Ton Janssen, Der Herr der Strauchtomaten

Hinter dem Niemandsland, in dem sich die Ödnis des Ruhrgebiets in pittoreske Industrieruinen auflöst, liegt Venlo. Nach fünf Stunden Bahnfahrt stehe ich vor dem Bahnhof, versuche ein niederländisches Netz zu bekommen und Ton Janssen zu erreichen. Der ist Tomatenzüchter und wir sind hier verabredet, weil ich mir mal ansehen möchte, wie so ein holländischer Tomatenzüchter nach Abzug aller Vor­urteile ist.

 
Janssen und seine Strauchtomaten
Ton Janssen und seine Strauchtomaten: »­Kleiner im Ertrag, riesig im Geschmack!«

Ton Janssen ist ein schlanker Mittsechziger mit einem offenen, freundlichen Gesicht. Kurz hinter der Stadt liegen Felder. Nach ein paar Hundert Metern fahren wir auf eine große weiße Halle zu. Das ist mein Gewächshaus. Für holländische Verhältnisse ist das nicht groß, sagt Janssen. Er öffnet die Tür zum Lager- und Verkaufsraum. Linker Hand Tomatenkisten über Tomatenkisten, rechter Hand die Büroräume. Von seinem Büro aus kann man durch ein großes Fenster das Lager überblicken. Janssen baut eine Schale vor mir auf. Über dem Porzellan eine Metallstange mit Haken. Er hängt eine Rispe Tomaten an den Haken. So. Das sieht doch dekoraktiv aus, oder? Vor allem habe ich diese Schale aber entworfen, damit die Leute endlich mal aufhören, ihre Tomaten in den Kühlschrank zu legen. Tomaten dürfen niemals in den Kühlschrank! Sie schmecken dann gar nicht. Und die gesunden Antioxidantien haben auch keine Lust zu arbeiten, wenn es so kalt ist. Die sind bei Zimmertemperatur achtmal aktiver.
Ton Janssen ist ein Veteran des holländischen Tomatenanbaus. Ich bin seit 1972 dabei. Meine Eltern haben mir gesagt: Geh raus, lerne, studiere. Das habe ich dann auch gemacht. Er schaut an die Decke. Eigent­lich mache ich das immer noch so. Lernen. Er hat den Betrieb von seinem Vater übernommen, der ihn wiederum von seinem Vater übernahm. Ursprünglich wurden Einlegegurken und Salat angebaut. Eine schreckliche Arbeit, die Gurken. Da haben wir dann in den Siebzigern mit Tomaten angefangen. Zunächst mit großen Fleischtomaten. Dann wirkte die unsichtbare Hand des Marktes. Es wurde immer mehr auf Produktion angebaut. 1994 waren die Preise extrem im Keller. Und die Qualität zum Teil auch.

Die Tasty Tom war die erste Strauchtomate in den Supermärkten
Die Tasty Tom war die erste Strauchtomate in den Supermärkten

An diesem Tiefpunkt des Ansehens der holländischen Tomate entschied sich Ton Janssen für ein Risiko. Ich habe gedacht: Wenn man einen Apfel kauft, dann sagt man nicht einfach ›Einen Apfel, bitte.‹ Man verlangt Braeburn oder Cox. Man wählt die Sorte, die einem schmeckt. Bei Tomaten sollte das nicht anders sein, es gibt gigantische Unterschiede. Deshalb habe ich damals die ›Tasty Tom‹ auf den Markt gebracht. Das war die erste Strauchtomate in den Supermärkten. Die bringen zwar weniger Ertrag, schmecken aber besser. Ich wollte, dass den Leuten die Tomate schmeckt, sie sich an den Namen erinnern und sie wieder kaufen. Um das Ziel zu erreichen, versah er jede Rispe mit einem Tasty Tom-Anhänger, jedes Päckchen mit einem Logo. Jeder Käufer sollte wissen, was er da kauft, und sich daran erinnern.
Die hinterste Tomate einer Rispe ist immer die reifste
Die hinterste Tomate einer Rispe ist immer die reifste

