Gegessener Käse

Shai Seltzer Cheese & Goats Raaya

Warum Ursula Hein­zel­mann bei die­sem Käse am liebs­ten sofort ins Flug­zeug nach Israel flie­gen möchte

Auf mei­ner Jagd nach schnitt­fes­ter Milch fühle ich mich manch­mal wie einer die­ser Trainspotter-Typen, die auf eng­li­schen Bahn­stei­gen Wind und Wet­ter trot­zen, nur um abends auf ihren Lis­ten wie­der ein Lok­bau­jahr abha­ken zu kön­nen. So ging es mir wie­der auf der Cheese in Bra im Pie­mont, denn eigent­lich ist diese von der Slowfood-Vereinigung orga­ni­sierte Käse-Messe eine ziem­lich abge­drehte Idee. Alle zwei Jahre wim­melt der kleine mit­tel­al­ter­li­che Ort von Käse­ma­chern, –händ­lern und –süch­ti­gen, die sich hier ein Sep­tem­ber­wo­chen­ende lang tref­fen und eine Art inter­na­tio­na­les Fon­due bil­den, des­sen Fäden sich um den gesam­ten Erd­ball zie­hen. Ich bin kaum ange­kom­men, da stehe ich schon mit Alberto Fari­nasso in der Gran Sala, der Gro­ßen Käse­halle, für die er 138 Käse aus aller Welt aus­ge­sucht hat, neben den übli­chen Ver­däch­ti­gen auch aus unge­wöhn­li­chen Ecken wie Island, Polen, Aus­tra­lien, Slo­we­nien oder Schweden.

Rechteinhaber: Andrea Thode, Lizenzvereinbarung: Nutzung nur auf Effilee

Ein Pro­be­stück nach dem ande­ren lässt er sich aus den Vitri­nen geben, und ich darf ver­kos­ten und muss kom­men­tie­ren. Dann läuft er plötz­lich weg und kommt mit einem oran­ge­gel­ben Käse in Form eines gro­ßen, fla­chen, etwas stau­bi­gen Zie­gel­steins wie­der. Er schnappt sich von einem der jun­gen Men­schen hin­ter den Vitri­nen ein Brett und Mes­ser, schnei­det den fes­ten Käse auf, hält mir ein Stück hin und blickt mich erwar­tungs­voll an. Mann, sind wir Freaks oder nicht? Wie die Win­zer und Wein­trin­ker, die aus jedem Wein eine Rate­runde nach Her­kunft, Reb­sorte und Win­zer machen … Doch wie bei einer rich­tig span­nen­den Fla­sche bin ich auch bei die­sem Käse plötz­lich hell­wach, alle sen­so­ri­schen Anten­nen signa­li­sie­ren Emp­fang, die Neuro­transmitter schal­ten drei Gänge höher.

Das eher blasse Gelb mit einem leich­ten Stich ins Grau signa­li­siert Ziege oder Schaf. Die mürbe, aber nicht tro­ckene oder spröde Kon­sis­tenz, die ich mit Fin­gern und Gau­men ertaste, deu­tet auf die weni­ger fette Ziege und eine gewisse Reife hin. Ich reibe über die Rinde und rie­che an mei­nen Fin­gern – es duf­tet wie die Sonne auf einer Wiese. Als ich kaue, den Käse lang­sam und lange im Mund bewege, um mög­lichst viele Aro­men frei­zu­set­zen und ein­zu­fan­gen, steigt das Bild klei­ner rei­fer gol­de­ner Äpfel und getrock­ne­ter Apri­ko­sen vor mei­nem inne­ren Auge auf. Schließ­lich reiße ich mich aus mei­nem Tag­traum. »Zie­gen­käse, sicher vier Monate alt, keine Ahnung, woher er kommt, aber er lässt mich an ein war­mes, eher tro­cke­nes Land den­ken, statt an saf­tig grüne Wie­sen.« Das ist ein ent­schei­den­der Unter­schied zwi­schen Eisenbahn-Anoraks und Käse­fa­na­ti­kern: Das Objekt unse­rer Begierde schmeckt besser.

