Messer Wissen

Perfekt Messer schleifen

Ein gutes Küchen­mes­ser sollte so scharf sein, dass es ohne Druck durch das Schneid­gut glei­tet und glatte Schnitt­flä­chen hin­ter­lässt. Dafür braucht es eine dünne, ebene Klinge mit einem klei­nen Schneidenradius

Text: Shoko Homma Fotos: Andrea Thode Illus­tra­tion: Effi­lee Aus­stat­tung: Kochmesser.de



Fred Nowack kann Mes­ser schlei­fen. Er ist Betriebs­lei­ter des Ham­bur­ger Restau­rants Bul­le­rei und ver­wen­det in sei­ner Küche über­wie­gend japa­ni­sche Mes­ser, weil er von ihrer Schärfe über­zeugt ist. Ihre Klin­gen beste­hen tra­di­tio­nell aus har­ten Stahl­sor­ten mit einem hohen Koh­len­stoff­an­teil, sind dünn geschmie­det und die Schnei­den in einem Win­kel von 10 bis 15 Grad zu einem spit­zen V geschlif­fen. Bei beid­sei­tig geschlif­fe­nen Mes­sern erge­ben die Win­kel einen Schnei­den­ra­dius von bis zu 30 Grad, bei ein­sei­tig geschlif­fe­nen Mes­sern bleibt er bei etwa 15 Grad. Des­halb sind diese beson­ders scharf und vor allem für feine Arbei­ten bei schräg geführ­tem Schnitt geeignet.

Rechteinhaber: Andrea Thode, Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee

Japa­ni­sche Mes­ser schlei­fen: Schneide auf die Dia­go­nale des Steins rich­ten und eine Münze unter den Mes­ser­rü­cken legen, sodass nur die Schneide den Stein berührt. Schneide ent­lang der Dia­go­nale vor und zurück führen

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Nach etwa 20 Wie­der­ho­lun­gen Mes­ser umdre­hen. Etwa acht Schleif­be­we­gun­gen aus­füh­ren, danach die Schärfe prüfen.

»Japa­ni­sche Mes­ser ver­lie­ren ihre Schärfe rela­tiv schnell, man bekommt sie aber ganz leicht wie­der scharf. Wenn man sie etwa ein Mal pro Monat auf dem Schleif­stein nach­schärft, hat man mit wenig Auf­wand jeder­zeit ein schar­fes Mes­ser zur Hand«, meint Nowack. »Für den Anfang emp­fehle ich einen Schleif­stein mit der Kör­nung 1000. Man darf nie­mals ver­ges­sen, den Stein eine Vier­tel­stunde vor Gebrauch in kal­tes Was­ser zu legen, damit sich die Schleif­par­ti­kel gleich­mä­ßig lösen – sie erge­ben mit dem Was­ser das Schleif­mit­tel«, erklärt der Fach­mann. Des­halb muss der Stein auch wäh­rend des Schlei­fens öfter ange­feuch­tet wer­den: »Am bes­ten legt man ihn auf ein feuch­tes Küchen­tuch, damit er nicht ver­rutscht, und stellt eine Schale mit Was­ser daneben.«

