Erzähltes Leben

Piep, piep, piep – guten Appetit

Über Kin­der und Essen

Eltern, ins­be­son­dere Müt­ter, wis­sen alles über Ernäh­rung – zumin­dest theo­re­tisch. Doch in der Pra­xis haben sie es über­ra­schen­der­weise immer mit Men­schen zu tun. Und da mer­ken die Gro­ßen, dass Klein­kin­der, die noch nicht ein­mal wis­sen, was Wis­sen ist, bereits über einen beein­dru­cken­den Kennt­nis­stand ver­fü­gen. Ihr Wis­sen übers Essen beruht auf rei­ner Intui­tion, auf eige­nen Erfah­run­gen und auf dem, was wir ihnen bei­bringen – und was wir ihnen tat­säch­lich vorleben

ganeshella 518x673 Piep, piep, piep – guten Appetit

Elvan ist schon vier: »Und weißt du – nach fünf kommt sechs und dann geh ich in die Schule«, erklärt der kleine Junge stolz und scheint dabei gleich ein paar Zen­ti­me­ter zu wach­sen. Es ist mit­ten in der Woche, 19?Uhr, Abend­brot­zeit bei mei­ner Freun­din Nata­scha Topba. Wir sit­zen in ihrer gemüt­li­chen Wohn­kü­che in Hamburg-Eimsbüttel. Über dem schma­len Holz­tisch hängt eine rie­sige Welt­karte, auf der Ham­burg und Anta­lya, der Geburts­ort von Elvans Papa Erol, gar nicht so weit aus­ein­an­der­lie­gen. Erol arbei­tet heute Abend, er küm­mert sich als Restau­rant­fach­mann um das Wohl der Men­schen. Erol lebte knapp 30 Jahre in der Tür­kei, bis er Nata­scha ken­nen­lernte. Für sie zog der 38-Jährige von der son­ni­gen Mit­tel­meer­küste in den hohen Nor­den. Nata­scha ist Gra­fi­ke­rin und wurde vor 39 Jah­ren in Elms­horn im heu­ti­gen Ham­bur­ger Speck­gür­tel gebo­ren. Elvans Name bedeu­tet übri­gens bunt.

Nata­scha schenkt ihrem Sohn etwas zu trin­ken ein. Prompt wis­pert Elvan ihr hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand etwas ins Ohr. Lei­der hat er die Sache mit dem Flüs­tern noch nicht hun­dert­pro­zen­tig raus, und so kann ich ihn gut ver­ste­hen: Er möchte in sei­nen schwar­zen Tee, den er mit viel, viel Milch trinkt, Zucker haben. Nata­scha schmun­zelt, denn sie kennt das Spiel. Mich dage­gen über­rascht die Geheim­nis­krä­me­rei und ich hake im ange­mes­se­nen Ver­schwö­r­er­ton nach: »Warum flüs­terst du denn, Elvan?« Seine Ant­wort ist ziem­lich ein­leuch­tend: »Weil … andere sol­len das nicht hören.« »Und warum sol­len andere das nicht hören?« Auch dar­auf ant­wor­tet Elvan schnell und über­legt, als ob er sich schon häu­fi­ger mit die­ser Frage beschäf­tigt hat: »Weil … sonst sagen die ›Nein‹!«

Wen Elvan mit die meint, bleibt ein Rät­sel. Doch der Zucker ist bereits im Becher und das Thema erle­digt. Auf dem Stö­vchen in der Tisch­mitte glänzt der schwarze Tee in der glä­ser­nen Kanne wie flüs­si­ges Gold. Wäre Erol jetzt hier, würde er sei­nen Tee mit min­des­tens zwei gehäuf­ten Löf­feln Zucker ver­sü­ßen, so wie er es aus sei­ner Hei­mat kennt. Wäre Erol hier, würde Elvan seine Mut­ter irgend­wann ablen­ken: »Guck mal, Mama, da hin­ten fliegt ein grü­ner Ele­fant!« Seine Ablen­kungs­ma­nö­ver sind aus­ge­spro­chen fan­ta­sie­reich. Und wäh­rend Nata­scha ange­strengt aus dem Fens­ter schaut, würde Erol schnell ein wenig Zucker in Elvans Becher geben. Dar­über freut sich Elvan jedes Mal so die­bisch, dass er sofort seine Mut­ter ein­weiht: »Mamaaa, ich hab Zucker!«

