Herrn Paulsens Deutschstunde: Döner Kebab

Die Stadt schien nur aus Löchern zu bestehen, gerahmt von schiefen Bauzäunen, alles war grau. Beständig blies ein stechend kalter Wind, „aus Russland“ munkelten die, die hier schon länger lebten, überwiegend Schwaben. Ich zog nach Zivildienst und Mauerfall ebenfalls aus dem Schwäbischen nach Berlin – einfach, weil man das damals so machte. Wollte man etwas […]

Döner KebabDie Stadt schien nur aus Löchern zu bestehen, gerahmt von schiefen Bauzäunen, alles war grau. Beständig blies ein stechend kalter Wind, „aus Russland“ munkelten die, die hier schon länger lebten, überwiegend Schwaben. Ich zog nach Zivildienst und Mauerfall ebenfalls aus dem Schwäbischen nach Berlin – einfach, weil man das damals so machte. Wollte man etwas gelten in seinem Heimatdorf, zog man nach Berlin. Da war es dann ganz furchtbar. Die berühmte Berliner Schnauze bezeichnete zu jener Zeit eine Unfreundlichkeit und Verschlossenheit gegenüber Zugezogenen, die schon ins Autistische lappte. Wir Schwaben sammelten uns nach vollbrachtem Tagwerk in düsteren Kreuzberger Kaschemmen, tranken Tequila und tanzten mit sparsamen Wiegeschritten zu deprimierender Musik. Wir ernährten uns von Pizza­ecken und Mett-Schrippen, es gab nicht viel in der dunklen Zeit. Für Lichtblicke auf dem Nachwende-Speiseplan sorgten die Köche der dritten großen Bevölkerungsgruppe Berlins: Mit strahlendem Lächeln empfingen uns die türkischen Imbissbudenbetreiber zwischen Kottbusser Tor und Moritzplatz auch morgens um halb sieben: »Fruhstuck!«, riefen sie. »Mit oder ohne scharf?«
Gut gewürzte Fleischlappen, damals noch ausschließlich von Kalb und Rind, wurden mit saftigen Fettstücken auf einen Spieß geschichtet, aufrecht stehend drehte sich der Braten vor einer dreiteiligen, glühenden Heizdraht-Wand, das Fett schmolz, die ersten Zentimeter Fleisch wurden knusprig gegrillt und in butter­zarten Streifen auf Fladenbrot gehäuft. Salat gab es dazu, rohe Zwiebeln und Kraut, Joghurtsauce, scharfe ­Paprika-Chilisauce und Schafskäse, wenn gewünscht. Von Berlin aus entwickelte sich der Ur-Döner unaufhaltsam zum gesamtdeutschen Imbiss-Klassiker mit doppelter Staatsbürgerschaft: Die türkischstämmige Köstlichkeit wurde 1972 in Deutschland geboren, stolzer Döner-Vater ist Kadir Nurman. Der 79-Jährige servierte damals den ersten Döner Kebab am Bahnhof Zoo für 1,50 DM.
In der Türkei selbst gibt es Döner Kebab seit den 1940er-Jahren, eine Popularität vergleichbar mit der in Deutschland wurde im Heimatland jedoch nie erreicht. Die Deutschen sind verrückt nach Döner, 16 000 Dönerbuden zählte die Frankfurter Rundschau im vergangenen Jahr. Wo viel Fleisch, da auch viel Mist und der Döner Kebab gehört in seiner Bestform zu einer aussterbenden Art. Reine Kalbs-, Rinds-, oder Hammel-Drehspieße mit ganzen, geschichteten Fleischlappen (sogenannte Yaprak-Döner) sind selten geworden, überwiegend wird jetzt aus Hack, Brät und Fettstreifen geschichtetes Schabefleisch zum Schnäppchenpreis vertickt – wie überall, wo am Essen gespart wird, eine echte Zumutung. Und die seit dem BSE-Skandal von 2001 immer beliebter werdenden Hähnchen-Döner verbreiten nicht nur unter Salmonellen-Phobikern echte Gruselstimmung. Das findet auch Herr Nurman schrecklich, der anlässlich des 40. Jahrestages des deutschen Döners der Frankfurter Rundschau verriet, Hähnchenfleisch habe im Döner nichts zu suchen und überhaupt seien mittlerweile zu viele Zutaten im Döner, insbesondere Tomaten gehörten nicht hinein – die einzige Verbitterung im Leben des Döner-Erfinders. Dass er sich seinen Einfall damals nicht hat schützen lassen, sieht er lediglich mit leichtem Bedauern, er freut sich darüber, dass seine Landsleute heute so gute Geschäfte machen können und Millionen von Menschen seinen Döner lieben.

Zum Rezept: Döner Kebab

Text: Stevan Paul Foto: Andrea Thode
Meine Meinung …
Aus Effilee #22, Herbst 2012
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