Der Palast der Affen und Erinnerungen

Alle Revolutionen, so sagt man, beginnen in Kaffeehäusern. Das gilt auch für Indien. Im Indian Coffee House in Neu-Delhi entstanden die Ideen, die das Land modernisierten. Doch nun wird das Café selber vom modernen Indien abgehängt

Am Fenster hockt ein Affe. Gemächlich hopst er die niedrige Mauer entlang und wirft einen Blick durch die dreckigen Fenster auf ein knappes Dutzend alte Männer, die sich aufgeregt an schmutzigen Tischen unterhalten. Unbeeindruckt kratzt sich der Affe den Rücken, lässt sich lässig auf die Terrasse plumpsen, schlendert über den gefliesten Boden und verschwindet. Hoch oben gleiten Adler entspannt durch die diesige, verschmutzte Luft. All das im Zentrum von Neu-Delhi am späten Nachmittag. Drei Stockwerke tiefer herrscht auf der Straße das normale Chaos.

Foto: Stuart Freedman
Eine Idylle mitten in der Innenstadt von Neu-Dehli: Die Terrasse des Indian Coffee House

Unten stolpern fast 14 Millionen Menschen übereinander, kämpfen um Platz, um Luft, um eine Pause in dem unablässigen Lärm einer Stadt, die sich wieder einmal häutet, damit ihre verrußte Hülle einem neuen Selbst weichen kann. Oben steht das Indian Coffee House, ein Überlebender aus vergangenen Zeiten. Schwarzweiß in Zeiten von 3-D. Ein Palast aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts, heruntergekommen, aber immer noch da.

Ich komme immer wieder hierher, seit ich vor 15 Jahren zum ersten Mal in Neu-Delhi war. Für mich war das Indian Coffee House ein Ort der Ano­nymität. Ich kam zwischen Terminen her, mied unsicher die Stammgäste, beobachtete kritisch, wie wässrig der Kaffee und wie lauwarm das Essen war. Das Coffee House wurde für mich zu einem Echo des gemütlichen Miefs englischer Cafés, dieser schmierigen Resopal-Pavillons der Nachkriegszeit. Regen, Zigarettenqualm und beschlagene Fenster. Ein anonymer Ort in einer Stadt, von dem aus du die Welt betrachten kannst.

Es heißt, Kaffee sei erstmals in den Kleidern von Baba Budan nach Indien geschmuggelt worden, einem Hadsch-Pilger, der ganze sieben Bohnen über Jemen nach Karnataka brachte. Der Kaffee fand Anklang. David Burton schreibt in seinem kulinarischen Geschichtsbuch The Raj at the Table: »Indiens erstes Kaffeehaus wurde nach der Schlacht bei Plassey 1780 in Kalkutta eröffnet. Im Jahr 1792 folgte die ›Exchange Coffee Tavern at the Muslim‹ beim Fort am Hafen von Madras. Dessen Betreiber verkündete, er werde sein Kaffeehaus nach dem Vorbild von Lloyd’s in London betreiben, er werde Verzeichnisse der ein- und auslaufenden Schiffe führen, sowie für seine Gäste indische und europäische Zeitungen bereitlegen. Andere Häuser boten kostenlos Billard und glichen die Kosten über den hohen Preis von einer Rupie für ein einfaches Kaffeegedeck aus.«

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Kaffee gehörte im Süden Indiens bald zur Lebensart. Mit Beginn des 20. Jahrhunderts beschlossen die Briten, den einheimischen Markt auszuweiten, um den internationalen Kaffeepreis zu stützen. Einfach war das nicht, denn Nordindien war bis dahin das Reich der Teetrinker. 1942 hatten die Raj das Indian Coffee Expansion Board als Freund, philosophische Stütze und Berater der Kaffeebauern gegründet und im ganzen Land Kaffeebuden eröffnet, die heißen Kaffee, Kaffeepulver und English Snacks feilboten.

In Delhi bekamen auch amerikanische Soldaten, die auf ihre Verlegung an die birmanische Front warteten, eine Kostprobe der modernen Vergnügungen in der von Edwin Lutyens entworfenen Stadt. Sie gingen mit ihren wohlhabenden indischen Gastgebern ins Kino, genossen Speiseeis im Kwality, benutzten die Jukebox in der United Milk Bar, besuchten ein deutsches Varieté im Nirula und gingen mit ihren anglo-indischen Geliebten tanzen.

