Koch

Carême, Marie Antoine

Marie Antoine Carême hatte nicht nur eine Lei­den­schaft für das Kochen, son­dern auch für Architektur

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Marie Antoine Carême stammte aus einem Elends­vier­tel in Paris

Marie Antoine Carême wurde als 16. Kind eines armen Stein­metz in einem Elends­vier­tel in Paris gebo­ren. Mit 11 Jah­ren, so heißt es, nahm sein Vater ihn mit in eine Taverne am Stadt­rand. Nach­dem sie gemein­sam Abend­brot geges­sen hat­ten, führte er Carême hin­aus auf die Straße und sagte laut den Berich­ten von Alex­andre Dumas (der die­sen Lebens­ab­schnitt Carêms in sei­nem Dic­tionn­aire de cui­sine beschreibt ) zu ihm laut: „Geh mein Klei­ner, in die­ser Welt gibt es viele gute Hand­werke. Lass den Rest unse­rer Fami­lie im Elend ver­kom­men, in dem das Schick­sal uns ster­ben las­sen will. In die­ser Zeit wird das Glück nur noch von denen gewon­nen, die genü­gend Ver­stand haben, den du mein Sohn, hast. Heute Nacht oder mor­gen wirst du gewiss ein gutes Haus fin­den, das seine Türen für dich öffnet. Geh mit dem, was Gott dir gab und was ich dir mit­ge­ben konnte.“ Dann seg­nete er sei­nen Sohn und ver­ließ ihn für immer.

Lehr­zeit

Als wäre es Got­tes Wille gewe­sen, führte der Weg Carême in die­ses Nacht an die Tür eines hell erleuch­te­ten Spei­se­lo­kals. Der Besit­zer ließ ihn ein und stellte ihn am nächs­ten Tag in sei­ner Küche an. Als Carême das Lokal nach eini­gen Jah­ren ver­ließ, hatte er die Grund­lage des Kochens erlernt, auch wenn es eine recht ein­fa­che Küche war. Carême ging als Lehr­ling zu Mon­sieur Bailly. Ihm gehörte damals die berühm­teste Pâtis­se­rie von Paris. Wäh­rend sei­ner Lehr­zeit dort erlernte Carême neben der Zucker­bä­cke­rei auch das Lesen, Schrei­ben, Rech­nen und Zeichnen.

Sein Beruf ließ ihm viel Zeit und so ent­deckte Carême wäh­rend sei­ner vie­len Spa­zier­gänge durch Paris seine Lei­den­schaft für die Archi­tek­tur, wel­che ihn durch sein rest­li­ches Leben beglei­ten sollte… Sei­ner gro­ßen archi­tek­to­ni­schen Lei­den­schaft konnte er in der Kon­di­to­rei von Bailly schon bald nach­ge­hen, als er damit beauf­tragt wurde, die so genann­ten piè­ces mon­tées zu ent­wer­fen. Diese kunst­voll gestal­te­ten Tafel­de­ko­ra­tio­nen waren eine tra­di­tio­nelle Beson­der­heit vie­ler Ban­ketts und Feste. Es waren Nach­bil­dun­gen von Tem­peln, Pavil­lons, Rotun­den, Brü­cken und Kas­ka­den, wel­che aus Zucker, Kek­steig, Pas­te­tenteig, Man­del­paste, Tra­gant und Wachs ange­fer­tigt wurden.

Man sagt, dass die piè­ces mon­tées vor Carê­mes Zeit gran­dios waren, aller­dings seien sie doch oft von einer gewis­sen pein­li­chen Über­la­dung gewe­sen. Die piè­ces mon­tées Carêms waren auch genau so prunk­voll und präch­tig wie die der ande­ren, doch zeug­ten sie ebenso von einer schlich­ten Ele­ganz. Carême ver­brachte meist Wochen oder Monate für die Her­stel­lung nur einer Figur. Er arbei­tete mit der Sorg­falt und Prä­zi­sion eines wah­ren Archi­tek­ten. Tags­über stu­dierte er die Ent­würfe in der Biblio­t­hèque Royal und in der Nacht baute er sie aus Zucker und Teig in der Kon­di­to­rei nach. Neben­bei führte er Buch über jeden Arbeits­schritt, auch wenn er noch so klein war.

Tal­ley­rand

Nach 3 Jah­ren bei Bailly ver­ließ Carême die Kon­di­to­rei und wurde von Außen­mi­nis­ter Tal­ley­rand als per­sön­li­cher Chef­kon­di­tor ange­stellt. Tal­ley­rand war ein gro­ßer Gour­met und liebte es, seine geschick­ten diplo­ma­ti­schen Manö­ver mit einem super­ben Din­ner zu ergän­zen. Außer­dem war Tal­ley­rand bekannt für seine luxu­riö­sen und makel­lo­sen Diners, die er gewöhn­lich für 10 bis 12 Gäste veranstaltete.

