Erzähltes Leben

Mein Schwarm und ich

Imker sind jetzt auch cool. Stadt­im­ker zumin­dest. Wer ­seine Bie­nen­stö­cke auf Miets­häu­sern, Bal­ko­nen oder ­öffent­li­chen Gebäu­den plat­ziert, liegt voll im Trend. Und ver­kau­fen lässt sich der Inner-City-Honig alle­mal. Deutsch­land summt. Aber warum eigentlich?

Text: Lea Ham­pel Foto: Bio­sphoto / Jean-Claude N‘Diaye

Noch vor weni­gen Jah­ren hätte Bie­nen­hal­tung auf dem Bal­kon als ­Extre­m­im­kern gegol­ten. Heute ­machen es sogar die Senioren

Es ist ein war­mer Som­mer­tag und Ste­phan Bör­ger sitzt an sei­nem Teich. Hin­ter ihm leuch­ten grüne See­ro­sen­blät­ter, ab und zu schwirrt eine Biene über den Tisch, auf der karier­ten Tisch­de­cke ste­hen Kaf­fee und ein Tel­ler mit But­ter­kek­sen. Nur die Flug­zeuge, die rela­tiv nied­rig im Zehn-Minuten-Takt über das Gelände flie­gen, las­sen ahnen, dass wir uns in einer gro­ßen Stadt befin­den. Bör­gers Reich gehört zu dem Grün, das die Fes­tung und Kul­tur­stätte Zita­delle Span­dau am Rande Ber­lins umgibt.
Bör­ger ist Imker. Und hier, in drei Holz­hüt­ten, befin­det sich alles, was er für sein Hobby braucht. In einer Hütte bewahrt er seine Aus­rüs­tung auf: Gum­mi­hand­schuhe, Rähm­chen, Säge­späne. In einer zwei­ten lagern die Pro­duk­ti­ons­ge­räte: Schleu­der, Abtropf­hal­te­rung, Über­sichts­liste. Die dritte Hütte braucht er nur an Regen­ta­gen: In ihr ste­hen eine Couch und ein Tisch.
Gleich neben den Hüt­ten leben in 19 Holz­kis­ten die, um die es eigent­lich geht: die Bie­nen. Schon von Wei­tem ist ihr Sum­men zu hören, es ist Sam­mel­zeit. »Das ist der beste Platz in Ber­lin«, sagt Bör­ger. Es klingt, als meine er nicht nur seine Bie­nen – auch Bör­ger scheint sich mit sei­nen 74 Jah­ren hier am wohls­ten zu füh­len. Kein Wun­der, dass er seit einem Vier­tel­jahr­hun­dert fast jedes Wochen­ende hier ist.
Vor mehr als drei Jahr­zehn­ten war der Mann mit den kur­zen wei­ßen Haa­ren und dem schnodd­ri­gen Ber­li­ner Ton­fall auf der Suche nach einer Frei­zeit­be­schäf­ti­gung. Da erin­nerte er sich an seine Kind­heit: In den Nach­kriegs­jah­ren hatte der Vater eines Tages eine sum­mende Last auf dem Gepäck­trä­ger sei­nes Fahr­rads. Als sie gemein­sam den ers­ten Blick auf die Bie­nen war­fen, die die Fami­lie in den har­ten Jah­ren mit Honig ver­sor­gen soll­ten, wurde der kleine Ste­phan mit Sti­chen über­sät. Bör­ger muss schmun­zeln, wenn er heute davon erzählt, denn abge­schreckt hat ihn das offen­bar nicht, im Gegen­teil. »Das ist bei den meis­ten so, die das Imkern anfan­gen«, bestä­tigt spä­ter Marc-Wilhelm Koh­fink, selbst Imker und Autor meh­re­rer Bücher über Bie­nen­hal­tung. »Da steckt oft eine früh­kind­li­che Prä­gung dahinter.«

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Als er sicher war, dass Bie­nen und Honig künf­tig seine Wochen­en­den fül­len soll­ten, machte sich Bör­ger auf zum nächs­ten Imker­ver­ein. Über das, was dort pas­sierte, lacht er noch heute: Er traf auf eine Gruppe älte­rer Her­ren, die seit Jahr­zehn­ten imker­ten, ihr Wis­sen für edel und geheim hiel­ten, und denen inter­es­sier­ter Nach­wuchs höchs­tens über die Schul­ter schauen durfte. Jede Woche hielt ein ande­rer einen Vor­trag über seine Errun­gen­schaf­ten. Und Fra­gen, ob über Schwarm­zeit oder Brut­zel­len, wur­den belä­chelt. Die Her­ren sag­ten zu dem bereits über 40 Jahre alten Bör­ger: »Junge, hör ein­fach zu.«

