Kantine des Monats: RWE Hamburg

Wie eine Mischung aus der Pop-Art-Kantine des Spie­gel­ver­lags und dem Spei­se­saal einer kali­for­ni­schen Senio­ren­re­si­denz an.

 

Schade, dass Jürgen Großmann erst seit 2007 Vorstandsvorsitzender des Versorgers RWE ist. Schließlich hat er als Besitzer des Restaurants La Vie (23 Sterne im Guide Michelin) in Osnabrück bewiesen, dass er Sinn für gutes Essen und tiefe Taschen zu dessen Finanzierung hat. Die Kantine der RWE in Hamburg existiert aber schon seit den 60er-Jahren. Damals wurden in der Hamburger City Nord moderne Büro- und Verwaltungskomplexe errichtet, riesige Bürobunker also, in die unter anderem die Deutsche Erd­öl AG (DEA – »Hier tanken Sie auf!«) einzog, die heute zur RWE gehört. Allerdings decken sich die Vorstellungen von Gestaltung und Arbeitsorganisation von damals kaum noch mit der aktuellen Architektur und zeitgemäßen Web 2.0-Arbeitsformen. Der Standort wird deshalb seit Jahren in Frage gestellt.

RWE Hamburg: Das war mal die Zukunft der Achitektur
RWE Hamburg: Das war mal die Zukunft der Achitektur

Der Architekt des RWE-Gebäudes ging davon aus, dass moderne Büroarbeiter keine Zeit fürs Treppensteigen oder das Warten auf Fahrstühle haben werden und hat deshalb Rolltreppen einbauen lassen. Diese lärmenden, energiefressenden Monster werden heute jedoch nur noch zur Mittagszeit in Betrieb genommen, wenn es die Mitarbeiter zur Kantine zieht.
Die mutet wie eine Mischung aus der Pop-Art-Kantine des Spiegelverlags und dem Speisesaal einer kalifornischen Seniorenresidenz an: künstliche Pflanzen, 70er-Jahre-Designelemente, gedeckte Farben. Runde und eckige Tische, manche unter einer Art Baldachin aufgestellt, lösen sich ab. Das alles wirkt freundlich angestaubt, so wie viele Mitarbeiter der RWE: Mit Energie lässt sich so viel Geld verdienen, da kann man es auch mal etwas langsamer angehen lassen.
Das Essen ist mehr als ordentlich: Die große Speiseauswahl kommt aus der eigenen Küche, es gibt auch frische Salate. Selbst wenn mittags mehr als 1000 Essen ausgegeben werden, ist alles reibungslos organisiert. Hier kann man sich getrost zum Essen einladen lassen. Und wenn es etwas weniger betulich zugehen würde, käme vielleicht auch Herr Großmann öfter mal vorbei.

Text: Serge Gorodish
Aus Effilee #10, Mai/Jun 2010
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