Erzähltes Leben

Alles Müll?

Täglich landen in Deutschlands Supermärkten Tausende Tonnen essbarer Lebensmittel im Müll. Sie sind nicht mehr schön, nicht mehr frisch genug fürs Ladenregal. Doch wer sie wieder aus dem Müll holt, um sich davon zu ernähren, macht sich strafbar

Montagabend, 22.15 Uhr, Mitte März auf einem Bauwagenplatz am Stadtrand von Lüneburg. Feiner Hochnebel hängt in der Luft und reflektiert das orangerote Licht der Stadt. Vor einem etwa fünf Meter langen Bauwagen mit einem Verandavorbau aus alten Paletten sammeln sich ein paar Menschen. Leise Stimmen sind zu hören, eine Taschenlampe blitzt auf, Plastikwannen werden gestapelt, Handschuhe hervorgeholt. Lars, Tim und Fiona* machen sich bereit für ihre Tour. Sie wirken entspannt, als hätten sie alle Zeit der Welt. Fast liegt so etwas wie Vorfreude in der Luft, als gehe es auf eine nächtliche Schatzsuche. Ganz schief ist der Vergleich auch nicht – nur dass die Schätze, um die es geht, nicht im Boden vergraben sind, sondern in Mülltonnen.

  *Namen von der Redaktion geändert

»Nehmen wir das Auto? Passen da alle rein?«, fragt Lars, ein großer, schlanker Mann Anfang 50, Typ Abenteurer oder Freiheitskämpfer. Er ist dunkel gekleidet und trägt eine Stirnlampe auf dem Kopf. Die Leute passen hinein, aber der Kofferraum ist zu klein für alle Wannen. »Macht nichts«, sagt Tim. Er ist deutlich jünger als Lars, eher der Typ besonnener Denker. Glatte, braune Haare rahmen sein Gesicht. »Vielleicht finden wir unterwegs einen kleineren Karton. Das geht auch.« Tim ist flexibel, er ist es gewohnt, mit dem zu planen, was vorhanden ist. »Machen wir die kleine oder die große Runde?« Die Entscheidung ist schnell gefallen: Wenn sie schon mit dem Auto fahren, machen sie die große Runde. Denn meistens nehmen sie Fahrräder. »In unseren Fahrradanhänger passt mehr, als man denkt«, sagt Lars.

Die erste Station ist ein großer Edeka-Markt. Im Verwaltungstrakt brennt noch Licht, als das Auto auf den Parkplatz an der Rückseite des Marktes fährt. Rechtlich bewegt man sich in einer Grauzone, wenn man Müll aus fremder Läden Tonne holt. Aber die Containerer bleiben ruhig, selbst als die Bewegungsmelder anspringen, als sie auf die Mülltonnen zusteuern. »Wir gehen nicht im Dunkeln los, weil etwas Illegales im Deckmantel der Nacht geschehen soll, sondern weil viele Läden erst so spät schließen«, erklärt Lars.

Auf dem Hof reihen sich die Mülltonnen aneinander. Lars öffnet eine und leuchtet mit seiner Stirnlampe hinein. Die Tonne ist erstaunlich sauber. »Einen guten Lebensmittelmarkt erkennt man nicht nur daran, wie es im Laden aussieht, sondern auch an den Mülltonnen. Märkte wie Edeka und Rewe reinigen ihre Tonnen mehrmals die Woche. Bei Discountern klebt meistens schon eine Kruste innen an den Tonnen.« Aber es geht noch schlimmer: »Ärgerlich sind ein paar Supermärkte wie Kaufland, die ihre gesamten Abfälle in Presscontainer tun. Da bleibt nichts über, da wird auch nichts getrennt.«

Auch aus der gepflegten Edeka-Tonne strömt ein unverkennbarer Müllgeruch. Es kostet Überwindung, darin etwas zu suchen, selbst wenn man Handschuhe trägt. Aber es lohnt sich. Außerdem muss man nicht tief graben, um auf gutes Essen zu stoßen. Routiniert macht sich das Trio ans Werk – es ist fast wie Einkaufen. Aus der erste Tonne holen sie Obst und Gemüse: Äpfel, manche mit kleinen Druckstellen, aber durchaus essbar, Tomaten, mehrere Packungen eingeschweißte Pilze kurz vor Ablaufdatum.

