Mehr Bier!

Vormittags? Bier! Nachmittags? Bier! Abends? Bier! Und dazwischen? Israel!
Klingt absurd? Ist aber genau richtig!

 
Text & Fotos: Peter Lau
Innovationen, wo man hinschaut: ein frischgestrichener Trink-Truck
Innovationen, wo man hinschaut: ein frischgestrichener Trink-Truck

Am letzten Abend serviert uns Bill Murray das vermutlich beste Bier des Landes. Uns, das heißt einer kleinen Gruppe von Journalisten, die vier Tage herumgefahren sind, um einige der rund zwanzig israelischen Mikrobrauereien zu besuchen und ihre Produkte zu testen – Craft Beer von meist erstaunlicher Qualität. Und nun sitzen wir in Jerusalem in einem Restaurant in der Nähe des alten Hauptbahnhofs, der heute ein Gastro- und Kulturzentrum ist, von dem Immobilien­entwickler in den Hipster-Metropolen der Welt träumen. Aber in Europa wird das nichts: Dieses schwerelose Nebeneinander von kolonialer Bausubstanz und verstreuten Kiosken in ausladenden Open-Air-Flächen funktioniert nur in diesem Klima, in der ewigen Abfolge von Frühling und Sommer. Unser Restaurant passt dazu: Mit viel Glas und Holz wirkt es auf eine lässige Art modern, frisch und offen, genau wie die jungen Menschen, die sich hier zum Public Viewing treffen – WM-Fieber in Israel. Das Essen ist wie überall, wo wir waren: ein Mix aus arabischer und europäischer Küche – gut, aber nicht grandios. Das Bier hingegen …
Der Bill-Murray-Doppelgänger heißt Omri Zilberman. Er ist Braumeister der Golan Brewery, die sich in den Golan­höhen im Norden des Landes befindet, einem 1967 von Israel im Sechs-Tage-Krieg eroberten Hochplateau an der syrischen Grenze. Zilberman hatte schon früh Kontakt zu Bier: Der Kibbuz, in dem er aufwuchs, baute Gerste für das plörrige Goldstar an, das inzwischen Marktführer ist und vor der neuen Craft-Beer-Konkurrenz wohl etwas zittert. Zilberman hat sein Handwerk in Deutschland gelernt und dort fünfzehn Jahre als Brauer gearbeitet, bis ihm ein Landsmann einen Job in der Heimat anbot. Das Special Brew, das er uns serviert, ist wunderbar aromenreich – auf der Zunge treffen sich Vanille, Mandel und zarte Früchtchen – perfekt ausgewogen und sehr weich. Es ist, als würde man Samt trinken. Die Golan Brewery hat eine eigene Quelle, deren Wasserqualität berühmt ist – und die schmeckt man.
So einfach könnte es sein. Doch an dieser Stelle kommt alles zusammen, was eine Bierreise durch Israel faszinierend und, ja, wirklich schön, aber auch befremdlich macht. Das Bier ist ein Traum, wie einige Biere, die wir getrunken haben. Und der stille, sympathische Brauer ist typisch für seine Zunft, für diese zivilisierte Sorte Mensch, die das Brauen in Israel zur Kunst macht. Andererseits arbeitet er auf den Golanhöhen, die als größtes Hindernis für den Frieden zwischen Israel und Syrien gelten: Israel will aus strategischen Gründen nicht auf das eroberte Gebiet verzichten, Syrien aus grundsätzlichen. Ist die Brauerei also Teil einer langfristigen Besatzung? Oder bloß ein Ort, an dem ein Traum verwirklicht werden konnte? Und das ist nur eine Frage, die sich stellt, wenn man im Nahostkonflikt unterwegs ist, in dessen Zentrum die Rechte und Ansprüche der Juden und Palästinenser stehen.
