Anu Haase, 38, Finnland, kocht Lihapyörykät

Bei Ikea heißen die Hackbällchen Köttbullar, sind aber bei weitem nicht so lecker.

Foto: Andrea Thode; Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee
Anu Haase ist diplomierte Kostümbildnerin

Am Abend vor unserem Termin hat Anu mit meiner Nachbarin Petra bei einer Vernissage in der Galerie Feinkunst Krüger aufgelegt. Ich mache mich also auf ein schläfriges, vage humanoides Wesen gefasst, als ich an ihrer Tür im Hamburger Schanzenviertel klingle. Doch als Anu öffnet, macht sie den Eindruck eines munteren, gut gelaunten Flummis. »Ja! Und das nach nur vier Stunden Schlaf! Aufgelegt haben wir bis eins, und danach haben wir noch bis halb sechs im Übel & Gefährlich getanzt. Ich habe schon ein paar Kleinigkeiten vorbereitet. Setzt euch doch. Wollt ihr einen Kaffee? Ich hatte schon einen.«

Anu hüpft in die Küche. »Das Klischee von den stillen Finnen stimmt nur für die Männer. Die Frauen sind diejenigen, die sich um die Sozialkontakte kümmern. Bei einem Paar bringt immer die Frau den Freundeskreis mit. Wenn man sich dann trennt, nimmt sie ihn wieder mit. Der Mann bleibt dann alleine zurück, sitzt an der Bar und trinkt Wodka.« Anu geht zur Arbeitsplatte. »So, ich fang mal an, oder?«

Sie füllt etwas Paniermehl in ein Glas. »Finnen kochen häufig in Dezilitern. Das kann man sehr gut mit den schönen Ittala-Gläsern abmessen.« Bevor ich nur »immer mit der Ruhe« sagen kann, hat Anu in einer Schale Sojasahne, Hack, Zwiebel, Eier und Paniermehl vermischt. »Als Beilage gibt es Kartoffelbrei, die Kartoffeln habe ich schon mal vorgeschält. Oh Gott, habe ich noch Pfeffer?«

Im Küchenschrank findet sich noch etwas, mit dem Anu die alte Bauhaus-Kaffeemühle befüllt. »Das Modell gibt es seit den 20er-Jahren. Es funktioniert toll und ist schön schlicht. Ich komme aus einem Architektenhaushalt und meine Mutter ist Finnin. Bei uns wurde immer sehr auf Design geachtet.« Tatsächlich habe ich noch nie einen finnischen Haushalt ohne Gläser von Ittala oder Becher von Marimekko gesehen. Und Architekten scheinen ohnehin immer geschmackvoll schlicht eingerichtet zu sein – außerdem ist es bei ihnen stets faszinierend aufgeräumt.

Anu ist diplomierte Kostümbildnerin, sie arbeitet zwischendurch aber auch als Stylistin für Fotoshootings oder verkauft Kleider und Accessoires. Sie wohnt mit ihren beiden Söhnen Oskar (13) und Ville (5) zusammen. »Ich bin 1999 mit meinem damaligen Freund hierher gezogen, als ich schwanger war. Vorher habe ich in Sankt Georg gewohnt, aber mit einem Kind wollte ich nicht zwischen den ganzen Junkies leben. Dummerweise sind zu der Zeit auch die Junkies von Sankt Georg in die Schanze gezogen.« Inzwischen ist das Viertel aber gut durchgentrifiziert, und so wünscht man nun dem einen oder anderen Medienpartner aus der Nachbarschaft eine gepflegte Junkie-Karriere an den Hals.

Anu knetet das Hack. »Die Hand immer mal wieder mit kaltem Wasser abspülen, dann klebt es nicht so.« Ihre Eltern haben sich während des Studiums kennengelernt – das ist die Kurzfassung. Die Langfassung umfasst etliche charmante Anekdoten, einen als Ehering fehlinterpretierten Abiturring und einen verprügelten Italiener. Die Mutter von Anu zog von Helsinki nach Berlin und dann nach Buxtehude. »Das war für sie total schlimm, als Großstadtkind in der deutschen Provinz zu wohnen.« Doch man gewöhnt sich an alles. 1972 wurde Anu in Stade geboren, einer Kleinstadt im Hamburger Speckgürtel. Sie beobachtet mich, während ich Notizen mache und dabei verzweifelt versuche, mit dem Tempo ihrer Geschichte Schritt zu halten. »Hm, du schreibst schon wieder? Dann rede ich noch etwas. Das Rollen der Hackbällchen ist sonst so langweilig.«

