Pizzaboten – eine eher zähe Recherche

»Ach komm, wir bestellen heute einfach ’ne Pizza!«, wie herrlich leicht geht dieser Satz über die Lippen? Zum Beispiel bei einem der immer mehr werdenden Online-Portale (wie pizza.de, lieferheld, lieferando, eat-smart etc.), die deutschlandweit bis zu 10 000 verschiedene Restaurants bündeln.

 
Ich wollte mich auf die Suche machen nach den Pizzalieferanten und ihren Geschichten. Aber die Probanden, denen ich in den geschäftigen Teilen Hamburgs auflauerte, waren extrem kurz angebunden. Ich hatte das Gefühl, sie einfach nur zu stören, und man soll ja erwachsene Menschen nicht mit kindischen Fragespielen von der Arbeit abhalten.  Also habe ich innerhalb von zwei Stunden meine Telefonnummer so freizügig verteilt wie noch nie zuvor. Auch dabei ließ mich das Gefühl nicht los: Pizzaboten wollen liefern und nicht labern. Nach Tagen ohne Rückruf wollte ich beleidigt aufgeben und mir einfach eine Pizza bestellen. Dann geschah ganz zaghaft doch noch ein Wunder …
Ich wollte mich auf die Suche machen nach den Pizzalieferanten und ihren Geschichten. Aber die Probanden, denen ich in den geschäftigen Teilen Hamburgs auflauerte, waren extrem kurz angebunden. Ich hatte das Gefühl, sie einfach nur zu stören, und man soll ja erwachsene Menschen nicht mit kindischen Fragespielen von der Arbeit abhalten.
Also habe ich innerhalb von zwei Stunden meine Telefonnummer so freizügig verteilt wie noch nie zuvor. Auch dabei ließ mich das Gefühl nicht los: Pizzaboten wollen liefern und nicht labern. Nach Tagen ohne Rückruf wollte ich beleidigt aufgeben und mir einfach eine Pizza bestellen. Dann geschah ganz zaghaft doch noch ein Wunder …
Text: Jennifer Mira Ackermann
Illustration: Jakobus Durstewitz

