, dass ihre Mutter in Athen um Essen betteln muss. »Mein Mann bekommt 300 Euro Rente im Monat und für die Hypothek sind 300 Euro im Monat fällig, da bleibt nicht ein Euro übrig … Wir müssen seit dem letzten Jahr hier essen – mein Mann ist immer wieder im Krankenhaus – er ist sehr krank und da muss er eigentlich gutes Essen bekommen. Ich komme mit der Bahn hierher. – Ich habe kein Geld und kann keine Fahrkarte kaufen. Wenn sie mich erwischen, sollen sie mich ruhig ins Gefängnis stecken.« Sie lacht. »Wenn ich nicht hierherkäme, würden wir verhungern.« Sie atmet in einem Seufzer aus und dann, angesichts der Übermacht von allem, fängt sie an zu weinen. Wie schwer das alles ist. So unerwartet. Der feine Grat zwischen Unglück und Überleben mit kleinsten Mitteln. »Das Schlimmste ist, egal wem du es erzählst, niemand glaubt es dir wirklich.«
»Vielleicht finden wir durch die Idee, das Essen zu teilen, auch neue Wege in der ­Politik«. Demis (Name geändert), 45, ist ein kräftiger Mann, stämmig wie ein Boxer mit freundlichen, aber müden Augen. Wir haben uns in einem etwas besseren Café in Ampelokipi verabredet. Draußen regnet es erneut und drinnen läuft ein Fernseher mit Werbung für Pfandleiher, die Goldschmuck suchen. Gut gekleidete Frauen mittleren Alters halten sich an ihren Kaffeetassen fest und blicken prüfend durch den Raum. Demis begrüßt mich mit kräftigem Händedruck.
»Die ganze Diskussion über das Sparprogramm fing in dieser Gegend im Oktober 2011 an«, sagt er lächelnd. »Ein Vater beging Selbstmord, nachdem er sechs oder sieben Monate arbeitslos war. Er hatte drei Kinder.« Demis ist Grundschullehrer. Er möchte anonym bleiben, ist aber bereit, über die Bemühungen der Selbsthilfenetzwerke zu sprechen, die an den Athener Schulen gegründet wurden, nachdem es Berichte gab, dass Kinder in den Klassenzimmern vor Hunger ohnmächtig geworden waren. »Manche Kinder haben kein Geld, um in der Schule zu essen. Das geht so weit, dass es uns an die afrikanischen Kinder erinnert. Nicht so nah am Verhungern, aber …« Er verliert den Faden, als er merkt, welches Bild er heraufbeschwört von dem, was er täglich miterlebt. »Wir stellten fest, dass die Schlangen vor den Kiosken in den Schulen sehr kurz wurden … Dann bemerkten wir die Kleidung. – Manche Kinder trugen jeden Tag dieselben Sachen.« Demis und seine Kollegen gründeten in den Schulen ein Netzwerk, das Nahrung und Kleidung sammelte und weitergab. Vieles davon stammte von den Lehrern selbst. So entstand »Solidarität, die uns hilft, unsere Schulen davor zu bewahren, kaputtzugehen; um Mut zu machen und zu sagen: Kein griechisches Zuhause soll ohne Essen, Strom, Telefon, ohne die wesentlichen Dinge, auskommen müssen. Wir veranstalteten einen Flohmarkt, und die Leute brachten Essen und Kleidung mit. Es war wie in Argentinien (während der Wirtschaftskrise von 1999 bis 2002).« Mit diesen ersten Anstrengungen gelang es Lehrern und Eltern, die Grundbedürfnisse von 20 Familien abzudecken. Die Griechen sind stolz und so war klar, dass es sich nicht um Almosen handelte. »Wir nennen das ›­charistiko‹ – ein Geschenk – eine Gefälligkeit.«
Die Stadtverwaltung reagierte, so gut sie konnte. Derzeit gibt es etwa 260 Suppenküchen in Athener Schulen, 42 allein in seiner Gegend. Das offene schmutzige Geheimnis des griechischen Staates. Ich bemerke, dass eine Frau am Nebentisch unser Gespräch verfolgt, und drehe ihr den Rücken zu, um seine Worte besser abzuschirmen.