Es klingelt an der Tür. Es ist Anus Freund Fritz. Sie haben sich vor gut zehn Jahren bei einem Fotoshooting kennengelernt, bei dem Anu als Stylistin arbeitete. Fritz stellte dafür sein Cabrio, einen dunkelblauen 69er Mercury Marquis Convertible, zur Verfügung. Kürzlich haben sie sich zufällig wiedergetroffen. Damit ist das Thema Langeweile erledigt. Und während sich Fritz einen Kräutertee macht, kommt auch noch Auflegepartnerin Petra vorbei. Sie ist ebenfalls erstaunlich fit. Anu stapelt die Hackbällchen auf einem Teller. »Gleich bin ich fertig mit dem Knödeln. Ein Segen.«

In einer Pfanne lässt Anu ein Stückchen Butter für die Hackbällchen zerlaufen, im Topf daneben eines für die Mehlschwitze. Ich wundere mich, wie sie gleichzeitig die Mehlschwitze anrühren und die Hackbällchen braten will. »Ja, darüber wundere ich mich auch.« Sie gibt die Bällchen in die Pfanne und wendet sie recht bald. »Innen sollen sie etwas roh bleiben, um dann in der Sauce noch ein Weilchen zu ziehen.« Dann schüttet sie Mehl zu der Butter im Topf und rührt, bevor sie die Sojasahne angießt. »Eigentlich nimmt man Sahne, aber ich habe eine Laktoseallergie. Jetzt muss ich mich nur mit dem Hack beeilen: Je länger die Bällchen in der Sauce ziehen, desto besser.«

Anu stellt eine Flasche mit einer dunklen Flüssigkeit auf den Tisch – ich habe langsam das Gefühl, dass sie an zwei bis drei Orten gleichzeitig sein kann. »Das ist Terva, ein Teerschnaps. Den habe ich zu Weihnachten bekommen. Ich dachte gleich: Der riecht wie das Ruderboot meines Opas, toll! Die Finnen lieben Teer zum Räuchern, es gibt Teerlakritz und eben diesen Schnaps.« Der Schnaps sieht aus und riecht, als hätte sich ein finnischer Straßenarbeiter Arbeit mit nach Hause genommen. Aber auch ich habe als Kind mit Freude den Geruch frisch gestrichener Zäune in meine Lungen gesaugt und freue mich entsprechend auf den Digestif.

Anu stapelt die Bällchen in einer kleinen Schale. »Passen die da alle rein, die kleinen Eumel?« Noch ein Stück Butter in die Pfanne. »Für die zweite Lage. Gut, dass wir so viele sind, das reicht für eine ganze Kompanie.« Sie legt die angebratenen Fleischkugeln in die Sauce. »Das riecht jetzt wie bei meiner Oma.« Und es sieht aus wie bei meiner ostpreußischen Oma, wenn sie Königsberger Klopse machte. »Meine Großeltern kommen aus Karelien, das ist mehr oder weniger um die Ecke.« Nur die Kapern sind auf dem Weg von Kaliningrad nach Karelien verloren gegangen. »Die Klopse dürfen jetzt nicht mehr kochen, sie sollen in der heißen Sauce nur ziehen. Sonst werden sie zu Gummibällchen, sagt meine Mutter.«

Anu macht schnell noch den Kartoffelbrei, während die Bällchen ziehen. Wir Gäste schleichen erwartungsvoll durch die Küche. Anu füllt die Teller und deckt den Tisch. Noch ein Löffelchen Preiselbeermarmelade auf jeden Teller. »Guten Appetit!« Alle langen gut zu, für manchen ist es Frühstück und Mittag zugleich. Oder Abendessen. Die Klopse sind sehr weich und mild, dank der Sahne beziehungsweise Sojasahne. Die Sauce schmiegt sich sanft an die Klopse und an den Gaumen, ein angenehmes Gefühl der inneren Einbalsamierung stellt sich ein. Und die Marmelade setzt einen fruchtigen, frischen Akzent, sie betont das Gefühl der wohligen Sättigung.

»Habt ihr auch das Gefühl, dass die Sauce nach Champignons schmeckt?«, fragt Anu. In der Tat: Da gibt es eine leichte, nicht zu leugnende Champignonnote. »Komisch, das muss an der Sojasahne liegen. Aber es schmeckt gut.« Wir nehmen alle noch einen Schlag Kartoffelbrei und vier bis fünf Bällchen, dem Bauch zum Trotz. Bei der Verdauung hilft ein gutes Glas Tervi, der weitaus freundlicher und süßlicher schmeckt, als er riecht. Körper und Geist sind bestens bedient, und so machen wir alle noch einen kleinen Spaziergang in den späten Sonnenstrahlen dieses milden Wintertages.

Text: Alexander Kasbohm
Fotos: Andrea Thode

aus Effilee #15, März/April 2011

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