Wobei auch das zur Befremdlichkeit beiträgt: Der Palästinenserkonflikt, der unser Bild von Israel beherrscht, taucht im israelischen Alltag kaum auf. Außer man fährt auf Straßen, die nur Israelis benutzen dürfen, durch autonome palästinensische Gebiete: Dann ist es, als fahre man von Hamburg nach Hannover – und zwischen Winsen und Celle ist DDR. Mit Kontrollen wie an einer Grenze. Und die gesamte Strecke ist hoch gesichert. Was um so bizarrer wirkt, da sonst kaum Soldaten auf den Straßen zu sehen sind: Israel ist zwar stark militarisiert – aber das sieht man nicht. Fährt man durchs Land, fühlt man sich wie in einer Exklave Europas, in der das Leben geruhsam seinen Gang geht. Auch ich suchte nach Spuren des Krieges. Doch bereits am ersten Abend im nächtlichen Tel Aviv, eingehüllt in einen Kokon aus Sommer und Meer, fand ich das Gegenteil: Friede.

Der Bill-Murray-Doppelgänger Omri Zilberman braut das wohl beste Bier des Landes
Der Bill-Murray-Doppelgänger Omri Zilberman braut das wohl beste Bier des Landes

Der Widerspruch liegt bereits im Thema der Tour, die vom staatlichen israeli­schen Verkehrsbüro veranstaltet wurde: Bier mag für viele ein Grundnahrungsmittel sein – Craft Beer ist es ganz sicher nicht. Am Gourmetbier arbeiten Brauer lange und intensiv, auch für seinen Genuss sollte man sich Zeit nehmen. Es ist ein typisches Produkt einer zivilisierten Gesellschaft, die den Kampf ums Überleben, die Kriege und Kämpfe hinter sich gelassen hat. Einer Welt, die sich stattdessen um das Glück und Wohlergehen des Individuums kümmert. In der es um Begeisterung geht, um Hingabe und die Lust am Tun.
Wie zum Beispiel bei Yoav Alon: Er betreibt in Tel Aviv das Porter & Sons, in dem es vierundfünfzig Biere vom Fass gibt, rund siebzig Flaschenbiere und dazu deftige Kost auf hohem Niveau – die hausgemachten Würste sollte man probieren! Yoav Alon ist Wirt aus Berufung, er will mit Gerstensaft die Welt beglücken. »Bier ist gesünder als Wein«, sagt er, »und macht nicht dick. Man wird bloß fett, weil Bier hungrig macht, denn Hopfen ist ein Canaboid – man kriegt davon einen Fresskick.« Dann erzählt der Mittvierziger, wie begeistert er war, als 2006 das erste israelische Craft Beer auf den Markt kam: Dancing Camel. Doch anstatt dem Beispiel zu folgen und fortan selbst zu brauen, wie es viele taten, schuf er lieber einen Ort, an dem schönes Bier schön getrunken werden kann.
Im Großraum Tel Aviv leben rund drei Millionen Menschen, doch die Stadt selber ist übersichtlich. Folgt man den vom Strand abgehenden Straßen, steht man bald in einer spektakulären Mischung von Gebäuden: Jugendstil, Bauhaus, arabische Stile, Moderne. Das harmonische Durcheinander und die schmalen Straßen erinnern an Zürich, nur dass die meisten Häuser von Hitze und Seeluft angefressen sind. Die komplett überdachte Front des Porter & Sons ­würde aber auch gut nach Sydney passen, wo rustikale Pubs ohnehin geschätzt werden. Hin­ter einem langen Tresen reihen sich die Bier­hähne an einer Wand, hinter der sich ein schmaler Kühlraum befindet, in dem die Fässer stehen. Die Kühlung ist in der Hitze essenziell, das System dafür ausgeklügelt.