Aus einer zweiten Tonne fischt Lars eingeschweißte Tiefkühl-Pizzen. »TK-Ware ist ein heikles Produkt beim Containern. Vor allem mit Fisch und Fleisch muss man vorsichtig sein. Aber im Winter sind die Sachen in der Tonne meistens kalt genug. Zweifelhafte Fleischgeschichten lassen wir liegen. Außerdem haben wir zwei Hunde auf dem Platz. Wenn etwas grenzwertig ist, bekommen die es.«

Fiona holt aus einer anderen Tonne frische Schnittblumen, Lars findet eine Packung Steaklets und mehrere Tüten Kroketten, alle an derselben Stelle aufgeschlitzt. »Die hat vermutlich ein Mitarbeiter beim Öffnen der Palette beschädigt.« Eine Plastikwanne ist inzwischen gefüllt, doch die Gruppe findet die Ausbeute eher mager.

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Die nächste Station ist Aldi. Der große Rollcontainer mit Restmüll ist nicht so sauber wie die Edeka-Tonnen. Er ist halb voll, und um an die noch intakten Joghurtpackungen zu kommen, die weiter hinten liegen, müsste man in den Container hineinklettern. »Das ist was für Hardcore-Leute«, sagt Tim. »Dazu gehören wir nicht.« Er weiß, dass das Mülltauchen nicht wirklich gesund ist: »Man kann mit spezieller Fototechnik nachweisen, wie viele Schimmelsporen in einer Mülltonne unterwegs sind, selbst, wenn die Tonne regelmäßig gereinigt wird. Die atmet man jedes Mal ein, wenn man sich drüber beugt.«

Die Mülltonnen stehen fein säuberlich aufgereiht vor dem Lebensmitteleinzelhandel …

Da klingelt Lars’ Telefon. Ein kurzes Gespräch, und er strahlt. »Beim Bioladen sieht es gut aus«, sagt er. Jemand aus dem Bauwagen-Netzwerk war mit dem Fahrrad unterwegs und hat mehr entdeckt, als er transportieren konnte. Also geht es weiter zum Biomarkt Vitalis. Die Tonnen sind relativ leer, doch dann entdeckt Fiona, was der Anrufer meinte: Vor dem Laden stehen zwei große Kartons, einer voller gutem, duftendem Biobrot, den Resten des Tagesverkaufs, ein weiterer mit Milchprodukten kurz vor Ablauf des Haltbarkeitsdatums. »Mit dem Bioladen stehen wir auf gutem Fuß«, erzählt Lars. Allmählich füllt sich der Kofferraum.

Einen Lidl an der Route lassen sie links liegen. »Da gehen wir nicht gerne hin. Die Müllcontainer sind eingeschlossen, es ist schwierig, dranzukommen.« Die letzte Station ist ein Rewe-Markt. Lars holt ein noch gefrorenes TK-Hähnchen aus einer Tonne, Ravioli mit Entenfüllung und mehrere Becher Sahne viele Tage vor Ablaufdatum. Einige Joghurts in der Tonne sind beschädigt, aber ein paar intakte Becher wischt Lars mit einem Taschentuch sauber. »Hier ist noch jede Menge«, sagt er. »Wie sieht es aus?« »Wir haben genug«, meint Tim mit einem Blick auf die gut gefüllte Wanne.»Wir nehmen nicht mehr, als wir brauchen«, erklärt er. »Und wir lassen immer etwas über, für die, die vielleicht nach uns kommen.«

Es ist kurz vor Mitternacht, der Kofferraum ist randvoll. Nach knapp anderthalb Stunden kehrt die Gruppe mit zwei Wannenladungen und zwei großen Kartons voller guter Lebensmittel zurück auf den Wagenplatz. Die Praxis, genießbare Lebensmittel aus dem Müll zu holen, ist nicht neu. Aber während es traditionell die Armen der Welt waren, die sich ihre Nahrung aus dem Abfall der Reichen besorgten, wächst seit einigen Jahren die Gruppe derjenigen, die aus politischer oder moralischer Überzeugung Lebensmittel aus Müllcontainern recyceln.

