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Kein Kaffee in Mokka

Einst war Jemen der größte Kaffeeproduzent der Welt. Der Name seiner wichtigsten Hafenstadt wurde zu einem Synonym für Kaffee: Mokka. Heute ist das Land eher für Entführungen, Terrorismus und Bürgerkrieg bekannt. Doch im Hochgebirge stehen noch immer uralte Kaffeebäume. Und der Kaffeehandel kehrt langsam zurück

Der alte Mann und der Kaffee gehören zusammen. Bedingungslos, leidenschaftlich, untrennbar. Wie der Prophet und seine Botschaft. Wie die Hochzeitsnacht und die Morgengabe. Wie der Jemenit und die Dschambija, sein Krummdolch im bestickten Gürtel. Jeden Tag, 365 Tage im Jahr, geht der alte Mann von seinem Haus in Manakha die steinige Gasse hinauf zum Kontor. Jeden Tag schreddert, sortiert und verkauft er Kaffee. Wie sein Vater und dessen Vater vor ihm und dessen Vater ebenfalls. Wenn die Zeit gekommen ist, wird sein ältester Sohn ihnen folgen.

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Ali bin Ali Al-Obahin handelt mit Kaffee, genau wie sein Vater, sein Großvater, sein Urgroßvater

»Alhamdullilah«, sagt der alte Mann und öffnet einen Plastiksack mit Rohkaffee. Möge der Allmächtige den Bäumen viel Regen gegeben haben. Möge der Allerbarmer, der Weise, der Milde den Kaffeekirschen viel Sonne gegeben haben, als sie trockneten. Der alte Mann trägt eine weiße Qamis, ein langes Hemd, darüber ein verbeultes, graues Jackett. Seine Arme und Beine sind dünn wie ein Stock. Die knochigen Hände greifen in den Sack, braune Bohnen kullern über seine Finger. Die blaue Maschine mit ihrem rechteckigen Trichter rattert nebenan bereits. Mit beiden Händen schöpft er Bohnen in den Trichter. Zwielicht im fensterlosen Raum. Es riecht nach Staub, feuchter Wand, saurem Stroh.

Ali bin Ali Al-Obahin, 73, ist Händ­ler. Seit mehr als fünfzig Jahren kauft er Rohkaffee in den umliegen­den Dörfern, schreddert ihn, um die Schale von der Bohne zu quetschen, schüttelt und schleudert ihn, um schließlich auf einer geflochtenen Scheibe zu sortieren, was dabei übriggeblieben ist. Bis zu 1000 Kilo Rohkaffee schreddert er pro Tag, bis zu 20 Kilo grüne Bohnen sortiert er pro Stunde. Die grünen Bohnen verkauft er für 1600 Rial (5,70 Euro), die Schalen für 700 Rial (2,50 Euro). Al-Obahin sagt: »Allah hat aus dem Jemen das zweite Paradies gemacht, deswegen ist unser Kaffee so gut.« Vor einhundert Jahren, vielleicht mehr, als der Imam noch herrschte, seien Amerikaner gekommen: »Sie sagten: ‚Gib uns zwei Schiffe mit Kaffee, wir brauchen ihn als Medizin‘, und der Imam sagte: ‚Gebt mir zwei Schiffe mit Waffen, und ihr bekommt den besten Kaffee, den wir haben.‘« Woran man den besten Kaffee erkennt? Der alte Mann lacht, den Mund voll gelber Zähne: »Das Kind erkennt das Salz.«

Manakha liegt im Haraazgebirge, auf 2300 Meter Höhe. Dramatisch schmie­gen sich seine Häuser zwischen zwei Berggipfel, so als habe Er, für den es 99 schöne Namen gibt, eine Kiste Bauklötze ins Gebirge purzeln lassen. Von Sana’a bis Manakha sind es mit dem Auto zweieinhalb Stunden. Während der Fahrt hält Nagy, der Guide des Reiseveranstalters Aden Safari, einen Vortrag über die jemenitische Landwirtschaft. Schon kurz hinter Sana’a beginnen die Terrassen, auf denen Hirse, Tomaten und Zwiebeln wachsen, dahinter Mandel- und Mangobäume. Dann die ersten Kaffee­bäume. Dazwischen, überall und unübersehbar: Kath, Kath, Kath. Das ist Jemens Volksdroge. Die überwältigende Mehrheit der Jemeniten kaut die Blätter der Catha Edulis, in denen ein berauschendes Alkaloid steckt. Die einen, erzählt Nagy, nennen es wegen seiner berauschenden Wirkung Blätter des Paradieses. Die anderen wegen der Probleme, die es schafft, den verfluchten Baum.

