Zwei Weine

Treffen sich zwei Weine

Die­ses Mal: Bil­lig und teuer

Die Frage ist berech­tigt: Warum soll man für Wein, ein Pro­dukt, das man für 2,50 Euro bekom­men kann, das Zehn-, wenn nicht das Hun­dert­fa­che aus­ge­ben? Bezahlt man da nicht nur den Namen? Die wesent­li­chen Bestand­teile sind iden­tisch: Was­ser, Alko­hol, etwas Zucker, etwas Säure, ein paar Gerb­stoffe. Und zwar egal, ob es sich um einen Wein von Aldi han­delt oder um einen jener edlen Trop­fen, von denen man im Wein­ma­ga­zin Fine liest.

Treffen sich 2 Weine

Tref­fen sich 2 Weine

Inter­es­sant ist, dass viele Men­schen den­ken, man müsse Wein­ken­ner sein, um die Unter­schiede zu mer­ken. Da ginge es doch um Fein­hei­ten. Dage­gen spricht das Phä­no­men, das die Fran­zo­sen La Verité de la Bou­teille Vide nen­nen, die Wahr­heit der lee­ren Fla­sche: Ob auf Par­tys oder bei Wein­pro­ben, der bes­sere Wein ist immer zuerst aus­ge­trun­ken.

Was also macht den Unter­schied aus? Zunächst mal das was rein­kommt, in den Wein. Als grobe Regel kann man sich mer­ken: Je teu­rer ein Wein ist, desto genauer ist fest­ge­legt, wel­che Trau­ben dafür ver­ar­bei­tet wer­den. Das geht so weit, dass bei man­chen Wei­nen sogar die ein­zelne Par­zelle defi­niert ist, die viel­leicht nicht grö­ßer ist als ein Ten­nis­platz. In sehr ein­fa­che Tafel­weine kom­men hin­ge­gen Trau­ben aus ver­schie­de­nen Län­dern, Anbau­ge­bie­ten und von ver­schie­de­nen Rebsorten.

Nun könnte man den­ken, dass das dazu führt, dass der ein­fa­che Wein öfter unter­schied­lich schmeckt, der teure dage­gen immer gleich. Das Gegen­teil ist der Fall. Durch die große Pro­duk­ti­ons­menge kön­nen Unter­schiede zwi­schen ver­schie­de­nen Trau­ben­sor­ten rela­tiv leicht aus­ge­gli­chen wer­den. Wer aber auf eine Par­zelle fest­ge­legt ist, muss neh­men, was die Ernte her­gibt und dar­aus das Beste machen.

Im Prin­zip ist das der wesent­li­che Unter­schied: Der ein­fa­che, bil­lige, indus­tri­ell her­ge­stellte Wein soll mög­lichst ein­heit­lich sein, der teure Wein mög­lichst indi­vi­du­ell, und die Indi­vi­dua­li­tät ent­steht schon im Wein­berg. Die vie­len aro­ma­ti­schen Stoffe, die den Wein inter­es­sant machen, Mine­ra­lien, kom­plexe orga­ni­sche Ver­bin­dun­gen, rei­chern sich übri­gens vor allem dann in den Trau­ben an, wenn die Pflanze es nicht allzu leicht hat. Viele die­ser Stoffe die­nen näm­lich als Schutz vor zu viel Sonne und vor dem Austrocknen.

Wer also einen indi­vi­du­el­len, gar einen gro­ßen Wein her­stel­len will, muss des­halb den Ertrag men­gen­mä­ßig begren­zen und schon des­halb spä­ter mehr Geld für jede Fla­sche Wein neh­men. Wer aber schon weiß, dass er viel Geld für sei­nen Wein ver­lan­gen kann, weil er aus einer bekann­ten Lage mit einem gro­ßen Namen stammt, der kann es sich auch leis­ten, viel Arbeit hin­ein­zu­ste­cken. Er kann zum Bei­spiel die Reben von Hand schnei­den und bin­den, nur eine bestimmte Menge Blät­ter ste­hen las­sen, die Bee­ren ein­zeln von den Stän­geln pflü­cken, war­ten, bis der Most von allein an– fängt zu gären, Fäs­ser aus teu­rer Eiche verwenden.

Am Geld hängt auch bekannt­lich die Illu­sion der Ver­gleich­bar­keit. Eine Fla­sche für 50 Euro ist exakt zwan­zig­mal so teuer wie eine für 2,50 Euro. Schmeckt sie des­halb auch zwan­zig­mal bes­ser? Kann man so natür­lich nicht sagen. Aber wäh­rend man bei der bil­li­gen Fla­sche weiß, was einen erwar­tet, könnte man bei der teu­ren rich­tig Glück haben und einen ein­ma­li­gen Moment erle­ben, der den Ein­satz alle­mal lohnt.

Text: Vijay Sapre

aus Effi­lee #14, Januar/Februar 2010

18. April 2012
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