Die von den Briten initiierte Kaffeehauskette wurde zum Treffpunkt der Unabhängigkeitsverfechter. Nicht nur die materielle, auch die kulturelle Landschaft änderte sich. Bhaswati Bhattacharya, Fellow der Fritz Thyssen Stiftung am Centre for Modern Indian Studies an der Georg-August-Universität in Göttingen sagt: »Die Kaffeehäuser führten in Indien zum Entstehen einer bürgerlichen Öffentlich­keit, wie sie mit der Entwicklung einer modernen Gesellschaft einhergeht, durchaus ähnlich den Entwicklungen im Europa des 18. Jahrhunderts.« Die britischen Kaffeehäuser waren ein soziales Schmiermittel – Orte, an denen sich Ideen entwickelten.

Nach der Unabhängigkeit und der blutigen Teilung der britischen Kolonie in Indien und Pakistan 1947 veränderte sich Delhi durch die geschäftstüchtigen Flüchtlinge aus dem Punjab. 1957 öffnete auf der breiten Allee Janpath die erste Filiale der In­dian-Coffee-House-Kette ihre Pforten für die Intellektuellen der Stadt. Der damalige Chefreporter der Times Girilal Jain, der junge Kritiker und Fotograf Richard Bartholomew, der spätere Premierminister I. K. Gujral – sie alle trafen sich hier mit Freunden und Anhängern. Jatinder Sethi, der damals Student war, erinnert sich: »Beim Öffnen der Flügeltür siehst du schon, dass es voll ist und ziemlich laut, eine Kakophonie von Stimmen, denn alle reden auf einmal. Die Halle ist groß und lang und geht bis zum Kücheneingang, von dem aus eine Wendeltreppe hinauf zum Balkon führt, den die Stammgäste eher meiden …«

Auf den Straßen war wenig Verkehr, die Kinder spielten dort noch Cricket, Geeta Bali und Shammi Kapoor verzückten das Kinopublikum mit dem Film Coffee House (1957). Im folgenden Jahr spielte Dave Brubeck an der Universität, wo sich ein weiteres Indian Coffee House befand, auch Che Guevara kam in die Stadt. In Europa und den USA fand die Jugend an ähnlichen Orten ihre Stimme.

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Foto: Stuart Freedman
Der Oberkellner Gopal Singh arbeitet seit 1981 im Coffee House in Neu Dehli

Die runden Kaffeeringe auf dem ausgeblichenen Plastiktisch wirken wie ein alter Stadtplan, gezeichnet zwischen einer Ära Delhis und der nächsten. Der Kellner Gopal Singh, der seit 1981 hier arbeitet, wischt sie mit einem schmuddeligen Lappen weg. Singh, ein großer Mann mit einem quadratischen Kopf, gekrönt von einem eindruckvoll gestärkten Turban, nimmt wortlos die Bestellung entgegen und verschwindet rasch. Auf einem Stahltablett, das auf seiner Handfläche ruht, stehen eine Handvoll leerer, angeschlagener Kaffeetassen. Über ihm dreht sich müde ein Ventilator, der tickend und klackend tapfer gegen die Hitze und den Staub von Delhi anarbeitet.

Foto: Stuart Freedman
Das ist nicht das neue, schicke Indien

Das Indian Coffee House in Delhi hat drei Bereiche: einen Raum mit Fenstern an drei Seiten, der den alten, männlichen Stammgästen vorbehalten ist, die an beweglichen Tischen sitzen und zwischen verschiedenen Gesprächen hin- und herrutschen wie Dominosteine. Eine Abteilung für Frauen und Familien, bestehend aus einem guten Dutzend dunkler Nischen um einen Mittelgang, auf dem ein Kellner patrouilliert, der Manager an einem Ende jede Bestellung notiert und am anderen Ende ein Senior-Kellner die dampfende, fauchende Espressomaschine bedient. Und dann gibt es noch, ungewöhnlich für Delhi, die etwa 50 Quadratmeter große, L-förmige Terrasse, die auf der einen Seite von einer hektischen Straße flankiert ist, auf der anderen Seite von riesigen, alten, staubigen Bäumen.

