Privatkoch?! … Ähm, was?

Oliver Schubert
Man kann mich buchen. Bis maximal zwölf Personen bekoche ich auf einmal, mehr mache ich nicht, weil das zu viel Aufwand mit sich bringt und die Küchen meist nicht dafür ausgelegt sind. Schließlich mache ich alles komplett alleine und frisch, von der Nudel bis zur gefüllten Wachtel, und viele meiner Kunden haben einfach keine anständige Küche zu Hause. Oft nur eine schöne stylische, wo das meistbenutzte Gerät, die Kaffeemaschine oder der Chrushed-Ice-Maker ist.
Aber wie kommt man auf die Idee, Privat­koch zu werden?
Ausgesucht hab ich mir das nicht, es hat sich ergeben. Ich habe damals in einem bekannten Hamburger Sterneladen gekocht, wo auch viel außer Haus gemacht wurde, kleinere noble Abendessen in den Prachtvillen und superschicken Apartments von Prominenten, Politikern, Künstlern und vermögenden Kaufmannsfamilien. Irgendwann wurde ich da auch mal hingeschickt, und fortan haben die meisten nur noch explizit mich bestellt. Wenn ich frei hatte und wieder mal ein Essen spontan bestellt wurde, wurde ich aus dem Frei geholt. Und das war so ungefähr der Anfang. Dann habe ich aufgehört, für den Laden zu arbeiten, und einige Kunden begannen, mich auf dem privaten Handy anzurufen und zu buchen. Also ab zum Gewerbeamt und los ging es.
Ich dachte damals »na ja, ein halbes Jahr kannst du das ja mal machen«. Heute bin ich im zehnten Jahr dabei, mit ein paar kurzen Unterbrechungen, und ich bereue nichts. Habe wahnsinnig viele tolle Menschen und Ansichten und Lebensweisen kennen gelernt, und viele tolle Orte, an die ich als Otto Normalverbraucher wohl nie gekommen wäre. Es haben sich auch viele Türen geöffnet, aber die Medaille hat wie immer zwei Seiten, da waren viele arrogante Arschlöcher dabei, Leute, die nie im Leben etwas gearbeitet haben, abfällig schauend, die meisten haben ihr Geld geerbt, und andere Menschen teilweise wie ein Stück Scheiße oder irgendeinen Sklaven behandeln. Einmal hab ich im Zwischengang des Menüs die Schürze auf den Tisch geworfen und so einem Arsch gesagt, er soll selber kochen, und bin gegangen. Bei solchen Leuten koche ich einmal und nie wieder, wenn die anrufen, bin ich immer ausgebucht. Es gibt einen Kandidaten, der versucht es mittlerweile seit sieben Jahren, hahaha.
Nur mal ein kleines Beispiel: Ich war bei einer sehr wohlhabenden Kaufmannsfamilie zur Menüabsprache eingeladen, schickes Haus, sechs Autos vor der Tür, Art-déco-Möbel, alte Kunst an den Wänden, und der Hausherr bekam den Arm kaum hoch, seine Uhr bestand fast nur aus Diamanten. Bestellt wurde wie immer das Protzprogramm: Wilder Steinbutt, Langusten, Kaviar, japanisches Rind, Trüffel, Blattgold et cetera, et cete­ra. Dann kamen wir zum Preis. Jeder vernünftige Mensch, der sich nur etwas auskennt, weiß, diese Sachen sind teuer. Er fragte mich, was ich denn dafür nähme. Bei dem Menüpreis wurden wir uns sofort einig. Dann kam ich auf meinen Stundenlohn zu sprechen, 25 Euro die Anwesenheitsstunde, was nicht wirklich viel ist. Er sagte, nein, er schrie mit hochrotem Kopf: »WAAASSSS!??« Seine Frau schaute ziemlich peinlich berührt zu mir herüber und brach aus Scham über ihn sofort den Augenkontakt wieder ab. Er fragte mich nochmals, wie viel ich nehmen würde, ich wiederholte meine vorherige Aussage. Da sagte er: »Meine drei Putzfrauen kriegen zusammen nicht so viel, wie Sie in einer Stunde haben möchten!« Ich antwortete ganz ruhig und ohne das Lachen zu verlieren: »Dann lassen Sie doch ihre drei Putzfrauen zum zwanzigsten Hochzeitstag kochen, vielleicht können Sie sich so noch eine Flasche Kristall obendrauf leisten.« Ich verabschiedete mich und ging zum Ausgang. Seine Frau rannte mir peinlich berührt hinterher, und flüsterte: » Er meint es nicht so, kommen Sie doch nochmal zurück, BITTE!«

