Lütt’n grill: Der Imbiss das ist meine kleine Bühne

Rechteinhaber: Andrea Thode, Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee
Erzähl mal! Harry Schulz mag Kunden mit guten Geschichten

Anfang der 90er bemerkte Harry Schulz, dass er erfolgreich war, aber nicht glücklich. Der Chef einer Agentur für Pop-Marketing kannte seinen kleinen Sohn kaum, arbeitete täglich 18 Stunden und war sehr müde. Ein Café zu betreiben wäre schön, dachte Schulz damals, mit geregelten Arbeitszeiten und Platz für meine Prince-Sammlung. Schulz ist im Besitz der größten privaten Prince-Sammlung der Welt: »Außer Klamotten habe ich alles, jede Vinyl-Pressung, rare Live-Mitschnitte, Bootlegs, Unveröffentlichtes.« Der Makler, den Harry Schulz engagierte, um Räumlichkeiten zu finden, erzählte von seinem ersten Leben als Imbissbesitzer. Er schwärmte so ausdauernd von dieser Zeit, dass Harry Schulz selbst Appetit bekam. Ein Imbiss? Warum nicht den besten Imbiss der Stadt! Drei Jahre gab er sich, »und danach das Café.« Der Makler fand ein schlauchartiges Kabuff an der Peripherie des Hamburger Schanzenviertels. Damals gab es dort noch regelmäßig Straßenschlachten, und die Vollsperrung des Viertels durch die Polizei fand immer direkt vor Harrys Imbiss statt: »Die Polizisten waren anfangs die einzigen Kunden. Wir haben denen Pommes verkauft und dann für den Rest des Tages zugemacht.«

Auf der Suche nach den besten Produkten für den Imbiss Delüx überließ Schulz nichts dem Zufall: »Über Geschmack kann man streiten, nicht über Qualität. Die Basis muss stimmen!« Er fuhr zum Großmarkt und stellte sich als neuer Imbiss-Besitzer vor. Die Händler packten ihm Würste ein, Pommes, Speisefett – damit fuhr er direkt zum Lebensmittelchemiker. Die Untersuchungsergebnisse waren nicht so toll, Schulz brachte die Ware zurück, und die Händler murrten: »Aber das nehmen doch alle!« Also suchte er sich einen Metzger, der ihm eigene Bratwürste machte. Er rief im Hotel Vier Jahreszeiten an, gab sich als Frittierfett-Vertreter aus und verlangte den Küchenchef: Ob man ein neues Frittierfett zu Testzwecken vorbeischicken könne? »Nö«, antwortete der Koch »das können Sie behalten. Wir arbeiten nur mit dem besten Fett!« »Ach! Und wie heißt das?« »Likrema.« Schulz dankte, fuhr zum Großmarkt und kaufte Likrema. Die Händler schüttelten die Köpfe. Sein Geld nahmen sie trotzdem gerne. Schulz wusste nicht, was eine Currywurst kostet oder Pommes. Wochenlang schrieb er Preistafeln von Imbissen ab, aß wässrige Würste und wächserne Pommes. Es war eine lehrreiche Zeit. Zurück im eigenen Imbiss veranschlagte er für alles Höchstpreise. Zur Einweihung des lütt´n grill schenkte ihm ein befreundeter Sternekoch jenes Rezept, das den Imbiss berühmt gemacht hat: frische Hähnchen aus Bodenhaltung baden 24 Stunden in 16 Kräutern und Gewürzen, bevor sie gegrillt werden. »Die Hähnchen kommen aus der Lüneburger Heide. Wir beziehen alles aus der direkten Umgebung.«

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Für große Ideen ist in der kleinsten Hütte Platz: Harry Schulz und sein Lütt’n Grill

Aus den geplanten drei Jahren sind mittlerweile 15 geworden. Schulz lässt es jetzt ruhiger angehen und vertraut seiner Crew. Dreimal die Woche steht er trotzdem abends noch selbst hinter dem Tresen, denn: »Ich interessiere mich für Menschen, ich sauge das richtig ein, ich bin Geschichtensammler.« Von Anfang an hat er seine Gäste auch fotografiert, die mit den interessanten Geschichten, den guten Gesprächen. Die Schnappschüsse kleben an den Wänden oder lagern in Schuhkartons. »Ich kann ein Bild rausgreifen und erinnere mich sofort an den Menschen und seine Geschichte.«

Wenn Schulz sagt: »Ich bekomme viel zurück«, meint er nicht in erster Linie Geld: »Manchmal kommen Leute rein, sehen die Preise und drehen wieder um.« Reich wird man nicht bei 3,90 Euro für das halbe Hähnchen und 2,60 Euro für Pommes in bester Qualität. »Aber es reicht.« Sein Trinkgeld spendete Schulz von Anfang an für gute Zwecke: »Wenn es mir gut geht, kann ich auch was für andere Menschen tun.« 2004 initiierte er außerdem eine Benefiz-CD mit Musik von Stammgästen: Lotto King Karl, Wunder, Sam Ragga Band, Beginners, Samy Deluxe und viele andere machten mit – die Erlöse gingen an die Hamburger Tafel. »Ich lasse vieles nicht an mich ran. Aber solange in Hamburg noch ein Kind hungert oder ein Obdachloser, habe ich noch zu tun.«

Wenn er vom lütt´n grill spricht, sagt Schulz immer wir: »Wir, das ist der lütt´n grill, das sind die Menschen, die das mit aufgebaut haben, die hier arbeiten. Ich bin einfach Harry.«

Und was ist aus dem Café geworden, mit der größten Prince-Sammlung der Welt? »Das rennt mir nicht weg. Den lütt´n grill mache ich, solange es mir Spaß macht. Das hier ist meine kleine Bühne.« Kürzlich hat er den Mietvertrag um zehn Jahre verlängert.

Text: Stevan Paul
Fotos: Andrea Thode

aus Effilee #6, September/Oktober 2009

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