Die Frauen- und Familienabteilung ist heute zur Hälfte besetzt. Die Nischen aus dunklem Holz sind ramponiert, die Kunstlederpolster aufgeplatzt, wie Eingeweide stechen Metallfedern hervor. Reparaturen mit Klebeband haben zu nichts geführt. Die völlig durchgesessenen Sitze tragen die Abdrücke von einer Million korpulenter Hintern. Zwei Tische weiter sitzt ein älterer Mann, sein hennagefärbtes Haar ist mit Pomade gebändigt. Er beugt sich zu seiner jüngeren, weiblichen Begleitung hinüber und flüstert ihr etwas zu. Sie dreht sich um und lächelt. Im Profil sieht man ihr schweres, müdes, pockennarbiges Gesicht. Er lehnt sich siegreich zurück. Seine Frau? Seine Geliebte?

Gegenüber sitzt ein älteres Paar und schaut sich schweigend an. Sie trägt einen hübschen Sari, er Hemd und Hose. Sie haben Enkel, und sie kommen seit Jahren her. Derselbe Tisch, dieselben Idli und Vada. Die gleiche Zeit. Eine Höflichkeit. Eine Correctness. Beinahe British. Das sind die normalen Delhi­aner: Nicht die Neureichen mit ihren schicken, schnittigen Autos und ihrem unerträglichen jetzt-komm-ich India Shining-Gehabe. Nicht die Armen, die hier systematisch aus der Geschichte getilgt werden. Nein, das ist die untere Mittelschicht, die am Anstand festhält in einer Stadt, die nicht mehr anständig ist.

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Vor zwei Jahren ertranken die indischen Medien in Geschichten über das Indian Coffee House. Es sollte seine Pforten schließen. Doch nach einem Jahrzehnt unvorstellbaren Wachstums merkte Delhi plötzlich, was es an seinem letzten, verblühten, muffigen Coffee House hatte. Fernsehteams wurden auf die Dachterrasse entsandt, um irritierte Gäste zu fragen, wie das Coffee House Mietschulden in Höhe von umgerechet 36 000 Euro anhäufen konnte. Wo würden sie jetzt hingehen? Doch die Zwangsvollstreckung wurde ausgesetzt, es geht weiter.

G. V. G. Krishnamurthy begrüßt mich herzlich in seiner Wohnung in Gaziabad, 30 Kilometer von Delhi entfernt. Ein kleiner, korrekter Mann. In einem winzigen, weiß gestrichenen Büro voller Bücher klingelt er und ein junger Diener bringt mir einen Kaffee. Von draußen beobachtet uns ein nervöser, bewaffneter Polizist durch die absichtlich offen gelassene Tür. Krish­namurthy (77) war früher Vorsitzender der Wahlkommission Indiens. Er genießt eine breite Anerkennung als gerechter Mann in einem Meer korrupter und verschlagener Politiker. Er lehnt sich zurück. Er hat das genaue Gedächtnis eines Anwalts: »Das Coffee House gab es schon, als ich 1962 nach Delhi kam, um als Rechtsanwalt zu arbeiten. Wir hatten in Hyderabad davon gehört, gingen dorthin und hörten all diesen Leuten zu – Politikern, Schauspielern. Es war sehr lehrreich. Delhi war nach der Unabhängigkeit ein Ort der kulturellen Zusammenkunft, Menschen aus ganz Indien kamen zum ersten Mal hierher. Jeder Inder war anders, alle zusammen waren wie ein Kranz aus unterschiedlichen Blumen. Es war aufregend, bei der Geburt dieses neuen Landes dabei zu sein.«

Eines Morgens im Jahr 1964 merkte der Journalist Rajinder Kapoor, als er im Janpath Coffee House seine Rechnung begleichen wollte, dass man 10  Paisa mehr als sonst verlangte. Empört über die unangekündigte Preiserhöhung weigerte er sich zu zahlen und organisierte, angefeuert durch andere Gäste, sofort einen Boykott. Die Stammgäste ließen von einem Händler eine Bude auf dem Gehweg errichten, an der Kaffee zum Preis von 25 Paisa verkauft wurde – die Kampagne kam ins Rollen. Krishnamurthy wurde zum Gründungsmitglied der wiederbelebten Genossenschaft des Price Resistance Movement. Die Genossenschaft der Indischen Kaffeebauern, die ein Jahrzehnt zuvor im Süden von dem kommunistischen Führer A. K. Gopalan und der Kommunistischen Partei Indiens gegründet worden war, erklärte sich bereit, das neue Unternehmen zu leiten. Die Bewegung löste in Delhi spontane Proteste wegen Preiserhöhungen anderer Lebensmittel aus.