»Jeden Morgen um 11 Uhr wird das Essen sehr diskret gebracht, sodass die Kinder sich nicht schämen müssen … eigentlich sollten sich die schämen, die uns an diesen Punkt gebracht haben.« Taktgefühl ist ganz wichtig. »Die ärmeren Kinder gehen ins Lehrerzimmer und bekommen dort Tupper-Dosen (mit Essen) … wir kochen für sie: Pasta, Reis, Huhn, Suppen, Kartoffeln, Äpfel und so weiter, aber … nicht vor den anderen.«
Zwischen kleinen Schlucken griechischen Kaffees fährt Demis fort: »Die neuen Netzwerke haben sich aus politischen Gemeinschaften entwickelt … einige stammen direkt aus den linken Parteien, aber es sind deshalb noch lange keine rein politischen Aktionen. Wenn die Kirche etwas gibt, dann will sie auch etwas zurückbekommen … es stärkt die Macht der Kirche. Das ist vertikale Macht. Was wir machen, ist horizontale Macht. Für uns ist das alles Neuland, deshalb weiß ich nicht, wie das Netzwerk sich entwickeln wird. Ich bin mir aber sicher, dass die Leute sehr positiv darauf reagieren, und man spürt, dass sie gern Teil einer Gemeinschaft sind, die gibt und anbietet. Ich hoffe, dass diese symbolischen Akte, jemandem zu essen zu geben, uns wieder dahin zurückführen, wo wir vor 1990 waren und uns daran erinnern, wie wichtig Gastfreundschaft ist.«

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Im Taxi zurück ins Hotel erzählt Elena, meine Dolmetscherin, dass ihr die Frau, der ich den Rücken zugedreht hatte, das Herz ausschüttete, als ich aufgestanden war, um die Rechnung zu bezahlen. Sie habe, so Elena, vor wenigen Wochen ihre Stelle im öffentlichen Dienst nach 30 Jahren verloren, ihr Mann sei bereits im Rente. Als sie von Demis’ ruhiger Leidenschaft hörte, sei sie so stolz gewesen, dass jemand etwas tue. Die Frau erzählte, dass sie jeden Tag in das Café komme und sich für teures Geld einen einzigen Kaffee kaufe, an dem sie sich lange festhalte, nur um sich normal zu fühlen. Wie viele andere vielleicht. Danach, sagt Elena, fiel sie in sich zusammen. Ich schäme mich zum zweiten Mal.
Für Peter Michel Heilmann, den Mann der hinter EuroCharity steht, einem Netzwerk für nachhaltige Entwicklung, ist die Frau aus dem Café eine der neuen Armen. Heilmann, der auf jungenhafte Art gut aussieht, lebt seit über 20 Jahren in Griechenland und setzt sich mit grenzenloser Leidenschaft für sein Land ein. Er schildert, wie selbst Teile der unteren Mittelschicht unter den drastischen Steuererhöhungen und den Einschnitten im öffentlichen Bereich leiden. Er sieht sie auf die untere Ebene der Pyramide zurückfallen. »Diese Menschen könnten mit Freunden Kaffee trinken gehen, aber jetzt bleiben sie zu Hause.« Hier findet eine Verschiebung im Sozialverhalten statt. »Deshalb geht es den Geschäften, die Kuchen verkaufen, den Zacharoplastia, so gut. In jeder Straße gibt es vier oder fünf davon. Zum einen essen Menschen, die unter seelischem Druck stehen, gern Süßes, und zum anderen bringe ich, wenn ich jemanden besuche, nicht ein Kilo Reis mit (das man vielleicht gut gebrauchen könnte), ich bringe Kuchen mit. Die Kuchen sind eine Metapher für die Abschottung.« Heilmann sieht dieses Verhalten im Zusammenhang mit noch wesentlicheren Veränderungen, die Griechenland in den letzten Jahrzehnten durchgemacht hat. »Früher hatten die Menschen geringere Einkommen, aber plötzlich sagte man ihnen, sie könnten bis zu 75 Prozent des durchschnittlichen europäischen Einkommens verdienen und den Euro bekommen … Plötzlich wollten die Leute zwei, drei Autos haben und in jedem Zimmer einen Fernseher … Die Leute liehen sich Geld, weil die Zinsen niedrig waren … Sie fingen auf eine Art an zu spekulieren, die nicht gut gehen konnte … Was ich sagen will, ist, man erhöht das Einkommen, man erhöht die Lebensqualität, aber dann steigen die Preise. Wussten Sie, dass 1999 die Griechische Börse die beste Performance der Welt hatte? Dann (2000) brach sie zusammen.« Das Problem ist, so sieht es Heilmann, dass vor dem Boom die Löhne niedrig waren, aber die Gesellschaft noch funktionierte. »Aber dann fingen die Leute an zu sagen, ›Wozu das Land bestellen?‹.« Tragischerweise sah man inländische Waren und Produkte als minderwertig an. Dazu kamen geheime Absprachen und – vorsichtig ausgedrückt – unklare Geschäftspraktiken etwa im Transportwesen, was dazu führte, dass Privatpersonen und Unternehmen nur noch ungern investierten.