Sie sprechen von Dumpster Diving (Mülltauchen), Freeganismus (eine Wortschöpfung aus free und vegan) oder Containern. Ihre Gründe sind vielfältig: Sie protestieren gegen die Verschwendung, die in den reichen Industrienationen so alltäglich ist, dass sie kaum noch auffällt, gegen das kapitalistische System, gegen die negativen Folgen der Überproduktion für Umwelt und Klima oder gegen den Hunger in der Welt.

Ihren Ursprung nahm die Bewegung in den USA, von dort breitete sie sich nach Europa aus. In Internetforen tauscht man sich aus, über gute Fundorte oder wie man Schlösser knackt und sie hinterher wieder anbringt – schließlich soll nichts beschädigt werden. Es gehört zum guten Ton, den Müllcontainer sauberer zu hinterlassen, als man ihn vorgefunden hat.

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Auch den rund 15 Bewohnern des Lüneburger Bauwagenplatzes geht es beim Containern nicht in erster Linie ums Geld. Ich treffe Lars, Tim und dessen Freundin Ilka in Tims Wagen. Aus einem kleinen Ofen strömt mollige Wärme, vor dem Eingang hängt eine beige karierte Decke, in einem Regal stapelt sich ein Sammelsurium von Büchern. »Der Wagenplatz ist erst wenige Wochen alt. Deshalb sieht alles noch etwas unordentlich aus«, entschuldigt sich Lars. »Aber im Frühling wollen wir einen Garten anlegen.« Für die Erschließung des Bauwagengeländes haben die Bewohner 50 000 Euro gezahlt. Wasser- und Telefonleitungen funktionieren bereits, seit einigen Tagen auch der DSL-Anschluss.

Auf dem Tisch in der Mitte des Wagens stehen Kekse, Kaffee, Zucker und Milch. »Alles containert«, sagt Tim stolz. »Probier mal die Kekse.« Sie sind ein klein wenig weich, schmecken aber durchaus akzeptabel. Lars hat in seinem Leben schon diverse Jobs gehabt: als Rettungssanitäter, als Verfolger für ein Heißluftballonunternehmen und in einem VW-Werk.

»Ich bin Ende der Fünfzigerjahre geboren«, erzählt er. »Meine Mutter stammt aus Danzig, sie wurde nach dem Krieg vertrieben. Sie hat erlebt, dass es wirklich nichts zu essen gab, und uns Kindern deshalb immer gepredigt: Lebensmittel werden nicht weggeschmissen. Manchmal haben wir schimmeliges Brot gegessen – nicht, weil es kein besseres gab, sondern weil man nichts wegwirft. Einmal haben wir Kinder die Hühner mit Brot gefüttert. Wir fanden es lustig, wie sie pickten, und wussten gar nicht, was wir da taten. Als meine Mutter uns gesehen hat, hat sie uns verprügelt.«

»Als Jugendlicher war ich in den Ferien bei einem von der Kirche organisierten Jugendtreffen in Frankreich. Dort waren Wohlstandsjugendliche aus aller Welt, und deren Wegwerfmentalität hat mich erschüttert. Ich fand es nicht vertretbar, dass anderswo Menschen verhungerten, während vor unseren Augen gute Sachen weggeschmissen wurden. Also haben ich und einige andere uns vor die Müllcontainer gestellt und denen, die Essensreste wegschütten wollten, gesagt: Gebt uns das, wir essen es. Mit dem Containern habe ich erst Anfang 2000 angefangen. Jüngere Leute hatten die Idee, denen habe ich mich dann angeschlossen.«

»Man könnte sich komplett vom Containern ernähren«, sagt Tim, »aber wir kaufen auch bewusst bei denen ein, die wir unterstützen möchten, kleine Bioläden zum Beispiel. Außerdem sind wir in einer Food-Kooperative, über die wir Bio Lebensmittel aus der Region beziehen.«

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Radikal dogmatisch sind sie aber nicht. »Wenn wir etwas Spezielles haben wollen, kaufen wir es notfalls auch im Supermarkt.« Lars grinst. »Cola findet man zum Beispiel selten.« »Am häufigsten sind Bananen«, sagt Tim. »Die werden schnell braun, und dann kauft sie keiner mehr. Oft finden wir aber auch Früchte in tadellosem Zustand, noch nicht mal reif.« Ilka nickt.

