Unser Haus war voller Rum

Um das Jahr 1860 machte sich ein spanischer Einwanderer auf Kuba daran,
den eher ordinären Rum der Insel zu verfeinern. Der Mann hieß Don Facundo Bacardí Massó, den Kubanern schmeckte sein Getränk und ein Familienbetrieb war geboren. 1960 musste die Familie das Land verlassen. Ihr Besitz blieb zurück, das Rezept nahmen sie mit. Aus dem Trüppchen auf der Flucht wurde einer der größten Spirituosenhersteller der Welt. Don Facundos Urururenkel Enrique Comas empfing uns im Bacardí Headquarter in London auf ein Gespräch über seine Familie, Erdbeben, Feuersbrünste und den Zauber von Rum und guten Bars

Interview: Hans Kantereit, Fotos: Bacardi

Für einen Pianisten besteht die Welt zu neunzig Prozent aus Klang, ein Maler denkt hauptsächlich in Perspektiven und Farben, und Sie haben Ihr Leben bedingungslos dem Rum gewidmet. Welchen Stellenwert nimmt er in Ihrem Leben ein?

Mein Vater war Master Blender. Und wie das mit Söhnen so ist, hab ich mich natürlich für seine Arbeit interessiert und habe früh versucht mitzuarbeiten. Ich war also schon als kleines Kind vom Rum umgeben. Mein Vater hat damit gearbeitet, unser Haus war voll davon, um die Ecke gab es eine Bar, in der wir Kinder uns wie selbstverständlich aufgehalten haben, natürlich ohne zu trinken.

Eine Bar auf Kuba?

In Spanien, mein Vater hat Kuba 1960 verlassen. Ich bin in Europa aufgewachsen, aber eigentlich permanent in der Nähe einer Brennerei. Mir war immer bewusst, dass meine Familie da etwas ganz besonders Tolles macht, und natürlich war mir auch klar, dass einer meiner Großväter einen unglaublich tollen Rum erfunden hat. Mit dieser ererbten Passion bin ich groß geworden, und mit mir wurde auch die Passion immer größer. Rum bedeutet mir sehr, sehr viel. Als Kind war es nur die emotionale Seite, als ich dann älter wurde und den Rum endlich auch probieren konnte, verliebte ich mich schließlich unsterblich und final, weil er einen mit unendlich vielen Eigenschaften überraschen kann. Leichter Rum, dunkler Rum, Navy Rum, auf den karibischen Inseln finden Sie von Eiland zu Eiland verschiedene Rumtypen, das Thema Rum ist unendlich. Rum ist wahrscheinlich das größte und aufregendste Getränk in der Kategorie Spirituosen. Das hat meine Passion und den festen Willen, mit Rum und mit nichts anderem auf der Welt zu arbeiten, enorm verstärkt.
Rum bedeutet mir also tatsächlich sehr viel, das gilt natürlich ganz besonders für den Rum, den meine Familie herstellt.

Das Unternehmen Ihrer Familie wurde vor hundertfünfzig Jahren gegründet, ihm wurden Erdbeben in die Wiege gelegt, eine Prohibition, eine Revolution, eine Feuersbrunst und eine komplette Enteignung durch Fidel Castro. Und heute sieht man praktisch auf der ganzen Welt, wo immer Leute fröhlich über die Stränge schlagen, irgendwo eine Flasche Bacardí herumstehen. Wie haben Sie das hingekriegt? Spirituosenverkäufer gibt es doch wie Sand am Meer?

Das ist einfach und schwierig zugleich. Wir sind ein Familienunternehmen. Die meisten Familienunternehmen der Welt brechen nach drei Generationen in sich zusammen. Es wird geheiratet, die Kinder übernehmen, irgendwann mischen die Kinder der Kinder mit und die Kämpfe untereinander beginnen, und damit beginnen die dramatischen Probleme. Wir sind mittlerweile immerhin mehr als sechshundert Familienmitglieder. Im Grunde kann man aber sagen: Unser Familienunternehmen hat deshalb so lange überlebt, weil wir all die Katastrophen, die Sie genannt haben, gemeinsam überstehen, und so oft alles wieder aufbauen mussten. Und wenn man ein paar Mal in Folge wieder bei Null anfangen muss, weiß man irgendwann ziemlich genau, wie der Laden läuft. Dass unser Produkt überdurchschnittlich erfolgreich war, hat natürlich auch geholfen.

Das war Teil der Frage: Haben Sie eine Erklärung für den überdurchschnitt­lichen Erfolg?

