VERGELEGEN 1998 Vergelegen

Von meiner ersten professionellen Reise nach Südafrika hatte ich mir vor elf Jahren eine einzelne Flasche des Vergelegen 1998 mit […]

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1998 Vergelegen

Von meiner ersten professionellen Reise nach Südafrika hatte ich mir vor elf Jahren eine einzelne Flasche des Vergelegen 1998 mit zurück nach Deutschland gebracht. Der Bordeaux-Blend (Cabernet Sauvignon, Merlot, Cabernet franc) des gleichnamigen damaligen Aufsteigers aus Somerset West (Stellenbosch) war zu jener Zeit mit Sicherheit einer der teuersten Weine des Landes. Aber er war noch immer weit preiswerter als klassifizierte Bordeaux-Gewächse, die herauszufordern das erklärte Ziel des Winemakers André van Rensburg gewesen war.
Der hatte mit dem 1998er seinen Premierenjahrgang auf Vergelegen hingelegt, auf den er damals ebenso stolz war wie er auf alle Jahrgänge stolz sein sollte, die ihm folgten. Bis heute hat André (»Pinotage is bullshit«) auf dem malerischen, im Jahre 1700 gegründeten Weingut am Fuße des Helderbergs elf Jahrgänge gefüllt: Bordeaux-Blends, Merlots. Cabernets, Shiraz, Sauvignon blancs, Sémillons, Chardonnays, das ganze übliche Zeugs eben. Der Platter, Südafrikas jährlich neu aufgelegter Weinführer, zählt das topmoderne 145-Hektar-Weingut, eine Art Pichon-Baron vom Kap, das seit 1987 zu Anglo American gehört, zu den besten Erzeugern Südafrikas. Zahlreiche Weine haben schon die Höchstwertung von fünf Sternen erhalten, auch der rote Vergelegen von der Flagship Range.
Vor zwei Jahren jedoch wäre auf Vergelegen beinahe alles verloren gewesen. Ein gewaltiges Feuer schien einen Großteil der neu gepflanzten, virusfreien Reben vernichtet zu haben. Doch irgendwie haben es die Teufelskerle auf Vergelegen fertiggebracht, tote Reben wieder zum Leben zu erwecken. Und in etwa so verhält es sich so auch mit dem 1998er Vergelegen, dem Spitzenwein des strahlend weißen Hauses. Auch der nämlich schien tot, als ich ihn mir ins Glas schenkte. Doch war er weder verbrannt, verkorkt noch altersschwach gestorben, sondern GEMORDET worden!
Seit mehr als einer Dekade hatte die Flasche in meinem Keller geruht und sollte irgendwann – in einer Vergleichsprobe mit 97er/98er Bordeaux Crus Classés – die Hosen runterlassen müssen. Das hat nun – ausgerechnet! – meine Frau besorgt, während ich, mal wieder, auf Reisen war.

Meine Frau liebt Südafrika, und das umso inniger, je länger sie nicht dort war. Die guten Tropfen vom Western Cape in unserem Keller versüßen ihre Sehnsucht. Aber hatte es denn unbedingt der Vergelegen sein müssen, dieses einzige Unikat vom Kap, das wir (warum eigentlich wir?) besitzen?
Über die Qualität des Weines wusste meine Frau Bescheid, wir waren damals, im November 2000, beide auf dem Weingut. Einige Stunden zuvor hatten wir uns auf dem Flughafen von Kapstadt kennengelernt. Der 98er Vergelegen war unsere erste gemeinsame Liebe. Vielleicht hat sie ihn deshalb aus dem Keller gezogen und – »Ich habe deinen Mund geküsst, Jochanaan!« – geköpft. Ein typischer Salome-Komplex, dagegen kann man nichts machen.*
Zwei Drittel der Flasche hat meine Frau – sie heißt übrigens Kirsten, schreibt vorne im Heft Die bessere Wahl und hätte dort ihre Sicht der Dinge kundtun können – geschafft. Das letzte Drittel des dunklen, rubinroten Blutes stand dann zwei, drei Tage im Kühlschrank (immerhin!), aus dem ich mir ein Bier holen wollte, nachdem ich, Herodes, durstig zurückgekehrt war.
Der Fund – »Was! Bitte! Ist das?!!«– änderte natürlich alles. (Aber keine Angst, meine Frau lebt, auch wenn ich gestehen muss, etwas in Wallung gewesen zu sein.)
Der leicht portige Oxidationston sei anfangs nicht da gewesen, beteuert Kirsten, aber die Ränder hätten schon vor Tagen so schön granatfarben geleuchtet. (Als könnte man das in einem Senfglas sehen, aus dem meine Frau ihren Wein zu trinken pflegt, weil sie meint, wir – ich! – hätten zu viele Weingläser und würden überhaupt zu viel Tamtam um vergorene Säfte machen …) Ansonsten, fährt sie fort, sei er ziemlich lecker gewesen, dieser Vergelegen. Und gar nicht alt.
Das ist er auch jetzt nicht. Sein intensives, mit feiner Tabakwürze garniertes Schwarzbeeren- und Kirschenbouquet ist recht präzise und frisch, angenehm gereift und in perfekter Form. Am Gaumen zeigt sich der 13-jährige Afrikaner intensiv und süß in seiner dunklen Frucht, mit seidiger Finesse und erstaunlicher Frische, kurzum: alles andere als dick und konzentriert. Das Tannin ist bemerkenswert fein, der Nachklang schokoladig und würzig, zelebriert eine lang anhaltende süße Frucht. Ein echter Claret vom Kap ist das. Gereift zwar, aber praktisch alterslos. Ob man das von unserer Ehe auch behaupten kann?
Kirsten sagte nichts. Sie war schon wieder ins andere Zimmer gegangen.
Na ja, egal. Unsere Ehe ist ja ohnehin ein völlig anderes Thema. Demnächst vielleicht mehr in diesem Theater.

* Aus Richard Strauss‘ Oper ›Salome‹. Nachdem sie Johannes des Täufers Haupt hat abschlagen und sich auf dem Silbertablett hat bringen lassen, küsst Salome den Mann (vielmehr, was davon übrig blieb), der sich ihr zuvor verweigert und daher hatte sterben müssen. Nachdem sie dessen Mund geküsst hat, steigert sich Salome in einen wahnsinnigen Rausch, der mit Herodes‘ Worten beendet wird: »Man töte dieses Weib!«
Ich betone nochmals, dass es in unserem Falle dann doch glimpflicher ausgegangen ist.
Vergelegen
www.vergelegen.co.za
Aktuellere Weine von Vergelegen findet man über www.abayan.de

Meine Meinung …

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