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Wich­tig beim Schlei­fen ist, dass die gesamte Fase, das heißt die abge­schrägte Flä­che, per­ma­nent Kon­takt mit dem Stein hat, damit über ihre gesamte Länge gleich­viel Mate­rial abge­tra­gen wird. Dafür muss das Mes­ser exakt im Schnei­den­win­kel auf dem Stein auf­lie­gen. Für beid­sei­tig geschlif­fene Mes­ser kennt Nowack einen ein­fa­chen Trick: »Anfangs kann man sich behel­fen, indem man eine kleine Münze zwi­schen Mes­ser­rü­cken und Stein legt, damit nur die Schneide auf dem Stein auf­liegt. Dann legt man die Münze bei­seite und ver­sucht wäh­rend der Schleif­be­we­gun­gen genau die­sen Win­kel ein­zu­hal­ten.« Bei ein­sei­tig geschlif­fe­nen Mes­sern muss die gesamte Fase und die unge­schlif­fene Seite mit der gesam­ten Flä­che auf dem Stein auf­lie­gen.
Mit der rech­ten Hand hält er den Griff und zieht das Mes­ser mit der Schneide über die Dia­go­nale des Steins vor und zurück. Mit Dau­men, Zeige– und Mit­tel­fin­ger der lin­ken Hand hält er die Schneide auf dem Stein und geht füh­rend mit der Klinge mit. Nach etwa 20 Wie­der­ho­lun­gen dreht er das Mes­ser um. »Rechts­hän­der fan­gen mit der rech­ten Klin­gen­seite an und schlei­fen sie im Ver­hält­nis von etwa 70 zu 30 Pro­zent zur lin­ken Seite. Links­hän­der schlei­fen im umge­kehr­ten Ver­hält­nis«, rät Nowack.
Anschlie­ßend wird das Ergeb­nis geprüft: »Man legt das Mes­ser mit der Schneide auf eine reife Tomate und zieht es vor­sich­tig mit den Fin­ger­spit­zen zu sich. Die Klinge ist scharf genug, wenn sie es schafft, nur mit ihrem Eigen­ge­wicht durch die Tomate zu glei­ten.« Schließ­lich kann man die bei­den Arbeits­schritte auf einem fei­ne­ren Stein wie­der­ho­len, um die Schneide glatt zu polie­ren.
Ein bes­se­res Schlei­f­er­geb­nis erhält man, indem man das Mes­ser auf dem Stein nicht par­al­lel zur Schneide son­dern senk­recht gegen sie über die gesamte Länge des Steins führt. Dabei arbei­tet man sich von der hin­te­ren Schnei­den­kante bis zur Spitze abschnitts­weise vor, bis auf der ande­ren Seite der Klinge ein nicht sicht­ba­rer, aber fühl­ba­rer Grat ent­stan­den ist. Dann dreht man das Mes­ser um und schleift die­sen eben­falls Abschnitt für Abschnitt weg. Die Spitze sollte in einem grö­ße­rem Win­kel nach­be­ar­bei­tet wer­den. Mit die­ser Tech­nik ist es jedoch deut­lich schwie­ri­ger, die Klinge über ihre gesamte Länge gleich­mä­ßig zu schleifen.

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Rechteinhaber: Andrea Thode, Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee

Euro­päi­sches Mes­ser abzie­hen: Spitze des Abzieh­stahls auf ein feuch­tes Tuch able­gen. Mes­ser im rech­ten Win­kel an den Stahl legen und den Win­kel zwei Mal halbieren

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Vom Kropf zur Mes­ser­spitze am Stahl ent­lang­füh­ren (5, 6), dabei den Win­kel ein­hal­ten. Für die rechte Klin­gen­seite das Mes­ser von unten am Stahl ansetzen.

Rechteinhaber: Andrea Thode, Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee

 

Die Klin­gen euro­päi­scher Mes­ser beste­hen aus zähen, rost­freien Stahl­sor­ten und wei­sen einen soge­nann­ten U-Schliff mit nach außen gewölb­ten Fasen in einem Win­kel von 20 bis 25 Grad auf. Dadurch sind sie robus­ter und weni­ger scharf, hal­ten aber ihre anfäng­li­che Schärfe län­ger. Auf­grund des wei­che­ren Stahls jedoch knickt der äußerste Rand der Schneide, der Grat, leicht um, des­halb muss die­ser regel­mä­ßig an einem fei­nen Abzieh­stahl auf­ge­rich­tet wer­den. Dafür zieht man das Mes­ser ohne Druck vom Kropf zur Spitze gegen die Schneide über die gesamte Länge des Stahls und hält dabei den Schnei­den­win­kel ein.
Um euro­päi­sche Mes­ser zu schär­fen, benö­tigt man eine gerun­dete Schärf­bank oder Kera­mik­schleif­stäbe und führt dort die­sel­ben Bewe­gun­gen wie beim Abzie­hen aus. Doch für die meis­ten lohnt es sich eher, sie etwa ein Mal im Jahr zum pro­fes­sio­nel­len Schleif­dienst zu brin­gen, wo der Schliff an einem Band­schlei­fer neu ange­setzt wird.
Ein schar­fes Mes­ser erleich­tert nicht nur das Schnei­den, es spart Zeit auch und beugt Ver­let­zun­gen durch Abrut­schen vor – Mar­len Klammt, Exper­tin vom Mes­ser­im­por­teur Kochmesser.de, bedau­ert, dass im Groß­teil der Haus­halte und sogar in man­chen Restau­rant­kü­chen stumpfe Klin­gen ver­wen­det wer­den: »Akku­rat geschnit­tene Lebens­mit­tel sind nicht nur ästhe­ti­scher, son­dern behal­ten auch mehr Geschmack und Inhalts­stoffe: Ein schar­fes Mes­ser beschä­digt nur wenige Zel­len, sodass die äthe­ri­schen Öle oder der Fleisch­saft im Schneid­gut ver­blei­ben.« Sogar das Zwie­bel­schnei­den berei­tet mit einem schar­fen Mes­ser weit­aus weni­ger Tränen.