Dank der Intervention des Ministers für Wohnen und Versorgung Meher Chand Khanna konnte das Coffee House in eine stabilere Hütte im Central Park auf dem Connaught Place vor dem Theatre Communications Building umziehen. Mitglieder zahlten 1 Rupie Beitrittsgebühr, zu ihnen zählten unter anderem der Premierminister Lal Bahadur Shastri und die damalige Informations- und Rundfunkministerin Indira Gandhi.

Für M. K. Raina, heute einer der bekanntesten Theaterschauspieler und Regisseure, war das Coffee House ein »Knotenpunkt, ein Ort, an dem Ideen reifen und politisch umgesetzt werden konnten – wie eine Küche voller Ideen, die nur darauf warteten, gekocht zu werden«. Er hatte 1971 die National Drama School absolviert – während des Krieges in Bangladesch. »Wir improvisierten Anti-Kriegs-Stücke auf dem Connaught Place, und das Coffee House war unsere Basis. Auch Baul-Sänger traten auf, die auf ihrem Weg aus Bengalen hier festsaßen. Ich erinnere mich noch, wie ein sehr berühmter Urdu-Dichter sich auf der Wiese erhob und sagte: ›Unterstützt diese Kinder.‹ Von da an waren wir zu allem bereit.«

Wir sitzen vor dem Saal des Habitat Centre, wo bald ein neues Stück von Raina anlaufen wird. Die Vögel zwitschern. Raina schließt die Augen und lächelt bei der Erinnerung an sein jüngeres Ich. »Das Indian Coffee House war ein interkultureller Ort, hier konnte man Menschen von überall treffen. Ich habe gehört, dass das in Pariser Cafés auch so war – mit Sartre und Camus. Das hier war tatsächlich unsere Version davon.« Es waren wohl die radikalsten Jahre des Coffee House.

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Der Notstand von 1975, der die demokratischen Rechte einschränkte, bedeutete das Ende der kulturellen Oase. Ein Jahr später walzten Bulldozer das Coffee House nieder. Raina zufolge war das eine Zeit der Lähmung. Die Regierung wollte von ihm Stücke, die die Notstands-Verordnung verteidigten – er floh. Der Aktivist und Journalist Ram Shastri, der seit 1972 mit dem Coffee House verbunden war, sagte: »Es ging nicht um Kaffee. Es war ein Zuhause jenseits von zu Hause. Wir saßen dort, bis die Lichter ausgingen.«

Der öffentliche Druck sorgte dafür, dass das Coffee House an seinem jetzigen Ort auferstand: am Mohan Singh Place über einem hässlichen Einkaufszentrum neben einem Kino, das einst Filme zeigte, die in den Achtzigern als indische Pornos galten. Doch etwas schien verloren gegangen zu sein. Als die Gäste wiederkamen, war es nicht mehr wie vorher. Der Kalte Krieg ging seinem Ende zu und Indien öffnete sich dem Weltmarkt. Raina meint: »Wir waren die Wachhunde, doch wir haben gedöst, unsere Generation, die der Sechziger- und Siebzigerjahre, hat versagt. Indien ist jetzt in den Händen Amerikas und der Konzerne …«

»Aber das macht nichts. Inder bewegen sich wie Wasser, wir finden unseren Weg.« Malvika Singh, die legendäre Eigentümerin und Herausgeberin des Magazins Seminar, hält dagegen. Wir sitzen in ihrem geschmackvollen Büro am Connaught Place. Sie ist perfekt vernetzt, die Familie ihres Mannes hat seit der Unabhängigkeit einen Großteil von Delhi aufgebaut.