Das tat er, zumin­dest für eine kurze Zeit. Dann fing Ste­phan Bör­ger an, ein­fach mal aus­zu­pro­bie­ren. Er las ein Buch sei­nes Vaters, kaufte von einem Ver­eins­kol­le­gen Bie­nen und stellte sie in Beu­ten, Bie­nen­kis­ten, auf einem Grund­stück süd­lich der Stadt auf. Im ers­ten Jahr holte er sich mehr als hun­dert Sti­che. Rund drei Jahre dau­erte es, bis er die Grund­re­geln ver­in­ner­licht hatte: Ein Imker darf nicht zu früh im Jahr in den Kas­ten schauen, weil er damit die Tiere stört – er muss auf die ers­ten war­men Tage im März war­ten, wenn die bis zu 15 000 Bie­nen eines Vol­kes, die den Win­ter über­stan­den haben, Erkun­dungs­flüge machen. Er kann im April, Mai und Juni sei­nen Tie­ren beim Sam­meln zuschauen. Und er muss anschlie­ßend auf­pas­sen, ob eine Köni­gin her­an­wächst, die sich even­tu­ell mit einem Teil des Vol­kes davon­macht.
Inzwi­schen weiß Bör­ger längst, wann er den ers­ten Honig ern­ten kann, dass er im Juli den Schwarm tei­len muss, damit es nicht zu eng wird in der Beute, und dass Droh­nen, die männ­li­chen Bie­nen, grö­ßer sind als die weib­li­chen Arbeits­bie­nen, aber nicht so groß wie Köni­gin­nen. Er weiß auch, wie die Waben in wel­chem Sta­dium aus­se­hen, wohin die Bie­nen, in der Hoch­phase bis zu 80 000 pro Volk, ein– und aus­flie­gen, wie sie Honig und Nek­tar sam­meln, den Ein­gang bewa­chen und das Ein­ge­sam­melte zu Honig ver­ar­bei­ten. Schließ­lich ver­de­ckeln sie die Zel­len und dezi­mie­ren sich ab Sep­tem­ber lang­sam, wäh­rend die Köni­gin Win­ter­bie­nen legt. So berei­tet sich das Volk auf die kalte Jah­res­zeit vor. »Das ist ein Wun­der«, sagt Bör­ger und strahlt.
Längst ist die­ser Jah­res­rhyth­mus sein eige­ner gewor­den. Urlaub macht der Rent­ner im Sep­tem­ber, wenn der letzte Honig geschleu­dert ist, und im Win­ter genießt er die Pause. Dann ruhen die Bie­nen, die Win­ter­bie­nen wär­men die Köni­gin, und Bör­ger muss ledig­lich Zucker­was­ser zufüt­tern. Bör­ger mag diese Phase, weil er zum Nichts­tun gezwun­gen wird und dadurch die Vor­freude steigt. »Schon im Januar scharre ich mit den Hufen«, sagt er und reibt sich die Hände. »Je län­ger der Win­ter geht, desto öfter komme ich zum Schneefegen.«

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Bis zu drei Mal im Laufe eines Jah­res nimmt Bör­ger die ver­de­ckel­ten Waben her­aus, in denen der Honig ist. Die Rähm­chen bewahrt er auf, in ordent­li­chen Rei­hen hän­gen sie in einem der Stän­der im Pro­duk­ti­ons­häus­chen, bis ruhi­gere Tage kom­men, an denen er sie aus­schleu­dern kann. »Pro­bie­ren Sie mal«, sagt er und bricht ein Stück aus einem Rähm­chen: eine weiß­li­che Wabe aus klei­nen, exakt gleich gro­ßen Sechs­ecken, aus denen seit­lich kla­rer, fast durch­sich­ti­ger Honig läuft. Bör­ger legt sie auf einen Glas­tel­ler, dane­ben eine Kuchen­ga­bel. Er lächelt, denn er weiß, was kommt, sobald der Gast seine Skep­sis über­wun­den hat und ein klei­nes Stück in den Mund schiebt. Wie bei einem Kau­bon­bon mit flüs­si­ger Fül­lung saugt man den Honig aus dem Wachs­ge­häuse. Er ist sehr weich und sanft, hat fast schon eine zitro­nige Note, aber nicht die schwere Süße, die man vom Honig aus dem Super­markt kennt. Unglaub­lich.