FRED NOWACK kam 1964 im Spreewald zur Welt. Er gibt seine Leidenschaft auch mit Leidenschaft in Kochkursen weiter. www.kochmesser.de www.bullerei.com

FRED NOWACK kam 1964 im Spree­wald zur Welt. Er gibt seine Lei­den­schaft auch mit Lei­den­schaft in Koch­kur­sen wei­ter. www.kochmesser.de www.bullerei.com

Härte des Stahls
Die Härte des Stahls wird anhand der Rockwell-Skala C (HRC) ange­ge­ben. C steht für den Prüf­kör­per cone, einen Kegel aus Dia­mant mit einem Spit­zen­win­kel von 120 Grad, des­sen Spitze zu einem Radius von 0,02 Mil­li­me­tern abge­run­det ist. Die­ser wirkt mit der Gewichts­kraft von auf­ge­run­det 130 Kilo­gramm auf den Stahl ein. Seine Ein­dring­tiefe wird in der Ein­heit von 2/1000 Mil­li­me­tern ange­ge­ben. Die­ser Wert wird von der Zahl 100 abge­zo­gen, damit die Härte mit dem Zah­len­wert steigt. Die Klin­gen euro­päi­scher Mes­ser wei­sen eine Härte von 52–56 HRC auf, die Schnei­den japa­ni­scher Mes­ser eine Härte von 56–65 HRC.

Kör­nung des
Schleif­steins
Die Kör­nung gibt die Fein­heit des Schleif­mit­tels an. Die Zahl ent­spricht der Anzahl der Maschen pro Qua­drat­zoll eines Sie­bes, durch wel­ches das Schleif­mit­tel pas­siert. Man ver­wen­det Steine der Kör­nung 200–500 zur gro­ben Form­ge­bung bei einer schar­ti­gen Schneide oder abge­bro­che­nen Spitze, 800‑2000 zum häu­fi­gen Schär­fen und 3000–12 000 zum regel­mä­ßi­gen Polie­ren. Syn­the­ti­sche japa­ni­sche Steine sind meist farb­lich sor­tiert: Rot kenn­zeich­net eine grobe, Blau eine mitt­lere und Weiß eine feine Körnung.

28. Mai 2012
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7 Kommentare

  1. Am 29. Mai 2012 um 14:11 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Eine gute Ein­füh­rung zum Thema!

    Viel­leicht sollte man noch erwäh­nen, dass neben der Schnei­den­geo­me­trie (Schnei­den­win­kel, gera­der oder bal­li­ger Schliff)und der Härte des Stahls auch die ver­wen­dete Stahl­sorte eine große Rolle spielt. So las­sen sich reine Koh­len­stoff­stähle z.B. ein­fa­cher schär­fen als rost­träge oder rost­freie Stähle mit Chrom oder Vanadiumanteilen.

    Des wei­te­ren kann man durch die rich­tige Behand­lung Mes­ser län­ger scharf erhal­ten: Immer mit Kunst­off­schnei­de­brett (PP) arbei­ten, nicht auf Tel­lern schnei­den, zie­hende Schnitte — nicht hacken, Koch­mes­ser nie­mals in die Spül­ma­schine geben son­dern nur feucht abwischen!

    Und zu guter letzt: auch schon beim Schlei­fen immer ein klei­nes First– Aid– Kit mit genug Pflas­tern bereit hal­ten ;-) )

  2. Houchou Togi
    Am 29. Mai 2012 um 20:07 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Es wäre schön, wenn Sie ein­mal einen japa­ni­schen Mes­ser­schlei­fer fra­gen wür­den, wie man »rich­tig« Mes­ser mit Wetz­stein schleift.
    Lei­der ver­brei­ten Sie nur eine fal­sche Infor­ma­tion.
    Schade.

    • Karen Sapre
      Am 31. Mai 2012 um 11:39 Uhr veröffentlicht | Permalink

      Wie ist es denn ihrer Mei­nung nach »richtig«?