Bis zur Hälfte ihres Einkommens geben Jemeniten für Kath aus. Täglich gehen dem Land 14,6 Millionen Arbeitsstunden verloren, weil 90 Prozent der männlichen Erwachsenen mit Kath ab dem frühen Nachmittag langsam in ein sanftes Delirium gleiten. Die Männer kümmern sich nicht um ihre Frauen, die Väter nicht um ihre Kinder, Familien hungern. Kath wird in grossen Monokulturen angebaut, wächst schnell, verbraucht enorme Mengen Wasser und entzieht dem Boden wichtige Nährstoffe. Es ist ein soziales und landwirtschaftliches Geschwür. Und eine tragische Bürde für ein Land, in dem vor dreitausend Jahren das erste Bewässerungssytem der Welt konstruiert wurde, das bis heute die einzige nennenswerte Agrikultur der arabischen Halbinsel hat. Arabia Felix nannten es einst die Römer: Glückliches Arabien.

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Die Türken können sich bei den Jemeniten bedanken

»Nur wenige wissen«, sagt Hans Langenbahn, »dass der Jemen das einzige arabische Land ist, in dem Kaffee angebaut wird.« Langenbahn kennt sich aus, er betreibt die Maskal Fine Coffee Company (www.maskal.de), einen Onlinehandel, der sich auf ebenso hochwertige wie seltene Kaffees spezialisiert hat. Langenbahn sucht kleine Produzenten abseits des Massengeschäfts. Achtzig Prozent seiner Kaffees, die unter anderem aus Äthio­pien, Ruanda, Ecuador und Vanuatu kommen, seien, so Langenbahn, in Deutschland nur über ihn erhältlich. Damit sei er prädestiniert für »Kaffeeliebhaber, die das Ausgefallene suchen«. Leute, die Kaffees charakterisieren wie Weine, die mühelos zwischen Arabica (Coffea arabica) und Robusta (Coffea canephora) unterscheiden und die bedenkenlos zu Maskals Haraazi greifen: 100 Prozent Arabica, sonnengetrocknet und strictly hard bean, 16,90 Euro das Pfund. »Ein echter, kräftiger Mokka«, versichert Langenbahn, »schöne Fruchtnote, durchaus markante Säure, mittlerer Körper.« Hans Langenbahn, ein promovierter Ethnologe, kam aus Zufall zum Kaffee. Für eine Feldstudie hatte er in der Grenzregion zwischen Sudan und Äthiopien zu tun. Er mochte Äthio­pien und die Äthiopier und suchte deshalb nach einem Job in Addis Abeba. Er fand keinen, begann sich stattdessen für Kaffee zu interessieren und saß bald in einem Seminar des Staatlichen Verkostungszentrums. Natürlich kennt er die Legende von dem abessinischen Hirten in der Provinz Kaffa, der beobachtete, dass seine Ziegen nicht müde wurden, wenn sie Kaffeekirschen frassen.

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Von Äthiopien ist es nicht weit bis Jemen, nur ein kleiner Sprung über ein schmales Meer, und so gab es im 16. Jahrhundert dort bereits zahllose Kleinplantagen in den Bergen, von denen aus Karawanen die Ernte zu den Häfen am Roten Meer brachten. Es waren die Jemeniten, die den kommerziellen Anbau und Handel mit Kaffee erfanden. Erst von ihnen, sagen sie noch heute, hätten die Türken gelernt, wie man Kaffee kocht. Ihr größter Ausfuhrhafen wurde sogar zu einem Synonym für Kaffee.