Ste­phan Bör­ger schmun­zelt, er kennt das schon: »Beson­ders der Früh­jahrs­ho­nig ist gut, eine Mischung aus allen mög­li­chen fri­schen Blü­ten. Köst­lich.« Der Geschmack des Honigs ist von ver­schie­de­nen Fak­to­ren abhän­gig: von der Jah­res­zeit, in der Pol­len und Nek­tar gesam­melt wur­den, vom Stand­ort des Kas­tens, vom ein­zel­nen Bie­nen­volk. »Es gibt Tau­sende Honig­s­or­ten«, schwärmt Bör­ger.
Beson­ders beliebt ist Sor­ten­ho­nig, also Honig, der mehr­heit­lich bei­spiels­weise Klee oder Kas­ta­ni­en­pol­len ent­hält. Der gilt als beson­ders fein, ist aber in der Stadt nur schwer her­zu­stel­len – weil dort eine große Arten­viel­falt herrscht, tra­gen die Bie­nen in der Regel eine bunte Mischung zusam­men. Auf dem Land dage­gen kann der Imker sei­nen Bie­nen­stock ein­fach in ein Raps­feld stel­len und hat nach zwei Wochen ver­de­ckelte Waben vol­ler Rap­sho­nig.
Bör­ger macht den­noch Sor­ten­ho­nig, in Ber­lin geht das für städ­ti­sche Ver­hält­nisse mit den vie­len Lin­den beson­ders gut. 70 Kilo­gramm eige­nen Honig pro­du­ziert er pro Volk und Jahr, in sei­ner bis­he­ri­gen Zeit als Imker macht das fast 40 000 Kilo­gramm Honig. Auch wenn er das mit einem gewis­sen Stolz erzählt: Inzwi­schen kommt es ihm auf den Honig nicht mehr an. Um den Glä­ser­kram, wie er das Waschen, Ein­fül­len und Eti­ket­tie­ren nennt, küm­mert sich seine Frau, die sich sonst wenig für sein Hobby inter­es­siert.
Ein aus­ge­feil­tes Ver­triebs­sys­tem hat Bör­ger nicht. Er ist zwar auf berlin-summt.de ver­tre­ten, einer Inter­net­platt­form für Stadt­im­ker. Doch die meis­ten Glä­ser ver­kauft er seit Jahr­zehn­ten über Mund­pro­pa­ganda. Das ganze Jahr hin­durch rufen Leute bei ihm an, fra­gen, wann es wie­der Honig gebe, und kom­men oft selbst vor­bei, um die Glä­ser abzu­ho­len und einen Kaf­fee mit ihm zu trin­ken. Bei 4 Euro pro Glas eine gute Neben­ein­nahme, aber in Rela­tion zu Bör­gers Arbeit steht sie nicht. »Eigent­lich ist die Summe empö­rend nied­rig, so güns­tig dürf­ten wir den nicht machen.« Doch den Preis bestimmt letzt­lich der Welt­markt: Honig aus China, Argen­ti­nien oder den USA ist wesent­lich günstiger.

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Bör­ger liebt die Bie­nen. Die Mischung aus Wild– und Nutz­tier fas­zi­niert ihn, wenn er von ihnen erzählt, spricht er wie ein begeis­ter­ter Kin­der­gärt­ner von »mei­nen Droh­nen­ker­len«. Im Som­mer kommt er nahezu täg­lich zur Zita­delle »Die Zeit, die ich hier ver­bringe, ist abso­lut über­zo­gen«, sagt er und lacht, »aber ich finde immer etwas zu tun.« Imkern ist nicht wirk­lich auf­wen­dig, ein Tag pro Wochen­ende würde voll­kom­men aus­rei­chen, um 19 Völ­ker am Lau­fen zu hal­ten. Aber es geht ihm um mehr als Honig­er­zeu­gung.