Obwohl Griechenlands Handelsdefizit 2011 um 28,2 Prozent gesunken ist (Elstat) ist das Land immer noch extrem abhängig von Importen bei Waren des täglichen Bedarfs wie Kleidung – und Nahrung. Verständlicherweise ärgert Heilmann sich darüber. Er meint, Griechenland hätte viele Möglichkeiten, sich selbst zu versorgen. »Wussten Sie, dass auf Kreta Bananen wachsen? Die kretischen sind klein, süß und köstlich – und es gibt ernsthafte Bemühungen, Griechenland und Zypern zu Erdölexporteuren zu machen.« Für ihn waren die Menschen sozialer, bevor Griechenland 1981 in die EU kam. »Je weniger Geld man hat, desto mehr achtet man auf andere Werte. Man konnte damals – und tat das auch – sein eigenes Brot backen und auf die Felder außerhalb der Stadt gehen und sein eigenes Chorta ernten. (Chorta Vrasta ist gekochtes Blattgemüse, ein Grundnahrungsmittel in jedem griechischen Haushalt.) Heute kauft man es für einen Euro im Supermarkt.«
Er will keineswegs eine Art Goldenes Zeitalter des Agrarstaats beschwören, der sich auf glückliche, staatlich behütete Bauern und den Tourismus stützt. Heilmann glaubt an den Markt, allerdings an einen mit Verantwortung. Heilmann kann eine Vielzahl von Organisationen benennen, die sich der ökonomischen Herausforderung stellen müssen, Griechenland zu ernähren, ohne dabei die gemeinsame Geschichte zu vergessen. Ein Unternehmen wie AB Vassilopoulos, die zweitgrößte Supermarktkette Griechenlands, hat eine eigene Food Bank gegründet, mit deren Hilfe sie große Mengen von Nahrungsmitteln an Bedürftige verteilt. Der Stavros Niarchos Fond (mit Sitz in New York) hat bisher 948 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, das meiste davon, um Menschen mit Essen zu versorgen. Das vielleicht interessanteste der neuen Projekte sind jedoch die sozialen Lebensmittelläden. Die Läden unterscheiden sich kaum von normalen Supermärkten, außer dass fast alle Waren direkt von griechischen Produzenten kommen. Jeder kann hier einkaufen und den vollen Preis bezahlen. Dann gibt es Kunden, die mit einem Nachweis über ein sehr niedriges Einkommen eine Zehn-Prozent-Rabattkarte bekommen. Darüber hinaus gibt das Unternehmen einen kompletten Wocheneinkauf an (derzeit 40) Familien ab, die sich in einer akuten ernsten Notlage befinden. Es ist zwar nur das Notwendigste, aber jedenfalls ist so das Überleben gesichert. Allein im Stadtteil Ilioupolis sind weitere 300 Familien auf der Warteliste. Die Stadtverwaltung hat die Räume kostenlos zur Verfügung gestellt, und es ist »eine Art des Zusammenhalts,« wie der Geschäftsführer Theodonis Kitsos, ein liebenswerter ehemaliger Kraftfahrer, mir erklärt. Die Menschen, die er unterstützt, waren »… Ladenbesitzer und Bankangestellte … Sie hatten ein anständiges Einkommen, 2000 bis 3000 Euro im Monat. – Aber jetzt sind sie seit ein oder zwei Jahren arbeitslos, bekommen keine Unterstützung mehr und haben überhaupt kein Einkommen. Sie können seit einem Jahr weder ihre Miete noch ihre Rechnungen bezahlen. Und hier können wir den Menschen direkt und unmittelbar helfen.«

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Für ihn zählt das Positive, so klein es auch sein mag, doch glaubt er andererseits, dass es 2012 erst noch schlimmer wird. »Jeder wird an der Tür des Nachbarn klopfen und helfen – ich glaube, die Leute werden enger zusammenrücken.« Er sieht darin die Tradition der griechischen Familienbande, desimo: »… Das ist ein Ritual – man wird da hineingeboren – so ist es hier – jeder Tag ist ein Feiertag – selbst bei einem Begräbnis kommt man zusammen und isst gemeinsam.« Während er die Arme ausbreitet, um zu unterstreichen, was er sagt, schlendert im Hintergrund eine typische schwarzgekleidete griechische Großmutter umher und erledigt ihren Wocheneinkauf.