Und heute fahre ich mit Waldemar in seinem klitzekleinen Firmenwagen, quasi als Pizzalieferpraktikantin, durch die Gegend. Auch wenn ich nichts wirklich Hilfreiches tue, außer auf den Wagen aufzupassen, wenn er die Bestellungen an die Tür bringt. Im Kontakt zu seinen Kunden setzt Waldemar auf geschäftliche Distanz, und sich selbst distanziert er mittlerweile sogar von den Pizzen. In den letzten zwei Jahren hat er dreißig Kilo zugenommen, mittlerweile ist er wieder von 105 auf 85 runter durch die Null-Zucker-Diät, die er momentan macht. Ich kann mir weder vorstellen, wie er vor der Diät aussah, noch solch eine Diät zu machen. Am Nachmittag fahren wir bei seiner Wohnung vorbei, die er sich mit zwei seiner Kollegen teilt, um eine riesige Schüssel voller grünem Salat mit Zucchini, Gurke und Schweinefilet abzuholen. Sein Frühstück, Mittag- und Abendessen. Selbst Zwiebeln oder Tomaten sind tabu, wegen des Zuckergehalts. Ich bewundere Waldemars Willensstärke, denn ich gerate jedes Mal in Zustände, wenn er eine neue Bestellung direkt hinter mich auf die Rückbank des viel zu kleinen Autos stellt. Binnen Sekunden füllt sich der Raum mit dem Duft frisch gebackenen Teigs. Waldemar isst unbeirrbar seinen Kopfsalat mit Zucchini und Gurke, und ich darf die zurückgegangene Virginia, mit Feta, verschlingen. Alle Pizzen die zurückgehen, gehören den Fahrern. Das erklärt natürlich auch ein wenig, wie Waldemar zu seinen dreißig Kilo kam. Meistens treten die Bestellungen den Rückweg an, weil die Auftraggeber erst an der Tür feststellen, dass sie kein Geld haben. Wahrscheinlich hat Waldemar einfach zu lange in einem Viertel mit hoher Demenzdichte ausgeliefert. Auch wenn ich nach drei Stücken das Gefühl habe, ich könnte jetzt mindestens zwei Tage schlafen, bin ich sehr glücklich, dass Waldemar jetzt auf Diät ist. Fetakäse auf Pizzateig ist was Herrliches. Wir cruisen durch Hamburg und Waldemar erzählt, dass er mittlerweile sogar weiß, wo die einzelnen Bandmitglieder von Tocotronic wohnen, oder dass er dem Künstler Mike Rosenberg alias Passenger mal seine Pizza direkt ins Konzert gebracht hat. Einmal sollte er eine Bestellung in eins der Luxushotels bringen, als ihm ein kleiner nackter Junge, die Türe öffnete. Es stellte sich als Mutprobe heraus. Nackte Menschen scheinen ihm mehr als einmal die Türe zu öffnen, teilweise nur mit einem Halstuch oder Pantoffeln bekleidet. Waldemar erzählt das so nebenbei, es scheint für ihn wirklich nichts Ungewöhnliches mehr zu sein. Hoffentlich ziehen sie sich wenigstens zum Essen wieder an. Mit Waldemar habe ich definitiv einen sehr entspannten Fahrer erwischt, denn: »Die Pizzen kommen warm an, auch wenn du nicht wie ein Wahnsinniger durch Hamburg düst, außerdem zahlt kein Boss für die Strafzettel, wenn du geblitzt wirst oder falsch parkst.« Den Stress machen sich die Fahrer selbst. Das Trinkgeld kommt im Durchschnitt auf 1 Euro pro Lieferung, das heißt natürlich, mehr Kunden, mehr Trinkgeld. Wobei viele gar keins geben und auch gerne mal ihre Kinder an die Tür schicken, um sich dem zu entziehen. Die meisten Großkunden, teilweise auch große Banken, die für ihre Mitarbeiter oft zwischen fünfzig und zweihundert Pizzen bestellen, geben ebenfalls keinen Cent. Aber auch von den Angestellten, die sich einer nach dem anderen die Pizzen aushändigen lassen, hat Waldemar noch keinen Cent Trinkgeld gesehen. Bei einem Stundenlohn zwischen 5 und 6 Euro wäre es allerdings willkommen.

Bei einem Stundenlohn zwischen 5 und 6 Euro wäre Trinkgeld willkommen

Noch vor zweieinhalb Jahren haben die Pkw-Fahrer in Klarsens Betrieb nur 3,80 Euro verdient, er als Fahrradlieferant damals immerhin schon 5 Euro, aber im Winter bei Minusgraden mit dem Fahrrad kreuz und quer durch die Stadt zu radeln, ist alles andere als angenehm. Klarsen, neunzehn, hat mit siebzehn angefangen dort zu arbeiten, hat mittlerweile seinen Führerschein und fährt Roller; wenn er gerade nicht mit Pizzen im Rücken auf dem Roller sitzt, paukt er fürs Abi. Zur Filiale fährt er über eine Stunde, aber er mag seinen Job, seine Kollegen und dass er in der Innenstadt Hamburgs arbeitet. Was Klarsen regelmäßig die Laune vermasselt, sind die Kontrollen der Polizei. Sie stehen immer an der gleichen Stelle auf seiner Route: Innerhalb von zwei Monaten wurde er drei Mal, in den letzten anderthalb Jahren sieben oder acht Mal, angehalten und auf Besitz von Betäubungsmitteln kontrolliert. Natürlich hatte er nie welche. Als die Schutzleute anfingen, ihn beim Nachnamen zu grüßen, hat er begonnen, seinen eigenen Becher für die Urinproben mit sich zu führen; als es so weit kam, dass sie seinen Führerschein, ohne etwas in der Hand zu haben, für zwanzig Tage einbehielten, obwohl nur drei Tage zulässig sind, hat er sich eine private Rechtsschutzversicherung zugelegt. Unter die Salamischeiben seiner Pizzen hingegen haben die Gesetzeshüter auf der Jagd nach Drogen kein einziges Mal geguckt. Dass die Polizei ein besonders scharfes Auge auf Pizzafahrer hat, ist auf den ersten Blick ein wenig bizarr, aber leider nicht neu. Warum es im gesamten Kollegenkreis ausgerechnet Klarsen am häufigsten erwischt, ist eins der großen Rätsel seines Lebens. Er sieht keineswegs besonders auffällig aus, seine blonden Haare reichen ihm bis zur Schulter, die Kleidung ist vollkommen bedruckt mit dem Logo seiner Pizzakette. Ob Klarsen auch mal Pizzen in Polizeiwachen abliefert? »Recht oft sogar, aber irgendwie immer mit einem unguten Gefühl!«