Ja. Um 1960 haben die Leute viel Cocktails getrunken, speziell in Amerika. Die Spirituosen, mit denen die gemixt wurden, waren stark aromatisiert, entsprechend schmeckten die Cocktails. Ein klassischer Martini bestand aus fünfzig Prozent Gin und fünfzig Prozent Wermut. Der Wermut hatte die Aufgabe, den strengen Gingeschmack zu ­überdecken. Dann kam 1962 plötzlich dieser Rum auf den Markt, der viel ­leichter und ausbalancierter war, man musste seinen Geschmack nicht über­lagern und konnte plötzlich leichte, ­erfrischende Cocktails herstellen. Das hat die ganze Trinkkultur erfrischt, auch das Eis im Glas wurde plötzlich viel populärer. Es kamen noch ein paar andere Faktoren hinzu, aber der Rum, der diese Entwicklung erlaubt hat, war eben Bacardí, weil es der erste milde Rum war. Ich denke, das war der Auslöser unseres Erfolgs. Und ich denke auch, dass die meisten Cocktails, die zu der Zeit erfunden wurden – Mojioto, Daiquiri, Cuba Libre und Piña Colada –, von Bacardí inspiriert waren. Das hat geholfen.

Die Firma Bacardí existiert, weil Ihrem Familienmitglied Don Facundo Bacardí Massó der Rum nicht geschmeckt hat, mit dem er aufgewachsen ist. Facundo wollte es milder. Können Sie versuchen in Worten zu beschreiben, wie das Zeug zu Facundos Zeiten geschmeckt hat?

Ja. Die frühen Rums waren sehr scharf. Sie waren nicht gefiltert, nicht veredelt, gar nichts. Es war damals so, dass die ­reichen Einwanderer auf Kuba, die ­Werften, Plantagen und Ähnliches betrieben, sich natürlich locker euro­päische Spirituosen leisten konnten. Don Facundos erster Laden war übri­gens ein Import­geschäft für europäische ­Spirituosen. Wie in vielen Teilen der Welt war das Trinkwasser damals noch nicht sicher, man brauchte ständig Alkohol zum Desinfizieren. Also stellten die Zucker­plantagen quasi als Nebenerwerb billigen, lokalen Alkohol her. Die Leute, die diese Plantagen besaßen, waren aber nun mal die, die nur den guten, importierten Schnaps tranken, und sie kamen gar nicht auf die Idee, ihr Nebenprodukt zu filtern und zu veredeln oder gar altern zu lassen. Somit war nur dieser einfache, ungefilterte scharfe Alkohol verfügbar. Es gibt, meist in Südamerika, noch Rum der ungefähr vergleichbar schmeckt: Sie werden ihn nicht kennen, er nennt sich Aguardiente …

Einspruch! Der ist in Deutschland sehr wohl bekannt, es gibt portugiesische und spanische Restaurants die ihn als Digestif verschenken. Aber es stimmt, er schmeckt wirklich extrem gewöhnungsbedürftig.

Der Name bedeutet Feuerwasser und das Produkt ist destillierter Zucker mit Wasser. Unbearbeitet. Der Geschmack ist ein wenig medizinisch, ölig. Aber Geschmäcker sind ja bekanntermaßen verschieden.

Man hört heraus, dass Sie Don Facundo sehr dankbar für seine Arbeit sind. Und den anderen sechshundert Familien­mitgliedern dürfte es ähnlich gehen.

Ungefähr sechshundert. Als wir alle noch in Kuba waren, war es natürlich leichter die Verwandten durchzuzählen, zumal sie alle ziemlich dicht ­beieinander wohnten. Wir haben keine zentrale Familiendatenbank, aber zu unserem 150. Geburtstag, 2012, haben wir eine Party veranstaltet. In einer Brennerei in Puerto Rico und nur für die Familie. Wir haben Einladungen an alle verschickt, die wir kennen, und haben alle gebeten, Familienmitglieder, die wir eventuell ­vergessen haben, auf eigene Faust einzuladen oder einfach mitzubringen.

Ich frage Sie nicht, wie die Party war!

Ich sag es Ihnen aber! Die Party war absolut fantastisch! (Lacht anhaltend) Absolut fantastisch!

Dessen war ich sicher. Sicher scheint auch, dass ein Unternehmen wie das Ihre, und speziell Sie, sich eingehend mit der weltweiten Barszene befasst. Welche Reputation hat in Ihren Augen die deutsche Barszene? Bitte eine ehr­liche Antwort, unsere Leser sind durchweg aufgeklärt und gut im Nehmen.