Das Salatblatt, das man mir gegeben hat, ist göttlich – knackig und frisch, pfeff­rig, mit etwas Salz und Öl. Und Erde. Athanasios (der Unsterbliche auf Griechisch – ein ausgezeichneter Name für einen Gärtner) gibt mir die Frucht seiner Arbeit, die nur Augenblicke vorher aus der Erde gezogen wurde. Ich stehe mit ihm und einigen eleganten Damen auf einem Feld. Auf der einen Seite stehen hübsche Apartmenthäuser, heiter, weiß und in der Sonne strahlend. Ihre bunten Markisen leuchten als gelbe und rote Flecken. Vor uns ein Feld, halb kultiviert, mit einem Maschendrahtzaun und einem Tor, das man nicht verschließen kann. »Das«, sagt Anna, meine fröhliche Führerin, die sonst bei der U-Bahn arbeitet, »ist der Garten.«
Kate, eine Redakteurin, und die Architektin Natassa kommen dazu und stolz berichten sie, was sie alles anbauen: Salat (natürlich), Rote Bete, Zwiebeln, Bohnen und Spinat. Die Erde ist schwarz und reich. Das Gelände ist – ironischer geht es kaum – Teil des Außengeländes des ehemaligen US-Luftwaffenstützpunkts in Eliniko. »Wir haben das hier vor etwa einem Jahr angelegt, weil wir Nahrungsmittel anbauen wollten … Wir verkaufen sie nicht, wir verschenken sie.« Man muss mir mein Erstaunen ansehen, denn Kate unterbricht: »Das Tor ist nicht verschlossen … jeder aus der Nachbarschaft kann kommen und ernten … die Idee ist einfach, etwas anzupflanzen, damit es auch etwas zu essen gibt … Für uns ist das ein Experiment, wir sind keine Landwirte, wir sind Bürger.«
Ursprünglich hatte die Regierung der Stadtverwaltung das Areal als öffentlichen Raum zur Verfügung gestellt, aber vor einem Jahr kamen Gerüchte auf, das Land würde an eine Immobilienfirma verkauft. Anwohner kamen mit Schaufeln und Unmengen von Ideen und dem Wunsch, andere mit ihrem Plan anzustecken, eigenes Essen anzubauen. Es ist nicht das einzige Experiment, bei dem es um die Rückgewinnung öffentlichen Raums in Griechenland geht – in Exarchia gibt es verschiedene Volksparks, die von den Anwohnern übernommen wurden, um zu verhindern, dass die Stadtplaner sie als Parkplätze betonieren. Ähnliche Projekte gibt es in Petroupolis und Lios (Antonis Tritsis Park).
»Wir wollten Lebensmittel anbauen, um die Krise zu überleben«, sagt Natassa, aber bei dem Experiment geht es auch darum, den Bewohnern zu zeigen, was überhaupt möglich ist. »Griechenland muss generell wieder produzieren«, sagt sie. »Wir waren eine Gesellschaft, die nur noch konsumiert hat, aber unser Klima ist gut und wir haben landwirtschaftliche Wurzeln und darauf müssen uns wir wieder rückbesinnen und anfangen, anders zu denken und zu handeln.«
An dem Projekt, das von einem Stadtplaner, einem Agrarwissenschaftler und einem Gärtner ins Leben gerufen wurde, arbeiten etwa 15 bis 20 Gärtner regelmäßig mit, aber nicht alle von ihnen wohnen auch hier. Wie Natassa sagt, ist es »wichtig für uns zu wissen, wie wir selbst Lebensmittel produzieren können, weil wir nicht sicher sein können, in Zukunft noch ein Gehalt zu beziehen – die Leute bauen in Hinterhöfen und auf Balkonen an. – Wir sagen den Menschen, dass sie sehr gute Lebensmittel auf dem Balkon anbauen können.« Die drei Frauen schätzen, dass in der nahe gelegenen Wohnanlage »vielleicht« 50 Prozent der Bewohner dies jetzt schon tun. »Die Leute kommen mit ihren Familien hierher«, sagt Kate, »und eine Dame erzählte uns, dass ihre Kinder geglaubt hatten, die Pflanzen würden im Supermarkt wachsen. Mittlerweile wollen sogar Schulen mit den Kindern herkommen.«