»Ich kann hier wun­der­bar abschal­ten«, sagt er, wäh­rend er sich am Kaf­fee­tisch zurück­lehnt. Nicht umsonst spricht man von Völ­kern: Bie­nen­hal­ter zu sein, das hat einen herr­schaft­li­chen Aspekt. Bie­nen­stö­cke sind kleine Rei­che, die for­mell eine Köni­gin haben, deren Bevöl­ke­rungs­ent­wick­lung und Lebens­be­din­gun­gen jedoch in der Hand des Imkers lie­gen. Dass sein ein­sa­mes Hobby ein biss­chen kau­zig ist, weiß Bör­ger selbst. Aber auch das gehört dazu. Kokett erzählt er: Ob auf Par­tys oder bei den Nach­barn, der Satz »Ich habe Bie­nen« garan­tiert immer Auf­merk­sam­keit. Die Ant­wor­ten auf Fra­gen wie »Ist das auf­wen­dig?« oder »Wie oft wirst du gesto­chen?« inter­es­sie­ren jeden. Und selbst wer Angst vor Bie­nen hat, möchte wis­sen, wie Honig gemacht wird. Gerne erzählt Bör­ger auch, dass die Sän­ge­rin­nen der Frei­licht­bühne in der Nähe sei­ner Stö­cke ab und an vor der Vor­stel­lung um Honig bäten, weil ihre Stimme kratze. »Imker sind ein hoch ange­se­he­ner Stand«, meint er.
Für Bör­ger ist seine Beschäf­ti­gung mit Ver­ant­wor­tung ver­bun­den. Seit Jah­ren zeigt er Schul­klas­sen seine Bie­nen, vor fünf Jah­ren hat er begon­nen, mit ande­ren sei­ner Zunft Probeim­kern anzu­bie­ten. Wer sich für das Hobby inter­es­siert, bekommt von ihm für einen Som­mer ein klei­nes Volk. Jeden Sonn­tag ab 10 Uhr gibt es Theo­rie und anschlie­ßend Pra­xis, Anwe­sen­heit ist mora­li­sche Pflicht.
Vor­raus­set­zung fürs Imkern sind genug Kraft, um die Käs­ten anzu­he­ben, Geduld und die Lust, damit jedes Wochen­ende einen Tag zu ver­brin­gen. Außer­dem braucht man eine gute Beob­ach­tungs­gabe, um zum Bei­spiel zu bemer­ken, wenn ein Volk keine Köni­gin mehr hat. »Im Gegen­satz zu frü­her schauen heute die Schü­ler nicht mehr mir über die Schul­ter, son­dern ich ihnen«, erläu­tert Bör­ger. 120 Euro zah­len Probeim­ker für 80 Stun­den Aus­bil­dung. Und wenn sie sich im Herbst gegen das Imkern ent­schei­den, bekom­men sie das Geld zurück. Auf diese Weise hat der Ver­ein Zeh­len­dorf in den ver­gan­ge­nen Jah­ren seine Mit­glie­der­zahl ver­dop­pelt. »Bei uns kom­men in der Sit­zung immer erst die Fra­gen des Nach­wuch­ses, und die wer­den manch­mal die ganze Stunde beant­wor­tet«, sagt Bör­ger und klopft auf das karierte Tisch­tuch.
Imkern ist eine Wis­sen­schaft für sich: Bio– oder Deme­ter­hal­tung? Wel­che Art der Beute soll es sein? Halte ich die sanfte Ber­li­ner Biene oder eine andere Sorte? Und wel­che gesetz­li­chen Vor­schrif­ten gibt es? Im Kurs geht es zunächst um die Grund­la­gen: Bie­nen ernäh­ren sich von Nek­tar, dem Drü­sen­saft der Blü­ten, und von Blü­ten­staub, den Pol­len. Für ein Kilo­gramm Blü­ten­staub brau­chen sie 50 000 Sam­mel­flüge, ein Volk ver­ar­bei­tet etwa 25 Kilo­gramm Pol­len im Jahr.
Dann kommt die Pra­xis: Imker müs­sen sich beim Vete­ri­när­amt regis­trie­ren las­sen, ein Tier­arzt kon­trol­liert regel­mä­ßig die Bie­nen, außer­dem braucht man eine Haft­pflicht­ver­si­che­rung. Vier Gesetze zur Biene gibt es im Bür­ger­li­chen Gesetz­buch, unter ande­rem eines, das einem Imker erlaubt, ohne Ein­wil­li­gung der Eigen­tü­mer fremde Grund­stü­cke zu betre­ten, wenn er sei­nen Schwarm ein­fan­gen will. Und nicht zu ver­ges­sen: Imker soll­ten weder Rasier­was­ser noch Haar­gel benut­zen, weil der Geruch Bie­nen anzieht und die sich zum Bei­spiel in den Haa­ren ver­fan­gen.