Genauso geschickt, wie er seine diplo­ma­ti­schen Geschäfte abwi­ckelte, so geschickt war es, Carême als sei­nen Chef­kon­di­tor ein­zu­stel­len. Carême begeis­terte seine Gäste mit sei­nen kunst­vol­len Des­serts und kal­ten Spei­sen. Schon bald war er das Stadt­ge­spräch Num­mer Eins unter den Ade­li­gen und Rei­chen. Carê­mes Ruf sollte sich sogar noch wei­ter ver­brei­ten, schon bald spra­chen sämt­li­che ein­fluss­rei­chen Per­sön­lich­kei­ten ganz Euro­pas inklu­sive eini­ger Könige über die­sen jun­gen und doch schon meis­ter­haf­ten Kon­di­tor Tal­ley­rands. Sein Ruf ver­brei­tete sich sogar bis ins rus­si­sche Reich. So kam es, dass Carême 1815 für den Zaren Alex­an­der I. ein gro­ßes Fest­ban­kett zur Parade sei­ner Trup­pen organisierte.

Kurz dar­auf wurde ihm die Ehre zu teil, ein gro­ßes Fest für Frank­reichs Hof­ge­sell­schaft im Lou­vre aus­zu­rich­ten. Es wurde ein gro­ßes Fest. Carême plante alles bis ins kleinste Detail. Es wurde für 1200 Leute gedeckt und Kano­nen­sal­ven kün­dig­ten die Ankunft Lud­wigs XVIII. und der könig­li­chen Fami­lie an. Und unter all den erle­se­nen Spei­sen befand sich das erste Mal die Köni­gen aller Entrées (wie Carême sie spä­ter beschrieb) die Char­lotte Russe.

Beschäf­ti­gung im Ausland

1816 dann bekam Carême wie­der einen beson­de­ren Auf­trag. Der eng­li­sche Prinz­re­gent, wel­cher spä­ter König Georg IV. sein sollte, enga­gierte Carême als chef de cui­sine mit dem Auf­trag, die lang­wei­lige eng­li­sche Küche zu refor­mie­ren und ihr neues Leben und ein wenig Farbe ein­zu­hau­chen. Es stel­let sich als unlös­bare Auf­gabe her­aus und nach acht Mona­ten kehrte Carême nach Frank­reich zurück.

Es folgte ein Jahr spä­ter eine Anstel­lung in St. Peters­burg beim Zaren Alex­an­der, doch auch in Russ­land hielt es Carême nicht sehr lange aus. Er miss­bil­ligte den dama­li­gen Ser­vier­stil der Rus­sen. Er war es gewohnt, das war ja auch zugleich seine Stärke, viele ver­schie­dene Gerichte auf Plat­ten auf­zu­tra­gen. Diese so wun­der­bar zu gar­nie­ren, sodass sie wie Kunst­werke aus­sa­hen. Doch die Rus­sen tru­gen schon zu die­ser Zeit ihre Gerichte Gang auf Gang, Gericht auf Gericht auf, was Carême nötigte, seine Kunst­werke zu zer­schnei­den und auf Tel­lern zu ser­vie­ren. Mit die­sem Stil wurde es also sinn­los, diese auf­wen­di­gen Kunst­werke zu kreieren.

Zurück in Frankreich

Aber­mals kehrte er nach Frank­reich zurück, dies­mal end­gül­tig. Er diente nun im Haus­halt der Baro­nin Rot­schild. Sie unter­hielt den wohl luxu­riö­ses­ten Haus­halt des gan­zen Kon­ti­nent. Carê­mes Schaf­fen erlebte sei­nen abso­lu­ten Höhe­punkt. Er konnte dort tun und las­sen, was er wollte. Dafür stan­den ihm natür­lich nur die bes­ten und edels­ten Pro­dukte zur Ver­fü­gung. Außer­dem ließ ihm die Arbeit bei der Baro­nin neben­bei so viel Zeit, dass er all seine Rezepte und kuli­na­ri­schen Noti­zen auf­schrei­ben konnte. Carême aller­dings schrieb alles so im Detail auf, dass er sogar noch bis zu sei­nem Tod im Jahre 1833 an sei­nen Koch­bü­chern schrieb.

Die Ver­dienste des Marie Antoine Carême

Carême wird als der Archi­tekt der klas­si­schen fran­zö­si­schen Küche bezeich­net. Es war sein Orga­ni­sa­ti­ons­ta­lent und sein Hang zur abso­lu­ten Per­fek­tion, die ihm die­sen Namen ein­brach­ten. Carême sagte ein­mal: „Ich will Ord­nung und Geschmack!“ Und das ist es, was er tat. Er brachte nach der Revo­lu­tion Ord­nung und Sym­me­trie in das Durch­ein­an­der der fran­zö­si­schen Küche.

