Deutschstunde: Rote Grütze mit Schlagsahne

Rote Grütze ist keine dicklich-rote Zuckersauce mit fahlen Fruchtfetzen darin. Rote Grütze muss glibbern und die Süße ist nur ein Aspekt – eine leichte Säure und eine feine herbe Note sind genauso wichtig.

Meine Oma Ruth war eine zarte Person, sehr dünn und klein und von jener Zerbrechlichkeit, die man auf den ersten Blick auch der Porzellanfigurensammlung in ihrem Schlafzimmer unterstellte. Sie liebte diese handbemalten Porzellantiere, Rehe, die mit dunklen, treuen Augen auf dem Fenstersims ästen, schlanke Eichhörnchen, balgende Windhunde und einen Meisenvogel, der sein blaugelbes Gefieder schlug, als wolle er wegfliegen, hinaus in den norddeutschen Sommer, an den ich mich erinnere: Die Tage am Strand der Flensburger Förde, Quallen-Weitwurf und einen Sonnenbrand, den man zuerst nicht bemerkte, denn der Wind ging stetig. Durch einen Wald von Fichten und Kiefern liefen wir spätnachmittags schlotternd zurück. Das Haus der Großeltern, ein Flachbungalow aus den Fünfzigerjahren, stand auf einer Wiese am Waldesrand. Schöne Aussicht lautete die Adresse, und manchmal kam es vor, dass morgens Rehe aus dem Wald traten, die Köpfe hoben und zum Haus hin­übersahen, als suchten sie den Blick ihrer Porzellankollegen hinter dem Schlafzimmerfenster meiner Großmutter.

Nicht mal den Weg durch den Wald zum Strand habe ich wiedergefunden. Aber das Rezept habe ich noch.

Sie schliefen auch getrennt, meine zarte, leise Oma und der große, laute Großvater, der mühelos alles Gespräch bei Tisch dominierte, ein Seemann, ein Ingenieur, der für seine Zuhörer gerne die Bilder seines Lebens in extrabreiten Pinselstrichen in die Luft malte, meinungsstark. Großmutter fiel dann noch weniger auf, sie schien zu verschwinden in der kleinen Küche, nur das Klappern der Pfannen und Töpfe verriet Geschäftigkeit. Oma war eine fleißige Köchin und ich weiß heute auch warum. Es ist schön, alleine und für sich in der Küche zu werkeln, fern vom Lärm der Welt. Im Sommer zog schon morgens ein süßer Duft durchs Haus, wenn Großmutter die rote Grütze anrührte, rode Grütt, darin alle Beeren des Gartens. Wir Kinder konnten es kaum erwarten, bis die fruchtige Grütze abgekühlt war, handwarm löffelten wir schon zum Frühstück ein erstes Tellerchen. Sonntags gab es Schlagsahne dazu, die Großmutter nur ganz leicht und von Hand anschlug, eine rahmige Sauce. Unter der Woche badete die Grütze glitzernd in kalter Milch, auch das schmeckte ungeheuerlich gut und hatte so gar nichts mit jener industriell hergestellten roten Grütze zu tun. Die gleichnamige Pampe wartet unter irreführendem Namen in den Kühlregalen unserer Supermärkte auf Verbraucher, die es nicht besser wissen.

Rote Grütze ist keine dicklich-rote Zuckersauce mit fahlen Fruchtfetzen darin. Rote Grütze muss glibbern und die Süße ist nur ein Aspekt – eine leichte Säure und eine feine herbe Note sind genauso wichtig.Hinein darf, was die Saison hergibt an Johannisbeeren, Himbeeren, Sauerkirschen, Brombeeren. Mittlerweile dürfen auch Blaubeeren und Erdbeeren hinein, da hätte Oma Ruth sich noch gewundert, ihr Geheimnis aber war eine Mischung aus Kirsch- und Fliederbeersaft. Letzterer schafft diese spannende Herbe, die aus einer roten Grütze eine original norddeutsche rode Grütt macht. Denn der Holunderbeersaft stammt aus einer Zeit, als die Barmänner aus der nahen Stadt noch nicht in Horden durchs Gebüsch stolperten, um die Blüten für den hausgemachten Holunderblütenlikör zu mopsen, der heute das Modegetränk Hugo aromatisiert. Nein, früher wartete man, bis die Sommersonne die duftenden Blüten in schwarze Beeren verwandelt hatte. In der stillgelegten Sauna der Großeltern sammelten sich die Flaschen mit dem herben, schwarzen Saft. Oma Ruth hat sich, vor langer Zeit schon, still und leise verabschiedet und auch ihr geliebter Seemann ist ihr gefolgt. Die Schöne Aussicht ist ein Neubaugebiet heute, mit Carport, Kinderwagen und roter Grütze in Plastikbechern (gelbe Tonne!). Nicht mal den Weg durch den Wald zum Strand habe ich wiedergefunden. Aber das Rezept habe ich noch. Wenigstens das Rezept habe ich noch. 


Rote Grütze mit Schlagsahne

für 4 Personen
  • 200 g Himbeeren
  • 125 g Brombeeren
  • 125 g Blaubeeren
  • 500 g Erdbeeren
  • 1 Vanilleschote
  • 350 ml Kirschsaft
  • 150 ml Holunderbeersaft (ungesüßt)
  • 80 g Zucker
  • 50 g Speisestärke
  • Saft von 1 Zitrone
  • 250 ml Schlagsahne
  • 1 Pckg. Vanillezucker
Zubereitungszeit: 20 Minuten
  • 1. Die Beeren abbrausen, Erdbeeren vom Strunk befreien und je nach Größe halbieren oder vierteln.
  • 2. Die Vanilleschote halbieren. Den Kirschsaft und den Holundersaft mit der Vanilleschote und dem Zucker ­aufkochen. Speisestärke mit Zitronensaft und 1 Esslöffel kaltem Wasser glattrühren, unterrühren und aufkochen.
  • 3. Die geputzten Beeren zugeben und nochmals aufkochen. Das Ganze in eine Schüssel umfüllen und unter gelegent­lichem Rühren abkühlen lassen. Die Vanilleschote entfernen.
  • 4. Sahne mit Vanillezucker dicklich ­cremig aufschlagen und zur Grütze servieren.

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