»Das Schwie­rigste für den Anfän­ger ist die Beur­tei­lung des­sen, was man sieht, wenn man den Bie­nen­stock öff­net«, sagt Bör­ger. Doch selbst wenn man alles weiß, weiß man noch längst nicht alles. »Es gibt immer noch offene Fra­gen, zum Bei­spiel zur Ver­stän­di­gung der Bie­nen – und das, obwohl es allein in Deutsch­land fünf Bie­nen­for­schungs­in­sti­tute gibt.« Imkern hat einen »hohen Frus­tra­ti­ons­fak­tor«, sagt Bör­ger, doch er hofft, dass vom der­zei­ti­gen Trend ein paar Imker blei­ben, die hand­werk­li­ches Geschick und Sach­ver­stand mit­brin­gen. Allein sein Ver­ein hat in den ver­gan­ge­nen fünf Jah­ren 52 Imker aus­ge­bil­det, viele davon Frauen. »Das war wohl brach­lie­gen­des Potenzial.«

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Frauen am Bie­nen­stock waren frü­her sel­ten. Noch vor 20 Jah­ren war Imkern eine Beschäf­ti­gung für ältere Her­ren in länd­li­chen Regio­nen, mit der man etwas dazu­ver­diente, oder für Bau­ern im Ruhe­stand, die damit einen Bei­trag zum Familien­einkommen leis­te­ten. Es war ein Hobby, das einen ehe­frau­en­freien Rück­zugs­raum bot und als beru­hi­gend galt, bei dem es nicht um ein Wun­der der Natur ging, son­dern um eine Wis­sen­schaft, deren Pra­xis Ein­ge­weih­ten vor­be­hal­ten war. Doch die wur­den immer weni­ger, weil sie star­ben oder ein­fach keine Lust mehr hat­ten.
»Heute las­sen die alten Men­schen nicht mehr Bie­nen flie­gen, son­dern flie­gen selbst«, erklärt Marc-Wilhelm Koh­fink das Pro­blem. Der eins­tige Wirt­schafts­jour­na­list ist mitt­ler­weile Imker und schreibt Bücher für alle, die es eben­falls wer­den wol­len. Weil es den Rent­nern heute bes­ser gehe, wür­den viele auf den Zuver­dienst ver­zich­ten, erklärt er. Außer­dem wurde frü­her nur wenig um Nach­wuchs gewor­ben. Wie es Ste­phan Bör­ger in Ber­lin erlebt hat, ging es jahr­zehn­te­lang in vie­len Imker­vereinen zu. Es gab aus­schließ­lich Semi­nare, bei denen Refe­rate über Fach­be­griffe wie Weißel­zellen, Vor­schwärme und die Warrée-Beute gehal­ten wur­den, ein Voka­bu­lar, das wie eine kom­pli­zierte Fremd­spra­che wirkt, aber mit einem ein­zi­gen Besuch bei einem Imker zu klä­ren ist.
Doch seit eini­gen Jah­ren liegt das Imkern unter jun­gen, umwelt­be­wuss­ten Städ­tern im Trend. Allein in Bay­ern gibt es mehr als 1000 Hob­by­im­ker, die jün­ger als 30 sind, bun­des­weit sind es 3000 der 82 000 Imker. Dahin­ter steckt eine Mischung aus Aben­teu­er­lust und Umwelt­be­wusst­sein. »Wenn das Haus gebaut ist und die Kin­der aus dem Gröbs­ten raus sind, suchen die Leute ein Hobby mit Mehr­wert«, meint Koh­fink. Neben der Aus­sicht auf Selbst­ge­mach­tes gilt es fast schon als eine Art Umwelt­schutz, Bie­nen im Hin­ter­hof zu hal­ten. Zudem ist es als Hobby ver­hält­nis­mä­ßig ein­fach und kos­tet wenig Zeit, viel weni­ger etwa als ein Hund.