»Oder Gemüse. Wenn etwas verpackt ist, zum Beispiel ein großer Beutel mit Möhren, und zwei sind braun, werden alle weggeschmissen – das ist billiger, als sie auszusortieren. Ähnlich ist es bei Eierkartons: Ein Ei ist kaputt, alle anderen sind noch gut, vielleicht ein wenig besudelt. Aber keiner kauft das noch, also wird es weggeschmissen.« Lars zuckt mit den Schultern.

»Der Konsument bezahlt im Supermarkt viel mehr, als das Produkt kostet, weil der Überschuss in den Preis eingerechnet wird. Meistens wird wegen Schönheitsfehlern oder dem Mindesthaltbarkeitsdatum aussortiert.« Das Haltbarkeitsdatum wird vom Hersteller festgesetzt: Es gibt an, bis zu welchem Datum sachgerecht aufbewahrte, original verpackte Lebensmittel ohne wesentliche Geschmacks- und Qualitätseinbußen und Gesundheitsrisiken mindestens gegessen werden können. Aber viele Lebensmittel sind auch danach essbar. Eine echte Höchstgrenze bezeichnet lediglich das Verbrauchsdatum auf Fisch, Fleisch und Eierprodukten.

Die containerten Lebensmittel werden auf dem Wagenplatz in der Speisekammer gelagert, einem kleinen Holzschuppen. Er ist für alle offen, jeder kann sich nehmen, was er braucht. Dafür geht jeder mal auf Container-Tour, immer zu mehreren. »Das macht einfach mehr Spaß.«

Ein Problem beim Containern ist die Rechtslage. Lebensmittelabfälle aus fremden Mülltonnen zu holen ist nach deutschem Recht streng genommen Diebstahl. Da es sich aber um Diebstahl geringwertiger Güter handelt, wird er strafrechtlich nur auf Antrag verfolgt, ähnlich wie Hausfriedensbruch.

Anders ist die Rechtslage in den USA, in Großbritannien oder Österreich. Dort gilt Müll als herrenlose Sache und darf, sobald er das Haus verlässt, durchwühlt werden – es sei denn, die Tonne ist durch ein Schloss gesichert. »Wir machen nichts, was nach unserem Empfinden eine Straftat ist«, sagt Lars. »Wenn vor einem Container ein Zaun ist, haben wir auch kein schlechtes Gewissen, drüberzusteigen. Aber es gibt genügend Tonnen, die offen zugänglich sind.«

In Deutschland gibt es nur selten Prozesse gegen Containerer. Meist bleibt es bei einer Ermahnung, wenn die Mülltaucher von Ladenmitarbeitern oder Wachdiensten gesehen werden. Lars hat es allerdings gerade anders erlebt. Als er nach Weihnachten einen Eimer mit Spekulatius aus der Mülltonne der Bäckerei Scholze holte, wurde er von Wachpersonal entdeckt, das die Polizei rief. Das Gericht wollte den Prozess einstellen, doch der leitende Oberstaatsanwalt bestand darauf, dass ein besonderes öffentliches Interesse bestehe. Am Ende wurde Lars zu einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen à 5 Euro verurteilt.

»Mit dem Containern hat das Urteil wohl wenig zu tun«, vermutet er, »mehr mit meinen sonstigen Aktivitäten, dem Anti-AKW-Protest und Umweltaktionen.« Er erzählt gelassen, fast ein wenig ironisch vom Prozess. An Auseinandersetzungen mit Behörden ist er gewöhnt. »Der Staatsanwalt hat mich auf dem Kieker, weil ich ein unbequemer Bürger bin. Inzwischen bin ich in Berufung gegangen, weil ich mit der Ungerechtigkeit nicht leben kann. Man hat mir vorgeworfen, ich wäre über den Zaun geklettert – dabei stand das Tor zum Bäckereigelände offen. Im Sommer geht der Prozess in die zweite Runde.«

Ob sie wissen, wie viel Lebensmittel in Deutschland weggeschmissen werden? Lars schüttelt den Kopf. »Mit Zahlen ist der Handel sehr zurückhaltend.« Er lehnt sich zurück. »Aber so viel ist sicher: In der Kalkulation des Handels ist ein bestimmter Anteil an Abfall eingeplant – und zwar ein ziemlich großer.« Wie zurückhaltend die Supermärkte mit ihrer Müllstatistik sind, erlebe ich einige Tage später, als ich die containerte Edeka-Filiale aufsuche.