Etwas später kommt Athanasios zu uns. Er hat mit Kindern gearbeitet und Äste und Zweige für ein Feuer gesammelt. Seine großen Hände sind trocken und rissig. Er ist der glücklichste Mann, den ich seit langer Zeit gesehen habe. »Wissen Sie, in Griechenland gibt es ein Sprichwort: Wer allein arbeitet, der bleibt auch allein … Wir wollen ja nicht reich werden, wir wollen glücklich sein, und um glücklich zu sein, muss man zusammen sein. Nur weil wir das wissen, sind wir nicht klüger als andere, aber wir lernen dabei, zu pflanzen und zu ernten.«
Er ist seit 20 Jahren Gärtner, hat aber vorher nie mit Gemüse gearbeitet. »Wie könnte ich mich bei einer Firma bewerben und ­erzählen, dass ich nichts von Gemüse verstehe? Jetzt lerne ich es.« Er macht eine Pause und sagt dann mit einem listigen Lächeln: »Ich könnte gutes Geld verdienen, glauben Sie mir, meine Frau sagt das auch …« Er gluckst. »In Wahrheit glaube ich an die einfachen Dinge: Wir haben das wunder­schöne Meer und die Sonne. Ich kann einfache Gerichte essen – ich lebe in einem Land der Möglichkeiten – hier ist das Paradies – wir haben es in der Hand.«

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Tina stößt zu uns. Sie ist Archäologin und, wie sie sagt, Optimistin. Dennoch glaubt sie wie viele andere hier nicht daran, dass die Stadtverwaltung die Gärten auf Dauer dulden wird. »Sie verkaufen das Land, um unsere Schulden zu bezahlen.« Dabei geht es natürlich nicht nur um die Frage, ob es verkauft wird, sondern auch darum, wie viel man dafür bekommt. »Das staatliche Unternehmen, das für die Wasserversorgung in Athen zuständig ist, soll für 80 Millionen Euro verkauft werden … das ist nichts …« Alle in der Gruppe nicken. Sie wissen, dass Land in Griechenland große Symbolkraft hat. »Unser Land hat viel durchgemacht«, sagt sie, »aber selbst die Junta hat nicht versucht, öffentliches Land zu verkaufen. Das ist Besatzung, das ist Krieg. Unsere Regierung hat einen Fond gegründet, in den aller öffentlicher Grundbesitz übertragen wird, und wenn er mal übertragen ist, kommt er nie zurück. Sie sprechen von Entwicklung, aber in einem Land ohne öffentlichen Grund ist keine Entwicklung mehr möglich … Wir sind der Widerstand.« Ich habe den Eindruck, ihre Stimme zittert ein wenig, aber vermutlich ist es nur der Wind.
Am Nachmittag herrscht in der städtischen Suppenküche ein wenig Karnevalsatmosphäre. Afrikaner, Kurden, Araber und Bangladeshis versammeln sich in kleine Gruppen und sprechen angeregt über ihre Sorgen. Wer kennt schon die entbehrungsreichen Wege, die sie nach Europa geführt haben, aber hier bekommen sie zu essen. Ein Häufchen angeschmuddelter Kinder tollt herum. Frauen mit Kopftüchern picknicken im Gras mit Brocken von griechischem Brot. Männer aller Hautfarben diskutieren über Politik und denken vielleicht an ihre Familien, die sie an noch schwierigeren, staubigen Orten zurückgelassen haben.

Rechteinhaber: Stuart Freedman, Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee
Es sind die Schuhe, an denen man die Armut erkennt

Natassa ist wiedergekommen und hat ihren Mann mitgebracht, der helfen soll, mehr Kartoffeln nach Hause zu bringen, in einem Einkaufskorb mit Rädern. Er wirkt müde und schicksalsergeben, sicherlich hatte er sich seine alten Tage anders vorgestellt. »Wir sind gute Leute«, sagt er. Die untergehende Sonne wirft lange, scharfe Schatten, die den Boden in Form des Geländers aufteilen, das um das Gebäude läuft. Arm in Arm, zwei alte Menschen, wie bei einem Spaziergang. Dann dreht sie sich um und ihr Gesicht hellt sich auf, mit etwas zwischen Stolz und Humor.
»Mag sein, dass ich eine Bettlerin bin«, sagt sie, »aber ich bin immer noch eine Dame.«
Sie ist, in diesem Moment, ganz Griechenland. 

Aus Effilee #21, Sommer 2012
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Eine Anmerkung zu “Griechenland und die Kunst, irgendwie klarzukommen

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