Es gab natür­lich große Küchen­chefs vor ihm wie ein Vin­cent la Cha­pelle, doch sie über­war­fen sich mit ihren Pla­nun­gen und Ansprü­chen. So wur­den z.B. für ein Ban­kett, das für 100 Per­so­nen geplant war, über 322 ver­schie­den Gerichte ser­viert plus 66 Plat­ten mit Aus­tern, 66 ver­schie­den Salate und 30 ver­schie­den Sau­cen. Das alles wurde in einem gro­ßen Durch­ein­an­der auf rie­si­gen Plat­ten auf die Tafel auf­ge­tra­gen. Die Tafeln waren so voll gestellt, sodass jedem Gast meist nur ein paar cm Bewe­gungs­frei­heit gebo­ten wurde. Denn auch die ent­spre­chen­den Deko­ra­tio­nen auf der Tafel wie z.B. die völ­lig über­la­de­nen piè­ces mon­tées duf­ten nicht fehlen.

Carême war der Mei­nung, dass ein gut arran­gier­tes Mahl auf einer Tafel mit mehr Platz für die Gäste die Stim­mung um min­des­ten 100 Pro­zent stei­gern würde. Und das war eine sei­ner gro­ßen Bega­bun­gen: Pla­nen, orga­ni­sie­ren und die per­fekte Umset­zung. Doch Carême revo­lu­tio­nierte nicht nur die unor­dent­li­chen Metho­den der Tisch­de­ko­ra­tion, er machte sich auch Gedan­ken über die Art der Zube­rei­tung von Spei­sen und erforschte viele neue Wege, um die Qua­li­tät und die Optik der Spei­sen zu ver­bes­sern. So wur­den vor ihm viele ver­schie­dene Gerichte zusam­men auf einer rie­si­gen Platte auf­ge­tra­gen. Es war ganz gleich, wel­che Zube­rei­tungs­art oder Her­kunft diese Gerichte hat­ten: Es ging so weit, dass Rind, Geflü­gel und Fisch zusam­men auf einer Platte ser­viert oder ver­mischt wur­den. Carême änderte dies. Den Ein­fall dazu hatte er, als er beim Prinz­re­gen­ten arbei­tete und sei­nen bro­chet à la Régence kreierte.

Ihm kam die Idee, die­ses Gericht, das auf Hecht basiert, mit einer Mischung aus aller Art Fische zu gar­nie­ren, um damit ver­schie­dene Kon­sis­ten­zen und ähnli­che, aber doch ver­schie­den Geschmacks­no­ten ins Spiel zu brin­gen. Diese neue Krea­tion wurde sehr gelobt und Carême erkannte, wie Recht er mit sei­ner Idee hatte. Doch eine sei­ner größ­ten Ver­dienste waren seine detail­lier­ten Auf­zeich­nun­gen, in denen er hun­derte von sei­nen neuen Krea­tio­nen mit allen neuen Tech­ni­ken nie­der­schrieb. Er stellte Menüs für jeden Tag eines gan­zen Jah­res zusam­men. Er ent­warf ein Liste, in der er zu jeder Jah­res­zeit die pas­sen­den Lebens­mit­tel emp­fahl. Er erör­terte die Her­stel­lung von Sau­cen, kal­ten Plat­ten und Süß­spei­sen. Er beschrieb aus­führ­lich den Bau der piè­ces mon­tées mit allen Maß­ein­hei­ten und Farb­ge­bun­gen. Außer­dem dis­ku­tierte er die erkann­ten Pro­bleme der chao­ti­schen Tafeln, der schwie­ri­gen Vor­rats­hal­tung und des Einkaufs.

Carême gab in sei­nen Büchern sogar Rat­schläge zur Orga­ni­sa­tion einer Küche und natür­lich gro­ßer Ban­ketts. Er schuf sogar eine Chro­nik der Koch­kunst. Seine Koch­buch­se­rie wurde eine kuli­na­ri­sche Enzy­klo­pä­die. Die bekann­tes­ten Werke sind L’ Art de la cui­sine au dix-neuvième siè­cle und Le Pâtis­sier royal pari­sien. Sein Ein­fluss auf die fran­zö­si­sche Küche war selbst ein hal­bes Jahr­hun­dert spä­ter in Frank­reich noch wirk­sam. Erst als sich Frank­reich mit der zuneh­men­den Indus­tria­li­sie­rung und der Demo­kra­tie ver­än­derte, war es Zeit für eine neue kuli­na­ri­sche Revo­lu­tion, ange­führt von einem neuen gro­ßen Meister………es war die Zeit des Auguste Escof­fier.

Text: Hans-Ole Hagen
Quel­len: Wiki­pe­dia + »Die klas­si­sche fran­zö­si­sche Küche« von Craig Clai­born, Pierre Fra­ney und der Redak­tion von Time-Life Bücher. Erschie­nen 1983 beim Unipart-Verlag Stuttgart
5. Februar 2007
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