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Der Markt ist riesig und an diesem Vormittag relativ leer. Ich wende mich an eine Mitarbeiterin, die gerade das Pastasortiment zurechtrückt, und erkläre mein Anliegen. Ihre freundliche Miene wird merklich starrer. »Da müssen Sie sich an die Marktleitung wenden.« Der Marktleiter, Herr Lange, empfängt mich mit einer unverkennbaren Journalisten-Abwimmel-Miene. Ich frage ihn, wie viele Lebensmittel in seinem Laden weggeworfen werden. Er schüttelt nur knapp den Kopf. »Keine Auskunft.«

Um die tatsächliche Menge an genießbaren Lebensmitteln zu ermitteln, die vernichtet werden, braucht es Hartnäckigkeit und langen Atem. Der Brite Tristram Stuart ist für die Nachforschungen zu seinem Buch Waste: Uncovering the Global Food Scandal, das Anfang 2011 auch auf Deutsch erschienen ist, durch die ganze Welt gereist.

Auch der deutsche Regisseur Valentin Thurn ist der Lebensmittelverschwendung in verschiedenen Ländern auf den Grund gegangen. Daraus entstand der Dokumentarfilm Frisch auf den Müll, der Anfang des Jahres auf der Berlinale präsentiert wurde und im Sommer 2011 in die deutschen Kinos kommen soll. Bereits vor zwei Jahren drehte Thurn Gefundenes Fressen, die erste Dokumentation im deutschen Fernsehen über das Containern.

»Dass das Thema Lebensmittelverschwendung problematisch war, habe ich vorher gewusst«, erzählt er. »Aber als ich dann mit jungen radikalen Mülltauchern unterwegs war, hat mich doch die Menge schockiert, die weggeworfen wurde.« Also hat er nachgebohrt. »Bislang gibt es in Europa nur wenige wissenschaftliche Studien zum Thema, zum Beispiel aus Österreich, wo Felicitas Schneider am Institut für Abfallwirtschaft der Wiener Universität für Bodenkultur forscht. Von Supermärkten bekommt man kaum Antworten. Viele sagen, es sei schlecht fürs Image, die Zahlen publik zu machen, andere erzählen glatte Lügen: dass sie die Reste an die Tafeln geben, ohne es wirklich zu tun. In einem Markt, in dem wir gefilmt haben, kam die Tafel zum ersten Mal, extra für die Kamera.«

Die Zahlen, die Thurn ermittelt hat, sind erschütternd: Mehr als die Hälfte der Lebensmittel landet, noch genießbar, im Müll. In Deutschland sind das jedes Jahr 10 bis 20 Millionen Tonnen, EU-weit etwa 90 Millionen Tonnen. Allein 500 000 Tonnen Brot werden in Deutschland alljährlich weggeworfen, denn jeder Bäcker produziert 10 bis 20 Prozent mehr als benötigt. Mit dem Überschuss könnte ganz Niedersachsen versorgt werden. Knapp die Hälfte wird zu Tierfutter verarbeitet.

Vieles landet bereits im Müll, bevor es die Regale des Supermarkts erreicht, geschweige denn den Teller des Verbrauchers: krumme Gurken, zu kleine Kartoffeln, Tomaten mit einem unerwünschten Rotton, Bananenfruchtstände mit der falschen Anzahl von Früchten. Sie verstoßen gegen zahlreiche Normen, die die Maße für Obst und Gemüse vorschreiben und oft auf Wunsch des Handels eingeführt wurden, denn einheitliche Produkte sind einfacher zu stapeln, zu sortieren, zu scannen. Die berüchtigte Gurkennorm ist inzwischen von der EU wieder abgeschafft worden, doch am Ergebnis ändert das nicht viel: Es kommen trotzdem nur gerade Gurken in die Regale. »Wenn wir in den Industrieländern die Lebensmittelverschwendung um die Hälfte reduzierten, hätte das auf das Weltklima denselben Effekt, als ob wir auf jedes zweite Auto verzichten«, errechnet Thurn in seiner Dokumentation.