Vom Kaffeemonopolisten zur Terrorcampzentrale

Mokka. Jeder kennt den Namen. »Am Anfang steht ein Name«, schreibt der Schriftsteller Ludwig Fels, »er bläht sich auf in der Nacht deines Kopfes.« Das ist aus einem Text über die Sehnsucht nach mystischen Orten, deren Namen betören und die doch unerreichbar sind. Samarkand, Damaskus, Bagdad, Mombasa und Zansibar gehören für Fels dazu. »Mein armer großer Kopf glimmt noch und möchte sich voll Farben, Lichter und Gerüche saugen.« Gut möglich, dass einst die Menschen in Wien, London und Hamburg im Kaffeehaus saßen und von der Stadt Mokka träumten. Von mehrgeschossigen, weiß getünchten, üppig verzierten Palästen am Meer, von Rohkaffee, der in gigantischen Depots lagerte, von den große Niederlassungen der Franzosen, Engländer und Holländer. Es heißt, Ausländern sei der Zugang zu Kaffeeplantagen streng untersagt gewesen, und die Jemeniten hätten die Kaffeebohnen vor dem Verladen in heißes Wasser gelegt, damit sie nicht keimen konnten. Erst Anfang des 18. Jahrhunderts gelang es, Setzlinge nach Java, Surinam und Brasilien zu schmuggeln. Fast einhundert Jahre hatte Jemen ein Monopol. Wer heute Jemen hört, denkt wohl kaum an Kaffee. Das Land produziert, so die offiziellen Zahlen von 2006, jährlich nur noch 11?000 Tonnen Kaffee – allein Brasilien produziert 2,2 Millionen Tonnen. Der Jemen wird nicht einmal in den einschlägigen Listen der Kaffeeländer geführt. Er macht, wenn überhaupt, andere Schlagzeilen: mit Entführungen von Touristen, Attentaten auf ausländische Botschaften, Bürgerkrieg. Heute ist das Land ein Synonym für Terror und Tod. Allerdings nicht ganz zu Recht. Die Entführungen enden fast immer unblutig, und die Zahl aller Terror­opfer in den letzten Jahrzehnten war niedriger als die des Anschlags auf das Taj Mahal Hotel in Mumbai im letzten Jahr. Doch das Image des Landes ist scheinbar schwer zu ändern, und so schreckt es Investoren und Touristen ab, die dem Land zu ein bisschen mehr Stabilität verhelfen könnten.

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Der Jemen hat knapp 24 Millionen Einwohner, 3,5 Prozent Bevölkerungswachstum, 42 Prozent der Menschen leben in Armut. Das Gesundheitssystem ist marode, die Schulen sind überfüllt und die Frauen aus religiösen Gründen weitgehend vom öffentlichen und wirtschaftlichen Leben ausgeschlossen. Der Grundwasserpegel sinkt dramatisch, die Stromversorgung ist labil, und die Erdölreserven, deren Erträge 70 Prozent des Staatsbudgets finanzieren und 90 Prozent der Exporterlöse ausmachen, sollen 2018 ausgebeutet sein. Im Norden kämpfen die Al-Huthi-Rebellen für die Errichtung eines schiitischen Imamats, im ehemals sozialistischen Süden randalieren Sunniten, die mit der Wiedervereinigung 1990 nie glücklich wurden. Und in den Bergen im Westen, in der Wüste im Norden, im Hadramaut im Osten, überall außerhalb der Hauptstadt gilt das Wort eines Scheichs mehr als das Gesetz. Wer spricht da von Kaffee? »Warum?«, fragt unser Guide Nagy, als wir ihn bitten, nach Mokka zu fahren. »Es gibt dort nichts mehr zu sehen.« Alles sei kaputt, versichert Nagy, alles zerfallen. Ein paar Stunden später schlendert er lustlos an vermoderten Mauern vorbei, die Überbleibsel der legendären Kaffeedepots. Die einstigen Paläste der Kaffeehändler sind verschwunden, die wenigen stattlichen Gebäude, die noch stehen, baufällig. Wo vor 300 Jahren mehr als 30?000 Menschen lebten, sind es heute kaum mehr als 10?000. Die Große Moschee und ihr Minarett, das aussieht wie eine fette Stricknadel, scheinen in dem Sand zu versinken, den der Wind aus der Tihamawüste herüberträgt. Wir laufen an Ruinen vorbei, hinunter zum Hafen, wo sich Möwen an Fischabfällen weiden. Gleißendes Licht, türkis leuchtet das Wasser. Nichts erinnert an die einstige Pracht und Macht. Vor den Molen liegen nicht mal Schiffe.