»Wir sind eine Kultur, die zusammenfindet. Wir sitzen nicht und schauen zu – wir lassen uns aufeinander ein. Das Coffee House, egal wo es steht, ist und bleibt ein Adda [ein bengalischer Versammlungsort, an dem verhandelt und diskutiert wird]. Wir sind ein sehr geselliges Volk. Die meisten indischen Männer sitzen herum, reden und rauchen. Ich glaube, das liegt daran, dass wir eine große mündliche Tradition haben. Ja, im Coffee House sitzen vor allem alte Männer – aber wo sollen die sonst hin?«

»Wir gehen nicht gerne in die neuen Coffeeshops«, sagt Mr. Kohli, seit 30 Jahren Stammgast im Indian Coffee House. »Wenn ich ins Coffee House komme, fühle ich mich zu Hause. Es ist so gemütlich und die Menschen sind so nett. Hier zu sein gibt mir viel Kraft. Es tut der Seele gut.« »Bei McDonald’s kriegst du das nicht«, ergänzt Baldev Kumar, ein pensionierter Arzt, eingefleischter Junggeselle und Raucher. »Ich habe im Coffee House viele Freunde kennengelernt, Polizisten im Ruhestand, Ingenieure. Ich bin von 14.30 bis 19.30 Uhr hier, jeden Tag. Wir reden in unserem Kreis über alles Mögliche. Literatur ist mein Steckenpferd. Von den Franzosen habe ich Camus gelesen und Sartre, Hermann Hesse mag ich sehr und die Russen, Dostojewski, Gorki, und Somerset Maugham …«

Bis auf den letzten Mann murren sie über die Preise, die kaputten Möbel, den schwachen Kaffee, und haben sich doch mit aller Kraft dafür starkgemacht, dass das Coffee House bleibt. Als die Schulden bekannt wurden, sagte Oberkellner Gopal Singh der Times of India: »Wenn das Café schließt, landen unsere Familien auf der Straße. Falls es stimmt, dass seit Jahren die Miete nicht bezahlt wurde, sind wir bereit, 50 Prozent unserer Löhne zu geben, wenn das etwas nützt.« Die Coffee-House-Gemeinschaft war wachgerüttelt. Man bildete eine Kommission, schrieb an alle, die einem einfielen, warb um die Unterstützung von traurig dreinschauenden Politikern – und erreichte einen Aufschub. Vorerst.

Die Cafélandschaft Indiens hat sich völlig verändert. Kaffee gilt heute als das Getränk der Aufsteiger und jungen Leute. Er ist ein kommerzielles Kampfgebiet. Laut Statistik des Indian Coffee Board wird für 2011 in Indien ein Kaffeeverbrauch von 10 000 Tonnen erwartet, beinahe doppelt so viel wie vor zehn Jahren. Starbucks hat gerade einen Kooperationsvertrag mit dem indischen Konzern Tata unterschrieben. Die größte einheimische Kette Coffee Day betreibt fast 1100 Cafés. Barista, das dem italienischen Unternehmen Lavazza gehört, ist ebenfalls dabei.

Im vergangenen Jahr erklärte Baristas Marketingchef Vishal Kapoor: »Das klassische Kaffeehaus gehört einer untergehenden Epoche an.« Im konservativen Süden ist das Indian Coffee House immer noch enorm erfolgreich, angeblich ist es der weltweit größte genossenschaftlich organisierte Arbeitgeber. Allein in Kerala gibt es 51 Filialen. Doch die Politik, der Geschmack und die Entwicklung im Norden, vor allem in der Hauptstadt, haben einen anderen Weg eingeschlagen.

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Foto: Stuart Freedman
Vivek arbeitet in der Küche

Die Speisekarte des Indian Coffee House liest sich wie ein Curryrezept: ein multikulturelles Durcheinander von Gewürzen und Schreibfehlern. Ungewöhnlich im von der Punjabi-Küche geprägten Norden, wo Fleisch gegessen und viel Ghee, Butterfett, verwendet wird: Hier stand stets südindisches Essen auf der Speisekarte. Dosas, hauchdünne, knusprige Pfannkuchen mit scharfer Füllung, werden frisch auf einer glühend heißen, eingeölten Platte gebraten – Pratap Singh wirbelt die Teigscheiben so flink durch die Luft, dass seine Hände kaum zu sehen sind, seine einst weiße Kleidung ist heute majestätisch grau. Rechts von ihm brutzeln in einer Fritteuse Vada, knusprige Linsenbällchen, die mit Sambar und Kokos-Chutney in kleinen Blechnäpfen serviert werden. Das Kokosnussfleisch, das in einer riesigen Maschine gemahlen wird, die die ganze Zeit im Hintergrund rumpelt, ist trotz eines Hauchs Curry und Senfkörnern herrlich kühlend.

