Und mit dem Essen spielt man doch!

Warum sollen wir uns ausgerechnet bei Tisch benehmen? Die Frage haben wir an den Evolutionsbiologen Professor Thomas Junker weitergereicht. Nach einem Umweg über den Ballkünstler Franck Ribéry und ein Kneipenviertel im Grünen hat er sie beantwortet

Text: Hans Kantereit

Der Laie, der vor Ihnen sitzt, hat die Vermutung, dass die Triebe sich fortzupflanzen und zu essen die Hauptantriebe unserer Existenz sind. Ist dem so?
Man muss da differenzieren: Der eine ist sicherlich die Fortpflanzung, deswegen existieren wir überhaupt. Es ist so trivial wie wahr – die, die es nicht gemacht haben, sind nicht mehr hier. Alle, die jetzt da sind, haben sich seit über vier Milliarden Jahren kontinuierlich und erfolgreich fortgepflanzt. Aber man kann sich in der Regel ja nur fortpflanzen, wenn es einem einigermaßen gut geht. Essen ist also in jedem Fall ein Mittel zum Zweck. Und somit ein sehr starker Antrieb.
Umso erfreulicher, dass ein Großteil von uns diesen Trieb unter Kontrolle hat und nicht alles Essbare, das ihm in die Quere kommt auf der Stelle in sich hineinstopft, ganz egal wem es von Rechts ­wegen gehört oder wie lange es schon tot in der Dachrinne liegt. Welchem glücklichen Umstand haben wir diese Kultivierung eines Triebes zu verdanken?
Einen Teil unseres kultivierten Essverhaltens – das kann man bei Kindern sehen – erlernen wir einfach im Lauf des Lebens. Außerdem glaube ich, dass die Menschen schon relativ lange Wert darauf legen, geordnet gemeinsam zu essen, aus dem einfachen Grund, weil sie immer systematisch gemeinsam gejagt haben. Deshalb gibt es bei Naturvölkern – auch heute noch – genaue Regeln, wer was von dem Tier bekommt. Der, der ihm den Todesstoß versetzt hat, bekommt zum Beispiel die Leber. Man weiß nicht, ob diese Regeln schon vor fünfhundert­tausend Jahren galten, aber wir leiten das jetzt einfach mal ab.
So eine Mammutjagd war bestimmt nicht nur eine Junggesellenabschieds­party, deshalb werden die sich vielleicht ein paar Schlucke Blut als ersten Snack gegönnt haben. Aber dann muss der Brocken an den Lagerplatz geschleppt werden, um ihn zuzubereiten. Auch war es sicherlich damals schon wichtig, dass man mit dem Essen erst anfängt, wenn ALLE da sind. Denn wenn einem die anderen alles wegfressen, während man selbst noch eine für die Gruppe wichtige Arbeit erledigt, ist man zu Recht sauer und legt die Arbeit nieder. Dann hätte die Verfressenheit den sozialen Frieden gestört und es gäbe vielleicht bald keine Jagdwerkzeuge oder Ähnliches mehr. ­Allein deshalb brauchte man schon früh feste Regeln für das Essen, sie sind einfach überlebenswichtig für unsere Art.
Und all diese Tischsitten – auch die ästhetischen – verfallen erst dann, wenn der Mensch vereinsamt. Verwahrlosung ist ein Zeichen von Vereinsamung. ­Robinson Crusoe war so ein Fall, jedenfalls sieht er auf allen Darstellungen unrasiert aus. Aber warum sollte er sich auch rasieren, wenn er allein unter Ziegen und Bart­geiern lebt?
Oder gerade bei Tisch sitzen?
Genau. Oder nicht schmatzen? Ästhetische Prinzipien kommen scheinbar immer nur im sozialen Zusammenleben zum Tragen, man möchte vor seinem Gegenüber ein gutes Bild abgeben. Fragt sich nur, warum ausgerechnet bei Tisch? Mit der Sexualität ist das eine ganz andere Sache: Dafür zieht man sich in nahezu allen Kulturen zurück. Vielleicht weil ein Geschlechtsakt nur schwer ästhetisierbar ist. Zumindest wenn es dabei hoch und wild hergehen und der Vorgang Spaß machen soll.
Und mit dem Essen darf man noch nicht mal spielen?
Das ist ein unsinniges Gebot. Menschen spielen mit allem, mit Gedanken, miteinander, mit Dingen und eben auch mit dem Essen. Und sie sollten, ja müssen das tun. Denn erst im spielerischen Umgang lernt man eine Sache (oder Person oder Idee) kennen, ihre sinnlichen Eigenschaften, ihr Verhalten, ihren Geruch, ihren Geschmack und so weiter. Insofern zeichnen sich gute Köche dadurch aus, dass sie mit dem Essen spielen. Auch beim Essen selbst spielt man mit den Nahrungsmitteln, indem man sie in der Hand, im Mund hin und her bewegt, befühlt und betrachtet.