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Wer in Jemen nach einem Cafe fragt, wird in den Laden an der nächsten Ecke geschickt. Da gibt es außer einer trüben Brühe auch Güter des täglichen Bedarfs

Es ist in Mokka nicht anders als überall im Land: Kaffee ist kein Thema. Cafés sind vor Rauch geschwärzte Buden, in denen ein paar Gasflammen züngeln und blecherne Kessel dampfen. Es ist ein stereotypes Ritual, dem wenig Zauber innewohnt: Heißes Was­ser wird in einen Topf mit Stiel gegos­sen, mehrere Löffel gemahlener Kaffee hinterhergeschüttet und umgerührt. Dann lässt man den Kaffee aufwallen, holt den Topf von der Flamme, lässt ihn nochmal aufwallen oder auch nicht und gießt ihn in ein Glas. Dazu Kondensmilch – oder auch nicht. Das ist Bun. Das heißt: eine Version. Bun wird mal mit Kardamom und ungesüßt serviert, mal mit Kardamom, Ingwer und Zucker, manchmal auch mit Zimt und Nelken. Es schmeckt, mehr nicht. Tee ist als Getränk populärer. Das Hausgetränk der Jemeniten ist ohnehin Qschr (Gischer), für das Kaffeeschalen mit Kardamom, Ingwer und wenig Zucker aufgekocht werden. Ohne Zucker ist Qschr ein bitteres, fades Gebräu. Wer in Hotels Kaffee bestellt, bekommt Nescafé.

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Mit dem Landcruiser durchs botanische Wunderland

In der Burra, an einem Nachmittag blendend hell und heiß. Die Burra ist ein Gebirgszug zwischen der Tihamawüste und dem Haraazgebirge. Dort leben in einem Schluchtwald, Jemens einzigem Biospährenreservat, Pavia-ne, Stachelschweine und Warane. Eben noch gab es geschmortes Lamm aus einem gemauerten Ofen und Fatta, zerkleinertes Fladenbrot mit Akazienhonig. Jetzt röhrt der Motor des Toyota Land Cruiser Serpentinen hinauf. Die Burra ist das größte Kaffeeanbaugebiet des Jemen. Wohin man schaut Terrassen aus behauenen Felsbrocken, zu denen einst die Erde hinaufgetragen werden musste. Wie Treppen wachsen sie in den blauen Himmel. Darüber Gipfel, gekrönt von Dörfern aus eckigen Turmbauten, umhüllt von Wolkenwatte. Und überall Kaffee­bäume. Coffea arabica ist ein Schatten­gewächs, das viel Feuchtigkeit braucht. In der Burra gibt es keinen Schatten, der Boden ist hart und trocken. Es ist ein botanisches Wunder.

Al Garan, ein Dorf aus ein paar Dut­zend Häusern. Vor einer Mauer am Abhang steht Hasan, der Enkel von Mohamed Ali Al-Khumbai, dem hier zweihundert Bäume gehören. Hasan sagt, sein Grossvater sei in der Moschee, aber er könne genauso gut erzählen. Die Zweige der Bäume tragen schwer, doch noch sei keine Erntezeit, sagt Hasan. Im August, vielleicht September, inschallah, würden sie beginnen, die Kirschen zu pflücken. Zwei bis drei Wochen würden sie auf Matten aus Palmblättern trocknen, dann kämen die Händler. Inzwischen ist das halbe Dorf zusammengelaufen. Fröhlich zeichnen die Menschen Kreise in den Sand, um zu zeigen, wie man Setzlinge pflanzt, stecken einem lachend rote Kaffeekirschen in den Mund, erzählen von Sorten, die Udeini und Doweiri heissen. Sie machen, was sie immer schon machen, Düngemittel und Pestizide kennen sie nicht. »Die Vergangenheit«, stand mal in der Zeit über Jemen, »ist in die Gegenwart eingewebt wie die Schmuckbordüren in die Überwürfe der Frauen.«