Offen­sicht­lich weiß Elvan, dass Zucker gut schmeckt und schlecht ist. Mein Sohn weiß das nicht. Und des­we­gen bekommt Momme – ja, das ist sein rich­ti­ger Name und, ja, der kommt aus dem Deut­schen, genauer gesagt: aus dem Frie­si­schen – kei­nen Zucker. Auch nicht von Fach­ver­käu­fe­rin­nen jed­we­der Bran­che, die groß­zü­gig und guten Gewis­sens einen gesun­den Trau­ben­zu­cker­bon­bon über den Tre­sen rei­chen wol­len. Behände zitiere ich dann einen gän­gi­gen Satz aus mei­nem Mutter-Repertoire: »Solange er noch nicht selbst ›Ja‹ sagen kann, möch­ten wir nichts Süßes.« Das klingt in mei­nen Ohren locker und ent­lässt mich aus der Schuld, dass ich mei­nem Kind nichts gönne.

Aller­dings laufe ich Gefahr, dass Momme eines Tages wirk­lich »Ja« sagt. Und ich befürchte, es könnte jeden Tag so weit sein. Denn Momme ist 1¾ Jahre alt. Damit keine Miss­ver­ständ­nisse auf­kom­men, gebe ich das Alter mei­nes Soh­nes sehr prä­zise an. Zwar bin ich mitt­ler­weile ent­spannt genug, um auf die Angabe in Mona­ten oder gar Wochen­ein­hei­ten (21 Monate und 1 Woche) zu ver­zich­ten. Denn das ist für Außen­ste­hende (ins­be­son­dere Nich­tel­tern) sowie für Men­schen, die das aus­rech­nen müs­sen (also mich), eine schwie­rige Ange­le­gen­heit. Und über­haupt spie­ßig. Aber zu sagen, dass Momme zwei Jahre alt sei, wäre reich­lich über­trie­ben. Denn schließ­lich kann man mit 24 Mona­ten bestimmt viel mehr als mit 21 Mona­ten. Aus dem­sel­ben Grund ist aber die Alters­an­gabe ein Jahr kom­plett aus­ge­schlos­sen – dazwi­schen lie­gen Lichtmonate!

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miniganesha 1 518x330 Piep, piep, piep – guten Appetit

 

»Wir machen unser Sel­ber­re­zept.« Arne ist begeis­tert von sei­ner Idee. Er schiebt das Sendung-mit-der-Maus-Kochbuch bei­seite, das der Fünf­jäh­rige »sowieso noch gar nicht lesen« kann. Wir sit­zen in mei­ner Küche. Seine Mut­ter Jutta Schäm ist zu Hause, sie freut sich über ihre kin­der­freie Zeit und dar­über, dass das Koch­ex­pe­ri­ment nicht in ihrer Küche statt­fin­det. Ich ver­su­che noch mal mein Glück, blät­tere demons­tra­tiv im Koch­buch und preise die gefüll­ten Paprika an, denn für exakt die­ses Rezept habe ich alle Zuta­ten ein­ge­kauft: rote, gelbe und oran­gene Paprika, Reis und Hack­fleisch. »Nein, wir brau­chen das Koch­buch auf kei­nen Fall. Wir brau­chen Zucker! Was hast du noch?«

Arne ist ein leben­di­ger Junge – man­che wür­den ihn wohl als laut bezeich­nen. Viel­leicht klingt seine helle Stimme des­we­gen immer etwas hei­ser. Sie ist ein Merk­mal für seine Ener­gie. Gemein­sam durch­fors­ten wir unsere Vor­räte. »Hast du Kar­tof­feln? Und Möh­ren?« Arne hat klare Vor­stel­lun­gen, die ich zum Glück erfül­len kann. Im Kühl­schrank finde ich außer­dem ein Stück Ing­wer. Arne riecht daran: »Nein, brauch ich nicht.« Statt­des­sen greift er zu den brau­nen Voll­korn­spa­ghetti. Jetzt haben wir alles für unsere Eigen­krea­tion beisammen.