Wir befassen uns sehr, sehr intensiv mit der Barszene, das stimmt, und ich kann Ihnen ehrlich antworten. Die beiden Top-Städte der Welt sind und bleiben New York und London. Dort gibt es eine enorme Barkultur, und es nicht abzusehen, dass sich das jemals ändert. Aber überhaupt nicht weit davon entfernt, immer unter den ersten acht rangiert Berlin. Die Berliner Barszene ist fantastisch. Der Ehrlichkeit halber muss ich sagen, dass meine deutsche Lieblingsbar in Hamburg steht, nämlich das Le Lion. Die deutsche Barszene hat nicht nur ein paar sehr gute Bars mit internationaler Reputation vorzuweisen, es ist auch eine Menge Bewegung drin. Ich war gerade vor ein paar Wochen in Berlin und habe in fantastischen Bars getrunken. Das heißt dort nicht notwendigerweise, dass ich in teuren Bars getrunken habe, sondern in sehr guten. Es gibt dort sehr bescheidene Bars, die großartige Drinks machen. Mehr will man ja nicht.
Was die deutschen Bars ganz von ­alleine begriffen haben, ist, dass der Fokus auf den Drink gerichtet sein muss. Und das mag ich. Dann fühl ich mich ­sofort wohl. Auf eine pompöse Umgebung ist dann gepfiffen. Wenn man großartige Cocktails genauso selbst­verständlich serviert bekommt wie ein Bier, dann ist das etwas Großartiges.
Ich war in Berlin in einer Bar namens Raclette, da saßen während der ersten Runde der Weltmeisterschaft Gäste auf der Straße, tranken Bier und sahen Fußball, während drinnen spektakuläre Cocktails serviert wurden. Das würde in England nicht gehen, da gibt es ganz streng Kneipen für Pint-Trinker und Bars für Cocktailtrinker. Es kommen auch viele Leute aus den skandinavischen ­Ländern und einigen osteuropäischen Staaten nach Berlin, um das Cocktail­mixen zu lernen.

Wenn Sie auf Reisen sind und in irgendeiner Bar Entspannung suchen – welcher Fehler verdirbt Ihnen den Tag? Was ist das Unangenehmste, was ein Barkeeper Ihnen antun kann?

Das Wichtigste für mich ist die Aufmerksamkeit, die mir zuteil wird, wenn ich zur Tür hereinkomme. Wissen, wer man ist, und den Namen ausrufen und Ähnliches ist überflüssig. Aber ein Barkeeper sollte bemerken, wenn ein Gast hereinschneit. Wenn er dann noch sagt »Herzlich willkommen … Ich bin gleich bei Ihnen … Nehmen Sie doch schon mal Platz«, dann ist schon sehr viel Terrain gewonnen. Dann sollte man erst mal ein Glas Wasser und die Cocktailkarte bekommen. Unangenehm wird es, wenn man das Gefühl hat, sie erwarten, dass man möglichst schnell etwas bestellt.
In einer Bar, in der ich freundlich begrüßt werde und mich auch noch wohl fühle, kann ich ohne Probleme den Rest des Abends verbringen. Und wenn ich in einer Bar, in der ich freundlich begrüßt wurde, mal einen schlechten Drink
bekommen sollte, bin ich gerne bereit mir zu sagen, wahrscheinlich habe ich den falschen Drink bestellt. Dann bleibe ich gerne und probiere den nächsten, irgendwann kommt bestimmt Freude auf, auch in der schlichtesten Bar. Eine ­pompöse Bar hingegen, bei der es an der ­Begrüßung und den Drinks hapert, die kann mir sofort gestohlen bleiben. Wer braucht schon affiges Getue mit nichts dahinter? Ich jedenfalls nicht. Wenn man eine Bar betreibt, ist man Gastgeber und muss irgendwas dafür tun oder etwas ausstrahlen, damit die Leute bleiben möchten. Es geht nicht nur um den Drink, man verkauft ein Gesamtpaket.
Ansonsten: Ich freue mich beim Be­treten einer Bar immer auf die Persönlichkeiten hinterm Tresen, die ich eventuell kennenlernen darf. Ich gehöre zu den Menschen, die stundenlang in der Bar sitzen und dem Barkeeper bei der Arbeit zusehen können. Mehr Entertainment brauche ich nicht. Wenn sie die Produkte mit Respekt behandeln, dann ist das für mich ganz großes Kino. Das Hochwerfen von Flaschen gehört meines Erachtens nicht unbedingt dazu.

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Aus Effilee #30, Herbst 2014
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