Drei Töpfe: Reis – Chile

Tania Vásquez, 30, Chile, kocht Arroz Primavera

 
Rechteinhaber: Andrea Thode, Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee
Chile, Rechteinhaber: Andrea Thode, Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee
Tania Vásquez, 30, Chile, kocht Arroz Primavera

Tania Vásquez und ihr lebhafter zweijähriger Sohn Camillo empfangen uns an der Wohnungstür. Auch Tanias Eltern, Myrna und Pedro, sind heute zu Besuch. Erstens weil es nette Menschen sind und zweitens weil irgendjemand versuchen muss Camillo zu bändigen, während Tania und wir in der Küche beschäftigt sind.
Einige Zwiebeln hat Tania schon in Essig, Wasser und Gewürzen ziehen lassen. Sie liegen jetzt in der Auflaufform in ihrer Marinade. Wir wärmen uns in der Küche auf. Tania macht ihr Fachabitur und überlegt, sich anschließend in Richtung Sozialpädagogik und Kindererziehung zu orientieren. »Aber andererseits ist Camillo auch ein Vollzeitjob.« Die Küche ist auffallend aufgeräumt. »Ich koche das Gericht so, wie es auch in Chile gemacht wird. Ich verwende nur zusätzlich noch Mandelmehl.«
Tania kam mit ihren Eltern nach Deutschland. Sie haben das Land damals wegen Pinochet verlassen. »Meine Eltern waren eigentlich nicht politisch aktiv, wurden aber trotzdem verfolgt. Meiner Großmutter wurde vorgeworfen, Flugblätter herzustellen. Die war Analphabetin.« Chile war ja auch ein beliebtes Zuwanderungsland für Deutsche nach dem Krieg. »Ja, viele alte Nazis sind nach Chile gekommen. Es gab ja auch die berüchtigte ›Colonia Dignidad‹ von Paul Schäfer. Das war wie eine Nazi-Sekte. Schäfer wurde später verhaftet, weil er die Kinder in der Colonia missbraucht hat.« Tania hackt Zwiebeln. »Aber nicht jeder Chilene mit deutschem Namen ist ein Nachfahre von Nazis. Auch im 19. Jahrhundert kamen viele Deutsche nach Südamerika.« Sie gibt die Zwiebeln in einen Mixer. »Eigentlich werden die nicht ganz so klein gehackt, aber ich mag Zwiebelstückchen nicht so gerne. Chilenen schneiden die Zwiebeln zwar klein, aber nicht klein genug. Für mich.«
Sie schneidet eine Paprika und reibt Mohrrüben. »Chile ist ein großes Land, es erstreckt sich ja fast entlang der ganzen Westküste von Südamerika.« Tania presst eine Zitrone und ein paar Orangen. »Die Oster­inseln gehören auch zu Chile. Aber der Flug von Chile zu den Inseln ist noch mal so teuer, wie der Flug von Deutschland nach San­tiago.« Sie gießt den Zitrussaft zu den Zwiebeln, legt fünf Fischfilets und geviertelte Tomaten hinein und gießt Wasser an, bis alles bedeckt ist.
»Wie alle Südamerikaner sind wir große Fleischesser. Einen vegetarischen Mann zu finden, würde sehr schwierig werden.« Sie schiebt den Fisch in den Ofen, wo er bei 150 Grad zieht. »Normalerweise bereite ich das Gemüse für einen Monat vor und frier das dann ein.« Aus dem Wohnzimmer hören wir Camillo, der lautstark spielt. »Als Pinochet weg war, sind wir zurück nach Chile gegangen. Wir hatten neun Jahre lang einen Bauernhof mit unserem eigenen Geflügel. Meine Eltern wollten eigentlich dableiben. Aber ich wollte zurück nach Deutschland.«
Tania schüttet den Inhalt einer Tüte in einen Topf. »Ich hab keine Mandeln mehr, deshalb habe ich Haselnüsse genommen.« Tania brät das Gemüse an und würzt es. »Kreuzkümmel und Oregano sind typisch. Thymian ist ein Gewürz, das ich erst hier so richtig entdeckt habe.« Tania schüttet den Reis zu dem Gemüse, rührt ihn unter und gießt Wasser an. »Das Wasser soll etwa einen kleinen Fingerbreit über dem Reis stehen. Und dann wird’s auf kleiner Flamme gekocht.«
Tania wischt die Arbeitsfläche und wäscht die benutzten Werkzeuge ab. »Ich habe jetzt auch nicht im Kopf, wie lange der Fisch braucht.« Sie legt die Messer zurück und zuckt mit den Schultern. »Bis er fertig ist.« Tania hat noch ein paar Verwandte in Chile und fährt auch ab und zu hin. »Aber ich habe auch Verwandte in Schweden und den USA. Die Familie ist recht gut verteilt. Mein Vater hat 13 Geschwister. Das ist schön, man trifft sich.« Sie probiert von dem Reis. »Das Wasser ist schon gut eingezogen. Aber es fehlt noch etwas Gewürz.« Tania schafft Abhilfe und stellt die Ofentemperatur auf Anschlag. »Ich mach zum Schluss noch mal volle Pulle.« Der Fisch ist fertig, die Dame des Hauses füllt allen großzügige Portionen auf und wir helfen, das Zubehör ins Wohnzimmer zu tragen. Camillo sitzt am einen Ende der Tafel, zwischen Mutter und Großmutter, am anderen Ende nimmt Tanias Vater Platz. Er erzählt von Chile, den Zuständen damals und den Zuständen heute. Auch für ihn hat sich so viel geändert, dass er sich dort nicht mehr richtig zu Hause fühlen kann. Das Land in dem er zu Hause war gibt es nicht mehr. »­Pinochet hat das Land tyrannisiert und ausgeraubt. Wie wollen sie das wieder aufbauen?«, fragt er. Und beim besten Willen, ich kann es mir nicht vorstellen. Aber einen guten Appetit hat er. Zu Recht. Der leicht vom Essig durchzogene Fisch ist eine feine, ungewöhnlich sommerliche Sache und der Gemüsereis bildet eine schöne, runde Erdung. Zwischen dem alten Chef und dem jungen Chef sitzend unterhalten wir uns über Politik und Wirtschaft, während die Damen lächelnd dasitzen. Vermutlich lächeln die Damen so, weil sie wissen, wer hier wirklich Chef ist.

Aus Effilee #20, Frühling 2012
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