Etli­che Inter­net­sei­ten zum Thema sind in den ver­gan­ge­nen Mona­ten ent­stan­den, auch Anlei­tungs­bü­cher ver­kau­fen sich so gut wie nie zuvor. Zube­hör und ganze Völ­ker kann man längst online bestel­len, in Ham­burg pro­du­ziert ein Her­stel­ler die beson­ders ein­fach zu hand­ha­bende Bie­nen­kiste. Der Ver­ein Mel­lifera betreibt Lobby­arbeit für Bie­nen, Herta Däubler-Gmelin sitzt einer Stif­tung Bie­nen­pflege vor und das Netz­werk Blü­hende Land­schaft druckt Merk­blät­ter zur bie­nen­freund­li­chen Bepflan­zung. Die kon­ven­tio­nel­len Imker sind inzwi­schen eben­falls auf die Welle auf­ge­sprun­gen: Der Deut­sche Imker­bund hat das Bee in Contact-Programm ins Leben geru­fen, das Jugend­li­che fürs Imkern begeis­tern soll. Es ist eine Art Lobby ent­stan­den, in der man sich kennt und in der es Kon­kur­renz­kämpfe gibt, wenn es um För­der­gel­der geht.
Ein Miss­ver­ständ­nis ist dabei sehr geläu­fig: Stadt­im­kern heißt zwar, dass Bie­nen nicht nur neben einem Feld leben kön­nen, denn tat­säch­lich ist die bota­ni­sche Viel­falt heute in Städ­ten oft grö­ßer als auf dem Land, wo es häu­fig nur noch Raps– und Mais­fel­der gibt. Blu­men und Bäume, die für die Pro­duk­tion von Honig geeig­net sind, brau­chen Bie­nen aber trotz­dem wei­ter­hin. Pro­jekte wie die Bie­nen auf dem Ber­li­ner Dom oder dem Gas­teig geben eher Lokal­ko­lo­rit, sagt Marc-Wilhelm Koh­fink. Viele Pflan­zen, die heute etwa Ver­kehrs­in­seln zie­ren, brin­gen den Bie­nen nichts, weil sie weder Blü­ten­staub noch Nek­tar haben. Des­halb ste­hen auch die Käs­ten der meis­ten Stadt­im­ker in gro­ßen Gär­ten oder grü­nen Hinterhöfen.

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Zum Bei­spiel im Gar­ten von Andreas Pixis. Es ist ein strah­len­der Früh­som­mer­tag und in der bewusst leicht ver­wil­der­ten Anlage in einem Münch­ner Vor­ort summt und sirrt es in der Luft. Auf dem Tisch lie­gen Bröt­chen aus einer Öko­bä­cke­rei, dane­ben ste­hen selbst­ge­machte Limo­nade und ein Glas Honig. Drum­herum sit­zen rund zehn Män­ner und Frauen zwi­schen 30 und 50 Jah­ren. Was ein biss­chen aus­sieht wie eine Selbst­hil­fe­gruppe, ist ein Imker­kurs. Eine der Damen imkert bereits und möchte sich wei­ter­bil­den, ein Herr hat nur einen Bal­kon zur Ver­fü­gung, eine Teil­neh­me­rin über­legt, von konven­tionellem Imkern auf Deme­terim­kern umzu­stel­len, wie es Kurs­lei­ter Pixis betreibt.
Mit dabei ist Daniel Über­all. Der junge Mann könnte auch auf einem Hiphop-Konzert oder einer Kon­fe­renz in der Wer­be­agen­tur sein. Die Jeans ist weit, er trägt ein Base­cap und auf dem Arm sei­nen klei­nen Sohn, der müde in die Runde blin­zelt. Daniel Über­all hat das Tref­fen mit­or­ga­ni­siert, denn der 28-Jährige ist der­zeit der Mann der Stunde, wenn es um Bie­nen in Mün­chen geht.
Auf die Biene ist er bereits vor drei Jah­ren gekom­men. Damals war er bei Freun­den im Vor­al­pen­land zu Besuch, in deren Gar­ten einige höl­zerne Käs­ten stan­den. »Und wie wir Städ­ter so sind«, erzählt er, »wollte ich rein­schauen.« Als seine Freunde ihm erklär­ten, dass er die Bie­nen lie­ber in Ruhe las­sen sollte, schließ­lich seien das Wild­tiere, wurde er noch neu­gie­ri­ger.
