Menschen

Der ganz normale Wahnsinn

Über die Kneipiers Anna und Helge Becker

Die Uhr tickt – und Anna und Helge Becker sind wie jeden Nachmittag im Stress. Es ist 17 Uhr, in einer Stunde wird ihre kleine Kneipe Bei Mir am Kölner Eifelplatz voller Gäste sein. Die Chefin und Köchin Anna (60) thront ganz in schwarz, mit weißer Latzschürze auf der Empore, rechts neben der Theke. Als ich sie anspreche, denkt sie zuerst, ich möchte einen Tisch reservieren: »Wer? Wann? Was? Wie viele? Weihnachtsfeier? Geburtstag?« Ihr Blick ist fordernd, ihre Stimme nicht zu überhören. »Ein Gespräch? Jawoll, ich melde mich, wenn es passt!«

Rechteinhaber: Manuela Rüther, Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee

Helge Becker, der Wirt des Bei Mir, bricht jeden Abend erneut alle Servierrekorde

Anna verschwindet entschlossen in der Küche. Ihr Mann Helge, der 63-jährige Wirt des Bei Mir, bleibt etwas ratlos hinter der Theke zurück. Ja richtig, seit 21 Jahren betreibe er das Bei Mir. 1988 habe er es übernommen und zu einer Künstlerkneipe umgestaltet. Helge wirkt nervös, er wühlt beim Reden im Schrank, sucht den Kellerschlüssel und schreckt schließlich mitten im Satz hoch, weil Anna mit der Küchenglocke nach ihm klingelt. »Helge! Rotwein! Komm, mach hin!« Helge schnappt sich eine Flasche Rotwein und springt durch die Schiebetür in die Küche.

Als er zurück ist, berichtet er in Fragmenten, wie er sich in den 70ern bei den Jungdemokraten engagiert hat: »Also, ja, Demos, Hausbesetzungen, Studentenparlament, das ganze Programm. Freiburger Thesen. Zum Geldverdienen in Kneipen gearbeitet, statt fertig zu studieren …« Eine zweite Klingelorgie aus der Küche. Helge verdreht die Augen. Zu spät. Anna steht prustend vor ihm: Sie habe doch gesagt, sie melde sich, wenn es passt. Jetzt sei eben nicht der richtige Zeitpunkt für ein Gespräch: »Weihnachten, Silvester, dann der Umzug … Und gleich ist die Bude voll und nichts fertig. Du weißt das aber auch, Helge!« Sie verschwindet. Stille.

Trenner

Helge zuckt mit den Schultern. Seine Frau meine das nicht so. Im Moment sei es eben stressig, wegen des Umzugs: Ihr Pachtvertrag sei nicht verlängert worden. Deshalb müssten sie das Bei Mir demnächst leider bestatten und nach mehr als 20 Jahren mit Sack und Pack in eine andere Kneipe umziehen. Der graubärtige Mann, der auch in eine Hafen-Kaschemme passen würde, schüttelt den Kopf. Er zeigt auf ein Plakat mit einem schwarzen Sarg und der Überschrift: Beerdigung von Bei Mir. Doch heute wird Helges und Annas Wohnzimmer noch mal richtig voll. Handwerker in Latzhose stehen mit ihrem Feierabendbier an der Theke, einsame Künstler lesen Zeitung, Kapuzenpullis treffen sich zum Stammtisch, und fast jeder bestellt etwas von der wöchentlich wechselnden, grund­soliden Speisekarte. Helge hastet mit Bleistiften hinter den Ohren zwischen Gästen, Zapfhahn und Annas Küchenglocke hin und her. Manchmal verdreht er die Augen, murmelt vor sich hin: »Ähhh dies, dat, wat wollt isch noch?« Zwischendurch erzählt er: »Ja, ja, es treten regelmäßig Künstler auf. Bands, Puppenspieler. Ausstellungen haben wir auch da auf unserer kleinen Bühne. Wir nehmen auch an der Literaturnacht teil. Und veranstalten Kindertheater.« Er mache außerdem Kabarett, die Texte schreibe er selber. Was ihm so einfalle, Persönliches über das Leben, die Liebe und so. Das sei aber alles auf der Internetseite nachzulesen. Anna streckt den Kopf aus der Küchentür. Eine Frau am Nebentisch steht auf und ruft: »Danke, Anna, tolle Seezunge!« Die Köchin nickt wohlwollend.

Das Kochen habe sie sich selber beigebracht, wird die gelernte Bürokauffrau beim nächsten Treffen erzählen. Anfangs sei ihr sogar das Kaffeewasser angebrannt. »Essen muss lecker schmecken und die Zutaten müssen stimmen. Fleisch und Gemüse kaufe ich bei befreundeten Bauern und den Wein beim Winzer.« Eine einfache Kneipe mit guter Küche, das sei immer ihr Traum gewesen, resümiert die Saarländerin. »Aber den Kölnern verständlich zu machen, dass es hier mehr als Frikadellen mit Kartoffelsalat gibt, das war ein Kraftakt.«

Während Anna all das erzählt, sitzt sie an der gleichen Stelle wie beim ersten Besuch. Nur dass dort, wo früher Tische standen, jetzt ein Haufen Werkzeug liegt. Die Kneipe ist leer, Theke und Schränke sind verschwunden. Kabel hängen aus den blanken Wänden, Rohre ragen aus dem Betonboden. Helge reißt die letzten Teile der morschen Holzverkleidung von den Wänden. »Wir haben alles mitgenommen: den Holzfußboden, die Schränke, die Theke. Das ist alles schon im neuen Bei Mir, ein paar Straßen weiter.« Er hat richtig gute Laune. »Natürlich waren wir nach dem Rauswurf stinksauer. Aber jetzt freuen wir uns, dass wir in einem Alter, in dem andere an die Rente denken, noch mal ganz neu anfangen können.« Sie wollen nicht aufhören? »Nee, wir machen, solange es geht.«

Anna nimmt ihren Mann, der sich mittlerweile neben sie gesetzt hat, in den Arm. Die beiden wirken unglaublich entspannt. »Na ja, wir haben zwei Gesichter: ein Arbeitsgesicht und ein Privatgesicht«, sagt Anna lachend. »Aber im Kneipenalltag und in der Küche musst du immer dranbleiben. Sobald dich einer abgelenkt, kannste wieder von vorne anfangen. Oder, Helge?« Sie gibt ihrem Mann einen dicken Kuss und erzählt, wie sie sich 1997 mit 47 Jahren »unsterblich« in ihn verliebt habe. »Schließlich haben wir uns nachts um halb zwölf hier in der Küche verlobt. In Kochklamotten.«

Text und Foto: Manuela Rüther

aus Effilee #9 März/April 2010

11. Februar 2010Von Ela Ruether
Dieser Beitrag wurde in Menschen veröffentlicht und getaggt . Kommentieren oder einen Trackback hinterlassen: Trackback-URL.

Einen Kommentar hinterlassen

Ihre E-Mail wird niemals veröffentlicht oder weitergegeben.

Sie können diese HTML-Tags und -Attribute verwenden <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

  • Jetzt portofrei bestellen!

    Effilee 37 – jetzt portofrei bestellen!