Dies hier könnte der perfekte Kaffee sein. »Sie haben nur wenige Varietä­ten«, sagt Hans Langenbahn. »Es sind Bäume, die noch auf den Ursprung in Ostäthiopien zurückgehen.« Keine kaputtgezüchteten Gen-Krüppel. Außerdem stehen die Bäume scheinbar auf gesegneter Erde, vermutlich vulkanischen Ursprungs, mit einem idealem pH-Wert für Kaffee. Der fehlende Regen in den jemenitschen Bergen, spekuliert Langenbahn, werde offenbar ausgeglichen durch den Morgennebel, die Luftfeuchtigkeit, den Tau, der durch den Temperatursturz in den kühlen Nächten entsteht. Es gibt weder Studien zum Boden noch zum Mikroklima, aber wer will schon gegen die Natur argumentieren. Immer wieder hört man von Kaffeebäumen im Jemen, die vier, fünf Kilo Kirschen produzieren, das Fünffache des Mittelwertes bei Coffea arabica.

Doch es wird nur selten der perfekte Kaffee. Als Langenbahn vor einigen Jahren im Jemen war, fand er bestätigt, was er lange zuvor gelesen hatte. »‚Coffee in Yemen‘ von Brian Robinson er­schien 1993 und in vier Fünftel davon«, so Langenbahn, »geht es um Probleme.« Die Anbauflächen sind meist klein und nicht profitabel. Die Bäume werden schlecht bewässert und nicht professionell beschnitten. Die Bauern lassen die Kirschen aus Bequemlichkeit an den Bäumen fermentieren, ernten unreife grüne, halbreife gelbe und reife rote Kirschen gemeinsam, sie sammeln selbst angefaulte oder verfaulte Kirschen vom Boden auf. Beim Trocknen werden die Kirschen nicht sorgfältig gewendet. Es gibt auch keine staatliche Qualitätskontrolle. Hinzu kommt, dass der Jemen mehr Kaffee importiert, als er produziert – auch, um die Exportware zu strecken. Und was soll man mit Labels anfangen wie Ismaili, Sanani, Hufashi oder Megabi, wenn man nicht weiß, ob sie für die Sorte, ihre geografische Herkunft oder alte Handelsnamen stehen? Langenbahns Fazit: »Es kann passieren, dass aus einem Sack Kaffee jede Tasse anders schmeckt.«

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Ein Inder träumt von Mokka und kämpft gegen Kath

Sana’a, Bait Azran, Asser, ein Viertel im Norden der Hauptstadt. Ein schmaler, bärtiger Mann mit Brille und einer weissen, gehäkelten Mütze auf dem Kopf fragt, woran man jemenitischen Kaffee erkenne. Und gibt die Antwort gleich selbst. »An den Stöcken und Steinen.« Dann lacht Shabbir Ezzi, ruft seine Sekretärin und sagt, sie solle eine Tasse vom guten Mokka bringen. Mocha Coffee Al Yemen, im Haus getrocknet, geröstet und gemahlen, ist eines von Ezzis Produkten, die grüne Kaffeebohnen, geröstete Bohnen und gemahlenen Mokka umfassen. Al-Ezzi Industries setzt dabei konsequent auf die Legende und den Mythos von Mokka. Ezzi sagt, man müsse es so sehen: »Selbst wenn am Kaffee nichts Besonderes wäre, wird am Namen Mokka immer etwas Besonderes sein. Er ist einzigartig.« Zu Ezzis Kunden gehört der Amsterdamer Importeur Trabocca, von dem Langenbahns Maskal ein Teil seine Ware bezieht.