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Ich fahre zu dem Lüneburger Biomarkt Vitalis, wo die fertig gepackten Kartons standen. Der Markt macht einen hellen, sauberen Eindruck, auf 225 Quadratmetern gibt es Bio-Feinkost und Waren für den täglichen Gebrauch. Verian Piencka, der Inhaber, ist ein großer, schlanker Mann mit grau meliertem Bart. Wie seine Mitarbeiter trägt er eine grüne Arbeitsschürze, gemeinsam mit ihnen steht er im Laden. Er ist bereit, sich mit mir zu unterhalten, und bittet mich freundlich in sein kleines Büro.

Genaue Zahlen, wie viel noch essbare Lebensmittel beim Vitalis-Markt im Müll landen, will Piencka nicht nennen. Aber er versucht, wenigstens einen Teil des Überschusses sinnvoll zu verwenden. »Lebensmittel, die nicht mehr verkauft werden können, stelle ich manchmal abends für Bedürftige vor die Tür. Allerdings erst nach Ladenschluss und meist auf Anruf, oder wir vereinbaren einen festen Tag.« Piencka möchte das nicht an die große Glocke hängen, schließlich ist er auf zahlende Kunden angewiesen – würde er regelmäßig alle aussortierten, aber verwertbaren Produkte vor die Tür stellen, würde er weniger einnehmen. »Nach Resten für Tierfutter kann man allerdings auch tagsüber im Laden fragen.«

»Mir ist auch wichtig, dass zwischen mir und meinen Mitarbeitern Vertrauen herrscht«, erzählt er. »Meine Mitarbeiter dürfen abends Brot oder Produkte, die wegen Schönheitsfehlern oder Haltbarkeitsdatum aussortiert werden müssten, mit nach Hause nehmen. Das funktioniert bei uns anders als bei anderen Märkten, wo die Marktleiter Angst haben, dass ihre Mitarbeiter zu viel bestellen, wenn sie Dinge mitnehmen dürfen. Nicht einmal beschädigte Ware wird dort mitgegeben.« Pienckas Praxis ist aber längst nicht in allen Biomärkten üblich.

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Manche Aktivisten nutzen die containerten Lebensmittel für Volxküchen, zur Verpflegung bei Demonstrationen und politischen Aktionen. Andere veranstalten öffentliche Essensausgaben: Tristram Stuart hat im Dezember 2009 auf dem Londoner Trafalgar Square 5000 Menschen mit Currys, Smoothies und drei Tonnen Obst und Gemüse versorgt – aus Lebensmitteln, die sonst im Müll gelandet wären.

Der Gedanke, dass es Essen umsonst gibt, ist für viele Menschen ungewöhnlich. Tief sitzt die Vorstellung, dass der Preis und der Wert einer Sache aneinandergekoppelt sind. Diese Erfahrung machen auch die Aktivisten im Hamburger Umsonst-Laden. Jedes Jahr veranstalten sie ein Sommerfest, an dem es auch kostenloses Essen gibt. Zuvor sammeln sie bei Supermärkten, Bäckern und Gemüsehändlern Reste und Spenden ein.

Aynur Seber fragt vor dem Fest seit drei Jahren bei einem Edeka-Markt nach Waren, die sonst im Müll landen. »Beim ersten Mal haben wir einen ganzen Rollwagen voll bekommen, vor allem Obst und Gemüse. Vieles war wirklich müllreif, wir haben aussortiert, was noch zu gebrauchen war. Im Jahr darauf haben wir insgesamt weniger bekommen, dafür waren die Lebensmittel schon vorsortiert. Es war viel mehr Trockenware dabei, teils sehr hochwertige Sachen, zum Beispiel Bio-Chips und Restschokolade von Ostern. Im letzten Jahr hatte der Inhaber vergessen, etwas beiseitezustellen. Ich kam ein, zwei Stunden zu spät, als schon alles in der Tonne war. Dem Marktleiter tat es sehr leid. Ich habe nachgefragt und signalisiert, dass ich die Sachen auch aus dem Container gefischt hätte. Aber darauf ist er nicht eingegangen.«