Um ehr­lich zu sein, Momme kann durch­aus schon »Ja« sagen. Sogar mit glück­se­li­ger Begeis­te­rung: »Jaaaaaa!« schreit er, wenn ich ihn frage, ob wir Nudeln essen wol­len. Das ist total nied­lich, und des­we­gen gibt’s bei uns fast jeden Tag »Nuun­eln«. Naja, und weil das Kind im Moment auch nicht viel ande­res isst. Das ist eben wie­der so eine Phase.

Bis vor Kur­zem aß Momme tat­säch­lich alles. Von den Pflau­men im Speck­man­tel, die er sich bei einer Büro­er­öff­nung selbst vom Buf­fet angelte und mit Genuss zer­lutschte, über Rosen– und Rot­kohl bis zu den Königs­ber­ger Klop­sen mit Kapern bei sei­ner Oma – was man Momme mund­ge­recht ser­vierte, wurde mit Freude kom­plett ver­speist. Ich klopfte mir vol­ler Stolz auf meine Mut­ter­schul­ter, weil ich davon aus­ging, dass Momme zu dem gewor­den war, was man land­läu­fig als guten Esser bezeich­net – was gesund und kräf­tig impli­ziert. Ich ging davon aus, dass wir nie mehr Pro­bleme mit der Nah­rungs­auf­nahme haben wür­den. Mitt­ler­weile ver­stehe ich, was andere Eltern mei­nen, wenn sie »nur so eine Phase« mur­meln, sobald es keine nach­voll­zieh­ba­ren Gründe für das Ver­hal­ten ihrer Kin­der gibt.

»Ich wollt nur EINEN!«, herrscht Elvan seine Mut­ter an. Nata­scha hat es gut gemeint, als Elvan nach einem Bon­bon fragte, und ihm gleich zwei in die Hand gedrückt. Ver­blüfft legt sie den zwei­ten Bon­bon zurück in die Tüte. Neu­lich hatte Elvans Oma ihm eine Rolle Kau­bon­bons geschenkt. Er nahm exakt ein Dra­gee aus der Packung und ver­steckte die rest­li­chen Bon­bons in sei­nem Kin­der­zim­mer­schrank. »Jeden Tag ess ich einen«, erklärte er sei­ner Mut­ter und wirkte dabei unglaub­lich erwach­sen. Erst nach 14 Tagen war die Packung leer.

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Mom­mes erste Begeg­nung mit einem Käse­ku­chen hin­ter­ließ nicht nur bei mir einen blei­ben­den Ein­druck. Er war etwa 14 Monate alt und wir waren zum Kaf­fee­trin­ken ein­ge­la­den. Wäh­rend Oma und ihre Freun­din nach einem Stück papp­satt waren, schau­felte Momme zufrie­den sein zwei­tes Stück in den klei­nen Mund.

Eine Zeit lang aß Momme allein zum Früh­stück so viel wie man­che mei­ner Freun­din­nen den gan­zen Tag über: eine große Schale Hafer­brei, selbst­ver­ständ­lich mit fet­ter (3,8?%) Bio-Vollmilch gekocht, dazu einen klei­nen Bio-Apfel, in grif­fige Schnitze zer­teilt, danach ein hart (wegen Sal­mo­nel­len­ge­fahr!) gekoch­tes Bio-Ei, ein Bio-Vollkorntoast mit Bio-Frischkäse und gern noch eins mit Mar­me­lade, aber nur hauch­dünn bestri­chen – das muss dann kein Bio sein.