Und ich würde ich sagen, dass das
für die Erwachsenen Gesagte für Kinder in noch viel höherem Maße gilt. ­Deshalb sollten Kinder möglichst viel mit dem Essen spielen, es erkunden und auf vielfältige Weise kennenlernen. Dass dabei ein Teil der Nahrung für den Rest der Menschheit ungenießbar wird, lässt sich nicht verhindern. Das ist ja auch eine Erfahrung, die man als Kind erst einmal machen muss. Das sieht im ersten Moment aus wie Luxus und Verschwendung. Dies ist aber nur ein Aspekt. Spiele sind bei Licht betrachtet alles andere als überflüssig und eine höchst sinnvolle Art der Welterkundung.
Gibt es irgendeine archaische Unart,
die wir Erwachsenen im Lauf der Jahrmillionen nicht losgeworden sind und
an der wir noch arbeiten müssen?
Hm. Mir fällt keine ein. Vielleicht wenn man sich in Spezialbereiche begibt. Zum Beispiel die Weinverkoster mit ihren komischen Geräuschen und ihrem Schmatzen. Bei einem gemeinsamen festlichen Essen würden die Brüder doch stören, oder? Aber wenn man in ganz feine Bereiche vordringen will, um auch noch Nuancen von irgendwas zu schmecken, muss man das erlernte ästhetische Verhalten ab- und diese alte Unart scheinbar wieder zuschalten.
In Ihrem Buch schreiben Sie, dass die Tatsache, dass wir uns von bestimmten Anblicken angezogen und von anderen abgestoßen fühlen, immer einen tieferen biologischen Sinn hat. Warum betrachten Menschen auf der ganzen Welt zum Beispiel ein Spiegelei durchweg mit Wohlwollen und einen Teller Kutteln in Tomatensauce eher mit Skepsis, obwohl im biologischen Sinn eigentlich beides wertvolle Lebensmittel sind?
Weil wir das genetische Gedächtnis unserer Vorfahren in uns tragen. Eier wurden bestimmt schon sehr früh gegessen und es sind sehr wertvolle Nahrungsmittel. Schließlich ist alles drin, was ein kleiner Vogel braucht. Der ist natürlich total gekniffen, wenn wir das Ei in die Pfanne hauen, aber so läuft das eben. Eier wurden garantiert schon in der Savanne gesammelt. Das hatten unsere Vorfahren garantiert bald raus, wenn man an einem Busch vorbeikommt, einfach mal zu kucken, ob nicht vielleicht ein Nest drunter versteckt ist. Und im Erfolgsfall, der bestimmt gar nicht so selten eintrat, war die Freude dann groß. Wenn man so etwas vor sich hat, was offenbar Menschen auf der ganzen Welt zu schmecken scheint, dann spricht übrigens sehr viel dafür, dass es – in Maßen genossen – auch ernährungsphysiologisch genau das richtige Lebensmittel für uns ist.
Und unser kollektives Gedächtnis sich das fein säuberlich notiert hat?
Wenn Sie so wollen. Beim Spiegelei kommt noch dazu, dass es uns anguckt. In so ein Auge reinzustechen, ist doch auch irgendwie ein Heidenspaß.
Apropos: Beim Hunger hört der Spaß auf. Könnte man sagen, Hunger macht uns aggressiv?
Aber Hallo, das kann man. Jeder Mangel macht aggressiv. Wenn Sie etwas möchten, dann müssen Sie es sich von anderen holen. Wie auch immer.
Es hat also tatsächlich den Hintersinn, dass wir beim Würgen des Wildschweins eine bessere Figur machen?
Ja. Wer Hunger verspürt, muss alsbald jagen gehen. Und jede Jagd ist mit Anstrengung verbunden. Oft mit Schmerzen. Und wir müssen große Aktivität entfalten, dafür braucht es Aggressivität. Erst die setzt die nötige Energie frei und lässt uns eventuelle Verletzungen und Schmerzen gelassener hinnehmen. In Versuchen hat man mehrere Leute eine Hand auf eine heiße Herdplatte legen lassen. Die einen mussten dabei den Schnabel halten, die anderen durften schimpfen und fluchen. Die Versuchsgruppe, die fluchen durfte, hat viel länger durchgehalten. Das zeigt, wie nützlich Aggression ist, wenn es darum geht, Schmerzen auszuhalten und Energie aufzubauen.