Dem Bier-Mekka Porter & Sons geht es gut, obwohl Israel kein Bierland ist. Oder vielleicht weil? Eine traditionelle Bierkultur gibt es im Nahen Osten nicht: Die acht Millionen Einwohner ­Israels trinken pro Kopf und Jahr vierzehn Liter Bier (Deutschland: fünfundneunzig ­Liter). »Aber gerade deshalb interessiert sie neues Bier«, erklärt Alon. Denn weil sie nicht gewohnt sind, Bier meterweise wegzuzischen, trinken es viele Israelis wie Cocktails – nach Geschmack. Und da ist Craft Beer natürlich ganz vorne.
Dann geht es ans Verkosten. Yoav Alon legt uns Biere der Negev Desert Brewery nahe, die als eine der besten Brauereien des Landes gilt. Alle sind gut: Das Amber Ale ist voll und rund, das Oasis ein leichtes Helles für heiße Tage, das Oak Porter reich an Vanille- und Nussaromen. Vom Passion Fruit ist er besonders begeistert, einem leichten, goldenen Bier mit Passionsfruchtaroma, von dem in den folgenden Tagen viele schwärmen werden. Da das Fruchtaroma allerdings recht speziell ist, drängt sich der Verdacht auf, dass der Jubel den Zutaten gilt: Israelisches Bier wird fast ausschließlich mit importierten Rohstoffen hergestellt, weil das Klima ihren Anbau schwer macht. Doch die Passionsfrüchte für das Negev-Bräu stammen aus Israel! Zum ersten, aber nicht zum letzten Mal, merke ich: Patriot ist in Israel kein Synonym für Idiot.
Gut gelaunt und genussvoll zieht sich der Abend hin. Vorm Schlafengehen notiere ich: »Wer dabei gewesen ist, erinnert sich nicht dran.« Und nehme ein Aspirin. Wie auch an allen folgenden Abenden.

Wasser, Wüste und eine ewige Abfolge von  Frühjahr und Sommer machen Israel zu einem gesegneten Flecken
Wasser, Wüste und eine ewige Abfolge von
Frühjahr und Sommer machen Israel zu einem gesegneten Flecken

In den nächsten Tagen lerne ich allerhand. Zum Beispiel: Das beste Bier ist das Vormittagsbier. Vor allem nach einer langen Fahrt über Autobahnen im perfekten Zustand, am Meer entlang oder durch Wälder, die handgemacht sind, wie unser Tourguide Karl mehrfach erklärt: »Jeder einzelne Baum, den ihr hier seht, wurde von jemand gepflanzt«, erzählt er stolz. Israel forstet seit Jahrzehnten das gesamte Land auf. Karl, der von einem rumänischen König abstammt und im Haus seiner Familie in der wunderschönen, aber auch enorm teuren Altstadt von Tel Aviv lebt, hat selbst mehr als hundertsechzig Bäume gepflanzt. Das dazugehörige Bewässerungssystem hat selbstverständlich ein Jude entwickelt! Und fünfundachtzig Prozent des israelischen Wassers werden recycelt! So geht das tagelang. Karl ist ebenfalls ein Patriot.
Jedenfalls: Wenn man nach den schönen Craft-Wäldern gegen elf oder zwölf die erste Brauerei erreicht hat und von einem gut gelaunten Brauer herumgeführt wurde, wenn man die Kessel und die Abfüllanlagen bewundert hat, überhaupt den hohen Standard all dieser Brauereien, die es noch nicht lange gibt, und dann das erste Bier trinkt … Ah, diese weiche Euphorie, die einen überschwemmt, ohne schwer zu machen, wie es abends oft vorkommt. Im Gegenteil: Das Bier macht wach und hell und offen. Vielleicht wäre es für so manche Firma besser, ihre Espressomaschinen gegen Zapfanlagen auszutauschen.