Okay, was hatte ich zu verlieren? Er fragte mich, ob ich es mir nochmal überlegt hätte. Das hatte ich in der Tat. Also wie viel nehmen Sie denn jetzt? Ich sagte: »50 Euro die Stunde!« In Gedanken wählte ich schon eins-eins-zwei für den Krankenwagen, falls er sich wieder so aufregt. Was machte dieser dicke Mann in seinem italienischem Maßanzug?! Er lehnte sich zurück, lachte und sagte »Okay«. Letztlich hatten wir dann alle einen tollen Abend, er hat sogar noch ein sehr großzügiges Trinkgeld obendrauf gelegt.
Und wie läuft das ab? Wie bestellt man dich? Wie läuft die Menüabsprache?
Normalerweise können mich die Kunden am Tag des Essens bis 10 oder 11 Uhr anrufen. Meistens läuft es ganz unkompliziert, die Kunden sagen »Du, wir haben heute Abend fünf Personen zu Gast, mach was Leckeres, geht um 20 Uhr los.«
Dann geh ich einkaufen und bereite alles vor, was ich beim Kunden zu Hause nur noch wie eine Art Lego zusammenbauen muss.
Meistens habe ich das Glück, dass die Kunden mich schon kennen und mir vertrauen. Das erspart mir nervige wochenlange Menüabsprachen und ich kann von den frischesten Lebensmitteln aus dem Vollen schöpfen. Natürlich mit Rücksicht darauf, was der jeweilige Kunde mag oder auch nicht. Manchmal muss ich Wein mitnehmen, brauche Kellner oder Kellnerinnen, Wasser, Obstbrände, Zigarren, Teller, Gläser und so weiter, also das komplette Programm. Aber meistens sind die Haushalte und die dazugehörigen Weinkeller – die oft so groß sind wie meine Wohnung – sehr gut gefüllt, mit Raritäten, Kunst, unbezahlbaren Gegenständen. Ich gehe übrigens mit allem in Vorleistung: Löhne, Lebensmittel, Weine et cetera. Wenn ich Glück habe, bezahlen die Kunden relativ schnell, aber ich kenne auch die andere Seite der Medaille.
Das klingt nicht schlecht. Davon kannst du leben?
Ja, kann ich beziehungsweise versuche ich. Ich sag immer, ich arbeite wie ein Pferd und werde bezahlt wie ein Pony. Mache ja auch noch Kochkurse, Kinderbackkurse et cetera, verkaufe Weine, helfe bei Leerlauf in Restaurants von Freunden aus. Oder wenn Kunden Probleme mit dem Personal­essen in ihren Firmen haben, dann gehe ich auch da hin und helfe ihnen, gewisse Dinge zu verbessern. Sehr abwechslungsreich, und immer spannend!
Es klingt, als kämst du bei dem seltsamen Job viel herum?
Stimmt, ich war in Eltville, Wiesbaden, Baiersbronn, London, Tokio, San Francisco, Hawaii, New York, Portals Nous und Ibiza … so in etwa grob überschlagen.
Dein außergewöhnlichster Job oder Einsatzort?
Da hab ich mehrere, einmal hab ich einem sehr bekannten Designer und einem Manager Rotwein im Dampfbad serviert. Ich hab in der Hamburger Kneipe Ritze unten am Boxring den fünfundsiebzigsten Geburtstag vom Wirt mitorganisiert und bekocht. Man kann sich ja vorstellen was da alles so kam, von der Kiezgröße bis zum plastischen Chirurgen. Und ich war in Jordanien bei einem Königspaar zu Hause in deren Schloss oder vielmehr goldenem Käfig. Die hatten eine Restaurantküche mit zig Köchen und nur die feinsten, besten Lebensmittel aus Frankreich, die direkt zweimal in der Woche eingeflogen wurden. Aber da hab ich es nur ungefähr sieben Tage ausgehalten, das war ein ödes Land, so grau, und nach Feierabend gab es nichts als graues Land. Höchste Sicherheitsstufe, zweimal am Tag kontrolliert worden wegen Bomben, Attentaten, oder oder … Nicht mal Alkohol gab es da, da war ich schneller weg als man weg buchstabieren kann. Trotz fürstlichem Gehalt, Auto und königlicher Unterkunft. Ich könnte endlos weiter aufzählen.
Bekannte Persönlichkeiten?
Klar, liegt in der Natur der Sache. Vom Hamburger Kiezpaten bis zum Milliardär ist alles vertreten.
Hast du Drogenkonsum deiner Kunden mitbekommen?
Dazu sage ich nichts. Was in dem Haus passiert, bleibt in dem Haus. Diskretion ist das A und O. Aber ich habe auch in den Sommermonaten viel Schnee gesehen!
Hört sich gut an, bist du teuer?
Teuer ist relativ. Qualität kostet eben, und frisch hergestellte Lebensmittel gibt’s nicht zum Discountpreis, und wenn man dann noch Hummer, Trüffel und wilden Steinbutt essen möchte, dann kostet das eben so seinen Preis. Bei mir zahlen die Kunden wie in einem Restaurant, Menüpreise, Weine, Wasser, Kellner, eventuelle Sonderwünsche, plus meine Anwesenheitsstunden zuzüglich Steuer.