Eigentlich ein Wunder, dass diese Erkenntnis noch nicht kommerziell genutzt wird!
Das geschieht längst. Im Sport zum Beispiel. Die müssen natürlich aufpassen und sich ein wenig zurücknehmen, damit sie den Gegner nicht total plattmachen. Der Einzige, der das im Leben nicht mehr hinkriegt, ist Franck Ribéry, dieser übergeschnappte Franzose. Der ist aber auch insgesamt eine äußerst erstaunliche Erscheinung …
Wenn es beim Essen also hauptsächlich darum geht, hundertfünfzig Gramm Eiweiß in den Magen zu kriegen, damit die Aggression und die Wut nachlassen, warum fressen wir das Zeug nicht gleich in der Metzgerei aus dem Papier? Das Nachhausetragen und Anrichten ist damit doch biologische Verschwendung?
Genau. Das heißt, es muss einen anderen Nutzen haben und der kann nicht darin bestehen, die Energie aufzunehmen, das könnten wir, wie Sie ganz richtig sagen, viel einfacher haben. Es muss einen echten Nutzen haben, und zwar einen biologischen. Einer könnte sein, dass, wenn Sie es nach Hause tragen und Ihre Frau netterweise mit­essen lassen, dass die vielleicht in anderer Weise nett zu Ihnen ist. (Lacht) Nur mal als Beispiel. Oder Sie richten es besonders schön an, dann haben Sie ein gut sichtbares Statussymbol. Sie zeigen der Welt, dass es Ihnen gut geht und dass Sie über ästhetisches Empfinden verfügen. Sie können damit eine ganze Menge von Sachen demonstrieren: Geld, Geschick, Gespür für besonders erlesene Produkte, Sie erhöhen Ihren Status in der Gruppe. Und irgendwann springt da garantiert ein Vorteil für Sie raus. Andere Menschen, die mit Essensdingen weniger geschickt sind, suchen Ihre Nähe und Freundschaft und eines Tages können Sie bestimmt von deren besonderen Fähigkeiten profitieren. Es muss einen solchen Sinn haben, sonst würden wir Menschen es nicht machen. Schon wenn man an einem Haus vorbeigeht, aus dem es erlesen nach Essen duftet, fühlt man sich doch zu den Bewohnern hingezogen und hat automatisch eine höhere Meinung von ihnen.
Und die Leute, die ihr Abendessen fotografieren und auf Facebook posten, was wollen die uns damit sagen?
Die geben einfach nur an, dafür ist Face­book ja scheinbar da. Man hat festgestellt dass Facebook-Nutzer im Schnitt erheblich häufiger an Depressionen leiden als Nicht-Nutzer. Wenn Sie nur hundert Facebook-Freunde haben, können Sie davon ausgehen, dass garantiert immer einer gerade den geilen Superurlaub macht und die Fotos postet, auf denen er mit einem Cocktail in allen Regenbogenfarben unter Palmen liegt. Natürlich kommen Sie sich irgendwann vor wie der letzte Hampelmann, der ganzjährig zu Hause sitzt und stellvertretend für den Rest der Menschheit für einen Hungerlohn die Drecksarbeit macht.
Wenn die Angst vor dem Verhungern seit Anbeginn unser Leben geprägt hat, sind Gastronomen (aus evolutionsbiologischer Sicht) nicht ziemliche Fehlzünder? Sie horten Nahrungsmittel und füttern damit durchreisende Vagabunden. Klingt doch im ersten Moment, als hätten die einen an der Waffel. Gibt es in der Tierwelt etwas Vergleichbares?
Tiere, die ihre Nahrung sammeln und an andere weitergeben? Bei Schimpansen ist das so, wenn die ihre Lieblingsbeute namens Buschbaby jagen, dann geben sie die Beute auch weiter. Meistens jagen die Männchen und beschenken Weibchen, die gerade brünftig sind. Das gilt allerdings nicht als Lokalrunde, die wollen was dafür: Die tauschen ihre Beute gegen Sex. Bei Vögeln kommt es vor, dass der Partner, der gerade auf dem Nest sitzt und brütet, vom anderen gefüttert wird, damit er sitzen bleiben kann. Ansonsten wird in der Tierwelt wenig getauscht. Obwohl …! Die Pflanzen! Blüten! Blüten sind eigentlich die Gastronomen schlechthin! Die stellen Nektar zur Verfügung! Da können Sie hingehen und trinken. Wenn man es sich genau überlegt, ist die ganze Wiese voller kleiner Kneipen. (Lacht herzlich) Für einen Frankfurter eine herrliche Vorstellung: lauter kleine Trinkhallen! Da wird süßer Nektar ausgeschenkt an jeden, der vorbeikommt.