Aber vermutlich braucht es dafür den richtigen Rahmen. So etwas wie die Bar der Malka Brewery, die im Kibbuz Yehiam produziert. Es gibt in diesem Kibbuz zwei Sehenswürdigkeiten: einen Turm aus dem 13. Jahrhundert, der irgendwie wichtig ist, was man aber sofort wieder vergessen hat, weil das ganze Land überfüllt ist mit historisch wertvollen Stätten – hier fand immerhin die Bibel statt! Ich habe sogar den Ort gesehen, wo David mit Goliath gekämpft hat! Touristen nehmen dort gerne einen Stein mit, weil doch, wer weiß, vielleicht gerade dieser der entscheidende Stein gewesen ist. Also werden regelmäßig Steine nachgeschüttet, vermutlich auch, weil sonst irgendwann jemand sagen könnte: Das kann nicht der Ort sein, hier gibt es doch gar keine Steine.
Die andere Sehenswürdigkeit des Kibbuz ist die große Holzveranda, auf der Malka Gästen Bier serviert. Von dort blickt man übers Land, über eine Ebene, hinter der man im Dunst den Libanon mehr ahnt als sieht. Der Gründer und Brauer Asaf Lavi wohnt mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Klil, dem ersten ökologischen Dorf Israels, das seine Energie vollständig aus eigenen Solar- und Windanlagen bezieht. Geht er zu Fuß zur Arbeit, sagt er, braucht er eine halbe Stunde: durch ein Gehölz, einen kleinen Fluss entlang. Und dann braut er. Er klingt sehr zufrieden.
Lavi kommt aus Tel Aviv, wo er früher zwei Kneipen betrieb. Er begann mit Home Brewing, wie fast alle seine Kollegen. Er sagt: »Ich habe das Prinzip Home Brewing so weit ausgedehnt, wie es ging.« Nun gut, das ist etwas untertrieben. Er benutzt in seiner Brauerei, die er 2006 gegründet hat, inzwischen deutsche Maschinen, mit denen er sechsundzwanzigtausend Liter im Monat produziert. Seine fünf Sorten sind alle gut, vor allem sein IPA war sehr lecker. Nur das Green der Alexander Brewery war noch drüber.
Asaf Lavi könnte für jeden der Brauer stehen. Und für keinen. Alle haben mit Home Brewing angefangen, alle sind engagierte Kunsthandwerker in Sachen Bier, alle haben Respekt voreinander. Manche produzieren weniger, manche mehr. Und alle beschweren sich über die Steuern. Bier wird in Israel hoch besteuert, umgerechnet ein Euro liegt bereits auf der Flasche, wenn sie die Brauerei verlässt. Lavi liefert inzwischen auch in die USA und erzählt frustriert, das sein Bier zehntausend Kilo­meter westlich billiger ist als zehn Kilometer östlich.
Andererseits sind die Brauer so unterschiedlich wie ihre Biere. Jeremy Welfeld, der Gründer von Jem’s Beer Factory, ist ein Lautsprecher, ein beseelter Unternehmer, wie man ihn in Kalifornien erwartet. Seine Brauerei befindet sich in einem elenden Vorort von Tel Aviv, den kein Reiseführer kennt, doch als wir uns in der Mittagshitze unter einem Sonnenschirm drängeln, um seine Biere zu verkosten, ist das angeschlossene Brauhaus rappelvoll. Welfeld erzählt, wie er in den Neunzigern in den USA sein erstes Craft Beer trank und beschloss, selber zu brauen. Er bringt es auf gut hundertzwanzig Silben in der Minute, während seine Helferlein Krug um Krug Bier auf den Tisch wuchten. Ich mag das Amber Ale, aber alle sind gut. In der Brauerei hängt ein Konzertposter von Frank Zappa, 1972.
In der Alexander Brewery steht an der Wand des Tasting Room ein Zappa-Zitat: »You can’t be a real country, unless you have a beer & an airline. It helps, if you have some kind of football team, or some nuclear weapons, but at the very least you need a beer.« Der Alexander-Gründer Ori Sagy ist ein leicht angegrauter Herr mit einem zarten Lächeln. Er war früher Pilot in der israelischen Armee, wofür er vermutlich eine ordentliche Pension bekommt, seine Frau ist Lehrerin. Er dürfte also von den Einnahmen der Brauerei nicht abhängig sein, und so kann er es sich leisten, Biere für Auskenner zu entwickeln. Sie heißen Black, Blonde, Ambree und Green. Letzteres war nach dem Golan-Bier der Höhepunkt der Reise.