Shabbir Ezzi kommt aus Indien, aufgewachsen in Bindi Bazaar im Süden Mumbais, wo sich seine Familie einen Namen im Papierhandel machte. Nach Jemen kam Ezzi als Pilger. Er zog nach Hutaib im Haraazgebirge, gleich hinter Manakha, wo auf einem steilen Fels eine kleine weiße Moschee steht. Davor befindet sich das Kuppelgrab des Gelehrten Hatim bin Ibrahim Al-Hamdani. Hutaib ist ein Wallfahrtsort der ismaelitischen Bohras, deren Anhänger überwiegend in Indien leben. »Wir hatten«, sagt Ezzi, »nie etwas mit Kaffee zu tun.«

Doch jedes Mal, wenn er nach Hutaib kam, dachte er an den Mythos, an Mokka, an Arabia Felix. Er sah die Kaffeeplantagen, die er für das »achte Weltwunder« hält, sah, wie hart die Bauern arbeiteten und wie wenig sie verdienten. Und er sah, wie einer nach dem anderen auf Kath umstieg. »Die Bauern glauben, sie verdienen damit schneller und mehr Geld«, sagt Ezzi. »Kath ist ein Cash-Crop.«

Ezzis Kaffeeproduktion wird als ein bahnbrechendes Modell gefeiert: Der Händler betreibt inzwischen zwei Projekte in der Nähe von Hutaib, in denen Kaffeepflanzen gezogen und verkauft, wo Brunnen gebaut und Kurse für effizienten Anbau gehalten werden. Er zahlt seinen Bauern umso höhere Kilo­preise, je mehr sie ernten, und spornt sie damit zu höherer Produktivität an. Außerdem zahlt er einen Ausgleich, wenn der Marktpreis aufgrund schlechter Ernten explodiert. Und weil er direkt bei den Erzeugern kauft, schaltet er die zahlreichen Zwischenhändler aus, die den jemenitischen Kaffee bislang extrem teuer machten. Jeder seiner inzwischen fünfhundert Bauern ist mit einer Karteikarte registriert, damit er stets weiß, woher der Kaffee kommt. Und die höchsten Preise zahlt er für reife Kaffeekirschen, die er im Hof seiner Firma unter eigener Kontrolle trocknen kann.

Als Ezzi den Bauern im Haraaz­gebirge sein Modell vorstellte, reagierten sie anfangs zurückhaltend. »Sie befürchteten, ich würde ihnen ihr Land und ihre Bäume wegnehmen.« Doch dann ließen sie sich von ihm überzeugen – vielleicht weil er zuverlässig und pünktlich zahlte. Und langsam findet Ezzi, der Ausländer, der schiitische Sektierer, sogar Gehör für seinen Kreuzzug gegen Kath. Ismaeliten rauchen nicht, sie trinken nicht und verabscheuen Drogen. Wer es sich leisten kann, zahlt ein Fünftel seines Einkommens, den Chums, in die vom Imam verwaltete Gemeinschaftskasse, aus der gemeinnützige Projekte unterstützt werden. Kath ist für sie alleine deshalb inakzeptabel. »Kaffee«, sagt Ezzi, »erinnert die Menschen an ihre Kultur, ihre Tradition, ihre Werte.« Natürlich wolle er Geld verdienen, sagt Ezzi, »aber wir müssen auch alles tun, um diesem Land zu helfen. Die Menschen haben nicht verdient, so gesehen zu werden, wie sie heute international gesehen werden.« Dann kommt der Kaffee. Er kommt in kleinen Porzellantassen mit blauem und goldenem Zierrand. Kein Zucker, keine Milch. Mocca Coffee Al Yemen ist schwarz wie Kohle. Er ist stark, vollmundig, fruchtig, schokoladig im Nachgang. Man könnte meinen, da schwingt etwas Bittermandel mit. Ezzi nennt seinen Mokka auch The Thoroughbred Arabica – das Vollblut unter den Arabicas. Dafür habe er nicht lange nachdenken müssen. »Jemen und Spitzenkaffee, das versteht jeder«, sagt Ezzi. »Es gibt Dinge, die gehören einfach zusammen.«

Text & Fotos: Gerhard Waldherr

Aus Effilee #6, Sep/Okt 2009

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