miniganesha 2 518x386 Piep, piep, piep – guten Appetit

 

Kleine Kin­der haben ein gesun­des Bauch­ge­fühl: Sie essen, was sie gerade brau­chen. Eltern soll­ten eben­falls ihrem Bauch­ge­fühl trauen. Des­we­gen habe ich intui­tiv einen Kurs belegt: Vom ers­ten Brei zur Fami­li­en­kost. Hier lerne ich, dass man Karot­ten und Kar­tof­feln ganz ein­fach selbst stamp­fen kann, dass zur­zeit Rapsöl das favo­ri­sierte Fett für Klein­kin­der­kost ist, dass gemah­le­nes Getreide gesün­der ist und vor allem güns­ti­ger als Instant-Babybrei und dass 100 Gramm Hirse mehr als vier­mal so viel Eisen ent­hält wie 100 Gramm Rind­fleisch. Außer­dem erfahre ich, dass zu viel Milch den Stoff­wech­sel belas­ten kann – ein Glas Milch und eine Scheibe Käse pro Tag rei­chen, um den Cal­ci­um­be­darf eines Schul­kin­des zu decken. Zu guter Letzt weist unsere patente Refe­ren­tin mit einem Augen­zwin­kern dar­auf hin, dass es beim Essen stän­dig neue Heils­leh­ren gibt und dass man Ernäh­rung an sich nicht zu ver­bis­sen sehen sollte. Am bes­ten ver­traue man sei­nem Bauchgefühl.

»Papi, warum isst du kein Schwei­ne­fleisch? Bist du dage­gen all­er­gisch, so wie Mami gegen Fisch?« Nata­scha hat eine schwere Fischall­er­gie. Erol ist ein gläu­bi­ger Mos­lem. »Nein, ich ess kein Schwei­ne­fleisch, weil mein Gott sagt, dass das nicht gut ist«, erklärt Erol. »Und, Mami, was sagt dein Gott dazu?« Nata­schas Gott hat keine Mei­nung dazu, denn sie hat kei­nen. »Und ich?« fragt Elvan. Er darf essen, was er will. »Das kannst du dir spä­ter über­le­gen«, ant­wor­tet Natascha.

»Darf Momme Hack­fleisch essen?« fragt Arne mich. »Momme darf alles essen«, gebe ich gene­rös zur Ant­wort. »Mar­ten nicht! Dann bekommt er Aus­schlag.« Mar­ten ist Arnes klei­ner Bru­der. Der 1½-Jährige ver­trägt in ers­ter Linie keine Milch. Da aber in sehr vie­len Nah­rungs­mit­teln Milch bezie­hungs­weise Milch­ei­weiß vor­han­den ist, nimmt Fami­lie Schäm beim Essen dar­auf beson­dere Rück­sicht. Als Klein­kind hatte Arne selbst eine Milch­all­er­gie. Dank Zie­gen­milch und kon­se­quen­ter Diät hat sie sich aber im Laufe der Zeit verflüchtigt.

Stich­wort Lak­to­s­ein­to­le­ranz: Ver­stärkt durch meine fei­nen Sin­nes­or­gane Auge und Nase, fragt sich mein unbe­irr­ba­res Bauch­ge­fühl immer wie­der, ob Momme daran lei­det. Denn wenn das Kind Milch in flüs­si­ger Form zu sich nimmt, fließt diese schnell durch sei­nen Kör­per, wech­selt ihren Aggre­gat­zu­stand nicht und bleibt bis zum Schluss flüs­sig. Ich weiß das so genau, weil ich nicht nur am Anfang, son­dern auch am Ende von Mom­mes Nah­rungs­kette stehe, wenn ich ihn wickele. Diese all­täg­li­che Beob­ach­tung lässt mich ohne Wei­te­res an ein erhöh­tes Gefah­ren­po­ten­zial von Milch glauben.