  3. Am 30. Mai 2012 um 19:03 Uhr veröffentlicht | Permalink

    »Japa­ni­sche Mes­ser ver­lie­ren ihre Schärfe rela­tiv schnell« — das ist etwas rela­tiv — sie ver­lie­ren die ulti­ma­tive Schärfe schnell, diese ist aber leicht wie­der her­zu­stel­len. Scharf blei­ben sie — auf­grund der hohen Härte und der Klin­gen­geo­me­trie — rela­tiv lange im Ver­gleich zu ande­ren Mes­sern. Alles ist relativ!

  4. Am 31. Mai 2012 um 17:51 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ich möchte noch­mal von Ein­stein und allem rela­ti­vem zurück zum Ursprung die­ses Arti­kels kom­men. Wenn man in der Bul­le­rei in der man ja auch Herrn Mel­zer erwar­ten könnte, an den gro­ßen Schei­ben vor­bei schrei­tet, hin­ter wel­chen die gro­ßen Fleisch­stü­cke auf­ge­han­gen sind und um die Ecke abbiegt, hat man einen wun­der­ba­ren Blick auf die pul­sie­rende Arbeit in der Küche.
    Jedem Mes­ser­freund wird dabei sofort auf­fal­len, mit wel­cher Prä­zi­sion die Mes­ser geführt wer­den. Geeig­nete Schneid­bret­ter gehö­ren genauso zum Stan­dart.
    Wen nun die ganze her­vor­ra­gende tech­ni­sche Beschrei­bung des Arti­kels nicht zu über­zeu­gen ver­mag, der wird sich vom Genuss der Spei­sen über­zeu­gen las­sen, selbst auch mehr Wert auf gute Mes­ser zu legen. Ich war jeden­falls von der Küche begeistert!

  5. Am 29. Juli 2012 um 19:18 Uhr veröffentlicht | Permalink

    — von japa­ni­schen Köchen habe ich gelernt, dass sie ihr Messer-Set jeden Mor­gen sorg­sam auf dem Stein abzie­hen. Für den gesam­ten Gebrauch von allen mei­nem Mes­sern habe ich mir ange­wönht, das Mes­ser vor jeder Benut­zung in 15 Grad am Stahl abzu­zie­hen — wobei es heute sowas aus Kera­mik gibt, was einer Kör­nung von etwa 3000 ent­spricht. Auf die Weise geht jeder Schnitt in fast jedem Mate­rial wie durch Butter.

  6. Oliver R.
    Am 4. August 2012 um 13:49 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Die an der Hand­werkstra­di­tion ori­en­tierte Schlei­fe­rei macht rich­tig aus­ge­führt sauscharf und ist gut fürs Gemüt des Jägers und Samm­lers. Allein: Die Zeit. Nach spä­tem Fei­er­abend noch etwas kochen oder lie­ber schlei­fen bzw. mit mehr oder min­der stump­fem Werk­zeug rum­är­gern? Aus prag­ma­ti­schen Grün­den fiel für mich schon vor Jah­ren die Wahl auf eine guten Auto­ma­ten, mit
    dem ich in weni­gen Augen­bli­cken gefühlt 90% des Mach­ba­ren errei­che. Wenn nicht gerade filigran-Japanisches ansteht, ist das mehr als zufrie­den­stel­lend. Im übri­gen habe ich damit noch kein ein­zi­ges Mes­ser ver­schlif­fen. Das archai­sche Moment hole ich lie­ber mit der Angel oder Effilee-Ware ins Haus.

2 Trackbacks

  • Von Messer perfekt schleifen... - wernerkochtwild.de am 29. Mai 2012 um 14:22 Uhr veröffentlicht

    […] Und hier geht es zum Artikel… […]

  • Von Vulcanus Grill Blog: Rezepte, Tipps, Infos am 29. Mai 2012 um 16:16 Uhr veröffentlicht

    Mes­ser per­fekt schleifen…

    Das Maga­zin “Effi­lee” hat einen klei­nen Arti­kel zum rich­ti­gen Schei­fen von japa­ni­schen Mes­sern ver­öf­fent­licht. Ins­besnders der Hin­weis, dass diese Mes­ser oft sehr schnell stumpf wer­den, fin­det viel zu wenig Beach­tung. Viele kön­nen sich so e…

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