2009 Kieselberg Riesling GG

Riesling vom Weingut von Winning, Deidesheim (Pfalz)

 
Rechteinhaber: Andrea Thode, Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee

Das Wichtigste vorab: Dieser Wein, ein überwältigender Riesling für Burgunderfreaks, ist nicht für den Genuss sofort gemacht. Es ist ein Wein für Menschen mit Geduld und einem kühlen Keller, vor allem aber mit einem Drang zu großem Wein! Denn der 2009er Kieselberg Riesling des Weinguts von Winning in Deidesheim ist einer der tiefgründigsten, vielschichtigsten, kompaktesten, rassigsten, wundervollsten trockenen Rieslinge, die der Jahrgang 2009 hervorgebracht hat. Er ist ein wirklich großer, komplexer Wein, der etwas Ergreifendes hat, das einen emotional berührt und zugleich herausfordert, in neuen Dimensionen zu schmecken und zu denken.

Rechteinhaber: Andrea Thode, Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee
 

Verantwortlich dafür ist Stephan Att­mann, der Mitte November 2007 die Geschäftsführung des traditionsreichen, über allerbeste Lagen verfügenden Weinguts von Winning übernommen hat. Der 38-jährige Vater von zwei Söhnen ist ein Spätberufener – seine Winzerlehre machte er erst, als er sein Diplom als Betriebswirt längst in der Tasche hatte. Weil Attmann nicht nur ein Wein-, sondern auch ein Musik- und HiFi-Geek ist, der seine teuren Hobbys zu finanzieren hatte, jobbte er während des Studiums in einem Mannheimer Weingeschäft. An einige der damals getrunkenen, großen Weine erinnert sich Attmann noch genau. »Solche Weine will ich machen«, sagt er, »die solch ein inneres Gefüge haben, solch einen Charakter, die so langlebig sind.«

Um diese Weine zu begreifen, reiste Attmann über eine lange Zeit mehrmals jährlich ins Burgund, hin und wieder ins Elsass und an die Loire sowie mindestens einmal pro Jahr nach Bordeaux, um die aktuellen Jahrgänge zu verkosten. Er unterhielt sich mit berühmtesten Winzern, trank und kaufte, »immer in Demut!«, die rarsten und größten Weine der jeweiligen Appellationen, jobbte im Weinberg wie im Keller mal für, mal ohne Geld und sog im Laufe der Zeit ein theoretisches und praktisches Wissen auf, das dem der Betriebswirtschaftslehre mindestens ebenbürtig, seiner wahren Passion aber weitaus näher war. Obwohl er in Baden gelernt und an Saar und Nahe erste Verantwortung als Betriebsleiter übernommen hat, ist er eher von der französischen als von der deutschen Weinwelt geprägt. Entsprechend vielseitig ist sein Erfahrungsschatz, aus dem er die Präferenzen für seine eigene Arbeit als Winzer und die Stilistik seiner Weine ableitet.

Manches von dem, was Attmann auf dem Weingut von Winning umsetzt, ist für Deutschland ungewöhnlich, obwohl es in Burgund seit Urzeiten praktiziert wird. So setzt Attmann neben der angepeilten Dichtpflanzung von neuntausend Rebstöcken pro Hektar auf eine niedrige Stockerziehung, um den Extrakt- und Säurereichtum der Beeren zu fördern. Die Begrünung erschöpft sich für ihn aber nicht in grasgrünen Rebzeilen: Statt flach wurzelndem Gras hat er Roggen und Dutzende Wildkräuter zwischen die Zeilen gepflanzt, um den Boden aufzulockern, zu strukturieren und lebendig zu halten.

»Es kommt darauf an, den natürlichen Kreislauf zu fördern und nachhaltig zu arbeiten«, sagt er. Kupfer, Herbizide und Kunstdünger sind für ihn tabu, die präventive Stärkung der Abwehrkräfte der Reben steht im Vordergrund. Die trockenen Von-Winning-Rieslinge entstammen reifem, zu hundert Prozent gesundem, händisch gelesenem Gut aus Spitzenlagen, das angequetscht, aber nicht entrappt, mazeriert und anschließend größtenteils spontan und ohne Mostschönung oder -vorklärung in Holzfässern verschiedener Größen sowie in Edelstahltanks bei zwanzig und mehr Grad vergoren wird.

Die großen Gewächse bleiben, je nach Jahrgang und Lage, bis Ende Juni/?Anfang August auf der Voll­hefe, von wo sie kurz vor der Füllung nur mit Kieselgur filtriert werden, um die Aromen zu erhalten, die sonst in Schichten- oder Mikro-Kunststofffiltern hängen blieben. Doch wie kommt es, dass die Winning-Weine an weiße Burgunder erinnern, so grünlich, wie sie leuchten, so klar, fein und frisch, wie sie sind? »Weil wir bereits die Trauben schwefeln, so wie es auch bei Leflaive, Coche-Dury und beim Haut-Brion blanc gemacht wird«, sagt Attmann. »Damit steuerst du die Weinstilistik. Im Most oxidieren dir sonst während der Mazeration Sachen weg, und die kommen nie mehr wieder.«

»Mich interessiert kein Marketing, mich interessiert der Wein«, erklärt Attmann. »Mich interessiert das Potenzial einer Lage, die Alterungsfähigkeit des Weins und seine Komplexität. Deutsche Weine sind durchweg zu simpel im Vergleich zu großen Franzosen. Wir haben viel zu wenig Würze, zu wenig Aromen jenseits des Fruchtspektrums. Bei uns gibt es immer nur Frucht, Frucht, Frucht: Gummibärchen, Eisbonbon, Pfirsich – und dann ist’s rum. Man kann nicht mal mehr die Sorten auseinanderhalten, ganz zu schweigen von den Gebieten, in diesem Meer glatt gebügelter Weine, wo einer wie der andere schmeckt.« Über den 2009er Kieselberg Riesling kann man das wirklich nicht sagen. Ich habe ihn inzwischen mehrfach verkostet: als saufanimierenden Rohdiamanten vom Fass im Januar, als karamellverziertes, von salziger Rasse unterlegtes Marillenextrakt im Juni.

Im Juli ließ ich mir schließlich eine Flasche nach Hause senden, in eine laue Sommernacht. Ich habe ihn dann drei Nächte lang getrunken. Nicht, weil ich ihn plötzlich nicht mehr schätzte oder nach wenigen Schlucken die Besinnung verloren hätte. Vielmehr hat mich dieser pikante, saftige Nektarinen und reife Marillen bergende Wein von Neuem elektrisiert: Er ist nicht nur fruchtig und elegant, sondern auch tiefgründig und würzig, dazu äußerst kompakt und von geradezu aristokratischer Rasse. Ich kannte diesen Rausch bislang vor allem von ganz großen, ganz feinen Burgundern. Aber von Riesling?

  • Text: Stephan Reinhardt
  • Foto: Andrea Thode
Aus Effilee #12, Sep/Okt 2010
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