Das Ein­zige, was mei­ner hieb– und stich­fes­ten Theo­rie wider­spricht, ist das Bauch­ge­fühl mei­nes Soh­nes: Momme mag Milch in Mas­sen, nicht in Maßen. Das heißt dann wohl, dass er das tie­ri­sche Eiweiß braucht – für die Kno­chen. Eines sei­ner ers­ten ver­ständ­li­chen Worte war »Ohku« – hoch­deutsch: Joghurt. Ohku geht immer. Immer bedeu­tet in die­sem Fall, wenn die Mut­ter Sorge hat, das Kind könnte ver­hun­gern, weil es bei­spiels­weise zum Abend­brot nichts geges­sen hat. Außer­dem drückt Momme seine Fin­ger unge­niert in die »Bud-dha« (But­ter) und leckt sie genüss­lich ab. Er ordert auch gerne »Keehke« (Käse), was eltern­seits zu fata­len Ver­wechs­lun­gen füh­ren kann, denn manch­mal möchte er bloß »keehke« (trin­ken) oder gar »Keehke« (Kekse).

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»Ich brate das Hack­fleisch.« Arne ist ganz Feuer und Flamme, denn jetzt darf er in der größ­ten Gefah­ren­zone der Küche arbei­ten. Ich schiebe ihm einen Tritt vor den Herd, damit er eine bes­sere Über­sicht über die Pfanne bekommt. Er zer­legt den mas­si­ven Fleisch­klum­pen mit Koch­löf­fel und Elan. Auf Öl ver­zich­tet er, obwohl ich ihn alt­klug dar­auf hin­weise, dass das Fleisch fest­klebt und anbrennt. Dage­gen wird mein zwei­ter Vor­schlag sofort ange­nom­men: »Wür­zen? Das mach ich!«

Wir ste­hen vor unse­rer Gewürz­schub­lade. Arne hält seine Nase in ver­schie­dene Glä­ser und fragt hier und da nach: »Was ist das?« Bei Paprika ver­zieht er sein Gesicht. Bei Thy­mian dia­gnos­ti­ziert er: »Wie Tee.« Der Ver­gleich wun­dert mich, aber Arne hat recht: In vie­len Hus­ten­tees ist das schleim­lö­sende Kraut ein Haupt­be­stand­teil. Bei den klei­nen Chi­li­scho­ten erkläre ich, dass sie ganz scharf schme­cken. »Ich mag kein ›ganz scharf‹.« Arne stellt das Glas zurück und greift zum Zimt. Seine Augen leuch­ten. Der Fund hat genau die rich­tige Note fürs Hack. Ein Gefühl wie Weihnachten.

Jetzt brennt das Hack­fleisch an. Arne erkennt sofort den Ernst der Lage: »Wir müs­sen Öl drun­ter­ma­chen!« Nach der erfolg­rei­chen Rettungs­aktion bestä­tigt er sich selbst­be­wusst in sei­ner neuen Rolle: »Ich bin der Küchen­chef.« Eupho­risch schwenkt er den Zimt­streuer über dem Hack hin und her. Ich ver­su­che, die Dosis im genieß­ba­ren Rah­men zu hal­ten. Dann rührt Arne wei­ter in der Pfanne herum, was ziem­lich schnell lang­wei­lig wird, denn offen­sicht­lich pas­siert beim Bra­ten gar nicht so viel, wie die reiz­volle Vor­sicht ver­spricht, die die Erwach­se­nen stets anmahnen.