Und man muss was dafür dalassen.
Klar, aber die Rechnung ist Ihnen als Biene, oder in welcher Verkleidung Sie auf Zechtour gehen, erst mal vollkommen egal. Sie haben Durst, und der wird nach Strich und Faden gelöscht. Und anlocken tun die Gastronomen ihre Gäste mit knallbunten Kneipenschildern, je leuch­tender, desto besser! Je höher der Umsatz, desto mehr bleibt hängen! Jetzt möchte ich mal wissen, ob Sie beim Sexualkundeunterricht aufgepasst haben: Wissen Sie noch, wie es funktioniert?
Man reibt sich am Tresen, es bleibt was hängen, dann Kneipenwechsel, man reibt sich am nächsten Tresen und die Bestäubung ist vollzogen?
Die Richtung stimmt. Und im Ergebnis machen in der Nachbarschaft dann jede Menge kleiner Nachwuchskneipen mit noch bunteren Schildern auf. Sachsenhausen ist überall! Wenn das keine belebende Vorstellung ist!? Und bei bunten Früchten ist es eigentlich dasselbe. Die locken uns mit ihren farbenfrohen Verpackungen an, damit wir sie essen. Wir sollen sie verbreiten und bei der Gelegenheit auch gleich noch düngen. Bei den verlockend aussehenden Erdbeeren ist die eigentliche Frucht das Heer von winzig kleinen Kügelchen, die sollen Sie runterschlucken, aber ohne sie zu zerstören, deswegen bleiben die Kügelchen eher in den Zähnen hängen, als dass man sie zerbeißen könnte. Beim Pfirsich ist der Samen steinhart, dem kann auch nix passieren. Oder Sie machen es wie der Apfel. Die Samen sind hart und scharfkantig, aber so ein vorbeiziehendes Pferd frisst den Apfel eh ganz und parkt die Samen gut verpackt als Pferdeapfel einen Tagesmarsch weiter. Der Apfelbaum lädt einen vorbeiziehenden Gast zum Mittagessen ein, und der zeigt sich erkenntlich, indem er die genetischen Eigenschaften des Gastgebers fünfzig Kilometer weiterträgt und an geeigneter Stelle ablädt. Das ist ein verdammt gut ausgeklügeltes Gastro-Konzept!
Es gibt in der Natur also sehr wohl Kneipen und Imbissstände. Und beide haben eine grundverschiedene Klientel, aber das ist im richtigen Leben ja auch nicht anders. Herrlich. Was war diesmal eigentlich unser Thema?
Tischsitten.
Erfreulich ist schon allein die Tatsache, dass wir überhaupt darüber reden und offensichtlich Interesse an dem Thema haben. Wir kultivieren unsere Nahrungsaufnahme wirklich aus biologischen Gründen, sonst würden wir es im Übrigen gar nicht machen, aus dem einfachen Grund, weil keine Notwendigkeit dafür bestünde. Es ist ein bisschen wie mit der Kunst: Wenn wir kein wirkliches Verlangen danach hätten, Dinge besonders schön und ästhetisch zu machen, dann hätten wir uns den ganzen Prozess der Zivilisation sparen können, weil ja offenbar kein Bedürfnis nach ihr besteht. Der Hang dazu, die Nahrungsaufnahme ästhetisch zu gestalten und mit Regeln zu versehen, ist biologisch in uns angelegt, weil uns dieses Tun Vorteile verschafft. Alle möchten es, und ich sehe nicht, dass ein kollektives Bedürfnis sich aus dem Nichts entwickeln kann. Oder wie die Kultur oder die Zivilisation da auf etwas aufgesattelt haben sollten, was nicht vorher schon fein säuberlich in uns angelegt war. Sonst wäre auch nicht so viel Kraft in dieser Sache.
Wenn ich zum Schluss auch mal vom Thema abweichen darf: In Ihrem neuesten Buch sagen Sie sinngemäß, dass der moderne Mensch in einer Welt voller Kuckuckseier lebt, und Sie werfen einen Beutel Capri-Sonne und ein mit Photoshop bearbeitetes Portrait in einen Topf. Beides kommt, sagen Sie wiederum sinngemäß, dem Versuch gleich, uns einmal mehr Scheiße für Marmelade zu verkaufen. Wenn die Bemerkung erlaubt ist: Der Gedanke ist nur einer von hundert Gründen, Ihr Buch wärmstens zur Lektüre zu empfehlen.
Tun Sie sich keinen Zwang an.

 
Die Evolution der Phantasie: Wie der Mensch zum Künstler wurde, Hirzel Verlag, 24,90 Euro

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Aus Effilee #26, Herbst 2013
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