Isaac Shapiro, Gründer der Shapiro Brewery, ist jung und braucht bestimmt Geld. Seine Brauerei liegt in einem weiteren elenden Industriegebiet ohne Schatten und ohne Gnade. Shapiro führt uns durch eine große, professionell wirkende Anlage, in der er Bier braut, das gut ist, aber nicht speziell – Industriebier auf hohem Niveau. Er erinnert ein wenig an den jungen Adam Sandler, und es ist gut möglich, dass er ebenfalls Karriere macht: Sein Bier war das massentauglichste der Reise.
Das kann man von den Salara-Bieren nicht behaupten – allein schon, weil es sie nirgends gibt. Wie alle Brauer beschwert sich auch Brauer Eric, dessen Nachnamen ich vergessen habe, über die hohen Steuern, doch im Gegensatz zu seinen Kollegen hat er Konsequenzen gezogen: Er verkauft seine Biere nur noch in seinen beiden eigenen Lokalen in Haifa und neben der Brauerei. Okay, manchmal macht er eine Ausnahme, zum Beispiel für den Beer Bazaar in Tel Aviv, in dem es rund neunzig Sorten israelisches Bier gibt. Yuval Reznikovich, der Betreiber der in der Mitte des Carmel Markts gelegenen Bude, die man übrigens unbedingt besuchen sollte, sagte, dass es Brauer gebe, die drei Wochen bräuchten, um zwei läppische Kisten Bier zu liefern – er meinte Eric. Aber der ist ein Hippie. Seine Brauerei befindet sich in einem idyllischen Kibbuz, gegenüber toben Kinder in einer idyllischen Kita, abends wird wohl recht häufig gefeiert. Es geht ihm gut. Frank Zappa brauchte auch keine Hits.
Und dann waren da noch Waldorf und Statler, die in Wirklichkeit Ohad Ayalon und Ofer Ronen heißen. Zwei ältere Herren, die früher in den USA im Hightech-Bereich gearbeitet haben und sich wahnsinnig gut verkaufen. Ihr Sigrim-Bier wird in der gleichnamigen Siedlung hergestellt, in der es außerdem ein Weingut gibt und angeblich das beste Olivenöl des Landes gepresst wird. Die beiden Brauer sind so smooth und handsome wie Reiseleiter, die bereits bei der Ankunft ihrer neuen Gruppe wissen, welche Lady sie am übernächsten Abend flachlegen werden, aber ihr Bier ist gut. Sogar ihr Weizenbier hat mir geschmeckt, obwohl ich Weizenbier nicht mag. Yuval vom Beer Bazaar in Tel Aviv lässt mehrere eigene Sorten von ihnen brauen – die waren ebenfalls sehr lecker.
Tja, so war das. Und dann, zwei Wochen nach meiner Rückkehr, hielt es die Hamas für eine gute Idee, Israel mit hunderten von Raketen zu beschießen. Wo­raufhin die israelische Armee wochenlang den Gaza-Streifen bombardierte. Die Hamas ist eine palästinensische Organisation, die Israel vernichten und einen islamischen Staat errichten will – von der ist außer Hass und Gewalt nichts zu erwarten. Israels Reaktion, die das Leben vieler Zivilisten kostete, war allerdings auch nicht enorm hilfreich. Es war also mal wieder Nahostkonflikt auf niedrigstem Niveau. Und so stand die Frage im Raum: Soll man noch über Bier in Israel schreiben? Kann man jemand empfehlen, nach Israel zu fahren?