z dose Piep, piep, piep – guten Appetit

Angeb­lich sol­len Kin­der bis zu 30-mal etwas pro­bie­ren, bis es ihnen schmeckt. Bei Momme und den Kiwis ging das erheb­lich schnel­ler. Zunächst spuckte er die grü­nen, glibb­ri­gen Obst­stü­cke gleich wie­der aus und schüt­telte sich. Dann sagte ich, dass Kiwis sauer schme­cken. Das schien ihm als Erklä­rung zu genü­gen: »Aua«, sagte er, strahlte mich an – und aß sein ers­tes Stück Kiwi. Jetzt mag er die haa­ri­gen Frücht­chen rich­tig gern. Lei­der funk­tio­niert die­ser didak­ti­sche Ansatz nicht bei jedem Lebens­mit­tel. Fisch haben wir wahr­schein­lich erst 28-mal pro­biert. Aber auch Wein­trau­ben haben nur eine 50:50-Chance, von Momme geges­sen zu wer­den. Manch­mal blei­ben sie im Kind, manch­mal kle­ben sie augen­blick­lich am Kinn.

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miniganesha 6 518x449 Piep, piep, piep – guten Appetit

 

»Muschmulla, Musch-Schnuller, Musch­mulla«, singt Elvan vor sich hin. »Musch­mulla« ist das tür­ki­sche Wort für Mis­pel. Das klingt doch viel schö­ner als der deut­sche Name – und genauso weich und saf­tig, wie die gelb­li­chen Früchte anmu­ten, die bei den Top­bas auf dem Abend­brot­tisch ste­hen. Ich habe noch nie eine Mis­pel geges­sen. Also frage ich Elvan, wie Muschmulla denn schme­cke. Doch ich kriege keine Ant­wort, son­dern sofort den Tel­ler vor die Nase gehal­ten – samt freu­de­strah­len­der Auf­for­de­rung: »Pro­bier ein­mal!« Das kann nur bedeu­ten, dass die Mis­peln Elvan auf jeden Fall rich­tig gut schmecken.

Viel­leicht mag Elvan »Muschmulla« auch des­halb so gern, weil er das »sch« darin per­fekt beherrscht. Das war bis vor Kur­zem noch nicht abzu­se­hen, und so besuchte er ein­mal in der Woche eine Logo­pä­din. Ein außer­or­dent­lich wich­ti­ger Ter­min in Elvans Kalen­der – denn wann kommt es sonst vor, dass sich ein Erwach­se­ner (Eltern zäh­len nicht dazu!) eine drei­vier­tel Stunde lang nur mit ihm beschäf­tigt und man außer­dem noch pri­ckelnde Expe­ri­mente machen kann. Zum Bei­spiel, um den Schlaf­platz der Zunge genauer zu orten. Dazu tupft die Logo­pä­din mit einem Wat­te­stäb­chen etwas Brau­se­pul­ver in Elvans Mund, damit er spürt, wo sich die Zunge beim sch-Sagen aus­ru­hen kann.

Bei mei­ner Recher­che zu die­sem Arti­kel erfuhr ich, dass Essen und Trin­ken das Sprechen-Lernen nach­hal­tig unter­stützt. Spa­ghetti auf­sau­gen, Kau­gummi kauen, mit dem Stroh­halm trin­ken – alles, was Kin­dern beson­de­ren Spaß macht, för­dert die Aus­spra­che. So erklärte mir Grit Fel­ler, Lei­te­rin der Johanniter-Kindertagesstätte in Quickborn-Heide, dass »eine gute Kau­mus­ku­la­tur ein wesent­li­cher Fak­tor für eine gute Mund– und Gesichts­mo­to­rik ist – und dann wei­ter­ge­hend für den Sprach­er­werb. Eis­es­sen zum Bei­spiel ist ein her­vor­ra­gen­des Mit­tel zum Trai­ning des Mund­schlus­ses. Wenn man nach links und rechts schleckt, kräf­tigt das die Zun­gen­mus­ku­la­tur. Oder dage­gen anzule­cken, dass das Eis nicht her­un­ter­läuft, und all diese Sachen …«

Eine Offen­ba­rung! Sprach­er­werb – das wol­len wir auch. Je frü­her, desto bes­ser. Des­halb radle ich nach Ver­kün­di­gung der fro­hen Bot­schaft umge­hend mit Momme zur Eis­diele mei­nes Ver­trau­ens. Und siehe da, Momme lutscht, leckt und schleckt an sei­ner ers­ten Kugel in der Waf­fel, schon ganz wie ein Gro­ßer. Nur nicht so zügig, aber da hilft Mama gerne aus. Außer­dem kön­nen wir das Ganze von nun an täg­lich üben – aus rein päd­ago­gi­schen Grün­den, ver­steht sich. Als wir unser Eis tau­schen – Mama bekommt Vanille, Momme Buttermilch-Erdbeer –, gefällt ihm die fett­arme Geschmacks­va­ri­ante sogar noch viel bes­ser. Was für ein Tag!