Aber wenn ein erfolgreicher Geschäftsmann wichtige Firmendinge besprechen möchte und das nicht öffentlich tun will, weil es beispielsweise um noch geheime Projekte oder Fusionen oder sowas geht, dann tut er gut daran, das Ganze bei sich zu Hause zu veranstalten. Meistens sind es eh unglaublich schöne, geschmackvolle Häuser oder Villen, die mit einigen Restaurants locker mithalten können. Und ich komme dann zur verabredeten Zeit, finde eine manchmal tolle saubere Küche vor, dekoriere den Tisch, decke ein, spreche mit ihm die Weine ab. Und er muss sich um nix Weiteres kümmern: Ich nehme die Gäste in Empfang, nehme die Jacken ab, platziere sie in den Salon und biete Champagner an. Es hat vielleicht etwas von Zauberei, da betritt man als Normalverdiener eine dieser meist nur von außen einsehbaren, schicken Villen, schaltet den Herd ein, irgendwann duftet es im ganzen Haus, nach frisch gebackenem Brot, Gewürzen und allem Möglichen. Meistens kommt dann ganz relaxt der Gastgeber hinzu, und der Abend kann entspannt losgehen.
Für einen Laien arten ja schon die Vorbereitungen in Stress aus, vom Vorgang des Kochens ganz zu schweigen. Bei denen lässt der Stress doch erst nach, wenn das Essen vorbei ist, und das, was Sie eigentlich mit der Einladung bezwecken wollten, bleibt meistens auf der Strecke Und auch nicht zu unterschätzen: Am Ende des Abends hat er immer noch, und wieder, eine tolle saubere Küche.
Also was ist teuer?! Ich sehe mich als kleines, sehr gutes Restaurant auf zwei Beinen, das man nach dem Essen und letzten Digestif nicht verlassen muss, meistens muss man ja als Gast gehen, wenn es am gemütlichsten ist. Und mein Restaurant auf zwei Beinen räumt sich von alleine auf, putzt, wäscht ab und geht dann nach Hause. Abgesehen davon kenne ich die Vorlieben meiner Kunden, weiß, was sie gerne haben, wenn sie nach Hause kommen. Bei einem zum Beispiel mache ich erst mal Räucherstäbchen an, fülle die Badewanne, stelle ihm sein Lieblingsgetränk an seinen Platz oder helfe auch bei technischen Problemen oder kümmere mich um seine Handys, iPads.
Aus vielen Kunden sind mittlerweile Freunde geworden. Sie behandeln einen sehr fair, sind sehr großzügig, setzen sich auch schonmal zu einem in die Küche und man unterhält sich dort über Gott und die Welt.
Deswegen liebe ich meinen Beruf so … Aber ob ich ein typischer Privatkoch bin weiß ich nicht, ich weiß nur eins, ich tue es gerne. Und wenn alle einen schönen Abend hatten, satt, vielleicht auch angetrunken, dann hab ich irgendwas richtig gemacht und das freut mich. Der Nachteil in diesem Berufsfeld ist leider der Mangel an Freizeit.
Aber selbstständiger Privatkoch zu sein, heißt halt auch selbst und ständig. Und manchmal ist da Planung wirklich ­alles. Ich habe vier bis fünf feste Kunden, die mich oft wöchentlich buchen, und ­einige, die mich im Jahr nur ein- bis zweimal zu größeren Anlässen buchen. Da kann ich immer nur hoffen, dass sich die Buchungen nicht überschneiden, denn es ist sehr schwierig, dem einen Kunden zugunsten eines anderen abzusagen – ich wollte, ich könnte sie alle bekochen. Aber gelegentlich ist dann schon mal das Ego eines wichtigen Kunden angekratzt, auch wenn er es natürlich nicht zugibt. Und dabei geht es eigentlich nur um ­Essen.

Text: Oliver Schubert Fotos: Andrea Thode

2 Gedanken zu “Privatkoch?! … Ähm, was?

  1. Hallo….ein wirklich gelungener Artikel. Liest sich gut und hat mich des öfteren schmunzeln lassen.
    Einen Kritikpunkt hätte ich da aber dennoch. Wenn man jemand neues kennenlernt wird man früher oder später immer gefragt was man den beruflich mache und wenn man dann Privatkoch antwortet, sieht man schon die Fragezeichen.
    Daher finde ich es ein wenig schade das der Artikel von einem Freelancer handelt. Natürlich kocht dieser auch in den Privaten Küchen seiner Kunden. Was aber auch jeder SEHR GUTE Caterer und auch Restaurants anbieten.
    Für mich setzt die Aussage -Privatkoch- eine Festanstellung voraus. Das man sich Tag ein Tag aus im Privaten Bereich seiner Arbeitgeber bewegt und dieses nicht nur für eine erbrachte Dienstleistung von ein paar Stunden.
    Mit dieser „Berufsbezeichnung“ kann nicht jeder etwas anfangen, begleitet mich aber täglich. Daher wäre es doch schön wenn sich jeder so darüber informieren könnte, was die Schlagzeile des Artikels andeutet.

    MFG

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