Angelo Gaja

Behutsam und kompromisslos

 
Angelo Gaja, behutsam und kompromisslos
Angelo Gaja, behutsam und kompromisslos
Text: Vijay Sapre Foto: Karen Sapre

Als wir vor dem Tor stehen macht Angelo Gaja uns auf das Schild aufmerksam, das uns schon bei der Ankunft aufgefallen war. In vier Sprachen wird der Wanderer darauf aufmerksam gemacht, dass das Weingut weder Führungen noch Verkostungen anbietet und auch keinen Wein ab Hof verkauft. Gewerbliche Besucher mögen bitte einen Termin vereinbaren. »Wissen Sie, was passiert?«, fragt er, »die Leute lassen sich vor dem Schild fotografieren und schicken uns das per Mail: Wir waren da und ihr habt uns nicht reingelassen. Aber wir haben zu viel zu tun.« Gaja, der, wie er mehrfach betont, über siebzig ist, strahlt tatsächlich mit jeder Faser die Energie aus von jemandem, der viel zu tun hat, aber eben auch genau weiß, was er will. Man muss sich ranhalten, um ihm zu folgen. Dabei ist er alles andere als angespannt. Er ist hier zu Hause, trägt keinen Maßanzug sondern Jeans (wenn auch mit Bügelfalte), hellbraune Loafers und einen dunkelblauen Pullover.
Gajas Weine gehören zum Besten und Teuersten, was Italien zu bieten hat. Weine, wie Marcello Mastroianni, nicht ganz unkompliziert, aber kompromisslos elegant und stilsicher. Sie sind geprägt von einem maskulinen Charme, von großer Kraft, die sich aber nicht in Wucht, sondern in einer tänzelnden Nervosität äußert. Viele seiner Lagen befinden sich direkt um das Dörfchen Barbaresco herum, darunter auch die bekannteste, Sori San Lorenzo. Unten am Feldweg sind große Haufen Kuhdung aufgeschichtet, vermischt mit dem Reb­schnitt. »Manche würden sagen, das ist Scheiße«, erklärt Gaja, »aber für uns ist das sehr wertvoll. Man kann nicht jede Sorte Scheiße nehmen. Diese hier ist von Milch­kühen, denn bei denen wird das Futter genau kontrolliert.« Ob er denn biodynamisch arbeite? »Ich benutze den Begriff nicht, denn mir ist es wichtig, meine Marke stark zu machen und nicht die von jemand anderem. Aber es gibt sicherlich Ähnlichkeiten.«
So pflanzt er zwischen die Rebzeilen Gerste und Lupinen, die später gemäht werden und zum Verrotten liegen bleiben. »Dass man es richtig macht, merkt man, wenn die Bienen wiederkommen«, erklärt er. Außerdem pflanzt er Zypressen in der Nähe all seiner Weingärten. Kleine Gruppen von jeweils fünf Bäumen. Warum? »Ich weiß es auch nicht genau. In der Toskana gibt es viele davon, aber hier sind sie selten. Sie werden noch da sein, wenn ich nicht mehr bin.«
Er erzählt die Geschichte eines anderen Baums, der hier in der Nähe stand, fast wie eine Fabel: Es gab eine Linde, unter der besonders große Trüffel zu finden waren. Da sie aber darüber hinaus auch auf einer der besten Lagen im Piemont stand, wollte Gaja sie loswerden. Sein Betriebsleiter allerdings weigerte sich standhaft, den Baum zu fällen. »Es gab damals hier zwei besonders gute Trüffelhunde. Der eine wurde von seinem Herrn mit Liebe dressiert, er bekam Lob und Leckereien, wenn er Trüffel fand. Der andere wurde mit Schlägen und bösen Worten dressiert.« Jahrelang war es immer der mit Liebe dressierte Hund, der die großen Trüffel unter der Linde fand. Dann geschah etwas, das in dieser Gegend öfter vorkommt: der erfolgreiche Trüffelhund wurde vergiftet. Bald darauf fand der andere Hund den großen Trüffel. »Am nächsten Tag«, erzählt Gaja, »war die Linde gefällt!«
Es ist genau diese Mischung aus Behutsamkeit und Zielstrebigkeit, die Gajas Weine zu dem gemacht haben, was sie heute sind. Angelo war nicht der erste in seiner Familie, der den Anspruch hatte, Weine der allerhöchsten Qualitätsstufe zu produzieren, schon seine Großmutter, Clotilda Rey folgte diesem Grundsatz und auch dem Gedanken, dass ein großer Wein einen entsprechenden Preis haben muss, damit er Ansehen genießt. Schon 1937 wurde der erste Wein produziert, auf dessen Etikett der Name Gaja größer geschrieben war, als die Lagenbezeichnung. Größer und in Rot.
Angelo Gaja begann 1961, mit einundzwanzig Jahren im Weingut zu arbeiten. Er hatte Önologie in Alba studiert, aber auch im französischen Montpellier und brachte gleich viele französische Einflüsse mit, die den Weinbau im Piemont nachhaltig verändern sollten, darunter die malolaktische Gärung zum Säureabbau, die Verwendung französischer Eichenfässer und selbst französische Rebsorten wie Cabernet Sauvignon. 1967 war er der Erste, der einen Barbaresco, eben jenen Sori San Lorenzo, als Einzellage ausbaute.
Gajas Vater stand vielen dieser Entwicklungen skeptisch gegenüber. Besonders die Entscheidung, Cabernet Sauvignon anzubauen, wollte er nicht mittragen. Angelo war aber der Meinung, dass nur ein großer Cabernet seinem Weingut international die Aufmerksamkeit bescheren würde, die es verdiente, was damals, 1978, vermutlich stimmte. So pflanzte er die Reben, als sein Vater im Urlaub war. »­Schade«, sagte dieser, als er zurückkam, und seither heißt die Lage direkt unter dem Wohnhaus der Gajas Darmagi, nach dem piemontesischen Ausdruck für schade.
Gajas zweite große Leidenschaft ist die Architektur, wobei er auch hier einem stark philosophisch geprägten Ansatz folgt: Ein Bau soll sich möglichst harmonisch in die Umgebung einfügen, für die exaltierten Gehry-Bauten, wie sie das Weingut Marqués de Riscal in Nordspanien errichtet hat, zeigt er kein Verständnis. Die Betriebsräume seines Weinguts Ca’ Marcanda in Bolgheri ließ er so in den Berg hineinbauen, dass sie von drei Seiten aus komplett mit der Landschaft verschmelzen. Davor stehen, wie könnte es anders sein, Zypressen. 
Gaja
Barbaresco
Keine Führungen, kein Verkauf ab Hof
Bezug über www.superiore.de

Aus Effilee #26, Herbst 2013
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