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Wie schon erwähnt, ist Mom­mes Geschmack im Moment eher ein­sei­tig, oder bes­ser gesagt: Der Geschmack ist nicht so ent­schei­dend wie die Mach­art. Mom­mes Lieb­lings­zu­be­rei­tung lau­tet näm­lich gerade selbst­ge­macht. Bei Geträn­ken ist Momme des­halb nicht wäh­le­risch. Er trinkt alles, was sich in einem Behält­nis mit Schraub­ver­schluss befin­det: Mine­ral­was­ser (auch mit Koh­len­säure), Milch und jede Art von Saft. Haupt­sa­che, Momme darf (mit Mamas Unter­stüt­zung) selbst auf­schrau­ben, selbst ein­gie­ßen, den Deckel selbst wie­der auf die Fla­sche set­zen und selbst zuschrau­ben. Eben­sol­cher Beliebt­heit erfreuen sich lau­warme Heiß­ge­tränke, die Momme umrührt, bis sie kom­plett kalt sind.

Beim Essen liegt nach wie vor Joghurt ganz weit vorn, denn der hat auch für die Fein­mo­to­rik eini­ges zu bie­ten: Momme kann den Deckel mehr oder min­der allein abzie­hen. Er kann den Joghurt mit dem Löf­fel auf den Tel­ler kleck­sen oder aber in die Untie­fen des Bechers abtau­chen und den Joghurt direkt in den Mund schau­feln. Und zum Schluss kann Momme den Becher mit dem Löf­fel sau­ber aus­krat­zen. Ansons­ten bevor­zugt er alle Spei­sen, die er mit der Gabel auf­spie­ßen kann, wie zum Bei­spiel die bereits erwähn­ten Nuun­eln, am bes­ten in Form von Schmetterlingen.

Mom­mes Lieb­lings­frucht ist Nane, denn die dicke Schale der krum­men Din­ger lässt sich wun­der­bar leicht abzie­hen und danach hat die wei­che Obst­wurst auch noch so tolle Fäden, die man einen nach dem ande­ren abfum­meln kann. Natür­lich weiß ich als Mut­ter im Infor­ma­ti­ons­zeit­al­ter, dass Bana­nen über­haupt nicht gesund sind: Sie wer­den unreif ver­schickt, sodass sie noch grün hin­ter den Ohren bei uns auf den Markt kom­men. Sind sie aller­dings zu reif, ent­hal­ten sie AL-KO-HOL! Ein Wort, das bei mir die Alarm­glo­cken läu­ten lässt. Das Inter­net bestä­tigt mir, dass Bana­nen, die zehn Tage rei­fen, etwa 0,6 Pro­zent Alko­hol ent­hal­ten. Über­haupt ist das biss­chen Kalium nichts im Ver­gleich zu den geball­ten Kohlen­hydraten, die ver­stop­fen und dick machen, außer­dem klebt der zer­kaute Bana­nen­schleim hin­ter­häl­tig an den Zähn­chen und ver­ur­sacht Karies. Ich ver­su­che des­halb, Mom­mes Kon­sum auf eine Banane pro Tag zu beschrän­ken. Aber die Sorge vor dem plötz­li­chen Hun­ger­tod macht mir oft einen Strich durch die Rech­nung. Da lobe ich mir die But­ter­brote, die Momme unter mei­ner Auf­sicht mit dem Mes­ser selbst schmiert und manch­mal sogar sel­ber isst.