Waldemar weiß mittlerweile sogar, wo die Bandmitglieder von Tocotronic wohnen

Ich treffe mich zur Abwechslung mit einem Lieferanten, der alles andere als unauffällig aussieht. Felics und ich trinken vor einer Kneipe in Hamburg-Altona Alsterwasser und er erzählt mir von seinen Fahrten im Viertel und auf Sankt Pauli. Ich bin froh, dass wir uns unter offenem Himmel treffen, denn Felics hat sich für unser Treffen unverhältnismäßig stark einparfümiert, in einem kleinen Liefer­auto wären wir mit Sicherheit längst beide ohnmächtig. Seine Haare fallen ihm seitlich ins Gesicht und mich beschleicht aus heiterem Himmel ein namenloses ungutes Gefühl. Er hat fast zwei Jahre Essen ausgefahren. Den Job hat er gewählt, um wieder klar- und von den Drogen wegzukommen. Felics rückt ein Stück näher. Vor dem Job hat er studiert, wobei das sich weniger auf sein eigentliches Studium der Sinologie bezog als auf transzendentale Erfahrungen mit halluzinogenen Drogen. Er blieb drei Monate clean, um keine nachweislichen Stoffe mehr im System zu haben, und bewarb sich dann bei irgendeinem Job, für den er Auto fahren musste, Pizza ausliefern als Entziehungskur sozusagen. Felics rückt ein Stück näher und ich kann mein namenloses ungutes Gefühl endlich taufen: Felics hat das mit dem Interview nicht so richtig geschnallt und glaubt, wir hätten ein Date. Mittlerweile macht er eine Ausbildung zum Krankenpfleger und arbeitet nur noch ab und zu als Fahrer. Interessante Begegnungen hat er immer noch, auch wenn er jetzt viel weniger arbeitet. Vor allem wenn er auf dem Kiez ausliefern fährt. Einige Male hat er schon Prostituierte in privaten Bordellen mit Essen versorgt. Ab und zu wird er auch eingeladen, etwas länger zu bleiben oder später wiederzukommen. Auf einer seiner letzten Fahrten ist es ihm passiert, dass er zu ungeduldig an die Tür pochte und genau das Klopfzeichen klopfte, das als Kürzel für Notfälle innerhalb des Etablissements vereinbart worden war, und schon standen ihm zwei muskulöse Kerle mit Baseballschlägern in der Tür gegenüber. Ich frage mich laut, wie viele Pizza­boten sich als Informanten für Polizei und Presse das fehlende Trinkgeld dazuverdienen. Auf die Frage, ob es sowas gibt, lacht Felics und trinkt sein Alster. Date hin Date her, es gibt Sachen die erzählt man einer Journalistin einfach nicht. Zumindest nicht beim ersten Date.

Aus Effilee #29, Sommer 2014
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