Toast mit Butter leitet den anglo-indischen Teil der Speisekarte ein. Cheese Toast, Omlete und leicht pappige Finger Chips sind ein Gruß an moderne Zeiten. Der Humberger aus Hammel ist an die Stelle einer Version mit Kartoffeln getreten, die (mit einer guten Ladung Ketchup) in den Siebzigern angeboten wurde. Raina erinnert sich, dass sie das Hauptnahrungsmittel armer Schauspielstudenten war und damals als etwas exotisch Amerikanisches den Reiz des Verbotenen hatte.

Das Cutlet gibt es aus Gemüse oder Hammelfleisch. Am besten, man nimmt es mit bread and butter. Beide Versionen sind ein klein wenig zu mächtig, ein Kaffee kann da durchaus helfen oder, wenn man hart im Nehmen ist, ein Mango Shake. Roohafza, den Sommerdrink des Ostens, gibt es als Sorbet oder Milchshake. Der Kaffee schmeckt kaum nach Kaffee, aber er ist trotzdem nicht schlecht.

»Im Coffee Day oder im Barista, sagen sie: ›Sie haben ausgetrunken, bitte gehen Sie.‹ Und das Essen, wer kann sich das leisten? Hier bestellst du, wenn du willst, einen schwarzen Kaffee und gießt dir Rum hinein. Das stört niemanden«, sagt Akiles lachend, ein seit 40 Jahren treuer Coffee-House-Veteran. Naresh Gupta, Generation 59 plus, erklärt: »Im Herzen sind wir alle einsam. Und manchmal überwältigt es einen. Wir brauchen einander, wir brauchen das Miteinander. Die Stadt ist ein Dampfdrucktopf und das Coffee House ist eine Art Sicherheitsventil. Delhi ist wunderbar, wenn man das nötige Geld hat. In den Sechzigern sah man kein Auto auf der Straße – jetzt kann man vor Autos nicht mehr laufen.«

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Joy Abraham war 25 Jahre Barista im Coffee House. Dieses Jahr ist er in Rente gegangen und nach Kerala gezogen
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Die Geschichte hat im Coffee House tiefe Spuren hinterlassen, auch in den Stühlen

Die neuen Cafés passen zu den Privatisierungen von öffentlichem Raum in Delhi, von den Slums über die Gated Communities bis zu den neuen Malls. Innerhalb dieser abgeschlossenen Räume gibt es, wie Raina meint, neue Grenzen. »Ich glaube, nach 1990 hat sich die Kultur verändert. Es geht um den Markt, um Marken und Firmen, weniger um den Intellekt. Aber Ideen entstehen in unbeachteten Gassen. Zur Zeit des Notstands war die Verfassung außer Kraft gesetzt, aber heute sehe ich durch Konzerne und Korruption eine weit subtilere Kontrolle der Kultur in Indien.« In der größten Demokratie der Welt wirkt die Verdrängung der Menschen aus dem Zentrum der Macht wie ein Echo der Loslösung der politischen und literarischen Klasse vom Coffee House. In einer Stadt, in der es etwa 100 000 Obdachlose gibt, sind auch die Ideen obdachlos. Für die Seminar-Herausgeberin Malvika Singh ist Pessimismus jedoch fehl am Platze. »Das Coffee House verkörperte Optimismus – und den gibt es immer noch. Der Pessimismus sitzt eher in den teuren Salons von Delhi. Dort grübelt man über dem Gedanken, dass man mit einem Auto angefangen hat und jetzt noch eins braucht. Was ist das für ein Blödsinn?«

»Starbucks verkauft nichts von hier«, sagt sie. »Überall dasselbe verdammte Zeug, in ganz Indien die gleichen Kekse. Aber wir haben eigene Wurzeln. Deshalb haben einige Leute Restaurants aufgemacht, die aussehen wie Dhabbas, einfache Raststätten.« Ihrer Meinung nach hat die Stadt eine Chance verpasst, weil sie die Vergangenheit nicht mit der Gegenwart verschmelzen ließ. »Warum nicht? Irgendwann wurde In­dien von einer Klasse regiert, von den Babus, die dem protzigen Mittelstand Amerikas nacheiferten. Heute gibt es Kinder aus sehr wohlhabenden Familien, die nicht einmal wissen, was ein Buch ist.«