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Wie es um die Fein­mo­to­rik eines Fünf­jäh­ri­gen bestellt ist, kann ich noch nicht beur­tei­len. Des­halb ver­lasse ich mich voll auf Arnes Bauch­ge­fühl, als wir das Gemüse zer­klei­nern. Arne greift sich drei Möh­ren und schält sie mit dem Spar­schä­ler. Dann legt er sie aufs Brett, zer­legt sie mit dem Mes­ser und wird dabei immer aus­ge­las­se­ner. Der Abstand von der Klinge zum Brett ver­grö­ßert sich zuneh­mend. Schließ­lich streckt er den Arm sogar über den Kopf, bevor er mit Schwung auf die Möhre ein­hackt und etwa drei Zen­ti­me­ter lange Stü­cke abtrennt. Doch alle Fin­ger blei­ben dran.

Zwi­schen­durch schaue ich aufs Hack. »Wenn es fer­tig ist, sag es mir«, lässt mich der Küchen­chef wis­sen, der gerade einer Paprika den Hut abschnei­det. Dann fällt Arne ein, dass wir unbe­dingt noch Käse brau­chen. Wir fin­den ein Stück Gouda, das Arne mit der Reibe kunst­voll in ein Haus mit Sat­tel­dach verwandelt.

Nach gut zwei Stun­den steht unser »Sel­ber­re­zept« in vier Schüs­seln ver­teilt auf dem Tisch: Spa­ghetti, Hack­fleisch, Gemü­se­sauce und Rei­be­käse. Das Hack­fleisch mit der ori­en­ta­li­schen Note kommt auch bei Momme und den zwei Vätern sehr gut an. Dage­gen ver­zich­tet Arne von vorn­her­ein auf die Sauce. Viel­leicht liegt es daran, dass ich ohne die Zustim­mung des Küchen­chefs pas­sierte Toma­ten zum Gemüse hin­zu­ge­fügt habe. Viel­leicht liegt es aber auch an sei­ner Ess­weise, denn Arne greift mit­ten rein in die Spa­ghetti, zieht sie mit bei­den Hän­den stramm, beißt mit­tig in die gespann­ten Nudeln und saugt sie dann genüss­lich in den Mund. Mit Sauce wäre das ganz klar zu schmierig.

Momme greift eben­falls beherzt mit bei­den Hän­den in das Nudel­knäuel auf sei­nem Tel­ler. Das ist wie­der so eine Phase – seine Tisch­ma­nie­ren ent­wi­ckeln sich zur­zeit rück­läu­fig. Momme konnte schon mit einem Jahr ganz alleine mit dem Löf­fel essen, egal ob Milch­brei oder zer­drückte Kar­tof­fel. War das Essen nur aus­rei­chend fest und kleb­rig, sodass es eine gute Haf­tung am Löf­fel hatte, gelangte es treff­si­cher und kle­cker­frei in Mom­mes Mund. Sogar als Momme noch gefüt­tert wurde, ver­blüffte er uns mit sei­nem salon­fä­hi­gen Beneh­men: Er hasste es, wenn sich sein Vater beim Füt­tern mit dem Ellen­bo­gen auf­stützte und schob ihn immer wie­der rigo­ros vom Tisch.

Aber die nächste Phase kommt bestimmt. Und ich weiß inzwi­schen zwei Dinge ganz sicher: Kin­der ler­nen beim Essen eine ganze Menge fürs Leben – und Eltern ler­nen dabei genauso viel durch ihre Kin­der. Ich bin gespannt, wann Momme genug Eis geges­sen hat, um so kniff­lige Fra­gen zu stel­len wie Elvan: »Auch wenn ich Milch oder ganz roten Saft trink, pin­kel ich immer gelb. Wieso?«

Text: May Solga
Illus­tra­tio­nen: Jeanne Kind

aus Effi­lee #7, November/Dezember 2009

29. Oktober 2009
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