Bis dahin wusste Über­all nur das, »was wir halt über Bie­nen aus der Schule wis­sen: Die ste­chen, sam­meln Honig und füh­ren Tänze auf.« Über­all, Mit­be­grün­der der Platt­form utopia.de, die für nach­hal­ti­gen Lebens­stil wirbt, goo­gelte zunächst ein­mal Imke­rei. Er fand her­aus: Die Exis­tenz der Biene auf dem Land ist durch Mono­kul­tu­ren bedroht, die Stadt dage­gen bie­tet zum Teil einen idea­len Lebens­raum und Imkern ist gerade der neue »heiße Scheiß«. Er begann, sich mit dem Thema zu beschäf­ti­gen. »Da tat sich ein Kos­mos auf«, sagt er und strahlt. »Bie­nen flie­gen das Mehr­fa­che ihres Kör­per­ge­wichts durch die Gegend.« Bald war klar: »Ich will auch imkern.«
Kurz dar­auf grün­dete er die Web­site stadtimker.de, die er auf Face­book und per Twit­ter bekannt machte. Er bloggte über Bie­nen und das Stadt­im­kern, und bevor er über­haupt einen Schwarm hatte, kamen schon 80 Men­schen zu dem ers­ten von ihm ver­an­stal­te­ten Honi­ga­bend im Februar die­ses Jah­res. Dann rie­fen die ers­ten Zei­tun­gen und Radio­sen­der an, und die Bie­nen wur­den end­gül­tig Dani­els neues Pro­jekt. Seine Mis­sion: Men­schen für die Bie­nen begeis­tern und so per Inter­net das Öko­sys­tem schüt­zen.
Dahin­ter steht für ihn nicht nur eine neue Vor­liebe der Städ­ter für Honig – es ist Teil einer ande­ren Lebens­weise: »Die Leute suchen den Aus­gleich zur Stadt nicht mehr woan­ders. Sie ver­su­chen, sel­ber die Stadt lebens­wert zu machen. Es gibt einen Trend zur Regio­na­li­sie­rung, wir wol­len wie­der wis­sen: Was pas­siert vor Ort? Außer­dem ist es eine Mög­lich­keit, Boden­haf­tung zu bekom­men.«
Mit dem Imkern ange­fan­gen hat er im Mai. Davor stand die Suche nach einem Stand­platz. »Sie wer­den erle­ben, dass Banau­sen Ihre Bie­nen mit Wes­pen und Spin­nen gleich­set­zen«, schreibt Marc-Wilhelm Koh­fink in einem sei­ner Bücher. Mit die­sem Pro­blem kämpfte auch Über­all. Kaum hatte er ange­fan­gen zu blog­gen, mel­de­ten sich zahl­rei­che Leute, die ihren Gar­ten oder Hin­ter­hof zur Ver­fü­gung stel­len woll­ten. Ging es aber darum, was die Nach­barn dazu sagen wür­den, machte mehr als ein Anbie­ter einen Rück­zie­her.
Zwei der drei Völ­ker von Über­all ste­hen nun in einer Klein­gar­ten­sied­lung. Die Klein­gärt­ner »sind ganz scharf auf Bie­nen«, erklärt Über­all. »Es gab sogar Dis­kus­sio­nen, in wel­che Rich­tung die Käs­ten ste­hen sol­len, weil die Bie­nen Rich­tung Son­nen­auf­gang aus­schwär­men und so man­che Gärt­ner bei der Bestäu­bung im Vor­teil sind.«
Sein drit­tes Volk hat Über­all in einem Gar­ten in der Innen­stadt plat­ziert, »auch aus mar­ke­ting­stra­te­gi­schen Über­le­gun­gen«, wie er ohne Iro­nie erklärt: »Wenn man über Stadt­im­kern spricht, muss man schließ­lich auch zen­tral imkern.« Nicht alle Imker in Mün­chen und Umge­bung fin­den es gut, dass nun ein Uner­fah­re­ner der Ansprech­part­ner in Sachen Bie­nen ist. »Einige freut es zwar, dass mein Wer­ben für das Stadt­imkern ein guter Anlass ist, über Öko­lo­gie und die Pro­bleme von Mono­kulturen zu spre­chen«, erklärt er. Doch einige alt­ein­ge­ses­sene Imker waren skep­tisch: »Die dach­ten wohl: Ich mache das jetzt seit 20 Jah­ren, und dann kommt der daher. Ver­mut­lich glau­ben sie, dass ich damit Pro­fit ­machen will.«