Auch bei einer Filiale des Hamburger Schanzenbäckers fragt Seber für das Fest regelmäßig nach Resten. »In den beiden letzten Jahren haben wir mehrere Kisten voller Gebäck, Kuchen und Brot bekommen, alles tadellos. Ich war schon ein bisschen erschrocken, wie viel die anscheinend übrig haben. Und ich musste daran denken, wie ich als Kind beim Bäcker immer am Hintereingang gewartet habe, wo es die Reste gab: trockene Kuchenränder, über die ich mich königlich gefreut habe.«

Im vergangenen Jahr hat die Küchenschicht auf dem Umsonstfest etwa 600 bis 700 Essen aus Lebensmittelresten und Spenden ausgegeben. »Ein paar Dinge haben wir auch gekauft, weil wir uns vorher einen Plan gemacht hatten, was wir kochen wollten«, erzählt Michael Jung, ein weiterer Aktivist im Projekt. Das Essen ist sehr gut angekommen. »Vor zwei Jahren hatten wir Falafel. Letztes Jahr gab es Linsendal mit Reis, Gazpacho, Couscous mit Joghurt, Spaghetti mit Sojabolognese und natürlich Crêpes. Die machen wir jedes Jahr, nicht nur für die Kinder.«

Die Leute wundern sich oft, dass es das Essen umsonst gibt. »Viele spenden etwas, manche aus einer Art Pflichtgefühl heraus, etwas geben zu müssen. Aber das möchten wir nicht, es soll freiwillig sein.« Am späten Abend, wenn die Küchenschicht müde, aber glücklich ihren Stand zusammenräumt, sind kaum noch Essensreste übrig. Ein wenig Obst und Gemüse vielleicht. Das wird aufgeteilt, im Müll landet nichts. Und alle sind satt und zufrieden.

Denn eigentlich ist genug für alle da, das sehen die Umsonstladen-Aktiven genauso wie die Gruppe vom Lüneburger Bauwagenplatz. Es ist nur eine Frage der Verteilung.

Text: Maike Steenblock

aus Effilee #16

8. September 2011Von Shoko Homma
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3 Kommentare

  1. Am 22. August 2013 um 18:57 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Hallo
    ich finde diesen Text sehr interessant. Da ich eine Masterarbeit schriebe über das Thema Lebensmittelverschwendung, passt der Text „alles Müll?“ Sehr gut. Nun hätte ich gerne gewusst wie in der Zeitung die Saitenanzahl ganz konkret ist? Ist es von Seite 84 bis 90? Ich würde mich sehr über eine Antwort freuen. Vielen Dank. Sie würden mir sehr helfen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Katharina Gertz

    • Joe
      Am 23. August 2013 um 14:17 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Lebensmittel sollten nicht verschwendet werden, das steht doch ausser Frage; aber die Zahlen, die bisher in der breiteren Diskussion dieses Themas genannt werden, halten der Überprüfung nicht stand, sind oft sogar falsch oder zumindest irreführend. Das hat Ludger Fischer im aktuellen „Journal Culinaire“ (# 16, S. 129 ff.) nachgewiesen.

      Vor allem verschiebt sich dadurch der Fokus unpolitisch – teilweise sogar reaktionär – weg von der hauptverantwortlichen politischen Ebene sowohl der EU, als auch der Bundesregierung: Dort wurden nämlich etliche der Rahmenbedingungen erst geschaffen, die zu problematischen Folgen geführt haben. Isoliertes individuelles Handeln kann diese Problemlage nicht beseitigen, ist – ähnlich der Tafel-Bewegung – sogar in der Gefahr, die Grundproblematik zu erhalten, indem es die genannten politischen Institutionen von eigenen Handlungsnotwendigkeiten zumindest teilweise entlastet.

    • Dirk Müller
      Am 26. August 2013 um 12:35 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Hallo Frau Gertz,

      Seite 84 bis 91 ist korrekt.

      liebe Grüße aus der Redaktion

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