Lustigerweise gibt es in den schicken Boutiquen in Süd-Delhi gleichzeitig einen Markt für den Kitsch der früheren Jahre. Mit einem post-ironischen Nicken sind Bilder klassischer Bollywood-Filme auf falsch geschriebenen Schildern bei den Reichen sehr beliebt. Delhi ist voll teuer gekleideter Frauen mit grellen Taschen, die die Alltagssymbole ihrer Eltern sanft ins Lächerliche ziehen.

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Zurzeit ist das Indian Coffee House besser besucht als je zuvor. Die Aufmerksamkeit in den Medien brachte eine neue Generation von Gästen. Am Sonntag gibt es Lyriklesungen, studentische Politaktivisten stecken die Köpfe zusammen und planen ihre nächste Aktion bei hundert unterschiedlichen Interpretationen von Marx. Unter der Woche wechseln sie sich in Schichten ab: Die frühen Spaziergänger werden von den Mittagsgästen aus nahe gelegenen Büros abgelöst. Später treffen sich zwölf gewissenhafte Pharmavertreter zu einem Focus-Meeting über Verkaufsziele, Handy-Händler werfen vom Nebentisch verstohlene Blicke rüber. Nachmittags erscheint eine Frauengruppe. Bei Sonnenuntergang kommen junge Leute und schieben zwei Tische zusammen. Die Kellner hasten wie weiß gestärkte Mäuse zwischen den wackeligen Bänken umher. Masala dosa, Tee, Kaffee.

In Nord-Delhi begrüßt mich lächelnd Naveen Chander, ein 27-jähriger Doktorand in der Delhi School of Economics. Er hat sich bei Krawallen nach einer Demonstration den Rücken verletzt, also trinken wir unseren Kaffee auf der Wiese im Stehen. Chander gehört zu einer neuen Generation von Aktivisten, die das Indian Coffee House als eine Idee begreifen. »Nach dem Notstand wurden viele der Häuser verkauft oder waren pleite.« Chander redet nicht von einer Verschwörung, macht aber Andeutungen. »Sie konnten sich einfach nicht halten, es war viel von Korruption die Rede. Derweil wuchsen im Schatten des Marktes nationalistische und rechte Parteien, also genau das, wogegen die Coffee-House-Generation gekämpft hat.«

Doch Chander sieht darin auch eine Möglichkeit. »Meine Generation entdeckt das Indian Coffee House neu. Ohne Nostalgie. Einige von uns planen ein eigenes non-profit Kollektiv-Café, einen kreativen Ort. Auf diese Weise endet die Tradition nicht im Erhalt eines Ortes. Die Idee lebt vielmehr in neuer Form weiter, in einem neuen Kaffeehaus.«

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Der Assistant Manager Lejje Singh Raat kommt aus Uttrakand, er ist seit 18 Jahren im Coffee House

Das Indian Coffee House ist tief eingegraben in das kollektive Gedächtnis Delhis. Es sitzt an einer der Sternstraßen der Stadt, von oben wirkt es wie ein Sporn, der das Rad des Connaught Place vor einer vollständigen Umwandlung in eine westliche Einkaufsstraße bewahrt. Es lässt nicht zu, dass sich Delhi, immer eine Stadt der Traumata, von der Zerstörung von Alt-Delhi bis zu den Aufständen der Sikh 1984, vergisst. Delhi ist ein Palimpsest einer Stadt, und wenn man genau hinsieht, liegt die Vergangenheit direkt unter der Oberfläche.

Der alte, quicklebendige Aktivist Ram Shastri lehnt sich im Coffee House auf seinem Stuhl zurück. Er schreibt mal wieder eine Petition an einen Politiker. Vor ihm steht ein Topf mit Klebstoff, daneben liegen handgetippte Adressetiketten. Er fährt mit der Hand durch sein schlohweißes Haar und grinst. Ein Magier könnte er sein.

Text & Fotos: Stuart Freedman
Übersetzung: Friederike Meltendorf

aus Effilee #16 Mai/Juni 2011

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Aus Effilee #16, Mai/Jun 2011
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