Es gibt zwei Dinge, auf die es bei Tomaten ankommt: die Größe und die Reife. Je kleiner, desto besser. Sagen wir: Eine Tomate produziert zwei Gramm Zucker. Das tut sie unabhängig davon, ob sie am Ende zwanzig oder hundert Gramm wiegt. Deshalb schmecken die kleinen intensiver. Der Geschmack verteilt sich auf weniger Frucht. Das leuchtet ein. Ton Janssen drückt etwas Saft aus einer Tomate in einen Oechslemesser. 7,2. Das ist ein guter Wert. Wie bei Oma im Garten. Die Tomate, die ganz hinten an der Rispe hängt ist schon dunkelrot, die vorderste noch etwas gelb. Die Tomaten wachsen von hinten nach vorne. Jeden Tag eine. Wenn Sie eine Rispe mit sieben Tomaten haben, ist die hinterste eine Woche reifer als die vorderste. Der Oechslegrad nimmt mit jedem Tag, den die Tomate jünger ist, um etwa 0,1 Punkte ab. Am leckersten sind also immer die Tomaten am dicken Ende der Rispe.
Ich zeige dir jetzt mal das Gewächshaus. Ton Janssen öffnet die Tür, die vom dunklen Lager in das Gewächshaus führt, und wir sind in einer anderen Zeit, in einer anderen Temperaturzone. Ja, hier ist Sommer. Fünfundzwanzig Grad, fünfundachtzig Prozent Luftfeuchtigkeit. Grüne Reihe hinter grüner Reihe erstrecken sich die Pflanzen.
Hier im Gewächshaus ist immer Sommer
Hier im Gewächshaus ist immer Sommer

Ich lasse mich durch den Tomatenwald führen. Die Leute sollten Tomaten nicht danach beurteilen, wo sie herkommen, sondern danach, welche Sorte es ist. Das ist letztlich nicht anders als bei den Menschen. Ton Janssen zupft ein paar Zweige von einer Pflanze. Das ist wichtig, eine Tomate darf nicht zu viele Zweige haben, sie soll sich ganz auf die Früchte konzentrieren. Das Papier, auf dem ich meine Notizen mache weicht langsam in der tropisch feuchten Luft auf.
Wie es mit der Schäd­lings­be­kämp­fung aus­sehe, frage ich. Ton Jans­sen holt tief Luft. Das machen wir hier schon lange auf ganz natür­li­che Art. Denn wenn wir Pes­ti­zide ein­set­zen wür­den, das wür­den die Hum­meln nicht ver­tra­gen und die brau­chen wir drin­gend, um die Toma­ten­pflan­zen zu bestäu­ben. Hum­meln? frage ich. Ja, Hum­meln. Die wer­den spe­zi­ell gezüch­tet, kom­men in Kar­tons an und sind unge­heuer flei­ßig!
Ich lasse mich mit einem Kaffee für die Rückreise stärken. Als Ton Janssen mich zum Bahnhof fährt kommen wir an einer Filiale der größten niederländischen Supermarktkette, Albert Heijn, vorbei. Die verkaufen meine Tasty Tom von Anfang an, seit achtzehn Jahren. Und sind immer noch erstaunt, dass sie in jedem Jahr mehr verkaufen als im Jahr davor. Ich beglückwünsche ihn dazu, dass sich das damalige Risiko ausgezahlt hat. Ton Janssen blickt in den vor uns liegenden Kreisverkehr. Ach ja. Das hat auch viel damit zu tun, zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle zu sein. Mit der Tasty Tom hat das sehr gut geklappt. Ich kann mich nicht beklagen.

Text: Alexander Kasbohm Foto: Justin Coenders
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3 Anmerkungen zu “Ton Janssen, Der Herr der Strauchtomaten

Ich finde Taste Tom hervorragend und kaufe regelmäßig zwei bis drei Kilo bei Aldi Nord. Leider haben sie zur Zeit keine mehr im Angebot. Wissen Sie, ob dort wieder demnächst welche verfügbar sind. Außerdem: Gibt es Samen oder Jungpflanzen von Tasty Tom? Wenn ja, wo?

Ich habe bis jetzt imme“tasty tom tomaten “ bei Aldi Süd in Köln- Godorf gekauft. Sommers wie Winters.
Nun gibt sie es nicht mehr. Schade, denn sie schmecken wirklich nach Tomaten und nicht nur nach Wasser.
Danke hierfür.

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