Tren­ner

Sicher, manch­mal wäre es ein­fa­cher, Lis­ten abzu­ha­ken oder Fotos zu schie­ßen, statt stän­dig Käse im Gepäck zu haben. Gereif­ter Til­si­ter im Som­mer im ICE ist genauso eine Ner­ven­probe wie der Asche­käse vom Hof Dann­wisch, den ich gerade an den Zöll­nern vor­bei nach Bra geschmug­gelt habe. Doch anders als bei den Train­spot­tern macht uns unsere Lei­den­schaft nicht ein­sam, ganz im Gegen­teil. Denn als Alberto mir ver­rät, dass die­ser Zie­gel mit dem warm leuch­ten­den Aroma von Shai Selt­zer aus Jeru­sa­lem stammt, möchte ich zum ers­ten Mal in mei­nem Leben am liebs­ten sofort in ein Flug­zeug stei­gen und nach Israel fliegen.

Ja, Israel ist grund­sätz­lich ein kon­tro­ver­ses Thema, und Essen und Trin­ken sind von die­sem poli­ti­schen Laby­rinth an Geschichte, Prin­zi­pien und Hass natür­lich nicht aus­ge­schlos­sen. Aber wie bei jedem gutem Käse denke ich auch hier an Land­schaft und Men­schen und Tiere, die ich ken­nen­ler­nen möchte. Die poli­ti­sche Situa­tion mag ein Wirr­warr an poten­ti­el­len Fra­gen auf­wer­fen – doch die­ser Käse setzt sich über sie alle hin­weg und spricht direkt mit mir.

Nun bin ich zwar ein Freak, aber doch nicht so ver­rückt, das ich sofort von dem Markt­platz in Bra zu einem Flug­platz renne, um zu den west­lich von Jeru­sa­lem gele­ge­nen, kräu­ter­be­wach­se­nen Hän­gen der judäi­schen Gebirgs­kette zu rei­sen, an denen Shai Selt­zers Zie­gen wei­den – lei­der. Doch ich hole spä­ter vir­tu­ell ein paar Erkun­di­gun­gen ein. Eine Freun­din aus Tel Aviv schreibt mir, es gebe immer mehr sol­che Hof­kä­se­reien in Israel. Meine Kennt­nisse über die jüdi­schen Ernäh­rungs­ge­bote sind beschei­den, aber dass die Ver­mi­schung von Fleisch und Milch­pro­duk­ten nicht koscher ist, weiß ich. Meine Freun­din erklärt mir, die neuen Käse seien vor allem am Frei­tag­mit­tag beliebt, da gebe es oft eine leich­tere mil­chige Mahl­zeit vor dem üppi­ge­ren flei­schi­gen Frei­tag­abend, dem Auf­takt des Sab­bats. Und wie sieht es mit Lab aus, das aus dem vier­ten Magen eines noch säu­gen­den Kalbs, Lamms oder Zick­lein stammt, also flei­schig ist? Käse sei koscher, lerne ich, wenn die Milch von einem kosche­ren Tier stamme, und die Talmud-Gesetze erlaub­ten einen Zusatz von Lab eines eben­falls koscher geschlach­te­ten Tie­res im Ver­hält­nis bis zu 1:60.

Dann erfahre ich von Shai Selt­zer selbst, dass er seine Käse mit mikro­biel­lem, also nicht-tierischem Lab erzeugt. Sie rei­fen in einer Natur­höhle in den Kalk­fel­sen. Mein Käse war fünf Monate alt und heißt Raaya, hebrä­isch für Freund. Den auf den Fotos sei­ner Home­page urig wir­ken­den Mann mit dem lan­gen wei­ßen Bart habe ich auf der Cheese lei­der knapp ver­passt, aber auch er hatte seine Käse, die er sonst aus­schließ­lich auf dem Hof ver­kauft, im Kof­fer nach Bra geschmug­gelt. Ja, wir sind Freaks, aber genau das ver­bin­det uns, über alle absur­den Gren­zen hin­weg. Ich werde Shai Selt­zer und seine Zie­gen irgend­wann besuchen.

www.goat-cheese.co.il

Text: Ursula Heinzelmann
Foto: Andrea Thode

aus Effi­lee #8 Januar/Februar 2010

9. Dezember 2009
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