Doch an Gra­ben­kämp­fen ist Über­all ebenso wenig inter­es­siert wie an ideo­lo­gi­schen Dis­kus­sio­nen. Mög­lich­kei­ten gäbe es genug: Da gibt es die kon­ven­tio­nel­len Imker, die ihren Köni­gin­nen einen wei­ßen Punkt auf­kle­ben, ihr die Flü­gel stut­zen und die Ein­gänge der Beute mit Plas­tik­zar­gen schüt­zen. Deme­terim­ker dage­gen hän­gen zum Teil gar keine Rähm­chen in die Kis­ten, damit die Bie­nen frei und natur­nah Waben bauen kön­nen. Über­all hat sich für eine Misch­va­ri­ante ent­schie­den: Er benutzt Holz­kis­ten, was zu Deme­ter passt, hat aber auch kein Pro­blem damit, eine Plas­tik­fo­lie quer über die Rähm­chen zu legen. »Theo­re­tisch«, sagt er, »könnte man Bie­nen auch in einem Bier­kas­ten hal­ten.«
An sei­nem Hobby mag Über­all das Glei­che wie Ste­phan Bör­ger: Imker eint die Liebe zur Stille. »Es hat einen Grund, warum die meis­ten Imker eher 50 Völ­ker haben als 50 Freunde«, zitiert Daniel Über­all eine Bekannte. »Manch­mal, wenn ich nach Hause komme und durch mein Wohn­zim­mer acht schrei­ende Kin­der ren­nen, von denen ich nur die Hälfte kenne, sage ich: ›Schatz, ich muss noch schnell zu den Bie­nen‹«, erzählt der junge Vater und lacht.
Sei­nen ers­ten Honig hat Über­all bereits im Juli pro­du­ziert, »weil ich es nicht mehr aus­ge­hal­ten habe.« Der Honig hat gut geschmeckt, »sehr wür­zig war der.« Nun liegt sein ers­ter Som­mer hin­ter ihm, und noch ist nicht alles so glatt­ge­lau­fen, wie er es gehofft hat. Seine Bie­nen sind aggres­si­ver als ange­nom­men, vor allem die im zen­tra­len Glo­cken­bach­vier­tel. »Das ist natür­lich ärger­lich.« Seit Juli trägt Über­all ein Netz über dem Kopf, wenn er sich ihnen nähert. Und er schaut sel­te­ner in den Kas­ten, denn jeder Griff in den Bie­nen­stock ist »eine Ope­ra­tion am offe­nen Her­zen«.
Am Anfang habe er sich das schon alles ein­fa­cher vor­ge­stellt, erzählt Über­all. »Aber Bie­nen sind eben anders als Kanin­chen, die tei­len sich nicht mit.« Des­halb rät er auch jedem Anfän­ger, sich ein ordent­li­ches Buch zu kau­fen, es gut durch­zu­le­sen und sich das mit den Bie­nen anschlie­ßend noch mal zu über­le­gen. Doch er ist bereits gespannt auf nächs­tes Jahr, »wenn ich schon ein­mal den gan­zen Zyklus mit­ge­macht habe und bes­ser weiß, was zu tun ist.«
Wei­ter­ma­chen will er auf jeden Fall, da ähnelt er der Mehr­heit der Imker: Ein­mal mit Bie­nen in Kon­takt gekom­men, begeis­tern sich die meis­ten jahr­zehn­te­lang für das Hobby. »Im Win­ter werde ich die Bie­nen sehr ver­mis­sen«, ist er über­zeugt. Wie es im nächs­ten Jahr genau wei­ter­geht, weiß er aller­dings noch nicht. »Mal sehen, was übrig bleibt«, sagt er lako­nisch. »Wer weiß, wie groß das Inter­esse dann noch ist.«
Wie es wei­ter­ge­hen wird, fragt sich auch der Ber­li­ner Imker Ste­phan Bör­ger. Eine Sei­fen­blase nennt er die der­zei­tige deutsch­land­weite Begeis­te­rung für die Biene. Den­noch hofft er, dass etwas vom Trend hän­gen bleibt, der Natur zuliebe. Er sieht die Zukunft jedoch nicht im Stadt­im­kern, son­dern denkt wei­ter – lang­fris­tig hofft er, dass mehr Men­schen auf dem Land Bie­nen hal­ten. »Dort wer­den sie wirk­lich gebraucht.«
Infos Für Probeim­ker
Ste­phan Bör­ger / Imker­ver­ein ­Zeh­len­dorf
imkerverein-zehlendorf.de
Marc-Wilhelm Koh­fink
www.imkerei-kohfink.de
Daniel Über­all
stadtimker.de

www.mellifera.de
www.bienenkiste.de

1. Mai 2012
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