Und ich dachte an die Brauer. Alles Männer, Bier ist eine Männerwelt, auch in Israel. Aber keine Idioten, die ihre Männlichkeit durch Härte beweisen müssen. Sondern Männer, die tun, was sie für gut halten, ohne dabei jemand etwas wegnehmen zu müssen. Echte Männer. Gute Männer. Und ich dachte an Karl, diesen Zweihundert-Prozent-Patrioten, der gesagt hatte: »In Israel machen alle immer alles gleich, weil sie nicht wissen, ob es ein Morgen gibt.« Ich fragte mich, wie Deutschland wohl aussähe, wäre es umgeben von Ländern, die es am liebsten verschwinden sehen würden, und wie lange es wohl dauern würde, bis Schutzstaffeln in schwarzen Uniformen am 3. Oktober durchs Brandenburger Tor paradierten – während protestantische Sekten von Holland aus Emden beschießen würden. Ich fragte mich, was uns vom Wahnsinn trennt. Und mir fiel nur eines ein: die Zivilisation.
Frank Zappa zum Beispiel. Der Viet­namkrieg wurde nicht durch einen Sieg beendet, sondern durch die Veränderung der Gesellschaft, die den Krieg führte. Er wurde von Frank Zappa und Jack Kerouac, Robert Crumb und Jimi Hendrix, Peter Fonda und Arlo Guthrie beendet, denen es gelungen war, das alte dumme Denken zu durchbrechen. Er wurde von der Ablösung einer gewalttätigen Gesellschaft durch eine etwas weniger gewalttätige Gesellschaft beendet. Durch die Kultur, die Zivilisation schafft: Musik, Bücher, Filme, Gedichte, Comics. Gutes Essen. Bier.
An unserem ersten Abend in Jerusalem sitzen wir nach einem weiteren guten, aber nicht grandiosen Essen vor einer Bar in der Shlomo ha-Melekh Street, gleich neben der blöden Mamilla-Mall. Es gibt dort eine sehr gute Bierkarte, aber ich kann Bier nicht mehr sehen und möchte lieber einen Rum. Der Wirt, ein begeisterter Kenner feiner Spirituosen, empfiehlt mir ein altes, weiches, rundes Aromenfeuerwerk, das jeden seiner 100 Shekel (20 Euro) pro Glas wert ist. Es ist immer noch warm, und um uns herum sieht Jerusalem aus wie Paris: hohe Häuser, kleine Plätze, das Leben auf der Straße. Das Bier des Abends heißt Ugly Indian Girl: Es ist ein IPA, aber eins mit einem merkwürdig deplatzierten, bitteren Nebengeschmack, der trotzdem mit dem komplexen Ganzen harmoniert. Es ist wie eine CD, die man nicht immer hören mag, aber die man hat, weil sie einen daran erinnert, was alles möglich ist.
Gegenüber, vor der blöden Mall, spielt ein ultraorthodoxer Jude vor einem riesigen Juwelier Gitarre. Vermutlich religiöse Lieder. Die Ultraorthodoxen hätten ebenfalls gerne einen Gottesstaat. Nur leider eines anderen Gottes. Aber wer weiß, vielleicht singt er auch Frank Zappa. Es ist jedenfalls schön hier. Schöne Menschen. Schönes Land. Schönes Bier. Und das brauchen wir: Mehr Bier! Lasst uns singen:
»Then we shout, ›more beer‹ and we bang our glasses down. There’s no doubt: more beer and our troubles all will drown. And we ­never fear, ’cause there’s lots of beer in town. Raise your glasses and shout loud and clear, more beer!« (The Andrews Sisters, More Beer)

Die Transportkette im Porter & Sons ist überschaubar: Hinten wird der Stoff gebraut und vorne wird er runtergespült
Die Transportkette im Porter & Sons ist überschaubar: Hinten wird der Stoff gebraut und vorne wird er runtergespült
Aus Effilee #30, Herbst 2014
«
»

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.